FF3/2000
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 Krisen und Kriege

Wahrheit, Verantwortung und Versöhnung in Ex-Jugoslawien

Outi Arajärvi

Am Wochenende 17.-19.3. 2000 wurde in Ulzin/Montenegro ein wichtiger erster Schritt im Versöhnungsprozess auf dem Balkan unternommen. Über 60 VertreterInnen der Friedens- und Frauenbewegung, der unabhängigen Medien, Menschenrechtsgruppen und andere oppositionelle Intellektuelle aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, die während der letzten zehn Jahre vier Kriege miteinander geführt haben, setzten sich zusammen, um mit ausländischen Gästen u.a. aus Deutschland, Israel und aus den USA über Wahrheiten, Verantwortung und Versöhnung zu diskutieren.

Die Initiative kam aus Belgrad, vor allem von Drinka Gojkovic, die zusammen mit der größten unabhängigen Radiostation Serbiens B2-92 und mit der Heinrich-Böll-Stiftung die Tagung organisierte. Sie betonte, dass ohne Wahrheit keine Wende zur Demokratie in Serbien möglich sei. Es sei daher wichtig, Räume für eine freie Diskussion zu schaffen.

Auf der Konferenz herrschte eine offene und freundliche Atmosphäre, die trotzdem auch harte Auseinandersetzungen erlaubte. Sicherlich lag es auch daran, dass sich die meisten TeilnehmerInnen aus der Region schon seit Jahren kennen, einige noch von der Zeit im alten Jugoslawien. Und es waren alles Leute aus der Opposition gegen ihre eigene Regierung, die während der Kriege für Frieden eingetreten sind. Trotzdem zeigte sich vor allem in der Diskussion um kollektive Verantwortung, wie tief die Gräben zwischen den einzelnen Nationalitäten sind. Es gab gegenseitig einen unterschwelligen Vorwurf des Nationalismus und die offene Anklage, sich nicht genug um die Leiden des Anderen gekümmert zu haben.

Die eingeladenen ausländischen Experten brachten vor allem ihr Wissen über andere Krisenregionen und über Versöhnungsprozesse mit. Immer wieder wurden Parallelen gezogen, vor allem zu Südafrikas Wahrheitskommission und zu dem israelisch-palästinensischen Dialog. Ebenso wurden Beispiele aus der Verarbeitung der Nazi-Vergangenheit in Deutschland aufgezeigt, wie auch Vergleiche zu der deutsch-polnischen Versöhnung.

Wahrheit

Eine der Streitfragen war, ob alle die ganze Wahrheit wissen müssen und können. Und es wurde weiter gefragt, ob nicht alle, die wissen wollten, sie auch wissen konnten.

Die bosnischen und die kosovo-albanischen VertreterInnen meinten, dass die Serben die Wahrheit gar nicht wissen wollen, woraufhin von der serbischen Seite entgegnet wurde, dass die Wahrheit oft genug nur die Wahrheit des Stärkeren wäre: Nur die Serben seien schuld, die anderen gar nicht. Veran Matic (Radio B2-92, Belgrad) vertrat allerdings die Auffassung, dass viele konkrete Fakten in Serbien nicht geglaubt werden. Auch Duska Anastasijevic (Mit-Initiatorin der Tagung, Belgrad) meinte, dass man durchaus Zugang zu Informationen hatte, wenn man es wollte.

Die Wahrheit könne heilen, wurde von den ausländischen Experten bestätigt. Svetlana Broz aus Sarajevo berichtete von derheilenden Wirkung der positiven Berichte über die Feinde. Sie hat in ihrem Buch mehrere Erzählungen über bosnische Schicksale zusammengefügt, in denen Mitglieder der gegnerischen Ethnien einander geholfen haben. Nachdem dieses Buch ein halbes Jahr unter den Frauen aus Gorazde weitergereicht wurde, hätte die Mehrheit ausgesagt, dass sie sich ein Zusammenleben mit den Serben wieder vorstellen könnten. Vorher hatte die überwiegende Mehrheit dies abgelehnt.

