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 Indien

Indien. Ein Vexierbild

Bernard Imhasly

Überblick, Rückblick, Ausblick, Einblick: Es sind Perspektiven des Sehens, in die sich Journalisten, diese professionellen "Seher" und "Berichterstatter", gerade im Fall Indiens gern flüchten, weil ihnen die Fähigkeit dessen abgeht, was einzig zählt: der Durchblick. Die meiste Berichterstattung besteht aus Helikopteraufnahmen, für die man sich der festgefahrenen Vorurteile bedient - oder diese bei Lesern und Zuschauern bedient -, die vorgeben, Antworten zu sein, wenn die Frageform die einzig ehrliche Satzform wäre.

1984, als ich mich in Indien niederließ, musste ich gegen das Klischee ankämpfen, dass alle Inder arm sind. 23 Jahre später hat sich ein anderes Vorurteil an dessen Stelle gesetzt: dass alle Inder reich sind, oder zumindest so gescheit und gut ausgebildet, dass sie unsere Arbeitsplätze gefährden.

Dabei besteht die Schwierigkeit nicht darin, dass Klischees unwahr sind - im Gegenteil: die meisten sind wahr, nur ist ihr Wahrheitsanspruch so begrenzt. Sie sind eine der vielen Wahrheitsformen, die dieses Land hervorbringt und die das Suchen nach dem "gemeinsamen Nenner" so schwer machen, weil dieser so groß und imaginär wie der Äquator ist.

Dies hat weniger mit der geografischen Ausdehnung Indiens zu tun. China ist viel größer, auch die USA, Brasilien und Kanada sind es, von Russland nicht zu reden. Aber diese Staaten weisen eines oder mehrere Kriterien des klassischen Nationalstaats auf, seien es gemeinsame Sprache oder Ethnizität, eine zentralisierende politische Struktur oder einen hohen ökonomischen Integrationsgrad.

Indien rangiert auf allen diesen Skalen sehr tief. Es weist vielmehr eine Diversität gesellschaftlicher Gruppen entlang aller soziologischen Kriterien - ethnisch, sozial, wirtschaftlich, politisch - auf, mit denen sich weltweit kein anderes Land messen dürfte. Ein eindrückliches Beispiel war für mich die Anzahl der Sprachen, in denen die Wahlzettel bei den nationalen Parlamentswahlen gedruckt wurden: es waren 112. (Inzwischen sind sie durch elektronische Tipp-Apparate ersetzt worden, auf denen nur die Bildsymbole der Parteien erscheinen). Und was noch mehr irritiert: Indien scheint sich in dieser Vielfalt wohl zu fühlen. Während andere Staaten alles tun, um aus ihren sozialen Gruppen eine Nation zu machen - "eE pluribus Unum", wie es im Wappen der USA heißt - tut Indien nichts dergleichen. "eE pluribus Plurum", könnte das nationale Motto des Landes lauten.

Immerhin, so könnte man dagegenhalten, führt Indien regelmäßig Wahlen durch. Es ist zweifellos die erfolgreichste Demokratie der Welt, wenn man in Rechnung stellt, dass es das allgemeine Wahlrecht einführte, als 88% der Bevölkerung noch Analphabeten waren und die Hälfte Hunger litten. In Europa dauerte es hundert Jahre, bis das allgemeine Stimm- und Wahlrecht verankert war - in den USA, der selbsternannten "ältesten Demokratie der Welt", bis in die Sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts. Und bis heute sind die fleißigsten Wähler die Armen geblieben. Es ist eines der ergreifenden Bilder, die sich im Gedächtnis festhalten: Frauen, die am Wahltag ihren einzigen besseren Sari - meist den Hochzeitssari - anziehen, und stundenlang im Regen oder der glühenden Sonne vor den Urnen anstehen, um später stolz den Tintenfleck auf ihrem rechten Zeigefinger vorzeigen zu können, der sie als Wähler auszeichnet.

Die Popularität von Wahlen zeigt sich nicht nur in den hohen Wahlbeteiligungen. Wähler werden oft mit Lastwagen und Bussen zu den Urnen befördert, sie werden mit Imbissen und Getränken versorgt - in der Hitze ist es nicht selten Eiskreme. In der Grenzregion zwischen Andhra Pradesh und Maharashtra gibt es einige Dörfer, die von beiden Bundesstaaten beansprucht werden. Dort gehen die Bürger jeweils zweimal wählen, weil jeder Staat seine eigenen Urnen aufstellt und Parteien ihre eigenen Kandidaten.

