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 Indien

Anwalt der Armen Indiens sitzt sein einem Jahr als "Staatsfeind" in Haft

Der Fall des Dr. Binayak Sen

Hilmar König

Dieser Tage (Mai 2008) sah man die engagierte Sozialaktivistin Arundhati Roy in Neu-Delhi im Kreise von Kollegen bei einem Sitzstreik und später auf einem Kulturtreff. Mit beiden Veranstaltungen protestierten Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler, Journalisten, Juristen und Bürgerrechtler gegen die Inhaftierung von Dr. Binayak Sen. Sie fordern dessen sofortige Freilassung. Sie kritisierten, dass die Zentralregierung und das höchste Gericht zu dieser beschämenden Affäre bislang schweigen, die wahrlich kein Ruhmesblatt in den Annalen der »größten Demokratie der Welt« sei.

Parallel zu dieser Manifestation in Neu-Delhi versammelten sich in Großbritannien mehrere Menschenrechtsgruppen am 13. Mai vor der indischen Botschaft in London und übergaben Solidaritätserklärungen für Dr. Sen.

Der prominente Arzt und Menschenrechtsaktivist Binayak Sen war vor einem Jahr im Bundesstaat Chattisgarh unter fadenscheinigen Gründen inhaftiert worden. Er ist Vizepräsident der indischen Volksunion für Bürgerrechte (PUCL) und deren Generalsekretär für Chattisgarh. In dieser Funktion enthüllte er wiederholt Hintergründe von Todesfällen in Haftanstalten. Er befasste sich mit Bedingungen für Bürger in Untersuchungshaft. Er setzte sich für das Recht auf Nahrung, auf Arbeit, auf Gesundheit und Bildung ein. Er ging Hungersnöten und Epidemien auf den Grund.

Und er protestierte gegen Menschenrechtsverletzungen, die in Chattisgarh von staatlichen Organen wie von militanten Gruppen, vornehmlich den maoistischen Naxaliten und den von der Polizei assistierten Killerkommandos »Salwa Judum«, begangen worden waren. So besuchte er mehrmals mit offizieller Erlaubnis der Behörden eingekerkerte Naxaliten-Führer, die sowohl medizinische Betreuung wie Rechtsbeistand brauchten. Er galt über Chattisgarh hinaus als Anwalt der Armen und besonders der Adivasi, der in Zentralindien beheimateten indigenen Bevölkerungsgruppen. Für sein selbstloses verdienstvolles Wirken in einem der rückständigsten Gebiete Indiens soll er am 29. Mai in Washington mit dem internationalen Preis »Jonathan Mann Award« für globale Gesundheit und Menschenrechte ausgezeichnet werden.

Aber mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Ehrung in seiner Abwesenheit stattfinden müssen, denn Dr. Sen befindet sich schon seit dem 14. Mai 2007 in Haft. Die von der hindu-fundamentalistischen Indischen Volkspartei (BJP) gestellte Regierung Chattisgarhs ließ ihn unter dem Verdacht der »Kollaboration mit Terroristen« auf der Grundlage des in diesem Unionsstaat gültigen harschen Antiterrorismusgesetzes festnehmen und für einige Zeit sogar in Isolationshaft sperren.

Dass Binayak Sen mehrmals unter Kontrolle der Behörden aus humanitären Gründen Gefängnisbesuche machte, warf man ihm plötzlich vor. Er habe als Kurier fungiert und eine verbotene Organisation - die KPI (Maoistisch) - unterstützt. Diejenigen, die Dr. Sen privat, als Arzt und als Bürgerrechtler kennen, weisen das als haltlose Beschuldigungen zurück und sehen vielmehr seine engagierte Arbeit in der PUCL als den wahren Grund dafür, dass man ihn verhaftete. Viele äußerten, sein »wirkliches Verbrechen« sei sein Eintreten für die Armen und sein Kampf gegen Gewalt und Unrecht, denen sie in Chattisgarh ausgesetzt sind. Es spricht für sich, dass dort in der ersten Maiwoche ein anderes PUCL-Mitglied, der Journalist und Filmemacher Ajay T. G., unter ähnlichen Vorwürfen von der Polizei festgenommen wurde.

Aus: junge Welt, 20 Mai 2008



Hilmar König ist freier Journalist. Seit Anfang der 90er Jahre lebt er in Delhi. Mitte der 80er Jahre war er mehrere Jahre als Südasien-Korrespondent in der indidischen Hauptstadt tätig.
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