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FF1/2001


vom:
Februar 2001


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FF1/2001:

  "Humanitäre Intervention"

Wie Medien zur Kriegsrechtfertigung beitragen

Mira Beham

Die Dämonisierung der serbischen Gegner zu neuen Nazis, der geheimdienstlich produzierte "Hufeisenplan", das mediengerecht arrangierte "Massaker von Racak" und eine emotional aufgeladene Menschenrechtsrhetorik zur Legitimierung des Krieges als "humanitäre Intervention"... Kein Krieg ohne Propaganda, für die auch in den Balkan-Kriegen professionelle PR-Agenturen eingesetzt wurden. Mira Beham beschreibt die Entwicklung und Methoden des Informationskrieges: "Im Zeitalter simultan ablaufender Prozesse der Globalisierung auf der einen sowie der Renationalisierung auf der anderen Seite und anarchisch wachsender Kommunikationstechnologien und -strukturen beginnt sich das Phänomen des »Information Warfare« oder »Infowar« (IW), der Informationskriegsführung, als fester Bestandteil militärischer Strategien zu etablieren. Der Begriff IW umfasst dabei ein ganzes Spektrum von Vorgängen, angefangen von der klassischen Propaganda und ihren Mitteln über psychologische Operationen (Psyops), nachrichtendienstliche Kriegsführung und militärische Angriffe auf Kommunikationseinrichtungen bis hin zum elektronischen Krieg im Cyberspace." Aus dem in der Zeitschrift S + F 3/2000 erschienenen Artikel "Der Informationskrieg um das Kosovo" übernehmen wir den Teil zur Rolle der Medien (Die Red.).


Die Medien

»Außenpolitik wird nicht von den Medien gemacht. Aber im Informationszeitalter kann sie nicht ohne sie gemacht werden«, so lautet das Fazit einer amerikanischen Studie, (1) und Kommunikationswissenschaftler gehen davon aus, dass Auslandsberichterstattern in der internationalen Kommunikation heute die Bedeutung von Diplomaten zukommt, »da sie nicht nur politische Ereignisse kritisieren und kommentieren, sondern alle wichtigen Entscheidungen durch die Berichterstattung vorbereiten und damit den Rahmen definieren (...), in dem Entscheidungen als akzeptierbar und konsensfähig angesehen werden«. (2) Wenn Krisen in Kriege übergehen, werden Auslandsreporter zu Kriegsberichterstattern. Als Vermittler von Nachrichten und Informationen tragen die Medien ganz wesentlich dazu bei, die öffentliche Meinung zu formen, die letztendlich über Krieg und Frieden mitentscheidet.

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Was den Kosovo-Konflikt anbelangt, gibt es drei Phasen der Berichterstattung: 1) vor den NATO-Luftangriffen, 2) während der NATO-Luftangriffe und 3) nach den NATO-Luftangriffen.

Berichterstattung vor den NATO-Luftangriffen

Die lange schwelende Kosovo-Krise stellte in den westlichen Medien über Jahre hinweg nur eine Randnotiz dar. Das Wahrnehmungsmuster der Kriege in Kroatien und Bosnien-Herzegowina, unterstützt durch PR-Maßnahmen der kosovo-albanischen Seite, prägte dabei auch die Berichterstattung über die südserbische Provinz. Die Frage der Menschenrechte stand im Vordergrund, vernachlässigt wurde die politische Dimension des Konflikts, der sich zwischen einer autoritären Regierung und einer separatistischen Bewegung mit sich beständig verhärtenden Fronten entfaltete. Während Slobodan Milosevic die Selbstverwaltung der Provinz aufheben ließ, beharrte die albanische Seite unter der Führung von Ibrahim Rugova auf einer Sezession mit der Aussicht auf einen Zusammenschluss mit Albanien, nachdem eine große Mehrheit der Kosovo-Albaner im September 1991 in einem von Belgrad nicht anerkannten Referendum für einen »souveränen und unabhängigen Staat Kosova« gestimmt hatte. Die Politik Ibrahim Rugovas folgte diesem Votum, (3) Belgrad antwortete mit verstärkten Repressionen. Mit dem Auftreten der Untergrundarmee UCK im Jahre 1997 und ihren Mordanschlägen auf serbische Polizisten und jugoslawische Soldaten eskalierte die Krise zum Konflikt niederer Intensität, der in den westlichen Medien erst wahrgenommen wurde, als im Februar 1998 bei einer serbischen Polizeiaktion in Drenica 24 Albaner getötet wurden. Die Belgrader Version der Ereignisse, wonach es sich um die Zerschlagung eines der Zentren der UCK gehandelt hat, wurde verworfen und die Analogie zu den vorhergehenden Balkan-Kriegen hergestellt, wie beispielsweise in der Neuen Zürcher Zeitung: »Es ist die gleiche Szenerie wie in Bosnien. Die Schlussfolgerung ist naheliegend: Die Albaner der Gegend sind überzeugt, dass die Belgrader Regierung im Kosovo erneut mit einer "ethnischen Säuberung" begonnen hat.« (4)

