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 Indien

Indien und Pakistan: Auf einem neuen Weg?

Rajesh M. Basrur

Zur Jahrtausendwende wurde Südasien, wie US Präsident Bill Clinton es einst formulierte, als `der gefährlichste Ort auf Erden` angesehen. Indien und Pakistan mit ihrer blutigen Geschichte der gewaltsamen Teilung 1947 und drei Kriegen 1947-48, 1965 und 1971 waren in eine neue und gefährliche Phase in ihrem bitteren Streit um Kashmir eingetreten. Ihr Erwerb von Atomwaffen in den späten 1980er Jahren hatte eine Reihe von Krisen hervorgerufen, von denen jede die Gefahr eines Krieges in sich barg, der das Potential hatte, zum Atomkrieg zu werden. Nachdem 1990 militärische Übungen Kriegsbefürchtungen weckten, kam es 1999 zu tatsächlichen Kämpfen in einem beschränkten Umfang, dem sog. `Kargil Krieg`. 2001-2002 drohte ein größeres Aufflammen nach einem Terrorangriff auf das indische Parlament, für den Indien Pakistan verantwortlich machte.

Aber heute scheinen sich die Beziehungen verändert zu haben. Seit Februar 2004 sind Indien und Pakistan in einer Serie von Gesprächen engagiert, dem `Zusammengesetzten Dialog`, der territoriale Fragen einschließlich Kaschmirs, die Reduzierung der Gefahr eines Atomkrieges, wirtschaftliche und kulturelle Kooperation umfasst. Der Prozess hat praktische Ergebnisse gezeigt. Reisen zwischen den beiden Seiten des geteilten Kaschmir sind möglich, das Handelsvolumen ist drastisch von 616 Mio US-Dollar auf 1,7 Milliarden US-Dollar 2005-2006 gestiegen, und es wird erwartet, dass es 2010 die 10 Milliarden-Marke erreichen wird. Die Einrichtung einer Hotline zwischen den beiden Außenministerien hat die Gefahr verringert, dass eine Krise außer Kontrolle gerät. Haben Indien und Pakistan den Punkt erreicht, an dem eine Umkehr nicht mehr möglich ist? Wird die Zukunft anders aussehen als die Vergangenheit?

Aus pessimistischer Sicht ist wenig substantielles erreicht worden, und die negativen Aspekte sind weiter vorrangig. Die Armee dominiert weiterhin Pakistans Politik und wird Indien gegenüber feindlich eingestellt bleiben, da die indische Bedrohung die primäre Rechtfertigung für ihre übermäßig mächtige Rolle im einheimischen politischen Leben ist. Kaschmir bleibt ein Streitpunkt, den keine der beiden Seiten aufgeben will. Beide Länder müssen erst noch das Vertrauen gewinnen, das ihnen erlauben würde, ein größeres Zugeständnis zu machen - z. B. die formale Teilung Kaschmirs entlang der gegenwärtigen Kontrolllinie -, ohne fürchten zu müssen, dass dies ihre nationale Einheit bedrohte. Und letztlich sind die Regierungen auf beiden Seiten relativ schwach, was bedeutet, dass die religiöse Rechte enormen Einfluss ausübt und vermutlich bestenfalls einen eingeschränkten Kompromiss zulassen würde. Während die Gespräche fortgesetzt werden, gehen auch die grenzübergreifenden terroristischen Aktivitäten, gelegentliche Feuergefechte und die intensive Konkurrenz in Afghanistan weiter. Jede Seite beschuldigt regelmäßig die andere, sich in ihre inneren Angelegenheiten einzumischen.

Optimisten mögen gewisse positive Zeichen benennen. Der strategische Fokus in Südasien hat sich von der indisch-pakistanischen Grenze zur pakistanisch-afghanischen hin verschoben. Kaschmir mag für Pakistanis etwas von seinem emotionalen Gewicht bewahren, aber für eine Gesellschaft, deren Überleben bedroht ist, gibt es ein viel größeres Problem, über das man sich Sorgen machen muss: Das Potential der Taliban und Al Quaidas, die die Paschtunen-dominierte Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan kontrollieren, ein zweites Auseinanderbrechen Pakistans zu verursachen (das erste war 1971, als Bangladesh geboren wurde). Man sollte annehmen, dass die Pakistanis aus ihrer jüngsten Erfahrung gelernt haben, dass Unterstützung für jihadi `Freiheitskämpfer` in Afghanistan und Kaschmir nicht nur nicht länger nützlich ist, sondern sich als kontraproduktiv herausgestellt hat, da diese jetzt sich umkehrten und die Hand bissen, die sie fütterte.

