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Erstellt:
November 1997

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FriedensForum 6/1997


Gandhi in Tibet

Exiltibetaner planen Satyagraha-Kampagne

Eine Satyagraha-Kampagne, die von Samdhong Rinpoche, dem Sprecher des tibetanischen Exilparlamentes initiiert worden ist, erlebte einen bedeutsamen Aufschwung, als Anfang Oktober über einhundert indische AktivistInnen anläßlich Gandhis Geburtstag drei Tage lang versuchten, symbolisch die Grenze nach Tibet zu übertreten. Ihnen wurde der Zutritt verweigert, aber die Aktion stellt einen bedeutsamen Ausdruck von Solidarität für die tibetanische Sache durch die indische Öffentlichkeit dar.

Kampagne auf 1998 verschoben

Samdhong Rinpoches Satyagraha-Kampagne sollte schon letztes Jahr beginnen, wurde aber auf Wunsch des Dalai Lama verschoben, der ein Referendum unter den ExiltibetanerInnen anstrebte, um die beste Art und Weise zu bestimmen, wie ihr Kampf fortgesetzt werden könnte. Anfang Oktober diesen Jahres entschieden sich die tibetanischen Flüchtlinge gegen das Referendum und die Kampagne soll jetzt im kommenden Jahr beginnen. Wie sie genau aussehen wird, hängt davon ab, wer sich beteiligen wird. Derzeit gibt es rund ein Dutzend, die sich als Satyagrahis ausbilden lassen. Sie und andere werden ein Trainingscamp für Gewaltfreiheit in Nordindien einrichten, bevor sie Tibet betreten werden.

Satyagraha

Auf einer öffentlichen Veranstaltung in England im Oktober unterschied Samdhong Rinpoche Satyagraha von anderen "Fällen von friedlicher Aktion oder friedlichem Widerstand":

""Satya" heißt "wahr" und "agrah" heißt "kompromißloses Bestehen auf etwas". Satyagraha beruht auf "ahimsa" oder Gewaltfreiheit. Sie zielt darauf, eine Unwahrheit oder ein Unrecht auszulöschen und eine Norm wiederherzustellen, die sich aus dem Prinzip der Wahrheit ableitet ... Satyagraha kann nicht aus negativen Gefühlen wie Haß oder Habgier geboren werden. Das moderne Konzept des Nationalismus kann nicht die Basis für Satyagraha darstellen."

 zum AnfangSandhong Rinpoche, der von Gandhi inspiriert wurde, spricht auch Schwierigkeiten dabei an, die Gandhische Philosophie und Praxis auf die tibetanische Situation anzuwenden:

"Gandhis gesamte Philosophie ist durch einen Glauben an Gott geleitet, während ich ein Buddhist bin und Gott in der buddhistischen Lehre keinen Platz hat ... Die britischen Herrscher in Indien hatten einen starken Glauben an Recht und Gesetz, während wir dem chinesischen kommunistischen totalitaristischen System gegenüberstehen, wo es weder Demokratie, noch eine unabhängige Rechtsprechung, noch eine Herrschaft des Rechtes gibt. Außerdem ist im Unterschied zu den britischen Herren in Indien die Zahl der Chinesen in Tibet viel größer als die tibetanische Bevölkerung selbst. Aber Stärke liegt nicht in Zahlen oder in materiellen Ressourcen - sie liegt in Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Fairness."

Indische Solidarität

Die Feiern zu Gandhis Geburtstag begannen am Donnerstag, dem 2. Oktober in Kalimpong im nördlichen Indien, wo sich eine Menschenmenge in Unterstützung der 30 Satyagrahis versammelte, die nach Tibet hineingehen wollten. Unter den TeilnehmerInnen an dem Marsch waren Nirmala Deshpande (ein Mitglied des indischen Parlaments), nanaji Deshmukh, Ram Gandhi und Professor Anand Kumar von der Jawaharlal Nehru Universität. In einer Ansprache sagte Nirmala Deshpande, daß die Satyagraha-Aktion ein Appell an die Völker und Regierungen der Welt sei, die chinesischen Behörden zu überzeugen, ohne Vorbedingungen einen Dialog mit dem Dalai Lama, Tibets Staatsoberhaupt und spirituellem Führer, zu beginnen. Anschließend an die Ansprachen zogen die Satyagrahis zu der indisch-tibetischen Grenze in Sikkim, wo ihnen Sicherheitspersonal aus Sikkim den Weg versprerrte. Am folgenden Tag versuchten dreißig weitere Personen den Grenzübertritt und am Samstag weitere fünfzig. Weitere gewaltfreie Aktionen dieser Art sind in Solidarität mit dem tibetanischen Volk und speziell in Unterstützung der tibetanischen Satyagraha-Kampagne geplant.

Keine Massenbewegung

Samdhong Rinpoche sieht die Satyagraha-Kampagne nicht als eine Massenaktion. Er stellt sich vor, daß sie aus kleinen Gruppen guttrainierter und disziplinierter Satyagrahis bestehen solle. "Ich hoffe, daß die Kampagne nicht als ein Aufruf zu einer unmöglichen Aufgabe oder als ein Schritt der Verzweiflung gestaltet wird. Sie braucht viel Planung, unterstützt durch Erfahrung und Kenntnis der derzeitigen Situation. Sie ist eine extrem mühsame Aufgabe."

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Fakten und Zahlen zu Tibet

Tibet umfaßt ein Gebiet in der Größe Westeuropas und ist das höchstgelegenste Hochplateau der Welt.

China marschierte 1950 in Tibet ein. Seitdem sind mehr als 1,2 Mio Tibetaner in Folge von Gefängnis, Folter und Hinrichtungen ums Leben gekommen. Es gibt zwischen 250.000 und 500.000 chinesische Soldaten in Tibet. In Tibet leben heute 6 Mio Tibetaner und 7,5 Mio Chinesen. 120.000 Tibetaner flohen aus dem Land und leben jetzt als Flüchtlinge vorwiegend in Indien und Nepal.Neben der Massenmigration von Chinesen nach Tibet schließt die Unterdrückung des tibetanischen Volkes Zwangssterilisierungen und Zwangs-Abtreibungen ein. Sytematische kulturelle Unterdrückung schloß die Zerstörung von über 6.000 buddhistischen Klöstern und öffentlichen Gebäuden ein.

Der Artikel wurde entnommen aus Peace News, November 1997, Übersetzung: Christine Schweitzer.
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