Nach den Ereignissen von Drenica flammte die Berichterstattung im Westen immer dann auf, wenn es Meldungen über mögliche Massaker an albanischen Zivilisten gab, wie etwa im Sommer 1998, als der Balkan-Korrespondent der tageszeitung, Erich Rathfelder, die Weltpresse mit einem »serbischen Massaker« an mehr als 500 Albanern, darunter 430 Kindern, aufscheuchte. Obwohl sich sein Bericht als Falschmeldung erwies, (5) beeilte sich beispielsweise die Süddeutsche Zeitung zu kommentieren: »Es ist das Bosnien-Szenario.(...) Eine serbische Streitmacht rückt vor, Dörfer brennen, Tausende von Zivilisten sind auf der Flucht - und nun auch noch der Bericht von Massakern und Massengräbern.« (6) Gleichzeitig wurde - eine weitere Analogie zu Bosnien - über serbische Opfer nicht berichtet, selbst dann nicht, wenn Gewalttaten gegen Serben von westlichen Politikern und Diplomaten vereinzelt verurteilt wurden. So erklärte der US-Balkanunterhändler Christopher Hill anlässlich eines Massakers an 22 serbischen Zivilisten im August 1998 im kosovarischen Klecka: »Ich möchte sehr deutlich machen, dass wir diese Art von Gewalt aufs äußerste verurteilen.« (7)

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Während die westliche Presse Geschehnissen wie in Klecka allenfalls eine Kurzmeldung widmete, wurden Mitte Januar 1999 die Vorfälle im kosovarischen Dorf Racak zum globalen Medienereignis. Das »Massaker von Racak«, über das tagelang und weltweit ausgiebig berichtet wurde, geriet zum Wendepunkt der NATO-Politik gegenüber Belgrad und leitete die Vorbereitung für die Luftangriffe auf Jugoslawien ein. (8) Der damalige US-Sondergesandte für den Balkan, Richard Holbrooke, erklärte auf einer Tagung in Budapest zwei Tage nach Beginn des NATO-Bombardements, welche »zentrale Rolle« die Medien der freien Welt in politischen Entscheidungsprozessen spielen: »Für Politiker ist es von ausschlaggebender Bedeutung, worüber berichtet wird und worüber nicht berichtet wird.« (9) Als Beispiel nannte er die Berichterstattung über das Kosovo, und seine Rede trug den Titel: »No media - no war«. Über den Einfluss der Politik auf die Medien sprach Richard Holbrooke nicht. Am Beispiel von Racak hätte er nachweisen können, wie führende Politiker durch Pressekonferenzen, Stellungnahmen und Resolutionen die Medienpräsenz eines Themas verstärken und die Diktion vorgeben können. Der amerikanische Diplomat William Walker, Chef der OSZE-Mission im Kosovo, machte den Anfang, als er sich medienwirksam vor der mit Leichen gefüllten Grube in Racak erschüttert zeigte über das »Massaker« und die »unaussprechliche Grausamkeit«. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte nur wenige Tage später, am 20. Januar 1999, das »Massaker an Kosovo-Albanern im Dorf Racak nachhaltig«, die politischen und militärischen Führer der NATO-Staaten schlossen sich zu verschiedenen Anlässen dieser Erklärung an. In Washington bezeichnete Clinton das Ereignis von Racak als einen »vorsätzlichen und wahllosen mörderischen Akt«, und auf dem Münchner Jahrestreffen der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit im Februar 1999 sprach Bundeskanzler Gerhard Schröder im Zusammenhang mit den Vorfällen von Racak von der »Gelegenheit Deutschlands, ein "normaler" NATO-Verbündeter zu werden, weil das internationale Recht in diesem Fall zum Eingreifen berechtige«. (10)

