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 Nie wieder Krieg ...

Gegen den Strom: Amerikanische Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg

Larry Gara

Die Amerikaner sehen den zweiten Weltkrieg oft als einen populären Krieg, wo die jungen Männer in den 1940er Jahren sich anstellten, sich rekrutieren zu lassen, um die Zivilisation zu retten. Doch wichtige Faktoren, die dieses Bild modifzieren, werden oft übersehen. Eine Periode der Enttäuschung nach dem Ersten Weltkrieg machten Isolationismus und Antikriegsgefühle in den 20er und 30er Jahren populär. Es ist auch praktisch vergessen, dass Hitler wegen seines Antikommunismus und seiner Politik von Gesetz und Ordnung bedeutende Unterstützung aus westlichen Quellen erfuhr. Ebenso vergessen ist die Weigerung der USA, ihre Einwanderungspolitik zu liberalisieren, um eine größere Zahl Juden aufzunehmen, als es diesen noch möglich war, Deutschland zu verlassen. Und noch weniger bekannt ist die überraschende Tatsache, dass 75% der amerikanischen Soldaten im Kampf ihre Waffen nicht benutzten.Viele Amerikaner zu jener Zeit sahen den Krieg als nicht anders als alle anderen Kriege. Junge Männermit religiösen oder ethischen Überzeugungen, die ihnen verboten, Menschenleben zu vernichten, sahen sich dem gleichen Dilemma gegenüber wie immer, nämlich ob sie ihre Überzeugungen aufgeben und dienen sollten oder ob sie den wenig genutzten Weg wählen sollten, beiseite zu stehen.

Im Ersten Weltkrieg wurden Kriegsdienstverweigerer in die Armee gezwungen und dann in Kriegsgerichten für Befehlsverweigerung verurteilt. Sie leisteten lange Haftstrafen ab und wurden in Militärgefängnissen geschlagen oder gefoltert. Als ein zweiter solcher Krieg sich abzeichnete, hofften die historischen Friedenskirchen - Mennoniten, Brethren und Quäker - ebenso wie Regierungsbeamte, die Wiederholung solcher Ungerechtigkeit zu verhindern. Ein Gesetz von 1940 erlaubte einen Diesnt für Nichtkombattanten im medizinischen Corps für jene, die ihn akzeptieren würden, und Arbeit von "nationaler Bedeutung" unter ziviler Kontrolle für die Anderen. Das Gesetz machte aber keine Vorkehrungen für jene Totalverweigerer, die sich nicht einmal für die Wehrpflicht registrieren lassen wollten. Die Militärakten unterscheiden Verweigerer nicht von anderen Nichtkombattanten, aber ein offizieller Historiker behauptet, dass ungefähr 25.000 Kriegsdienstverweigerer als Nichtkombattanten dienten. Einige wurden sogar ausgezeichnet. Desmond Doss, ein Siebenter-Tag-Adventist, bekam die Ehrenmedaille des Kongresses dafür, dass er half, 75 Verwundete zu retten, wobei er selbst verletzt wurde.

Anerkannte Kriegsdienstverweigerer, die den zivilen Dienst wählten, wurden in Arbeitslager geschickt, die als Lager des Zivilen Öffentlichen Dienstes bekannt wurden. Die Lager wurden in Naturschutzgebieten oder anderen Gegenden fern von Bevölkerungszentren angesiedelt, was manche Verweigerer zu der Klage veranlasste, das man sie verstecken wollte. Schließlich erlaubte man ausgewählten Männern, Dienst außerhalb der Lager zu leisten, vor allem in Krankenhäusern oder medizinischen Forschungseinrichtungen.

Von den fast 6.000 Männern, die wegen Kriegsdienstverweigerung ins Gefängnis gingen, waren drei Viertel Zeugen Jehovas, deren Totalverweigerung nicht anerkannt wurde. Mit Ausnahme ein paar weniger Fachstudien ist die Geschichte der Verweigerer im zweiten Weltkrieg weitgehend ignoriert worden. Selbst ihre Gefängnisakten exisiteren nicht mehr. Doch wenn eine demokratische Regierung sich entscheidet, fast 6.000 junge Menschen zu politischen Gefangenen zu machen, dann enstehen Fragen: Wer waren sie, warum verweigerten sie, und was - falls überhaupt etwas - erreichten sie?

