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 Indien

Ein Überblick über die indische Außenpolitik seit der Unabhängigkeit.

Friedensmacht Indien?

Carsten Rauch

Indien genießt seit einigen Jahren einen enormen Machtaufstieg, der nur noch von dem Chinas übertroffen wird. Aber wer steigt da eigentlich auf? Eine Militär- und Atommacht? Eine Wirtschaftsmacht? Oder sogar eine Friedens- und Zivilmacht?

Ende des 20. Jahrhunderts hieß es oft: Südasien sei der gefährlichste Platz der Welt. Wo, wenn nicht hier, wo mit Indien und Pakistan zwei Erzrivalen, die seit 1947 vier Kriege gegeneinander geführt haben und 1998 zu allem Überfluss auch noch Nuklearwaffen testeten, sollte der nächste große Krieg - eventuell gar der erste Atomkrieg - beginnen!

Dabei war der indische Subkontinent mit so vielen Vorschusslorbeeren in die Unabhängigkeit gestartet. Kein blutiger Kampf war genutzt worden, um die Kolonialherren zu vertreiben; stattdessen überwand das indische Volk mit Mahatma Gandhi und seiner Philosophie des gewaltlosen Widerstands das mächtige britische Empire. Das unabhängige Indien ging auch nicht den Weg vieler ehemaliger Kolonien, die eine fremde Diktatur einfach durch eine Diktatur Einheimischer ersetzten; stattdessen etablierte man ein demokratisches politisches System und schrieb die Menschenrechte in der Verfassung fest.

Auch in der internationalen Politik ging Indien einen Weg, der - zumindest vordergründig - friedenspolitisch vorbildlich zu sein schien: Jawaharlal Nehru, der erste Ministerpräsident (1947-1964), kritisierte stets all das, was auch von der Friedensbewegung beanstandet wurde und wird: Kolonialismus, Ausbeutung der Dritten Welt, Rassendiskriminierung und Aufrüstungspolitik. Den Weg der Welt geradewegs vom Zweiten Weltkrieg direkt in den Kalten Krieg hinein wollte Nehru nicht mitgehen. Machtpolitik hatte in seinen Augen in der Vergangenheit zu Tragödien geführt und würde das auch in der Zukunft wieder tun. Dementsprechend ließ sich Indien auch nicht in das neue Blocksystem einbinden, sondern versuchte die sich entwickelnde Bipolarität zu transzendieren, indem es die Gründung der Bewegung der Blockfreien forcierte. Trotz seiner Wertschätzung für die Demokratie ließ Nehru es sich nicht nehmen, auch mit autokratischen Staaten wie der Sowjetunion und China kooperative Beziehungen anzustreben.

Als 1965 Nehrus Tochter Indira Gandhi zur nächsten Premierministerin gewählt wurde, schien auch sie zum Darling der Friedensbewegung werden zu können. Sie ergänzte Nehrus Politik noch um einen stärkeren Antiamerikanismus und einer harten Kritik an der Weltwirtschafts- und Weltinformationsordnung, die - auch in den Augen vieler westlicher Beobachter - die Entwicklungsländer zugunsten der Industriestaaten benachteiligten. Doch dieser Honeymoon währte nur kurz: 1974 löste Indien eine erste "friedliche Kernexplosion" aus (ein Euphemismus mit dem ausgesagt werden sollte, der Atomtest habe nur dazu gedient, die zivile Nutzung der Nukleartechnik voranzutreiben), und 1975 zeigte Indira Gandhi, dass sie sich zur Sicherung ihres Machterhalts keineswegs nur auf demokratische Mittel beschränken würde. Als ihr aufgrund eines Gerichtsurteils der Entzug ihres Parlamentssitzes drohte, ließ sie kurzerhand den Ausnahmezustand erklären, der die Demokratie in Indien für gut zwei Jahre quasi außer Kraft setzte. Die Wähler bestraften sie zwar dafür 1977 mit ihrer Abwahl, doch bereits 1980 gewann sie die nächsten Wahlen wieder triumphal und saß erneut fest im Sattel.

Danach wurde es lange Zeit still um Indien (zumindest was die Rezeption im Westen betrifft), bis 1998 zunächst der Wahlsieg der hindu-nationalistischen BJP - die von vielen für das Aufflammen kommunalistischer Gewalt in Indien verantwortlich gemacht wird - und kurze Zeit später durch die Durchführung weiterer Atomtests das Land am Ganges wieder in die Schlagzeilen geriet und als "böser Bube" ausgemacht wurde (gegen den sogar die USA und China im UNO-Sicherheitsrat gemeinsam Position bezogen).

Es scheint also eine lineare Entwicklung zu geben vom progressiven und pazifistischen Jawaharlal Nehru über die ambivalente Indira Gandhi bis hin zum atomar bewaffneten heutigen Indien. Indes vereinfacht eine solche Sichtweise eine sehr viel komplexere Wirklichkeit über die Maßen und würde zu falschen Schlussfolgerungen führen.