Obwohl immerhin Le Figaro und Le Monde in fundierten Artikeln bereits am 20. und 21. Januar 1999 erhebliche Zweifel an der Authentizität des »Massakers von Racak« darlegten (11) und die Ermittlungsergebnisse des von der OSZE beauftragten Pathologenteams noch nicht vorlagen, und obwohl Belgrad die Darstellungen über Hinrichtungen in Racak entschieden zurückwies, nahm die westliche Presse nicht Abstand von der Verwendung des Begriffs »Massaker«, der die eindeutige Schuld der serbischen Seite implizierte. (12) Am 12. März 1999 meldete die Berliner Zeitung, folgende Informationen aus OSZE-Kreisen in Wien erhalten zu haben:

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»Hochrangigen europäischen OSZE-Vertretern (...) liegen Erkenntnisse vor, wonach die am 16. Januar im Kosovo-Dorf Racak gefundenen 45 Albaner nicht (...) während eines serbischen Massakers an Zivilisten starben. Intern, so heißt es bei der OSZE, gehe man längst von einer "Inszenierung durch die albanische Seite" aus.« (13) Warum nahm die Masse der westlichen Medien in einer Phase, in der bereits alles auf einen Krieg zusteuerte, diese Meldung nicht zum Anlass, Walkers Version, die auch die der alliierten Politiker war, gründlich zu hinterfragen und die Öffentlichkeit auf mögliche Manipulationen hinzuweisen?

Die Gründe hierfür sind mannigfaltig: Schlamperei und Nachlässigkeit, der Druck der Tagesaktualität, der keine umfangreichen Recherchen zulässt, Quoten- und Auflagenorientiertheit (emotionalisierende Gräuelgeschichten, zumal von einer bereits als »böse« identifizierten Seite, lassen sich besser verkaufen als ihre Dementis), Beeinflussung durch Public Relations (gute Public Relations zeichnet sich dadurch aus, dass der Beeinflusste nicht merkt, dass er beeinflusst worden ist), Konformitätsdruck, Meutenjournalismus (alle Medien stürzen sich auf eine Sache, benutzen die gleichen Quellen und zum Teil auch das gleiche Pool-Material) sowie ein gesinnungsethischer Journalismus, der dem Einsatz für die »gute und gerechte Sache« das Wort redet und im Bosnien-Krieg zur vollen Entfaltung kam. (14) Erich Rathfelder, einer seiner Verfechter und Praktiker, stellt am Beispiel der serbischen Seite den journalistischen Grundsatz der Objektivität so in Frage: »Ist es denn objektiv, wenn die Propaganda eines totalitären, extrem-nationalistisch orientierten Herrschaftssystems sozusagen als "andere Meinung" in unsere Nachrichten aufgenommen wird? Ist diese Neutralität nicht selbst schon Manipulation? Handelt es sich dabei nicht um eine Scheinneutralität, die der systematischen Lüge Raum zur Selbstdarstellung gibt? (...) Dient es wirklich der Solidarität und der Verteidigung des freien Wortes, wenn gutmeinende Redakteure in unseren Medien Solidarität zeigen mit jenen Kollegen im Gebäude des serbischen Fernsehens, die von NATO-Raketen angegriffen werden, ohne darüber aufzuklären, um wen es sich dabei handelt? Dass jene Kollegen jahrelang die öffentliche Meinung für den Krieg manipulierten?« (15) Den »Kampf gegen den serbischen Faschismus« unter dem Vorzeichen einer ausgeprägten Parteilichkeit hatten sich viele Balkan-Berichterstatter schon in Bosnien auf ihre Fahnen geschrieben und im Kosovo-Krieg nur fortgesetzt. Dabei wurden zahlreiche Informationen unterschlagen, die die »andere Seite« betrafen, wie etwa der Umstand, dass auch serbische Zivilisten zu Tausenden massakriert und zu Hunderttausenden Opfer systematischer ethnischer Vertreibungen wurden. (16)