Obwohl es immer riskant ist, Motive zuzuschreiben, bestehen doch überwältigende Hinweise, dass frühe religiöse und ethische Erziehung eine große Rolle bei der Ausformung der Sicht von Männern spielte, die sich entschieden, einen Krieg abzulehnen, den ihre Mitbürger befürworteten. Eine solche Entscheidung war für manche schwieriger als für andere. Dies galt besonders für die jüdischen Pazifisten wie für Mitglieder anderer ethnischer Gruppen wie Muslime, Japaner und Indianer, die alle rassische Diskriminierung erfuhren und doch alle Verweigerer in ihren Reihen hatten. Eine sehr kleine Minderheit waren Atheisten, deren Weigerung zu töten aus humanistischen Gründen allein erklärt wurde. Als David Dellinger das zweite Mal ins Gefängnis kam, fasste er die Gefühle wohl fast aller Kriegsdienstverweigerer wie folgt zusammen: "Ich glaube, dass jeglicher Krieg nutzlos ist. Selbst ein sogenannter Verteidigungskrieg ist insofern übel, als dass er aus Lügen, Hass und Selbstgerechtigkeit und den zerstörerischsten Gewaltmitteln, die der Mensch erfinden kann, besteht.Diese Dinge korrumpieren selbst den idealistischsten Kriegsbefürworter. Sie schaden selbst den unschuldigsten Kindern der "feindlichen Länder." Ein anderer Mann schrieb: "Solange wir die Prinzipien der Gewalt, der Verehrung des Staates, Wehrpflicht, Verzerrung der Wahrheit und die anderen Saaten von Hass und Angst inhärent in Krieg annehmen, stärken wir unweigerlich die Macht, die diese Prinzipien über den Menschen haben." Die Verweigerer sahen Töten im Krieg als gleichrangig mit Mord. Obwohl sie den Nationalsozialismus ablehnten, meinten sie, dass die organisierte Tötung von Deutschen und Japanern gerechtfertigt war, und sie waren überzeugt, dass andere Formen des Widerstandes hätten gefunden werden können. Und auf jeden Fall hinderten ihre tiefsten persönlichen Überzeugungen sie daran, andere Menschen zu töten, egal was der Grund war.

Nach dem Krieg forderten Friedensorganisationen wie Kirchen und Bürgerinitiativen eine Amnestie für diejenigen, die das Wehrpflichtgesetz verletzt hatten. Die öffentliche Meinung war für sie, und im Dezember 1947 verkündete Präsident Henry Truman eine persönliche Amnestie für 1.523 Männer - ungefähr ein Zehntel aller Betroffenen. Die meisten der Aktivisten, die gegen die Gefängnisordnung sich zur Wehr gesetzt hatten oder in Streik getreten waren, wurden ausgenommen.

Nur langfristig können die bedeutendsten Leistungen der Verweigerer erkannt werden. Indem sie ihrer eigenen Vision treu blieben, erbrachten sie eine machtvolle Stellungnahme gegen Krieg. Indem sie darauf bestanden, dass die Ziele schließlich die Mittel bestimmen, verhinderten sie, dass "totaler Krieg" total wurde. Sie pflegten das Ideal der Gewaltfreiheit zu einer Zeit, als der Rest der Welt tief in einer Orgie der Gewalt versunken war. In Lagern und Gefängnisse demonstrierten sie die Macht der Gewaltlosigkeit, um ungerechte Praktiken zu verändern. Auf ihre eigene Weise, Gandhis Methoden nutzend, kämpften auch sie für die Freiheit. Ihr Zeugnis gegen Krieg, dem sich einige zurückgekehrte Kriegsveteranen anschlossen, war Teil eienr internationalen Friedensbewegung und stellte ein wichtiges Kapitel in der Geschichte amerikanischen Widerstandes dar. Es verdient, zusammen mit der Abschaffung der Sklaverei, dem Kampf für Frauenrechte und der Bürgerrechtsbewegung genannt zu werden, die alle dazu beitrugen, eine gerechtere und menschlichere Gesellschaft zu schaffen.

Larry Gara ist Kriegsdienstverweigerer aus den USA. Er lebt in Ohio. Dieser Artikel ist ein Auszug aus einem längeren Beitrag zu einem Buch über Kriegsdienstverweigerer, das demnächst in den USA veräffentlicht wird. Larry und ein Kollege von ihm werden im Frühjahr auf Einladung des Internationalen Versöhnungsbundes-Deutscher Zweig (vb@versoehnungsbund.de) eine Vortragsrundreise durch Deutschland machen.

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