Es gab auch Stimmen, die sagten, es wäre nicht nötig, dass alle immer die ganze Wahrheit erfahren. Manchmal sei es auch möglich oder sogar besser zusammenzuleben, wenn man die ganze Wahrheit nicht weiß. Auch Vergessen könne wichtig sein, wenn z.B. einfache Leute wieder miteinander leben müssen.

Letzten Endes waren sich die meisten aber einig, dass es keine Exklusivität der eigenen Wahrheit gibt, dass es viele Wahrheiten gibt. Das wichtigste sei, dass man sich gegenseitig die eigene Wahrheit erzählen kann und anfängt die anderen zu verstehen, wie Azra Dzajic (Heinrich-Böll-Stiftung) in ihrer Begrüßungsrede feststellte.

Verantwortung

In der sehr offenen und teilweise sehr hitzigen Debatte über die Kollektivschuld zeigten sich die noch sehr tiefen, fast unüberwindbaren Gräben zwischen den VertreterInnen verschiedener Länder. Viele der anwesenden Serben wehrten sich heftig gegen den Vorwurf einer Kollektivschuld aller Serben. Niemand könnte sich die eigene Nationalitätaussuchen, also wäre es schwierig, alle für kollektiv schuldig zu erklären. Die politischen Führer und die anderen Kriegsverbrecher in Serbien wären schuldig, aber sie machen nur 10% der Bevölkerung aus, die einfachen Serben seien schon genug bestraft worden. Aber es gab auch klare Bekenntnisse zu der kollektiven Verantwortung der serbischen Gesellschaft.

Auf die Formel der Verantwortlichkeit aller konnten sich viele einigen. Man müsste die Verantwortung aller Seiten sehen. Im Moment wären die Albaner genauso verantwortlich für die Vertreibung der Serben. Eine serbische Vertreterin meinte hinterher, nach dem auch die Schuld der Albaner zur Sprache kam, wäre die Diskussion besser gewesen, weil alle sich unangenehm fühlten. Die Verantwortung des Westens wurde in diesem Zusammenhang erwähnt, auch die westliche Staatengemeinschaft sollte über die eigene Verantwortung diskutieren.

Von bosnischer und kosovo-albanischer Seite wurde verlangt, dass nichtnur alle Kriegsverbrecher bestraft werden müssen, sondern neben den Verantwortlichen müssten sich auch die, die sich passiv verhalten haben, entschuldigen. Erst nach einer Strafe wäre ein Vergeben möglich.

Versöhnung

In Bosnien gäbe es schon Versöhnungsprozesse auf persönlicher Ebene, aber die politische Ebene fehle. Ohne eine Demokratisierung in Serbien werde es keine Versöhnung geben, sowieso wird es aber viele Jahre dauern, sagte Svetlana Broz. Aber es sei nie zu früh damit anzufangen, man müsse Räume für die Diskussion öffnen, um vorbereitet zu sein, wenn die Zeit reif ist.

Es gab Stimmen, die dazu drängten, nicht zu lange mit dem Beginn eines Versöhnungsprozesses zu warten. Die junge Generation in der Region brauche für ihre Zukunft eine Versöhnung jetzt, mahnte Freimut Duwe (MdB-SPD). Die jungen Leute in der ganzen Region sind auch Opfer. Die gesamte nachkommende Generation muss mit der ökonomischen Hoffnungslosigkeit und mit der Zerstörung der Länder leben. Mit einer Versöhnung muss man auch Verantwortung für diese Generationen übernehmen.

Als eine Voraussetzung für die Versöhnung wurde immer wieder die Notwendigkeit einer politischen Lösung betont. Es gäbe einfachere Situationen für eine Versöhnung, stellten die ausländischen Experten dar. Bei Abschaffung von Diktaturen habe man eine andere Situation. Es sei klarer, wer Opfer war und wer Täter. Anders sei es bei Konflikten, wo zwei Seiten die Kampfhandlungen einstellen und hinterher zusammenleben müssen.