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Einige wenige nahmen nach dem Kosovo-Krieg jedoch auch Abstand von dieser Haltung, so etwa die Korrespondentin der Londoner Times, Eve-Anne Prentice, die sich in ihrem Buch »One Woman`s War« entschieden gegen die Dämonisierung der Serben wendet und zu größerer Differenziertheit aufruft, oder der Kriegskorrespondent der Los Angeles Times, Paul Watson, der feststellte: »Als ich gezwungen war, Serben zuzuhören, weil es zu diesem Zeitpunkt niemanden sonst gab, mit dem ich hätte reden können, begann ich in meinen Ansichten Dinge zu entdecken, die falsch waren, begann, meine eigenen Vorurteile zu entdecken, zu begreifen, um wie viel leichter es ist, jemanden böse zu nennen, wenn man demjenigen nicht in die Augen sehen und es ihm ins Gesicht sagen muss.« (17)

Berichterstattung während der NATO-Luftangriffe

Mit der Art, wie die Ereignisse von Racak wahrgenommen wurden, waren die Koordinaten für die Berichterstattung über die »heiße Phase« des Krieges gesetzt. Die bereits vorhandenen Images, Darstellungs- und Verhaltensmuster wurden mit zunehmender Ereignis- und Nachrichtendichte lediglich potenziert. Nur so konnten auch die Verhandlungen von Rambouillet, die erst später als »unannehmbares Diktat« entlarvt wurden (18) und schließlich unmittelbar in den Krieg mündeten, von der westlichen Weltpresse unkritisch begleitet werden. (19)

Über die Rolle der westlichen Medien während des NATO-Bombardements hat es noch zu Zeiten des Krieges eine Debatte gegeben, die von vielen kritischen und selbstkritischen Tönen sowie mahnenden Worten begleitet war. So wichtig diese Diskussion war - sie stellte eher eine Randerscheinung dar und änderte nichts an der Grundtendenz der Darstellung des Krieges in den Massenmedien: eine emotionalisierende Opferberichterstattung mit Völkermord-Implikationen, die sich dem albanischen Flüchtlingselend widmete, verbunden mit zahlreichen Spekulationen und Falschmeldungen sowie einer Marginalisierung von Kriegsgegnern oder der »anderen Seite« zugunsten von Kriegsbefürwortern, westlichen Regierungsvertretern und Militärs, die ihre Version des Krieges verbreiteten. (20) NATO-Sprecher Jamie Shea kommentierte diese Funktion der Medien später so: »Kosovo war der erste Medienkrieg. Der Umgang mit den Medien, die Schlacht um die öffentliche Meinung waren genauso wichtig wie die Luftangriffe. Dieser Krieg hat sich nicht von selbst erklärt. Die Journalisten waren gleichsam Soldaten, in dem Sinne, dass sie der Öffentlichkeit erklären mussten, warum dieser Krieg wichtig war.« (21) Es war eben diese von Jamie Shea so bildhaft beschriebene Rolle der Journalisten, die Lob von den Politikern erfuhr (Richard Holbrooke: »Die Art der Berichterstattung der New York Times, der Washington Post, der Anstalten NBC, CBS, ABC, CNN und der Nachrichtenmagazine über das Kosovo war außerordentlich und vorbildhaft.« (22)) und vereinzelt harsche Kritik aus dem eigenen Metier herausforderte, wie etwa jene des englischen Kriegskorrespondenten John Pilger: »Nichts in den 30 Jahren meiner Laufbahn als Kriegsberichterstatter lässt sich mit der gegenwärtigen Propaganda vergleichen, die im Gewand des Journalismus daherkommt.« (23)

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Berichterstattung nach den NATO-Luftangriffen

