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FF1/2001


vom:
Februar 2001


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BICC Brief 17:

Die Russische Rüstungsindustrie an der Jahrhundertwende

Ksenia Gonchar

Wir dokumentieren die deutsche Zusammenfassung der sehr aufschlussreichen, englischsprachigen Studie "Russia`s Defense Industry at the Turn of the Century". Die gesamte Studie ist (kostenlos) beim BICC zu beziehen oder auch im Volltext über die Internet-Seite des BICC (http://www.bicc.de).


Selbst nach mehr als zehn Jahren der Umgestaltung und der zögerlichen Konversion der russischen Rüstungsindustrie ist kein Ende in Sicht. Die Umstrukturierungsversuche waren widersprüchlich und eine dauerhafte, stabile Konfiguration ist nicht erreicht worden. Die Rüstungsindustrie wurde politisch an den Rand gedrängt: Sie hat weder die Rolle eines Motors der ökonomischen Wiederbelebung und des Wachstums angenommen, noch hat sie das technologische Niveau der zivilen Industrie angehoben, wie viele post-sowjetische Regierungen es erwartet hatten. Mit einem jährlichen Umsatz in militärischen und zivilen Märkten in Höhe von ungefähr 8 Milliarden US Dollar repräsentiert sie nunmehr lediglich einen kleinen Anteil der russischen Wirtschaft. Wie dramatisch der ökonomische und soziale Abwärtstrend auch war, er führte trotzdem nicht zu einer sozialen Explosion von nationaler Reichweite, wie es in den frühen Neunzigern vorausgesagt wurde: Nach dem revolutionären Übergang im Jahre 1992 war der weitere Rückgang graduell. Großflächige Werksschließungen wurden vermieden, während in den meisten Fällen die Menschen freiwillig ausschieden. Der bedeutende und aktive Teil der Gesellschaft schien den Niedergang als Nebenprodukt der Schwächung des allmächtigen Staates zu akzeptieren, mit dem sie sich immer weniger identifizierten.

In den Spätneunzigern aber wurde das Interesse an der russischen Rüstungswirtschaft als Folge der Finanzkrise von 1998, der relativen wirtschaftlichen Erholung und den Änderungen in der Militärpolitik als Reaktion auf den NATO-Einsatz in Südosteuropa, des Beginns des zweiten Tschetschenienkriegs und der Amtsübernahme der neuen Regierung wiederbelebt. Welchen Einfluss hatten der allgemeine makroökonomische Kontext und Konzepte der Militärpolitik auf die Rüstungsindustrie? War der Militärisch-Industrielle Komplex als Institution mit seinen Grenzen, seiner Konfiguration und Mission überlebensfähig? Welche Art Rüstungsindustrie wollte die politische Elite Russlands? Kam ein Richtungswechsel von "Kanonen zu Butter" zustande? Welche Sektoren wurden für Kürzungen im Verteidigungshaushalt und makroökonomische Schocks besonders anfällig? Welche ökonomische Wirkung hatte der aktive Teil der Rüstungsindustrie? Werden Konversionstrends der Neunziger-Jahre durch Krisen umgekehrt? Wie haben Firmen, die dem Niedergang widerstanden, Produktionswachstum erreicht? Es sind diese Fragen, die diese Studie versucht zu beantworten.

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Isolation versus zivil-militärische Integration

Es sieht im Allgemeinen so aus, als habe die russische Regierung die Idee einer allumfassenden Rüstungsindustrie mit einer Kapazität vergleichbar ihrem US-amerikanischen Gegenüber aufgegeben. Drastische Verkleinerung, erhöhte Effizienz und damit ein höherer Ertrag bei knappen Mitteln, die sowohl für militärische Hardware als auch für Konversionsprojekte ausgegeben werden, sind die vorherrschenden Ziele. Auf der Agenda stehen nicht die Aufrechterhaltung der militärisch-industriellen Basis und direkte Konversionsprojekte, sondern industrielle Modernisierung sowohl im militärischen als auch im zivilen Sektor.

