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 Nie wieder Krieg ...

Der Faschismus konnte nur militärisch besiegt werden, ist also heute Pazifismus absurd?

Andreas Buro und Arno Klönne

"Nur die Waffengewalt der Alliierten hat uns vom Faschismus befreit. Pazifistische Politik hätte Hitler nicht stoppen können." So oder ähnlich formuliert, wird heute Pazifisten argumentativ entgegengetreten, wenn sie sich gegen militärische Zugriffe und für zivile Konfliktbearbeitung einsetzen. Dabei bedient sich diese Behauptung der Deutung einer spezifischen historischen Situation, um aktuell eine Begründung für militärische Gewalt als unabdingbare Voraussetzung für eine freie und demokratische Entwicklung zu liefern. Der folgende Beitrag ist eine Kurzfassung eines viel längeren Beitrags, der im "Forum Pazifismus" 2/2004 erschienen ist.

Gängige Annahmen

Eine gängige Unterstellung ist, es gäbe "böses" und "gutes" Militär. In der Regel erklärt jedoch jede Seite, die Militär einsetzt, ihren Einsatz als legitim und gerecht. Zahllose historische Dokumente und die vielen Kriegerdenkmale legen davon Zeugnis ab. Die Geschichte zeigt jedoch, dass Militär sowohl der Verteidigung wie der Eroberung dient. Diese Ambivalenz wird am besten in dem vom Militär geprägten Satz ausgedrückt. "Der Angriff ist die beste Verteidigung." Zum Charakter von Kriegen schreibt der preußische General und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz (Vom Kriege, Bonn 1966, S. 92): "Der Krieg ist ein Akt der Gewalt und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen; so gibt jeder dem anderen das Gesetz, es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum Äußersten führen muss." Man muss also die Schlussfolgerung ziehen, dass es kein "gutes" und kein "böses" Militär gibt, sondern nur ein gewalttätiges Militär. Selbst die edelsten Ziele, seien sie denn das wirkliche Motiv einer Militäraktion, verkommen in aller Regel zu schwersten Verletzungen der Menschenrechte. - Es stellt sich damit die Frage nach dem trotz schrecklicher Folgen "gerechten Krieg".

In der pro-militärischen Argumentation wird, was den zweiten Weltkrieg angeht, ferner mehr oder weniger deutlich unterstellt, die west-östlichen Alliierten hätten den Krieg gegen Hitler-Deutschland und Japan nicht nur als Verteidigung gegen den faschistischen Angriff geführt. Der Krieg in Europa sei auch geführt worden wegen der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Faschisten und allgemein wegen der mörderischen Grausamkeit gegenüber der Bevölkerung der von der faschistischen Koalition eroberten Länder oder gar, um den faschistisch beherrschten Gesellschaften die Demokratie zu bringen. Es wäre also der west-östlichen Koalition neben der Verteidigung auch um die Befreiung faschistisch unterdrückter Völker gegangen. Trifft dies zu, oder diente der Krieg ganz anderen Interessen?

Eine weitere, meist unausgesprochene Prämisse geht in die obigen Argumentationen ein: "wehrloser Pazifismus" würde enorme, ja unerträgliche Verluste und dauerhafte Leiden verursachen. Die Opfer der "gerechten" Kriegführung müssten demgegenüber als vergleichsweise gering, unvermeidlich und sogar als "ehrenvoll" akzeptiert werden.

Ferner wird von einem ganz unhistorischen Pazifismus ausgegangen, der in einer äußerst kriegerischen Welt sämtliche Gewaltbestrebungen aufheben können müsste, um erfolgreich zu sein. Selbstverständlich mag es die Anschauung unter idealistischen Menschen geben, man müsse nur friedlich sein, dann seien auch die anderen friedlich. Ist damit aber pazifistisches Bemühen in historischer und in aktueller Perspektive in seiner Substanz erfasst?

Kriegsziele der Alliierten im Zweiten Weltkrieg

Die beiden Weltkriege des vorigen Jahrhunderts waren imperialistische Konkurrenzkriege, in denen "verspätete" Industrienationen versuchten, ein koloniales/neokoloniales Imperium für sich zu gewinnen. Im Ersten Weltkrieg trifft dies insbesondere für Deutschland zu. Im zweiten Weltkrieg traten Italien und Japan als Bündnispartner an die Seite des Deutschen Reichs. Dieser Versuch stieß auf die Abwehr der imperialen Altbesitzer und großen Kolonialmächte, insbesondere Englands und Frankreichs. Er verstieß ferner gegen die Interessen der USA, Weltmarktöffnung und -offenheit für ihre auf Wachstum angewiesene Industrie durchzusetzen. Die von den imperial nachholenden Staaten angestrebten neuen Imperien, sei es in Osteuropa, Afrika oder in Asien, sollten protektionistisch abgeschottet werden und damit andere Industrieländer, nicht zuletzt die USA, wirtschaftlich ausschließen. Das war der Kern des Konflikts, um den herum sich selbstverständlich noch viele Nebenziele der verschiedenen Akteure rankten.