Während eines Krieges gibt es kaum gesicherte Nachrichten, und jede Information kann im Kampf der Kriegsparteien um die öffentliche Meinung zur Waffe werden. Gleichzeitig wächst im Krieg als einer Angelegenheit von großem öffentlichen Interesse der Bedarf an Informationen. Die Darstellung des Krieges in den Medien folgt unter anderem den Gesetzen der Katastrophenberichterstattung, die kurzzeitig aufflammt und die Öffentlichkeit für eine Weile in Atem hält, bis schließlich beim Publikum und bei den Journalisten Ermüdungserscheinungen auftreten, getragen von dem Wunsch nach einer Rückkehr zur Normalität. Noch während des Kosovo-Krieges gab es Phasen, in denen das Interesse am Konflikt kurzzeitig nachließ und anderen Nachrichten Priorität eingeräumt wurde. Nach dem Ende des Krieges verschwand das Kosovo sehr bald völlig von der Agenda der tagesaktuellen Berichterstattung und wurde wieder zur Randnotiz - ganz im Sinne der NATO-Politiker, denn die für Militärs und Politiker oft unbequeme Wahrheit über Kriege erfährt man erst, wenn sie vorbei sind. So kommt es, dass die breite Öffentlichkeit über die in Expertenkreisen stattfindende Verarbeitung des Kosovo-Krieges kaum etwas oder gar nichts erfährt und damit ein - verzerrtes - Bild über den Krieg in den Köpfen der Menschen haften bleibt, das für den nächsten Waffengang leicht reaktivierbar ist. Zu den von den Massenmedien praktisch verschwiegenen Erkenntnissen gehören:

 dass die von den Kriegsministern lancierten Behauptungen vom Völkermord der Überprüfung vor Ort bislang nicht standhalten konnten. (24) Nach Angaben des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag konnten vorerst nur 2108 Opfer geborgen werden - Soldaten und Zivilisten, Frauen, Kinder, alte Menschen, Albaner und Serben, Opfer von Kriegshandlungen, NATO-Splitterbomben und Hinrichtungen; (25)

 dass die Fluchtbewegungen der albanischen Bevölkerung nicht nur durch die Vertreibungen und Übergriffe von Seiten serbischer und jugoslawischer Streitkräfte ausgelöst waren, sondern auch durch das heftige NATO-Bombardement sowie durch Kriegshandlungen zwischen den Serben und der UCK; (26)

 dass die UCK, spätestens seit 1995 auch als das »Balkan-Medellin« bekannt, (27) nach Angaben von Geheimdienstmitarbeitern vom BND und von der CIA aufgebaut und trainiert wurde und während des Kosovo-Krieges eng mit der NATO zusammenarbeitete. (28) So hatten einige UCK-Führer nicht nur die Nummer des Mobiltelefons des Oberkommandierenden der NATO, General Wesley Clark, sondern standen auch mit anderen alliierten Führern in ständigem telefonischen Kontakt. (29) Einer der UCK-Kämpfer, Agim Ceku, ehemaliger Brigadegeneral der kroatischen Armee, dann Generalstabschef der UCK und jetzt Chef des Kosovo-Friedenskorps entging auf internationalen politischen Druck im Herbst 1999 einer Anklage vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Kriegsverbrechen gegen die kroatischen Serben in der Krajina; (30)

 dass nach geheimen OSZE-Berichten die UCK vor dem NATO-Bombardement mehr Albaner umgebracht haben soll als die serbische Seite; (31)

 dass die Schäden, die die NATO der jugoslawischen Militärmaschinene zufügen konnte, entgegen den Behauptungen der Allianz verschwindend gering sind: 14 jugoslawische Panzer (nicht 120), 18 Panzerfahrzeuge (nicht 220) und 20 Artilleriegeschütze (nicht 450) sind vernichtet worden; (32)

 dass die Zerstörungen und Umweltschäden, die das NATO-Bombardement in Jugoslawien einschließlich der Provinz Kosovo angerichtet hat, (33) weitaus schwerwiegender sind, als von der Allianz jemals zugegeben, von den menschlichen Opfern ganz zu schweigen (nach offiziellen jugoslawischen Angaben sind es 1800 Tote, 5000 Verletzte, davon 2000 dauerhaft Geschädigte (34); nach Angaben von Amnesty International gab es zwischen 600 und 1500 Tote (35));

 dass die Situation serbischer (und nicht-serbischer) Flüchtlinge aus Kroatien, Bosnien und dem Kosovo in Serbien und Montenegro, deren Zahl sich zwischen 800.000 (UN) und einer Million (serbische Angaben) bewegt, eine humanitäre Katastrophe darstellt;

 dass eine systematische »ethnische Säuberung« der nichtalbanischen Bevölkerung und schwere Verletzungen der Menschenrechte im Kosovo stattfinden; (36)

 dass Racak, Rambouillet oder Scharpings »Hufeisenplan« mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Manipulationen sind. (37)