Während das Bild getrübt scheint, gibt es tiefere Faktoren, die anzeigen, dass eine Rückkehr zu der konfliktreichen Vergangenheit immer unwahrscheinlicher wird. Zum Einen erlaubt der Druck der Globalisierung nicht den Luxus andauernden und teuren Wettbewerbs und Konfrontation. Weder Indien noch Pakistan können es sich erlauben, dass ihr Kleinkrieg über Kaschmir ihre Energien und Ressourcen von den dringenden Aufgaben wirtschaftlicher Entwicklung abzieht. Indien, das in eine Liberalisierung seiner Wirtschaft durch eine Zahlungsbilanzkrise 1991 wortwörtlich hineingedrängt wurde, hat in seiner Politik Prioritäten gesetzt und hat die Wirtschaft über traditionelle geopolitische Anliegen gestellt. Pakistan hat eine schwerere Aufgabe mit seiner politischen Wiederbelebung - ein Unternehmen, das breite demokratische Politik wiedererwecken muss, während gleichzeitig die Armee und die radikale Rechte unter Kontrolle gebracht werden. Dies wird voraussichtlich nicht einfach sein, und die gegenwärtige Führung hat klargemacht, dass dies keine Zeit ist, um über Kaschmir zu zanken. Pakistans Außenminister Shah Mehmood Qureshi drückte dies im April 2008 deutlich aus: "Wir sind das Kaschmir-Problem aus einem bestimmten Blickwinkel heraus angegangen und sollten jetzt eine andere Herangehensweise versuchen." Es gibt keinen besseren Indikator für die neue Realität als die vorgeschlagene Gas-Pipeline zwischen Iran, Pakistan und Indien, die die Gegenspieler des Subkontinents in eine lohnende Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit bringen würde.

Zum Zweiten haben die Krisen der nuklearen Ära beiden Ländern deutlich gemacht, dass eine Konfrontation schlicht zu gefährlich ist. Bei den drei oben erwähnten Gelegenheiten schauten Indien und Pakistan in den Abgrund und traten zurück. Die Krisen haben eine große Lehre erteilt: Während Atomwaffen Möglichkeiten schaffen, einen Gegner unter Druck zu setzen, schaffen sie viel größere Risiken für beide Seiten. So initiierte Pakistan 1999 eine Krise mit dem Ziel, Indien an den Verhandlungstisch zu zwingen, schuf dabei aber eine kriegsähnliche Situation, die leicht hätte außer Kontrolle geraten können. 2001 und 2002 versuchte Indien, Pakistan zu zwingen, seine Unterstützung für jihadis in Kashmir einzustellen und kam dabei einem großen Krieg zwischen Atommächten gefährlich nahe. Beide Seiten lernten, dass es keine wirkliche Alternative zu einer Verhandlungslösung gibt. Gelegentliche Störungen mögen dazu führen, dass der Prozess verlangsamt oder aufgehalten wird, aber im tiefsten Inneren wissen sie, dass Gewalt nicht länger eine Option ist.

Zum Dritten hat die Dynamik des internationalen Systems die Indien-Pakistan-Gleichung verändert. Indien - der neuerwachte Gigant - wird vom Rest der Welt nicht länger mit Pakistan zusammen gedacht. Strategisch ist es aus dem Subkontinent auf die weitere asiatische Bühne und, in einem begrenzten Sinne, in den Bereich der globalen Machtgleichgewichtspolitik mit dem Dreieck USA-China-Indien getreten, wie es durch das Nuklearabkommen zwischen Indien und den USA vom März 2006 deutlich wurde. Während Pakistan um sein Überleben kämpft, ist Indien auf dem Wege, nach vorne zu schreiten und den Abstand zwischen den beiden Ländern zu vergrößern. Das schwächt nicht direkt Pakistans Sicherheit, denn es ist ja doch eine Atommacht. Aber es verringert Pakistans politische Optionen, auf Indien Druck auszuüben, Kaschmir ganz aufzugeben. Von den beiden ist Pakistan der unzufriedene Staat und hat mit zahllosen Strategien versucht, den Status Quo zu ändern, während Indien (relativ) zufrieden ist, auf Zeit spielen kann und kein Interesse zeigt, sich das gesamten Kaschmir einzuverleiben. Die Veränderung der Machtverhältnisse zwischen den beiden geschah zum Vorteile Indiens, da seine Präferenzen leichter befriedigt werden können.

Dennoch wäre es unrealistisch, ein schnelles Ende dieses speziellen Kalten Krieges zu erwarten. Keines der Länder hat die Art starke Führung, die erforderlich wäre, den Gordischen Knoten zu durchschlagen. Es gibt auch keine Berliner Mauer, die zum Einsturz gebracht werden muss. Die beiden Länder haben keine miteinander unvereinbaren sozialen Systeme, die ihre gegenseitige Existenz bedrohen. Aus diesem speziellen Grunde ist es wahrscheinlich, dass sie gelegentlich die Fühler ausstrecken, bevor sie sich vorsichtig nach vorne bewegen, vielleicht manchmal dabei stolpern, dann weitermachen. Was wir vermutlich erleben werden, ist ein kumulativer Prozess eines allmählichen Wandels, der durch wachsende wirtschaftliche Bande und gegenseitige Abhängigkeit angetrieben werden wird.

Übersetzung aus dem Englischen von Christine Schweitzer



Rajesh M. Basrur ist Associate Professor an der S. Rajaratnam School of International Studies.
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