Der Kriegszielsetzung nach bestand eine Kontinuität zwischen dem deutschen Kaiserreich und seinem Militarismus und dem zu allem entschlossenen Hitler-Deutschland, das alle Kräfte für den Krieg faschistisch bündelte. Das nationalsozialistische Regime hatte seine spezifischen Herkünfte in deutschen Traditionen, Ideologien und Kräfteverhältnissen und seine Singularität in der staatlich organisierten rassistischen Vernichtungspolitik. Doch der Weg des Nationalsozialismus zur Macht und in den Krieg verlief nicht in einer "pazifistischen" Umwelt anderer Nationen. Er war vielmehr eingebettet in eine Weltlage, in der imperialistische Zugriffe und militärische Aggressionen weithin als normal galten - dies entgegen allen Hoffnungen, die sich auf den "Völkerbund" richteten. Opfer der deutschen, faschistischen Imperialpolitik sollten insbesondere Polen und die Sowjetunion sein.

Wer in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts spekuliert hatte, Faschismus und Sowjetismus würden sich gegenseitig so vernichtend bekämpfen, dass anschließend die Hegemonie der westlich-kapitalistischen Staaten wieder hergestellt wäre, wurde zunächst durch die militärischen Erfolge der faschistischen Staaten enttäuscht. Die West-Mächte rüsteten auf und nahmen sich den im Augenblick weniger gefährlichen Feind zum Kriegspartner, nämlich die Sowjetunion. Mit einer Politik der Menschenrechte hatte dies nichts zu tun, sondern mit Machtkalkül. Durch den Eintritt der USA in den Krieg konnte auch endlich die wirtschaftliche Stagnation überwunden werden, was die New Deal Policy des US-Präsidenten Roosevelt nicht erreicht hatte.

Von den West-Ost-Alliierten wurden vor und während des Krieges so gut wie keine Anstrengungen unternommen, die vom Faschismus verfolgten Juden, Roma, Sinti, politischen Gegner des Faschismus und andere Verfolgte zu retten. Ein Befreiungskrieg für sie wurde nicht geführt. Dies gilt auch für die sowjetischen Truppen, die im Rahmen ihres Vormarsches nach Deutschland die SS-Henker von Auschwitz vertrieben. Die so genannte "Befreiung vom Faschismus" war also eine siegreiche militärische Reaktion auf einen imperialen Gegner gefährlichster Art, die sich aller Vernichtungsmittel der damaligen Kriegsführung bis hin zur gerade neu entwickelten Atombombe bediente. In Deutschland und Japan, in denen sich keine breite in der Bevölkerung verankerte anti-faschistische Widerstandsbewegung entwickelt hatte, wurde der Sieg der Alliierten überwiegend durchaus als eine Niederlage und nicht als eine Befreiung erlebt. Man hatte einen Krieg mit fürchterlichen Opfern auch auf der eigenen Seite verloren. Man muss leider ausgehen, dass in diesen Ländern einem siegreichen Faschismus von der Bevölkerung zugejubelt worden wäre, selbst wenn dieser andere Völker weiter grausam unterdrückt und entrechtet hätte.

Kriege bewirken nicht nur "Kollateralschäden", sie haben auch "Kollateralnutzen". Es kann sein, dass belagerte Städte und Zonen entsetzt, eroberte Gebiete/Staaten befreit und Besatzungsregime zerschlagen werden. Die Befreiung Frankreichs, der Niederlande, Belgiens, Dänemarks, Norwegens, von Teilen der Sowjetunion, Jugoslawiens, Griechenlands, Polens und so weiter von der faschistischen, deutschen Besatzung ist in ihrer Bedeutung für die Menschen dieser Länder nicht hoch genug einzuschätzen. Ein solcher "Kollateralnutzen" kann allerdings nicht zur Legitimation eines kriegerischen Grundmusters von Politik erhoben werden, und zwar aus zweierlei Gründen: Erstens haben militärisch ausgerichtete Politik und der daraus folgende Krieg erst zu den Besetzungen geführt, die später kriegerisch beseitigt wurden. Zweitens stehen "Kollateralschäden" zu den "Kollateralnutzen" in einem eklatanten Missverhältnis. Argumente zugunsten von Kollateralnutzen setzen stets voraus, dass die präventive friedliche Lösung von Konflikten historisch verfehlt wurde - eben weil keine pazifistische Politik betrieben wurde.

