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 Nie wieder Krieg ...

An die Verweigerer der Wehrmacht zu erinnern, bleibt ein schwieriges deutsches Kapitel - auch nach 60 Jahren.

Wehrmachtsverweigerer: Rehabilitierung ja, Gedenken nein?

Günter Knebel

Wer sich dem Angriffs- und Vernichtungskrieg NS-Deutschlands von vornherein verweigerte oder sich während des Krieges widersetzte und entzog, riskierte sein Leben. Wer diesen Menschen half ebenso. Dennoch haben sich Tausende geweigert, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Die meisten von ihnen aus Glaubens- und Gewissensgründen, für die sie mit ihrem Leben bezahlt haben. Zehntausenden wurde erst während ihres Kriegsdienstes, bei dem sie Schreckliches erlebten, bewusst, dass Mitmachen Unrecht war. Ihnen blieb nur offener oder versteckter Widerstand.

Der war gefährlich, aber eine notwendige, befreiende Konsequenz gegen das Morden und Brennen in Uniform und im Gleichschritt. Etwa 30.000 Todesurteile wurden gegen Deserteure der Wehrmacht verhängt, rd. 20.000 sind vollstreckt worden. Nur sehr wenige, die wegen Kriegsdienstverweigerung, Fahnenflucht oder Wehrkraftzersetzung verurteilt worden waren, haben die Verfolgung und Inhaftierung in Konzentrationslagern überlebt. Auch nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurden sie noch lange als Feiglinge und Verräter beschimpft. Obwohl das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland das Recht auf Kriegsdienstverweigerung als Bestandteil der Gewissensfreiheit verankert hatte, sorgten Kalter Krieg und Wiederaufrüstung für anhaltende Diskriminierung. Der Wiederaufstellung von Streitkräften ging schließlich eine regierungsamtliche "Ehrenerklärung" für die Soldaten der Wehrmacht voraus.

Bei den Bemühungen um Wiedergutmachung und Entschädigung für die Opfer des NS-Regimes wurden bestimmte Opfer ausgegrenzt, die Deserteure der Wehrmacht gehörten dazu. Es sollte in Westdeutschland 40 Jahre dauern, bis ernsthaft über eine Wiederherstellung ihrer Würde diskutiert werden konnte. Das Ende der 60er Jahre einsetzende kritische Nachdenken über den Ost-West-Konflikt, der damit verbundene Rüstungswettlauf und die drohende Kriegsgefahr führten zum Aufkommen einer starken Friedensbewegung. Deren Ziele fanden Widerhall in der SPD und nach Gründung der Partei der Grünen 1980 von dort auch Fürsprecher/innen und Unterstützung bis in den Deutschen Bundestag. Die Forderung nach Rehabilitierung der Verweigerer gehörte dazu, sie wurde durch vielfältige Aktionen für örtliche Deserteurs-Denkmäler angestoßen. Es galt, statt überkommener Kriegerdenkmäler neue, innovative lokale Gedenkorte und Denk-Anstöße für Gewaltverzicht zu schaffen. Das war und ist immer noch eine produktive "Provokation"! Um 1985 kam bereits die Forderung nach Rehabilitierung der Verweigerer und Deserteure der Wehrmacht auf; es sollte aber weitere 17 Jahre dauern, bis im Jahr 2002 endlich deren pauschale gesetzliche Rehabilitierung vom Deutschen Bundestag beschlossen und im Bundesgesetzblatt verkündet wurde. Der mühsame Weg dahin ist ein eindrückliches Beispiel für demokratischen Meinungswandel. (Tipp zum Weiterlesen: Wolfram Wette, Deserteure der Wehrmacht rehabilitiert, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) 2004, 52. Jg., 505-527, Artikel erhältlich über die EAK)

