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 Nie wieder Krieg ...

Nie wieder Krieg - nie wieder Auschwitz! Erinnern an den Zweiten Weltkrieg

Christine Schweitzer

Vor 60 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende, in Europa am 8.Mai 1945, in Asien nach der Kapitulation Japans am 14. August 1945. Und obschon die Generation, die ihn selbst erlitten hat, immer älter wird - wer den Kriegsbeginn am 1. September 1939 bewusst erlebt hat, ist heute über 70 Jahre - hat er doch die Geschichte der kriegsbeteiligten Länder in Europa, Nordamerika und Asien und darüber hinaus entscheidend geprägt. Er kostete das Leben von über 55 Millionen Menschen - davon 20 Millionen Zivilisten und zerstörte ganze Landstriche und viele Städte - von Coventry und London über Stalingrad, Hamburg und Dresden bis zu Hiroshima und Nagasaki. Der von Deutschland begangene Holocaust an den Juden ist nicht nur wegen der schieren Zahl seiner Opfer, sondern auch wegen seiner bürokratisch-militärischen Durchorganisation und der Gleichgültigkeit der großen Mehrheit der Deutschen gegenüber den Verbrechen ein schlicht kaum zu verstehendes, sich über Jahre hinziehendes singuläres Geschehnis, das sich selbst dem Finden eines angemessenen Substantives zu seiner Beschreibung entzieht. Und auch die großen Linien der Nachkriegsgeschichte - die Gründung der UN, die Entkolonialisierung Afrikas und Asiens, aber auch der Kalte Krieg, der auf der auf Atomwaffen gestützten Versicherung der gegenseitigen totalen Zerstörung beruhte, die Gründung der NATO und der wirtschaftliche Aufschwung der 50er und 60 Jahre mit seiner Wachstumsideologie - sind alle direkt auf den Zweiten Weltkrieg rückführbar.

In dem Maße, wie der 8. Mai in diesem Jahr näherrückt, wird in den großen Medien sicherlich hundertfach an den Zweiten Weltkrieg erinnert werden. Wir haben deshalb hier im Friedensforum versucht, einen anderen Blickwinkel zu finden, der einer Zeitung der Friedensbewegung entspricht. Dies ist in erster Linie das Thema des Widerstandes gegen den Krieg - seien es Kriegsdienstverweigerer und Deserteure in den verschiedenen Ländern, der dänische Widerstand gegen die Deportation der Juden nach der Besatzung, oder Nachdenken über den Stellenwert gewaltfreien Handelns in diesen Zeiten im allgemeinen. All dies sind letztlich, das soll und darf nicht verhehlt werden, eine Beschäftigung mit randständigen Themen, die weder dem Entsetzlichen dieses Krieges noch seiner weltpolitischen Bedeutung Rechnung tragen. Trotzdem einen Schwerpunkt mit ihnen zu gestalten, halten wir dennoch für gerechtfertigt, weil wir sicher sind, dass in all den kommenden Berichten zum 2. Weltkrieg gerade diese Themen KEINE Rolle spielen werden. Es ist nicht nur dem Andenken derjenigen, die an diesem Widerstand beteiligt waren, geschuldet, weiterzutragen, was sie taten, sondern auch wichtig im Sinne einer pazifistischen Geschichtsschreibung, die stets versucht, das hervorzuheben, das sich der Gewalt entgegenstemmte, die zeigt, dass es doch immer Alternativen und damit eine Wahl gibt und sich niemand jemals auf das "Was hätte ich denn schon tun können?" zurückziehen kann.