Die "Kosten" des Zweiten Weltkrieges

Der Zweite Weltkrieg hatte mit vermutlich etwa 50 bis 60 Millionen Toten und riesigen Zerstörungen der Infrastruktur für menschliches Leben in vielen Teilen der Welt ungeheure "Kosten" zur Folge. Er hat ferner das technische Niveau der Kriegführung auf eine bisher nicht gekannte Höhe der Zerstörungskraft und der gegenseitigen Bedrohung gehoben. Er schuf damit die Voraussetzungen für barbarische Zerstörungen in den Folgekriegen des West-Ost-Konflikts und für die weltweite Verschwendung von Ressourcen, die nicht mehr der Entwicklung menschlichen Wohlstandes zur Verfügung standen und stehen.

Bald nach 1945 aktualisierte sich der Gegensatz zwischen den westlichen und den östlichen Alliierten des Zweiten Weltkrieges. Der West-Ost-Konflikt mit dem Kalten Krieg in Europa, der Teilung Deutschlands, nuklearer over-kill Abschreckung und vielen heißen Stellvertreterkriegen in der ganzen Welt - die Kriege in Korea, Vietnam und Afghanistan sind Zeichen dafür im Bewusstsein vieler Menschen geworden - nahm die Feindseligkeit zwischen den bürgerlich-kapitalistischen und den "real-sozialistischen" Gesellschaftssystemen aus den 20er und 30er Jahre erneut auf. Die sowjetische Planwirtschaft ließ in ihrem Bereich keine sich globalisierende Marktwirtschaft, also keine ungehinderte Kapitalexpansion, zu. Eine Überwindung zentraler Konfliktinhalte zwischen dem "Westen" und dem "Osten" wurde also durch den Krieg und die angebliche "Waffenbrüderschaft" nicht erreicht. Die ungeheuerlichen Kosten des dem Zweiten Weltkrieg folgenden Ost-West-Konflikts müssen den Gesamtlasten imperialer Macht- und Militärpolitik des 20. Jahrhunderts hinzugerechnet werden.

Hätte es Alternativen gegeben?

Niemand kann sagen, welche Ergebnisse eine rechtzeitige und präventive pazifistische Politik, die nach den mörderischen Erfahrungen des Ersten ("modernen") Weltkrieges 1918 hätte einsetzen müssen, gehabt hätte und ob durch sie die Durchsetzung des Faschismus hätte verhindert werden können. Unvorstellbar ist dies nicht. Es ist nicht einmal unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, an welchen dünnen Fäden die Machtergreifung des deutschen Nationalsozialismus hing und wie leicht sie hätte scheitern können. Der deutsche Nationalsozialismus aber war der Kern der faschistischen Koalition. Ohne ihn wäre ein derartiger imperialistischer Angriffskrieg nicht zu führen gewesen. Die Vorstellung, Geschichte habe stets so verlaufen müssen, wie sie in allen ihren Scheußlichkeiten verlaufen ist, zeugt von gedanklicher Beschränktheit und sie wirkt lähmend, wenn es um politische Alternativen in der Gegenwart geht.

An jeden Krieg und jede Nach- und Vorkriegszeit, so auch an den Zweiten Weltkrieg und die Zeit zwischen 1918 und 1933, lassen sich Fragen über einen möglichen anderen Verlauf stellen. Sie können selbstverständlich nur hypothetisch beantwortet werden. So z.B. die Frage: Hätte der deutsche Faschismus verhindert werden können, wenn die deutsche Sozialdemokratie 1914 eine anti-militaristischen Politik vertreten hätte? Hätte nach 1918 die zunächst bestimmende Sozialdemokratie durch friedenspolitische Entschlossenheit Militarismus und Nationalismus zurückdrängen, Revanchismus verhindern und statt dessen eine Politik der europäischen Kooperation - wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg von der Adenauer-Regierung nach Westen hin betrieben wurde - einleiten können? Hätten die siegreichen Alliierten des Ersten Weltkriegs mit einer pazifistischen Politik in diesem Sinne dem Faschismus den Weg zur Macht verlegen können? Fragen über Fragen, die im Nachhinein nicht zu beantworten sind, die aber doch den Blickwinkel für Alternativen erweitern können.