Heute ist es eine wichtige Aufgabe, angesichts der Realität sogenannter neuer Kriege, deren leidvolle Kriegsfolgen die alten sind, diesen zivilen Meinungswandel in Deutschland zu erhalten und weiterzuentwickeln. Die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz wirkt daran mit. Ludwig Baumann, der heute 83jährige Vorsitzende der Bundesvereinigung und ehemalige Wehrmachtdeserteur, hat seit vielen Jahren für die Wiederherstellung der Würde der Opfer der NS-Militärjustiz gekämpft. Ohne sein vielfältiges Engagement wäre deren gesetzliche Rehabilitierung nie zustande gekommen. Er und seine Mitstreiter/innen setzen sich seitdem dafür ein, dass das Gedenken an diese Opfer, die für ihren Widerstand und ihre Renitenz gegen Krieg und Gewalt ihr Leben gaben oder Verfolgung und Demütigung erleiden mussten, einen eignen Platz in der deutschen Erinnerungskultur erhält. Für das Gedenken an Aktionen des Widerstands und Gewaltverzichts "einfacher Leute" muss es eigene Zeiten und Orte geben, wenn die Förderung von "Zivilcourage" und "ziviler Konfliktbearbeitung" als gesellschaftspolitische Aufgabe begriffen wird. Ein deutliches Erinnern im Rahmen bestehender Gedenktage (z.B. 27.1. oder 20.7.) wäre schon ein Fortschritt, solange ein spezieller Gedenktag fehlt. In einer Gesellschaft, die zivilen Werten verpflichtet ist, muss das Gedenken daran zumindest ebenso selbstverständlich sein, wie das Jahr für Jahr mit staatlicher Unterstützung organisierte Gedenken an den Widerstand des 20. Juli 1944.

Wie könnte das konkret geschehen? Seit Jahren liegt das detaillierte Konzept einer "Wanderausstellung Wehrmachtsjustiz" vor, die diesbezügliches Unrecht aufarbeiten und zum würdigen Gedenken der Opfer beitragen soll. Trotz ungezählter Nachfragen ist bis heute nicht sichergestellt, dass diese überfällige Erinnerungs- und Gedenkarbeit aus Bundesmitteln gefördert wird und tatsächlich zustande kommt. Die Ausstellung könnte - nachdem sie durch die Bundesländer "gewandert" ist - einen festen Platz z.B. in der "Gedenkstätte des deutschen Widerstands" oder an anderer geeigneter Stelle in Berlin erhalten. Auch anderenorts gibt es gute Möglichkeiten, das Gedenken an die Deserteure und Kriegsdienstverweigerer der Wehrmacht nicht allein privaten Initiativen und friedensbewegten Gruppen zu überlassen, sondern deren verdienstvolle Aktivitäten auch durch politische Signale zu unterstützen. So zum Beispiel im sächsischen Torgau, dem Sitz des ehemaligen Reichskriegsgerichts und Straflagers, wo über 1.000 Deserteure und Kriegsdienstverweigerer verurteilt und mehrere hundert hingerichtet worden sind. Obwohl seit über einem Jahrzehnt versprochen, gibt es dort bisher keinen würdigen Ort des Gedenkens für diese NS-Opfer und deren Angehörige. Auch eine Ausstellung, die nach Art und Umfang den Vorstellungen der Opfer gerecht wird, lässt immer noch auf sich warten. Ob die in Aussicht gestellten Projekte in Niedersachsen am Ort der ehemaligen Emslandlager, einem Konzentrationslager für Tausende von Deserteuren und Verweigerern, die als "Moorsoldaten" dort oft bis zum Tode Zwangsarbeit verrichten mussten, in absehbarer Zeit dort wirklich zu einer Gedenkstätte führen, ist ebenfalls noch offen. Kurz: Eine gesetzliche Rehabilitierung, die ohne Konsequenzen für das Gedenken bleibt, wirft neue Fragen auf - nicht nur an die Erinnerungskultur, sondern auch an das Selbstverständnis einer zivilen Gesellschaft.

Aus: "zivil, Heft 1/05"

Kontakt: Evang. Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerer (EAK), Wachmannstraße 65, D-28209 Bremen, Tel.: 0421/344037 Fax: 0421/3491961. www.eak-online.de



Günter Knebel ist Mitglied der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz.
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