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 Indien

Delhis Auftritt

Matthias Jobelius

Ein Blick auf Indiens Afrika-Politik zeigt, dass sein Engagement auf dem Kontinent intensiver, strategischer und systematischer geworden ist. Wirtschaftliche Vorteile für Afrika bleiben bislang auf wenige Sektoren in ausgewählten Staaten beschränkt. Die Regierung in Delhi verhehlt nicht, dass sie indische Interessen im Auge hat.

Wegen seiner rasanten wirtschaftlichen Entwicklung haben für Indien die Beziehungen zu Afrika an Bedeutung gewonnen. Die Regierung in Delhi muss Absatzmärkte erschließen und den Zugang zu Rohstoffen und Energie sicherstellen. Dazu dient auch die Ausweitung der Beziehungen zu Afrika.

Drei Charakteristika kennzeichnen den Wandel der vergangenen fünf Jahre:



Die Beziehungen sind intensiver geworden. Nach einer Phase relativen Stillstandes gibt es wieder nennenswerte Initiativen.



Die Initiativen sind strategisch angelegt. Der antikoloniale Befreiungskampf hat als Handlungsimperativ ausgedient, Delhi achtet stattdessen auf seine wirtschaftlichen Interessen.



Die indische Diplomatie geht selektiver vor als früher, sie konzentriert sich auf solche afrikanischen Staaten, die unmittelbar zur Erreichung außenpolitischer Ziele beitragen können. Es geht um ölexportierende Staaten (wie Nigeria oder Sudan), um Länder mit großen indischen Diaspora-Gemeinden (etwa Tansania, Kenia, Mauritius) sowie um handels- und bündnispolitisch wichtige Partner (vor allem Südafrika).


Auffällig ist darüber hinaus die starke Beteiligung Indiens an Friedensmissionen der UN und die daraus folgende Präsenz indischer Soldaten auf dem afrikanischen Kontinent. Allerdings verfolgt die Regierung in Delhi damit keine eigenen militärischen Ziele, sondern präsentiert sich als wichtiges und zuverlässiges Mitglied der Staatengemeinschaft. Damit wird der Anspruch auf eine Führungsrolle in den UN und anderen multilateralen Institutionen unterstrichen.

Buntes Mosaik

Insgesamt bestehen die indo-afrikanischen Beziehungen noch immer aus einem Mosaik wirtschaftlicher, politischer, kultureller und militärischer Kooperationsfelder. Die Gesamtbetrachtung lässt keine konsistente Afrika-Strategie erkennen. Klar ist jedoch, dass die indische Regierung sich um mehr zielführende Kohärenz bemüht. Dabei fallen einerseits handels- und energiepolitische Kooperation, aber andererseits auch die Entwicklungshilfe als Schwerpunkte auf.

Der indo-afrikanische Handel hat seit Beginn der Liberalisierungspolitik Indiens 1991 deutlich zugelegt. Laut dem indischen Handelsministerium stieg das Volumen von damals 573 Millionen Dollar auf heute knapp vier Milliarden Dollar. Seit dem Jahr 2000 wuchs der Warenaustausch pro anno um zehn Prozent.

Die Steigerung verteilt sich jedoch höchst ungleich auf einzelne Länder und Sektoren. 61 Prozent aller afrikanischen Exporte nach Indien bestehen aus Erzen und Metallen. Aus Südafrika allein stammen 68 Prozent der Lieferungen nach Indien. Während Indiens Anteil an den jeweiligen Gesamtexporten in keinem afrikanischen Land über zehn Prozent beträgt, haben verschiedene Staaten bestimmte Teilsektoren primär an den indischen Bedürfnissen ausgerichtet. So gehen fast die Hälfte der sudanesischen und kamerunischen Metall- und fast 100 Prozent der senegalesischen Phosphorsäureexporte nach Indien.