Dies ist auch von Bedeutung, weil heute immer wieder Kriege mit dem Verweis auf den Zweiten Weltkrieg und den sog. Schwur von Buchenwald: "Nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg!" gerechtfertigt werden. Zuletzt geschah dies 1999 bei dem Angriff der NATO auf die Republik Jugoslawien, um vorgeblich einen Völkermord Serbiens in Kosovo zu verhindern. Davor wurde 1990/91 Präsident Saddam Hussein in Vorbereitung des Ablaufs des vom UN-Sicherheitsrates gestellten Ultimatums zu einem "neuen Hitler" ernannt - ein Bild, das zumindest in den USA bis in jüngerer Zeit am Leben erhalten wurde, um die Fortsetzung des Embargos und die wiederkehrenden Luftangriffe zu rechtfertigen. Die während des Krieges der Alliierten 1991 erfolgenden irakischen Raketenangriffe auf Israel passten auf schreckliche Weise so gut in das zuvor geschaffene Bild vom Feind, dass die deutsche Friedensbewegung sich bis heute nicht von der während des Irak-Krieges entstandenen Spaltung in Bellizisten und Pazifisten und von den Verletztheiten derjenigen aus der Friedensbewegung, die sich mit Israel besonders verbunden fühlen, erholt hat. Und während des Bosnien-Krieges, besonders in der Zeit 1994/95, als Raketenangriffe die belebten Innenstädte Sarajevos und Tuzlas trafen und die ostbosnischen UN-Schutzzonen angegriffen und zwei von ihnen von den UN-Truppen ohne Widerstand aufgegeben wurden, genoss Präsident Milosevic die gleiche zweifelhafte Ehre eines Vergleiches mit Hitler. Die Europapolitik gegen Bosnien wurde mit der Appeasement-Politik 1938/39 gegenüber Deutschlands verglichen. Und es wurde auch schon behauptet, dass "Nie wieder Krieg" gleichberechtigt neben "Nie wieder Auschwitz" stehe.

Man kann mit dem Bezug auf die deutsche Vergangenheit mindestens auf dreierlei Weise umgehen. Man kann auf seine Funktion hinweisen (Legitimation eines Krieges, der vielleicht aus ganz anderen Gründen geführt wurde und nicht zu rechtfertigen ist); man kann die Plausibilität eines solchen Vergleiches in Bezug auf den Sachverhalt prüfen (handelte es sich um einen Fall von drohendem Genozid und ist der Vergleich damit vielleicht gerechtfertigt?), und man kann sich mit der ethischen Prämisse als solcher, die letztlich eine moderne Fassung der Lehre des gerechten Krieges ist, befassen. Zu jener letzteren abschließend noch ein paar Anmerkungen.

Es gibt zwei Herangehensweisen an diese Frage. Die eine ist der Hinweis, dass die deutsche Vernichtungsmaschinerie so einmalig war, dass praktisch jeder Vergleich eine Verharmlosung des Genozids an den Juden darstellt und allein aus diesem Grunde unterbleiben sollte. Dies ist natürlich richtig, auch wenn ich den kleinen Vorbehalt anmerken möchte, dass ein zu starkes Abheben auf die Singularität der deutschen Verbrechen auch problematische Seiten hat. Eine dieser problematischen Seiten ist, dass Singularitäten per Definition nur einmal vorkommen. Man denke daran, wie schnell das unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstandene Asylrecht ausgehöhlt wurde. Denn alle Flüchtlinge vor Krieg und Folter heute fliehen ja halt nicht vor den Nazis, oder? Eine andere ist, dass manchmal in Deutschland durch den Hinweis auf die Einmaligkeit beinahe so etwas wie ein kranker Nationalstolz durchschimmert. Wenn schon Kriegsverbrecher, dann ein Superverbrecher?

Die zweite, mir näherliegende Herangehensweise ist die Kernfrage, ob Krieg unter bestimmten Umständen gerechtfertigt werden kann. Wer diese Frage bejaht, führt gewöhnlich den Zweiten Weltkrieg erstes Beispiel für seine Position an. Doch übersieht sie, dass Alternativen zu Gewalt und Krieg etwas sind, was genauso entwickelt, vorbereitet und eingeübt werden muss wie militärischer Widerstand geplant, vorbereitet und eingeübt wird. Solange dies nicht geschieht, mag Krieg immer wieder scheinbar alternativlos daherkommen. Die Aufgabe von Gewaltfreien und Friedensbewegten ist, diese Alternativen ins Gespräch zu bringen und voranzutreiben.

"Nie wieder Krieg!" und "Nie wieder Auschwitz!" gehören zusammen. Sie dürfen nicht gegeneinander abgewogen oder gar der Bruch des ersten mit dem zweiten gerechtfertigt werden. Erst wenn sich die Einsicht durchsetzt, dass Krieg moralisch genausowenig zur rechtfertigen ist wie es z. B. nach allgemeinem Konsens die Sklaverei ist - eine Entwicklung, die noch vor 150 Jahren nicht nur in den USA als lachhaft abgetan worden wäre -, dann ist der sog. Schwur von Buchenwald erfüllt.



Christine Schweitzer ist Mitarbeiterin von Nonviolent Peaceforce und Redakteurin des FriedensForums.

E-Mail: xschweitz@aol.com
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