Bereits Nehru war keineswegs nur der Engel, als welcher er zuweilen dargestellt wird. Während er (durchaus glaubhaft) auf globaler Ebene zu Kooperation, Abrüstung und vor allem friedlicher Konfliktlösung aufrief, handelte er ganz anders, wenn er vitale indische Interessen in Gefahr sah. Im Kaschmir-Konflikt mit Pakistan war Indien zwar nicht der Aggressor, aber eben auch keineswegs bereit Kompromisse einzugehen. Goa, die letzte europäische Kolonie auf indischem Boden, ließ er, ohne mit der Wimper zu zucken, militärisch erobern, als Verhandlungen mit Portugal über eine Rückgabe scheiterten. Und auch die kleinen indischen Nachbarstaaten, vor allem Bhutan und Nepal, mussten feststellen, dass Indien Gleichberechtigung dann nicht mehr in den Mittelpunkt seiner Politik stellte, wenn es selbst die überlegene Partei darstellte.

Indira Gandhi und der ihr als Ministerpräsident nachfolgende Rajiv Gandhi gingen sogar noch deutlich weiter. Denn verleibte sich ihr Vater mit Goa noch ein Gebiet ein, das zwar unter europäischer Herrschaft stand, aber unzweifelhaft historischer Teil Indiens war, so annektierte Indira Gandhi 1975 den Himalayastaat Sikkim. Dieser war zuvor 300 Jahre lang ein selbstständiges Königreich gewesen und hatte sich in einer Volksabstimmung 1947 gegen den Beitritt zu Indien entschlossen. Der Druck auf die Nachbarstaaten wurde ebenfalls deutlich verstärkt. Ein Ausdruck davon war die sogenannte Indira-Doktrin, deren Kern es war, andere Mächte als Indien aus der Region herauszuhalten. Die Idee der Blockfreiheit (schon vorher oft mehr Symbol als tatsächliche Politik) wurde in dieser Zeit zur Farce und Indien zum Quasi-Bündnispartner der Sowjetunion.

Als 1990 der Kalte Krieg endete, hatte diese Art von Außenpolitik Indien in eine Sackgasse geführt. Weltpolitisch stand das Land weitgehend isoliert und (nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion) ohne starken Partner da. Regional war Indien zwar gefürchtet, aber ebenso verhasst, was es China erleichterte, in Indiens Nachbarstaaten Fuß zu fassen. Seit Beginn der 90er Jahre verstanden Regierungen verschiedenster parteipolitischer Couleur diese Krise jedoch als Chance und begannen mit einer Neujustierung der indischen Außenpolitik. Die Beziehungen zur verbliebenen Weltmacht USA, die traditionell gespannt gewesen waren, wurden deutlich bis hin zur strategischen Partnerschaft verbessert. Mit Russland, Japan, Australien und Europa wurden ähnliche Vereinbarungen getroffen. Gegenüber der Volksrepublik China (gegen die Indien 1962 einen kurzen, aber traumatischen Grenzkrieg verlor) wird einstweilen auf Entspannung gesetzt. Und selbst mit dem Erzfeind Pakistan begann (nach dem letzten Krieg 1999) ein vorsichtiger Friedensprozess.

Auch auf regionaler Ebene sind die Veränderungen deutlich erkennbar. Die Indira-Doktrin wurde durch die Gujral-Doktrin ersetzt, die weniger auf erzwungene Dominanz denn auf gutnachbarschaftliche Führung setzt. Regionale Integrationsbemühungen, denen Indien zuvor meist im Wege stand werden mittlerweile unterstützt und genutzt, auch wenn sie in Südasien noch in den Kinderschuhen stecken. Und Hilfe von außen wird heute nicht mehr barsch als Einmischung zurückgewiesen, sondern als wünschenswerte Unterstützung willkommen geheißen.

Die Atomtests von 1998 erscheinen vor diesem Hintergrund zwar immer noch als bedauernswerter und äußerst gefährlicher Rückschritt, sie sind aber keineswegs Teil einer indischen Gesamtstrategie mit der Indien aggressiv und gewalttätig sein Einflussgebiet auszudehnen gedenkt (zu den genaueren Hintergründen, vgl. den Beitrag von Andreas Schmidt in diesem Heft).

Harald Müller entwirft in seinem optimistischen Werk "Weltmacht Indien - Wie uns der rasante Aufstieg herausfordert" ein Zukunftsszenario, in dem die indische Flotte den Ausbruch eines dritten Weltkrieges zwischen den USA und China verhindert, indem sie entschlossen und uneigennützig zwischen die kampfbereiten Schiffe aus Washington und Peking stößt und damit den Weg für eine Verhandlungslösung ebnet.

Ein solches Indien wäre wahrlich eine Friedensmacht. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Entgegen dem Trugbild einer linearen Entwicklung weg von diesem Ideal, kann man allerdings feststellen, dass die Bewegung heute (und sei es nur in Trippelschritten) wenigstens in die richtige Richtung geht.

Empfehlungen zum weiterlesen:

Mohan, Raja C. 2003: Crossing the Rubicon - The Shaping of India`s New Foreign Policy, London et al.

Müller, Harald 2006: Weltmacht Indien - Wie uns der rasante Aufstieg herausfordert, Frankfurt am Main.

Nayar, Baldev Raj und T.V. Paul 2003: India In The World Order - Searching For Major-Power Status, Cambridge.

Rauch, Carsten 2008: Blockfreiheit Ade? - Wandel und Konstanz der indischen Außenpolitik seit der Unabhängigkeit, HSFK-Report 5/2008, Frankfurt am Main (im Erscheinen).

Wagner, Christian 2005: Die `verhinderte` Großmacht? - Die Außenpolitik der Indischen Union, 1947-1998, Baden-Baden.



Carsten Rauch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projektbereich "Rüstungskontrolle und Abrüstung" bei der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Er promoviert derzeit über aufsteigende Mächte.
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