Arie Nadler von der Universität Tel Aviv und Leiter des "Peres Instituts für Demokratie und regionale Kooperation" plädierte für eine "realistische Versöhnung" und für "Vertrauen durch Kooperation" mit dem Ziel der Integration und Gleichstellung aller. Dabei könnten z.B. kleine Projekte mit gegenseitigem Nutzen wichtig sein und langsam zu Prozessen der Entschuldigung und des Vergebens, zu mehr Empathie und Verständnis führen. Die Projekte sollten Basisbedürfnisse beider Seiten berühren und beide Seiten als gleichwertige Partner betrachten; geeignet seien z.B. landwirtschaftliche Projekte.

Matti Wuori unterstrich die Notwendigkeit, dass die Versöhnung auch eineAmnestie beinhalten müsse: Erstens erfahre man nur so die Wahrheit der Täter, weil sie nur dann bereit seien alles zu erzählen, wenn sie Aussicht auf eine Straffreiheit haben. Außerdem sei es wichtig, die sog. Mitläufer mitzunehmen und ihnen zu vergeben, denn sie müssten die Möglichkeit haben, die "neue Wahrheit" und die neue Moral zu übernehmen. Nur so könne eine Gesellschaft neue moralische Instanzen aufbauen.

Alle TeilnehmerInnen waren sich einig, dass eine Versöhnung mitden jetzigen Machthabern in Belgrad unmöglich sei. Für viele sind die Prozesse der Demokratisierung und der Versöhnung nicht voneinander zu trennen und sie schlugen vor, diese parallel zu organisieren.

Furcht vor neuem Krieg

Die momentane Situation in Serbien wurde als sehr instabil beschrieben. Sehr viele fürchten einen neuen Krieg, entweder in Montenegro, in Südserbien oder in Form von Gewalttätigkeiten direkt in Belgrad. Die Stimmung hätte sich sehr verändert. Früher war der Krieg weit weg von Serbien, die Leute kümmerten sich nicht darum, jetzt wäre die Angst vor neuem Krieg allgegenwärtig. Die serbischen Kämpfer aus den früheren Kriegsgebieten wären jetzt alle in Serbien und warteten nur darauf, auf dieOpposition losgehen zu können.

Die momentane Eskalation der Unterdrückung gegen die unabhängigen Medien in Serbien beurteilten viele als sehr bedrohlich. Auch die Aktivisten müssen sich um ihre eigene Sicherheit kümmern oder auch um die ihrer Söhne, die wieder zum Militärdienst eingezogen werden sollen.

Fazit

Die Konferenz hat eine Basis geschaffen, auf der vieles andere aufgebaut werden kann. Es gibt konkrete Pläne für eine weitere Konferenz in Belgrad und sogar für eine Wahrheitskommission in Bosnien.

Durch die Beiträge der ausländischen Gäste konnte eine Vision entstehen, dass eine Versöhnung möglich ist, wenn alle Seiten dazu beitragen.

Niemand zweifelte daran, dass der Kreis in Zukunft viel größer werden muss. Die Diskussion über die Versöhnung muss in allen gesellschaftlichen Bereichen geführt werden. Inwieweit es dem Initiativkreis gelingt, die Ergebnisse zu verbreiten, bleibt abzuwarten. Einige waren jedoch der Meinung, dass es in vielen Bereichen Menschen gibt, die bereit seien für einen Dialog, und dass insgesamt die Bereitschaft steigen würde, über die Kriegsverbrechen zu reden. Wenn in der Öffentlichkeit die Wahrheit der anderen wiedergegeben werde, würde es auf jeden Fall Auswirkungen haben.



Outi Arajärvi ist freie Mitarbeiterin der Heinrich Böll Stiftung.

E-Mail: outi.arajarvi@t-online.de

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