In den späten Neunzigern wurde offensichtlich, dass der Staat in den darauffolgenden 10-15 Jahren nicht in der Lage sein würde, mehr Mittel für Verteidigung bereitzustellen. Daher verschoben sich Debatten über Militärisches von der Frage der Priorität zwischen militärischen und nichtmilitärischen Ausgaben innerhalb des Budgets der Föderation auf die Frage der Verbesserung der Effizienz beziehungsweise der Definition von Prioritäten innerhalb des Verteidigungsbudgets. Eine realistischere Einschätzung dessen, welche Streitkräfte sich Russland leisten kann, wäre für die Rüstungsindustrie wahrscheinlich von Nutzen.

Bis jetzt aber war die Verkleinerung der Rüstungsindustrie weitaus eher eine Reaktion auf Änderungen in der zivilen Nachfrage, die Lage auf dem internationalen Rüstungsmarkt, äußerst ungünstige Zinssätze, erhöhte Monetarisierung der Wirtschaft, internationale Ölpreise und andere ökonomische Variablen als eine Reaktion auf die Prioritäten des Militärs. Das Militär gab den strategischen Streitkräften und einer minimalen Verbesserung der Hardware die Priorität, während die Herstellung von Serien konventioneller Waffen praktisch "auf Eis gelegt" wurde.

Die Rüstungsindustrie ist keine einzelne homogene Institution mehr. Seit den frühen Neunzigern wurde sie zunehmend segmentiert. Grund dafür waren neue Bedingungen auf dem Markt, veränderte Besitzverhältnisse Umstrukturierung nach Trennungen und Zusammenschlüssen und auch der ungleiche Zugang zu internationalen Märkten. Mehr als je zuvor besteht sie aus einer komplexen Zusammenstellung großer und mittelgroßer Firmen von Haupt- oder Unterlieferanten, welche entweder in öffentlichem oder privatem - meistens gemischtem - Besitz sind und verschiedene Stufen der Spezialisierung und Rüstungsabhängigkeit und, noch wichtiger, verschiedene Skalen der Aktivität beziehungsweise des Leerlaufs auf dem Markt aufweisen. Lediglich ein Drittel der Rüstungsfirmen führt Rüstungsaufträge aus, während das Verteidigungsministerium viele Verträge an kommerzielle Firmen außerhalb der Rüstungsindustrie und sogar außerhalb Russlands vergibt. Nur ein Fünftel der Einheiten innerhalb der Rüstungsindustrie zeigen Zeichen der Stabilität und der langfristigen Überlebensfähigkeit, was eine neue Hierarchie in der Rüstungsindustrie geschaffen hat.

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Die Umstrukturierung der Rüstungsindustrie bleibt ein Thema. Zwei der wichtigsten Folgerungen dieser Studie sind, dass es keinen rationalen Grund für die Existenz eines "Rüstungskomplexes" gibt und dass die Regierung zwischen zwei alternativen Optionen wählen muss: weitere Isolation der Rüstungsindustrie oder zivil-militärische Integration. Die gemischten Ansätze der neunziger Jahre haben zu der gegenwärtigen Krise wesentlich beigetragen. Firmenschließungen, Zusammenschlüsse oder Konversion des faktisch "hohlen" Teils des Rüstungskomplexes, die Eliminierung von Doppel-Kapazitäten sowie weitgreifende Verminderung der Zahl der Hauptlieferanten sind Maßnahmen, von denen erwartet wird, dass sie die Rüstungsindustrie rationalisieren.

Die neue Regierung ist bei der Durchsetzung solcher Maßnahmen bisher nicht sehr erfolgreich. Die Opposition von Seiten der Industrie und der betroffenen Regionen ist stark, während die Regierung keine Ressourcen gefunden hat, mit denen sie Werksschließungen, Personalabbau und die Übertragung von Sachwerten finanzieren kann. Im Gegenteil: Sie griff wieder auf "weichere" Maßnahmen zurück und verschob Entscheidungen. Über die weiteren Pläne ist wenig bekannt, obwohl es Hinweise gibt, dass die erhöhte Einmischung des Staates sowie die Förderung von Exportgeschäften, um die niedrige Binnennachfrage nach Rüstungsgütern zu kompensieren, unter den möglichen Politikmaßnahmen hohe Priorität haben werden. Außerdem siebt es so aus, als würde die Regierung der weiteren Privatisierung der Industrie entgegenwirken und neuen privaten Marktteilnehmern Hindernisse in den Weg stellen.