Folgerungen



Der Zweite Weltkrieg wurde zur Wahrung vermeintlicher nationaler und zur Durchsetzung imperialer Interessen geführt. Im militärischen Kampf wurden die faschistischen Staaten besiegt. Eine pazifistische Politik zur Verhinderung oder Eindämmung des Faschismus wurde nicht entwickelt und praktiziert. Der geschichtliche "Fall" lässt deshalb keine Schlussfolgerungen über die Chancen pazifistische Konzepte präventiver Konfliktbearbeitung und der Vermeidung gewaltsamer Konflikte zu.



Die Kriegsteilnahme der Alliierten war weder in der Absicht zur Rettung der vom deutschen Faschismus in ihrer Existenz bedrohten Juden und anderer Bevölkerungsgruppen, noch in dem Willen zur Befreiung der Völker von ihren faschistischen Regimes begründet. Es ging teils um militärische Verteidigung, teils um die Niederwerfung des konkurrierenden Machtblocks im Kampf imperialistischer Mächte. Hier kämpfte also nicht das "Gute" gegen das "Böse".



Die Niederlage der faschistischen Achsenmächte bewirkte keineswegs eine pazifistische Umorientierung der Gesellschaften. Da der Krieg bestehende Gegensätze nicht gelöst hatte, kam es im West-Ost-Konflikt zu neuen gewaltträchtigen Zuordnungen Deutschlands (und Italiens) zu NATO und Warschauer Pakt. Diese Blöcke bedrohten sich gegenseitig mit atomarem over-kill und führten Stellvertreterkriege. Auch das Wettrüsten im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg gibt keine Aufschlüsse über Chancen einer pazifistischen Alternative, da diese von keiner Seite versucht wurde. Es führte aber zu extremen Bedrohungssituationen und zur weltweiten Vergeudung von Ressourcen.



Um noch einmal zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Stellt die Auseinandersetzung zwischen den Alliierten und der faschistischen Koalition im Zweiten Weltkrieg historisches Beweismaterial dar für eine Notwendigkeit, heute weltweit militärische Interventionen vorzunehmen und pazifistische Politik abzulehnen? Die Motive, Abläufe und Folgen des Zweiten Weltkrieges bieten in ihrer historischen Realität keine Begründung für die gedankliche, zeitlose oder aktuelle Konstruktion eines "gerechten Krieges". Sie lassen sich auch nicht als Wertmaßstäbe heranziehen für die weltpolitische Situation, in der heute über "präventive" Militärpolitik zu urteilen ist. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Alliierten den militärischen Angriff der faschistischen Achsenmächte abzuwehren. Diese Aggression ging aus dem verhängnisvollen Grundmuster von Weltpolitik hervor, von dem auch die Westmächte und die UdSSR geprägt waren: Krieg als Mittel globaler Umverteilung von Macht. Der Zweite Weltkrieg stand in der historischen Kontinuität brutaler militärischer Interessendurchsetzung. Dass pazifistische Politik nicht einmal versucht wurde, war Teil des internationalen Kontextes, aus dem der Faschismus heranwuchs.



Pazifismus ist kein kurzfristig wirkendes Wundermittel, um aufeinander zurasende Militärzüge noch vor dem Zusammenprall zu stoppen. Pazifistische Politik ist langfristig angelegt und anzulegen. Sie zielt graduelle Erfolge an, nutzt aktuell bestehende Spielräume. Aber sie hat nicht weniger im Sinn als einen Bruch mit jenem kriegerischen Grundmuster von Politik, das immer noch als Normalität gilt. Pazifisten meinen: Eines Tages werden Menschen nicht mehr verstehen, wieso ihre Vorfahren so töricht waren, sich in Kriegen gegenseitig umzubringen und global die Lebensgrundlagen zu zerstören.


Der Artikel wurde dem Friedensforum von Andreas Buro, emeritierter Politologieprofessor und friedenspolitischer Sprecher des Komitee für Grundrechte und Demokratie, zur Verfügung gestellt.

Arno Klönne ist ...

Die Langfassung des Beitrages kann gerne angefordert werden: Komitee für Grundrechte und Demokratie, Aquinostr. 7-11, 50670 Köln.



E-Mail: andreas.buro@gmx.de
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