Aber auch diese Wahrheit - dieses Klischee - kann aufgebrochen werden: Was ist das für eine Demokratie, so fragt sich der Beobachter immer wieder, die seine Bürger zwar regelmäßig an die Urnen lässt, aber nach sechzig Jahren nicht fähig ist, das Los der Armen, seiner wichtigsten Konstituente, grundlegend zu verbessern? Die zentralindischen Dorfbewohner können zwar zweimal wählen - und sie tun es mit Gusto -, weil sich beide Bundesstaaten diese paar Stimmen streitig machen. Aber dies hat nichts daran geändert, dass keiner der beiden Regierungen oder die Parteien es für nötig gehalten haben, dort Schulen und Krankenstationen zu errichten.

Dennoch haben es Generationen von Politikern und ein ineffizienter Staat nicht fertiggebracht, den Enthusiasmus und die Hoffnung der Wähler in den demokratischen Prozess zu zerstören. Im Gegenteil, für viele bleibt es das einzige Hoffnungssymbol für ein besseres Leben. Für einige sind sie sogar lebensspenden geworden. Im Bundesstaat Uttar Pradesh begegnete ich einmal einer "Totenpartei". Sie wurde von einem Mann gegründet, der offiziell nicht mehr existierte. Ein Verwandter hatte es dank Bestechung fertiggebracht, ihn für tot erklären zu lassen, damit er sein Land erben konnte. Der Totgesagte kämpfte während Jahren darum, "rehabilitiert" zu werden bzw. von den Toten aufzuerstehen - ohne Erfolg. Da er nicht existierte, konnte sein Antrag auf Existenzbestätigung auch nicht entgegengenommen werden.

Bis der Mann eine kleine Lücke entdeckte. Kein Gesetz hindert einen Toten daran, eine politische Partei zu gründen und sich als Wahlkandidat aufzustellen. Das tat der Tote. Zwar verlor er die Wahl, doch hatte er von sich reden gemacht. Hunderte von Scheintoten nahmen Kontakt mit ihm auf, so dass er sich entschloss eine "Partei der Toten" zu gründen. Deren einziges Wahlmanifest bestand aus der Forderung nach Wiederaufnahme seiner Mitglieder in den Kreis der Lebenden. Die Publizität sorgte schließlich dafür, dass der Staat gezwungen wurde, gegen derart rabiate Formen der Erbschleichung einzuschreiten.

Doch auch diese Kehrseite der Kehrseite hat ihre - Kehrseite. Die Popularität demokratischer Wahlen ist auch deshalb so groß, weil politische Ämter ein lukratives Geschäft geworden sind. So kommt es, dass nicht nur die Scheintoten von Uttar Pradesh ihre Partei gründen, sondern dass eine Parteimitgliedschaft für Kriminelle zu einer interessanten Existenzsicherung geworden ist. Ein Viertel der Abgeordneten des indischen Parlaments erscheint im Vorstrafenregister oder steht unter Anklage. Die letzten Regionalwahlen zeigten zudem, dass diese Kandidaten eine höhere Gewinnchance haben. Ausgerechnet Premierminister Manmohan Singh, einer der wenigen grundehrlichen Politiker des Landes, musste es erleben, dass einer seiner Ministerkollegen wegen Beihilfe zu Mord vom Kabinett ins Gefängnis wanderte.

Der einzige Schutz davor, bei dieser Komplexität der Realität zu Gemeinplätzen Zuflucht zu nehmen, ist, das Paradox zur Erklärungsform zu machen und das Tragikomische zur beherrschenden Gefühlslage. Immer wieder brechen sich positive Prozesse in ihren fragwürdigen Ausdehnungen - aber genauso gilt das Gegenteil. Dies bringt Geschichten von absurdem Heroismus ans Licht, voller Humanität und Anklage, wie jene des Manns aus Bihar, dessen Glaube wirklich einen Berg versetzt hat.

Sein Dorf war von der nächsten Kleinstadt nur durch einen steilen Hügelrücken getrennt, sodass die Straße dahin zwanzig Kilometer lang war. Für seine Frau wurde sie zu lang, als er sie, schwerkrank, auf dem Ochsenkarren ins Krankenhaus bringen musste. Sie starb auf dem Weg. Das Dorf hatte während Jahren beim Bezirksverantwortlichen interveniert, damit der Staat mit einem Durchstich des Hügelrückens eine kürzere Verbindung zur Stadt und ihren essentiellen Grundleistungen herstelle - vergeblich.