Die staatlich kontrollierten Medien in Serbien sowie die kosovo-albanischen Medien standen vor und während des Krieges ganz im Dienste ihrer politischen Führungen und sind deren Sprachrohr geblieben. Die serbischen oppositionellen Medien waren vor dem NATO-Bombardement kritisch gegenüber dem Regime, aber auch gegenüber den Albanern und dem Westen. So konterte beispielsweise das Magazin Vreme im April 1998 Madeleine Albrights Behauptung, die Kosovo-Albaner würden nur ihre Grundrechte fordern, folgendermaßen: »Es ist völlig unbestritten, dass den Albanern die Menschen- und Bürgerrechte beschnitten werden und dass sie Repressionen ausgesetzt sind. Aber es stimmt einfach nicht, dass die Mehrheit von ihnen "nicht mehr fordert als die Grundrechte". Und ob sie fordern. Die überwiegend große Mehrheit fordert eine Loslösung von Serbien und eine Sezession aus Jugoslawien, ... ist bewaffnet und wird auch vor einem massenhafteren Gebrauch dieser Waffen nicht zurückschrecken, wenn sie glaubt, dass es zweckmäßig ist.« (38) Während des NATO-Bombardements haben die serbischen Oppositionsmedien, sofern es ihnen überhaupt möglich war, zu berichten, ihr Augenmerk fast ausschließlich auf die Angriffe der Allianz und deren Folgen konzentriert.

Anmerkungen:

1Warren P. Strobel, »The Media: Influencing Foreign Policy in the Information Age«. USIA Electronic Journal, Vol. 5, no 1, März 2000

2Michael Kunczik, Die manipulierte Meinung. Nationale Image-Politik und internationale Public Relations, Köln/Wien 1990, S.23.

3Nikola Antonov, »"Greater Albania" Dreams grow in secret Kosovo-schools«. Reuters vom 19. Febrnar 1992.

4Andres Wysling, »Trauerzüge und Ruinen in Drenica«- In: Neue Zürcher Zeitung vom 17.3.1998.

5Horst Pankow, »Gestank, Chaos, Grauen. Die blutige Spur des Erich Rathfelder«. In: Klaus Bittermann/Thomas Deichmann (Hg.): Wie Dr. Joseph Fischer lernte die Bombe zu lieben. Berlin 1999, S.26 ff.

6Ebda.

7Vgl. Washington File, US Information Service Transcript: Ambassador Hill round-table discussion with Serbian Press (Discussion with independent media in Belgrade), 1.9.1998.

8»Druck auf Belgrad in der Kosovo-Krise steigt: NATO bereitet sich auf Militärschlag vor«. In: Süddeutsche Zeitung vom 23./24.11.1999.

9»Richard Holbrooke, »No media - no war«. Rede abgedruckt in Index on Censorship 3/1999.

10Diana Johnstone, »Das Racak-Massaker als Auslöser des Krieges«. In: Klaus Bittermann/Thomas Deichmann (Hg.) (Anmerkung 5), S.60.

11Renaud Girard, »Kosovo: zones d`ombre sur un massacre«. In: Le Figaro vom 20.1.1999 sowie Christophe Chatelot, »Les morts de Racak ont-ils vraiment été massacrés froidement?«. In: Le Monde vom 21.1.1999.

12Vgl. z.B. Spiegel vom 25.1.1999: »Nach dem Massaker an Albanern im Dorf Racak ist die Nato zum Eingreifen bereit« oder Die Zeit vom 21.1.1999: »Nach dem Massaker von Racak - dort wurden am vergangenen Freitag mindestens 45 Albaner ermordet - ist der prekäre Frieden dahin«.

13Roland Heine, »OSZE-Vertreter: Kein serbisches Massaker in Racak«. In: Berliner Zeitung vom 12.3.1999.