Die Rüstungsindustrie hat auf Finanzierungsbeschränkungen, den Zusammenbruch der Nachfrage und andere Schocks mit einer dramatischen Reduzierung des Ausstoßes reagiert. In den Jahren 1999 und 2000 gab es nur eine leichte Erholung. Die militärische Produktion durch den militärisch industriellen Komplex entsprach im Jahre 1999 nur einem Drittel dessen von 1991 und war in den elektronischen und Kommunikationssektoren besonders niedrig. Die Nuklear- und Weltraumsektoren waren in einer besseren Lage. Obwohl der zivile Ausstoß den Rückgang der militärischen Produktion nicht kompensieren konnte und in einer vergleichbar schlechten Situation war, darf sein Beitrag zur Anpassung des Rüstungskomplexes nicht übersehen werden: Der Anteil des zivilen Binnenausstoßes des Rüstungskomplexes gleicht dem der russischen Rüstungsverkäufe ins Ausland. Beispiele erfolgreicher Konversionsprojekte sind jedoch selten. Meistens sind sie auf der untersektoralen oder Firmenebene zu finden, und es ist oft unklar, ob sie durchgehalten werden können.

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Verschiedene Faktoren haben Konversion erschwert. Fehlender Zugang zu Informationen führte häufig zur falschen Allokation von Ressourcen. Die Produktdiversifikation ist oft deshalb nicht gelungen, weil bestehende Technologien und Grundfertigkeiten weiter eingesetzt wurden, statt nachfragegerechte Neuerungen einzuführen. Die falsche Einschätzung von Konkurrenzfähigkeit sowie Trends auf den zivilen Märkten haben eine erfolgreiche Abwendung von der militärischen Produktion verhindert. Ferner übte die allgemeine Unsicherheit einen großen Einfluss aus, sowie die Schwierigkeit den Umgang mit wirtschaftlichen Schocks zu lernen.

Die Studie zeigt, dass die Erholung des Rüstungssektors nach der Krise von 1998 hauptsächlich eine Folge der Importsubstitution durch mittelgroße, privatisierte Firmen war, die Teile ihrer Produkte über Tauschhandel verkauften und ihre sozialen Verpflichtungen ignorierten. Während aber diese letzten Faktoren wirksame kurzfristige Lösungen einer Krise sein können, sind sie längerfristig gesehen keine gesunden Maßnahmen. Dauerhafteres Wachstum wurde von Firmen erzielt, die auf dem internationalen Rüstungsmarkt gut positioniert waren sowie stabile Kontakte zu zahlungsfähigen inländischen Kunden hatten.

An der Jahrhundertwende

Die russische Rüstungsindustrie steht wieder einmal am Scheideweg. Unzählige Experimente mit Firmenzusammenschlüssen, Konsolidierung und Konversion haben die grundsätzlichen Schwierigkeiten der Überkapazitäten, der beschränkten Ressourcen und der Unsicherheit in Bezug auf die sicherheitspolitischen und makroökonomischen Rahmenbedingungen für Reformen nicht gelöst. Die jetzige Regierung erkennt diese Herausforderungen, obwohl unklar bleibt, ob sie den schmerzhaften Weg von Massenreduzierungen und der Konsolidierung der Besitzverhältnisse der Rüstungsindustrie oder ein Fortschleppen der Probleme in das neue Jahrzehnt wählen wird.


Ksenia Gonchar ist Ökonom am Institut für Weltökonomie und Internationale Beziehungen in Moskau und ist der Moskauer Vertreter des Bonn International Center for Conversion (BICC).

E-Mail:   bicc@bicc.de
Internet: http://www.bicc.de
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