Um die Wirtschaftskooperation zu diversifizieren, setzt Delhi verstärkt auf zwischenstaatliche Handelsabkommen und Investitionsförderungen für indische Unternehmen. Im Jahr 2002 startete die Regierung ihre "Focus Africa"-Initiative mit dem Ziel, Handel mit - und Investitionen in - ausgewählten Staaten zu intensivieren. Zunächst konzentrierte sich das Programm auf Nigeria, Südafrika, Mauritius, Kenia, Äthiopien und Tansania. Es wurde inzwischen auf siebzehn weitere Staaten ausgeweitet.

Damit die in den nächsten Jahren weiter ansteigende Abhängigkeit Indiens von Ölimporten nicht auch zur Abhängigkeit von einzelnen Staaten führt, versucht die Regierung, neue Einfuhrquellen zu erschließen. Den vorliegenden Schätzungen zufolge (Indien veröffentlicht darüber keine aussagekräftigen Statistiken) stammen zwischen 24 und 50 Prozent der indischen Ölimporte aus Subsahara-Afrika, wobei Nigeria und Sudan die wichtigsten Partner sind (Beri 2005, Broadman 2007).

Indiens schärfster Konkurrent auf diesem Feld ist China, dessen Investitionen in ausländische Energieprojekte (40 Milliarden Dollar seit dem Jahr 2000) die indischen Investitionen um mehr als das Zehnfache übersteigen. In Angola hat China Indien sogar ganz kaltgestellt. Im Januar 2006 unterzeichneten die Rivalen indessen ein Memorandum of Understanding zur energiepolitischen Zusammenarbeit, seither gibt es erste Joint-ventures auf dem afrikanischen Energiemarkt.

Eigene Entwicklungshilfe

Begleitet wird die intensivere Wirtschaftskooperation Indiens von einer Ausweitung seiner Entwicklungshilfe für Afrika. Indien zählt zu den wenigen Staaten, die zugleich ODA (official development assistance) empfangen und verteilen. Das Land spielt in der Diskussion über "Emerging Donors" folglich eine prominente Rolle (Jobelius 2007).

Unter dem Namen "Team9-Initiative" hat die indische Regierung eine Kreditlinie von 500 Millionen Dollar eröffnet, um die Beziehungen zu ressourcenreichen Ländern Westafrikas zu verbessern. Außerdem stellte Delhi 200 Millionen Dollar zur Unterstützung des NEPAD-Prozesses (das Kürzel steht für "New Partnership for African Development") bereit. Die indische Export-Import Bank unterhält gegenwärtig 27 Kreditlinien für afrikanische Staaten. Unter ihnen befinden sich auch politisch umstrittene und schwierige Partner wie der Sudan oder die Demokratische Republik Kongo. Indien hat sich der multilateralen Schuldenerlassinitiative HIPC II angeschlossen und ausgewählten Staaten (Mosambik, Tansania, Uganda, Ghana und Sambia) insgesamt 24 Millionen Dollar erlassen.

Wirtschaftskooperation und Entwicklungszusammenarbeit sind eng verzahnt. Sie sind zwar nicht unmittelbar kausal verknüpft, doch die indische Regierung sagt explizit, das Ziel ihrer EZ sei, indische Belange durchzusetzen und den eigenen Wirtschaftsstandort zu stärken. So belegt denn auch eine Vielzahl von Einzelbeispielen, dass Indiens ODA bei der Forcierung von Außenhandel und Investitionen als Prozessbeschleuniger dient. Beispielsweise hat Indien dem Sudan zehn Millionen Dollar Zuschüsse und 100 Millionen Dollar Kredit zugesagt, als zugleich der vom indischen Staat kontrollierte Ölkonzern ONGC Videsh in großem Stil in den sudanesischen Ölmarkt einstieg.

Im Senegal ist der indische Automobil-Konzern Tata größter Nutznießer der Neustrukturierung des öffentlichen Transportwesens, während Indien zugleich der größte Abnehmer senegalesischer Produkte und einer der wichtigsten nichtwestlichen Geber ist. In Mauritius ist Indien der größte ausländische Investor und stellte dem Land in den vergangenen sieben Jahren zehn Millionen Dollar an Kredit bereit.