14Diese Art von Journalismus hat Marcel Ophüls in seinem 1995 europaweit ausgestrahlten Film »The troubles we`ve seen« über die Kriegsberichterstatter von Sarajewo affirmativ und verherrlichend dargestellt.

15Erich Rathfelder, »Nicht immer ist es falsch, parteiisch zu sein«. In: Message Nr.1/ Juli 1999, S.46.

16Vgl. Mira Beham, Die andere Seite der Wahrheit. Verschwiegene Opfer der Balkankrieges 1991-1999. Berlin 2000 (erscheint im Sommer).

17Vgl. »Kosovo - Der Krieg und die Medien«. Dokumentation auf ARTE, 9.6.2000.

18Vgl. z.B. Wolf Oschlies vom Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in den ARD-Tagesthemen vom 23.3.2000.

19Vgl. z.B. Presseerklärung der Organisation FAIR (Fairness & Accuracy In Reporting), »What reporters knew about Kosovo talks - but didn`t tell. Was Rambouillet another Tonkin Gulf?«, 2.6.1999

20Vgl. FAIR, »Media analysis, critiques and news reports«, 6.5.1999 sowie Anne Pandolfi, »Kosovo TV-coverage supported Clinton«. AP vom 19.7.200.

21In der zweiteiligen Dokumentation »Balkan - Gewalt ohne Ende«, Teil II »Der Krieg und ein fauler Friede«, ARD 29.10.1999.

22Zit. n. Norman Solomon, »How (not) to cover a war: Fawn, whitewash, wave the flag«. In: San Jose Mercury vom 2.5.2000.

23John Pilger, »Nothing in my 30 years of reporting wars compares with the present propaganda dressed as journalism«. In: The New Statesman vom 12.7.1999.

24Vgl. Pablo Odraz (Anm. 12) sowie »Where are Kosovo`s Killing Fields?«. Stratfor Inc., Global Intelligence Update, 17.10.1999

25»Kosovo Probers Exhume 2108 Bodies«. AP-Meldung vom 11.11.1999.

26Vgl. ARTE-Dokumentation (Anm. 17).

27Marko Milivojevic, »The "Balkan Medellin"». In: Jane`s Intelligence Review Vol.7, No. 2, 1.2.1995, S.68.

28Erich Schmidt-Eenboom/Klaus Eichner, »Wem gehört die UCK?«. In: Junge Welt vom 17.1.2000 sowie dies., »Die heimlichen Helfer«. In: Junge Welt vom 18.1.2000 und Tom Walker/Aidan Laverty, »CIA aided Kosovo guerilla army«. In: The Sunday Times vom 12.3.2000.

29Ebda. sowie Paul Richter, »Questions surface over Nato`s revised take on the war in Kosovo.«. In: Los Angeles Times vom 10.6.2000.

30Tom Walker, »Kosovo defence chief accused of war crimes«. In: The Sunday Times vom 13.10.1999.

31Vgl. ARD-Bericht (Anm. 21).

32John Barry/Evan Thomas, »The Kosovo Cover-Up«. In: Newsweek vom 15.5.2000.

33Vgl. »Ecocide: NATO Bombing of Yugoslavia«. Sonderausgabe der Halbjahresschrift Tehnokratia 1999.

34Federal Republic of Yugoslavia, Federal Ministry for Foreign Affairs, Economic Survey, 10.11.1999.

35»"Collateral damage" or unlawful killings? Violations of the Laws of War by NATO during Operation Allied Force«. Amnesty International, AI Index Eur 70/18/00, Juni 2000.

36Anthony Goodman, »Annan Sees Orchestrated Anti-Serb Drive in Kosovo«. Reuters vom 11.6.2000.

37Zum Hufeisenplan vgl. Heinz Loquai, Der Kosovo-Konflikt - Wege in einen vermeidbaren Krieg. Baden-Baden 2000, S.45 ff. sowie das ARD-Magazin Panorama vom 18.5.2000.

38»Sta M. Olbrajt nije razumela« (»Was M. Albright nicht verstanden hat«). In: Vreme vom 11. April 1998.


Mira Beham ist Balkanexpertin, freie Publizistin und lebt in München.
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