Der Mann, von Trauer über den Tod seiner Frau erschüttert, beschloss, selber Hand anzulegen. Er begann, den Berg abzutragen. Es wurde sein Lebensinhalt. Jeden Tag grub er tiefer in den Boden hinein, und bald lebte er auch auf seinem Arbeitsplatz. Heute, nach beinahe dreißig Jahren, hat er eine Bresche in den Hügelzug geschlagen. Vor einigen Monaten erklärte sich der Bundesstaat Bihar, aufgeschreckt von der wachsenden Publizität, endlich bereit, eine Trasse zu legen - und den Mann mit einer Auszeichnung zu ehren. Es ist eine Geschichte von individuellem Heroismus, es ist aber auch eine Geschichte über die sträfliche Vernachlässigung der Armen durch "ihren" Staat.

Das Paradox, das Indien darstellt, macht nicht einmal vor der sozialen Grundkonstante des Kastenwesens halt, dessen hierarchische Rigidität und Eindeutigkeit mehrere tausend Jahre überlebt hat. Da genügen geringe sechzig Jahre Unabhängigkeit nicht, um es auszurotten, obwohl die Verfassung dies zu einem prioritären Ziel erklärt hat. Noch immer ist die soziale Achtung der Dalits eine tägliche Realität. Vor einem Jahr lancierte SriSri Ravishankar, einer der vielen indischen Gurus, eine landesweite Aktion mit zwei Zielen - der Zulassung der Dalits in allen Hindu-Tempeln des Landes und der Abschaffung der "Zwei-Becher-Praxis". Journalisten, die wissen wollten, was damit gemeint war, erfuhren, dass in zahlreichen Dörfern des Landes die Tee-Schenken am Straßenrand zwei Sortimente von Bechern führen - solche für Dalits und solche Für Nicht-Dalits.

Doch wie lässt sich diese Praxis mit der Tatsache vereinbaren, dass es sozial höher gestellte Kasten gibt, die dafür kämpfen, vom Staat in die Liste der "scheduled castes" (oder "SCs") - dem euphemistischen Ausdruck für Dalits - aufgenommen zu werden? Im Bundesstaat Rajasthan kam es im letzten Frühjahr zu wochenlangen Ausschreitungen der Gujjars. Sie protestierten dagegen, dass die Regierung ihrem Wahlversprechen nicht nachgekommen war, ihre Kuhhirten-Kaste zu "SCs" zu machen. Über ein Dutzend Menschen kamen ums Leben, und während einer Woche waren die Nationalstraßen und Eisenbahnlinien unterbrochen, die aus Delhi führten, und die Wasserversorgung der Hauptstadt kam ins Stocken.

Woher erklärt sich dieser Widerspruch? Seine Wurzel liegt in der Verfassungsbestimmung, wonach das Kastenwesen abgeschafft gehört. Aber bis dies soweit ist - die Verfassungsväter setzten eine Frist von zehn Jahren - sollten für die Dalits (und die Ureinwohner) Quoten geschaffen werden, die ihnen den Zugang zu staatlichen Jobs und Studienplätzen erleichtern sollten. Für viele Dalits und Adivasis wurden diese "Reservationen" zur Leiter für einen rascheren ökonomischen, wenn nicht sozialen, Aufstieg. Doch die sträfliche Vernachlässigung des Schulwesens durch den Staat (und eine langjährige wirtschaftliche Stagnation) haben zu einem zähen Kampf um Jobs und Schulplätze geführt. Und sie haben das Ziel von zehn Jahren in weite Ferne verschwinden lassen.

Diese "affirmative action" hat inzwischen auch bei höheren Kasten ohne Quotenzuteilung die Begierde auf solche Privilegien geweckt. Sie geht so weit, dass sie bereit sind, selbst jahrtausendealte Kastenschranken nieder zu reißen. Gerade die Bauernkasten, die dank der "Grünen Revolution" wirtschaftlich aufgestiegen sind, wollen ihre Kinder in die Schule schicken. Sie setzen ihre geballte Stimmkraft ein, um von Politikern Wahlversprechen zu erzwingen, die ihnen den "Abstieg" in eine Kaste erlauben, die eigentlich verfemt ist. Denn sie haben gesehen, dass bestimmte Dalit-Unterkasten aufgrund der Staatsjobs - etwa in der Polizei - erhebliches ökonomisches Gewicht erlangt haben, das die rituelle soziale Ausgrenzung mehr als wettmacht. Und sie vertrauen darauf, dass der "SC"-Status ihnen keine sozialen Nachteile bringen wird. Das einzige Problem - und der Auslöser der Gujjar-Unruhen in Rajasthan: die dominierende Dalit-Kaste der Meenas hat keine Lust, ihre Privilegien bei Staatsjobs und Studienplätzen mit den Parvenüs aus den höheren Kasten zu teilen. Und die Kastenidentität bleibt so virulent wie eh und je, auch wenn der Stachel des Stigmas allmählich seine giftige Wirkung einbüßt.