Vor diesem Hintergrund erscheint es konsequent, dass Delhi sich bislang nicht auf die Prinzipien des DAC (Development Assistance Committee) der OECD festlegen lässt. In diesem Gremium sprechen die etablierten Geber die Regeln ihrer Politik ab. So bindet Indien weiterhin seine Hilfsleistung an Lieferaufträge aus dem eigenen Land. Die Regierung lehnt auch ab, ihre Entwicklungspolitik an Bedingungen wie Demokratieförderung oder Good Governance zu knüpfen.

Unklare Aussichten

Die wachsende chinesische und indische Präsenz in Afrika lässt derzeit viel Raum für Spekulationen. Einige Beobachter vermuten, der Aufstieg beider Staaten werde einen Nachfragesog zur Folge haben, der afrikanische Volkswirtschaften zu Zulieferern für diese "Rising Powers" transformieren könne. Andererseits besteht die Sorge, dass indische Produkte afrikanische Anbieter verdrängen. Unter DAC-Gebern herrscht zudem die Befürchtung, indische ODA könnte zur Exit-Option für Empfängerländer werden und folglich ihr Konditionalitätenregime untergraben.

Diese Überlegungen haben allesamt eine Berechtigung, doch bleiben sie gegenwärtig noch höchst spekulativ (Goldstein et al., 2006). Festzustellen ist, dass die beiden hier beleuchteten indo-afrikanischen Kooperationfelder (Handel und EZ) gegenwärtig weder vom Volumen noch vom Muster her die Entwicklungsparameter Afrikas maßgeblich beeinflussen können. Der indo-afrikanische Handel ist in absoluten Zahlen betrachtet noch immer gering. Trotz hoher Zuwachsraten ist sein Anteil am Gesamtvolumen indischer Exporte und Importe nicht gestiegen. Der Handel bleibt auch hinsichtlich der Partner und Produkte kaum diversifiziert. Mittelfristig werden auch Indiens ODA-Leistungen - im Gegensatz zu denen Chinas - nicht das nötige Niveau erreichen, um mit den großen DAC-Gebern konkurrieren zu können.

Indien unterscheidet sich aber in einer wichtigen Hinsicht von China und den DAC-Gebern. Indisch-stämmige Unternehmer, die in Afrika ansässig sind, spielen im Wirtschafsgeschehen vieler Länder südlich der Sahara eine große Rolle. Seit einigen Jahren bemüht sich Delhi um intensivere Kontakte zu seinen verschiedenen Diaspora-Gemeinschaften in aller Welt. Das Motiv, Investoren für Projekte in der Heimat zu finden, spielt dabei eine wichtige Rolle. Schließlich haben Auslandsinder - besonders aus Kalifornien - für das Wachstum der High-Tech-Branchen im Heimatland eine wichtige Rolle gespielt.

Jedes Jahr fließen 15 Milliarden Dollar an Heimüberweisungen (remittances) aus der Diaspora-Gemeinde nach Indien. Das Land erhält damit mehr Heimüberweisungen als ausländische Direktinvestitionen. Darüber hinaus ist die zivilgesellschaftlich gut organisierte Diaspora-Gemeinde ein wichtiger Lobbyist bei der Durchsetzung indischer Interessen im Ausland. In Afrika sind durchaus synergetische Wirkungen von Delhis Handels-, Entwicklungs- und Diasporapolitik denkbar. Sie könnten den Effekt der eher geringen Handels- und ODA-Volumina verstärken.

In jedem Fall betritt mit Indien ein afrikapolitischer Akteur die Bühne, dessen Engagement auf dem Kontinent auch in den kommenden Jahren deutlich zunehmen wird. Die mit diesem Prozess verbundenen Chancen und Risiken zu identifizieren wird Aufgabe der künftigen entwicklungspolitischen Debatte sein.

Quelle: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, 48. Jg. 2007, Nr. 6 Juni



Matthias Jobelius ist Politikwissenschaftler. Er arbeitet im Indien-Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Delhi.
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