Es gibt viele solche Beispiele, die zeigen, dass in Indien sowohl Behauptung wie ihr Gegenteil wahr sein können. Tiefe Religiosität? Zweifellos, wenn man die "Kanwarias" betrachtet, die jedes Jahr nach Hardwar pilgern, um dort Gangeswasser zu schöpfen und es wieder in wochenlanger Wanderschaft nach Hause zu tragen. Man sieht sie während der Monsunzeit, wie sie, barfuß und die Holzgestelle mit den Tonkrügen auf dem Kopf balancierend, durch den Großstadtverkehr wippen. Und man ist beeindruckt von so viel Inbrunst - auch wenn man weiß, dass viele ihr Wasser zuhause dem Meistbietenden verschachern.

Auch Gewalt und Gewaltlosigkeit sind Themen, die den Beobachter ständig irritieren und aufrütteln. Als ich am 6.Dezember 1992 vor der Moschee von Ayodhya stand und zuschaute, wie sich Horden junger Hindus mit Pickeln und Brecheisen daran zu schaffen machten, wurde ich plötzlich von einigen Männern umringt und an den Rand einer Grube gedrängt. Einer von ihnen kam ganz nahe an mein Gesicht heran und zischte. "Get out, you bloody Muslim". Meine Kamera fiel im Handgemenge auf den Boden, und mir wäre wohl etwas Ähnliches passiert, wären die Rowdies nicht von einer anderen Gruppe zurückgedrängt worden, ebenfalls Hindus, die sich offensichtlich als "Aufseher" betätigten. Sie entschuldigten sich für das Verhalten ihrer Kumpanen, hoben meine Kameratasche auf und begleiteten mich vom Platz.

Zweifellos hilft es manchmal, angesichts der undurchblickbaren Dichte der indischen Realität in die Rolle des Überfliegers zu schlüpfen. Sichtbar wird dabei nicht nur die zeitliche Konstanz, die Unerschütterlichkeit des Elefanten, der sich - im Guten wie im Schlechten - nicht aus dem Trab bringen lässt. Aber auch die räumliche Einbettung in den Kontext Südasiens zeigt im Fall Indiens dieselbe historische Geradlinigkeit eines Landes, dessen tägliche Geschichte aus ständigen Kurven, Umwegen, Sackgassen und Kehrtwendungen zu bestehen scheint. Keines der Nachbarländer weist auch nur annähernd eine derartige politische und gesellschaftliche Normalität auf wie Indien. Pakistan kämpft auch nach sechzig Jahren um eine demokratische Basis, Bangladesch kann seine Demokratie immer noch nicht verstetigen, in Nepal ist die Kollision zwischen etablierten feudalen Kräften und einer doktrinären sozialistischen Alternative in vollem Gange. In Sri Lanka, der Heimat von gerade zwei großen Ethnien, haben sich diese seit 25 Jahren ineinander so verkrallt, dass sie sich nicht mehr voneinander lösen können. Indien dagegen, die Heimat von "einer Million Aufständen - jetzt" (V.S.Naipaul), ist eine Oase der Stabilität. Es lebe der Widerspruch!

Das Bild, das nach 23 Jahren in diesem Land häufig auftaucht, ist das einer riesigen Baustelle - lärmig, staubig, ein Durcheinander von Menschen und Tätigkeiten und Gerätschaften. Und man ist erstaunt, dass aus diesem Chaos das Gebäude einer Nation entsteht, großartig nicht in dessen Größe, sondern in der Fähigkeit, so viele gegenläufige Interessen, Visionen, Partikularismen unter ein Dach zu bringen.



Bernard Imhasly war von 1989 bis Ende 2007 Indien-Korrespondent der "Neuen Züricher Zeitung" und der "taz" in Neu Delhi.
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