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Erstellt:
Januar 1998


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FriedensForum 2/1998


Energie aus dem Weltraum: solar erzeugt, militärisch genutzt

Regina Hagen

Die US Air Force (US-amerikanische Luftwaffe) plant offiziell für den Krieg aus dem Weltraum und für den Krieg im Weltraum. Welche technischen Grundlagen den Weltraumkriegern dafür momentan noch fehlen und wie die Lücken geschlossen werden können, beschreibt das dreizehnbändige Werk mit dem Titel "New World Vistas. Air and Space Power for the 21st Century" (Aussichten auf die neue Welt. Macht im Luft- und Weltraum für das 21. Jahrhundert).

Jeder Band von "New World Vistas" untersucht einen Einzelbereich, beispielsweise "Materials" (Werkstoffe), "Attack" (Angriff), "Munitions" (Munition) oder "Aircraft & Propulsion" (Luftfahrzeuge und Antrieb). Manche Sorgen der Militärs allerdings ziehen sich wie ein roter Faden durch sämtliche Bände des opulenten Werks. Da ist zum einen die für die Militärs betrübliche Feststellung, daß die Geldmittel allerorten knapp sind und deshalb auch bei Forschung, Entwicklung und Beschaffung für den Kriegsfall gespart werden muß. Einen naheliegenden Ausweg aus dieser Misere bietet das Zauberwort dual use: Schon auf der ersten Vorwortseite des Bandes "Summary" (Zusammenfassung) teilen die Verfasser mit, daß "...für den Erfolg unserer neuen Missionen die kreative Nutzung kommerzieller Systeme und Technologien erforderlich ist. Das führt zu einer engen Verflechtung kommerzieller und militärischer Anwendungen, die das bisherige Maß deutlich übersteigen wird."

Eine weitere Schlüsselfrage ist für mehrere dieser Expertenteams darüber hinaus, wie der enorme Energiebedarf der projektierten weltraumbasierten Systeme und Waffen gedeckt werden kann. Auch in diesem Punkt herrscht in der Air Force offensichtlich Konsens. Im Band "Space Technology" (Weltraumtechnologie, S. 29) wird zunächst noch lamentiert, daß die Kernenergie - also radioisotherme Generatoren, Kernreaktoren sowie nukleare Raketenantriebe - doch eigentlich "die natürliche Technik zur Erzeugung großer Energiemengen im Weltraum" ist, dies sei aber leider mangels gesellschaftlicher Akzeptanz kaum durchsetzbar.

 zum AnfangIn vielen anderen Zitaten ist der innovative Schritt nach vorne aber schon deutlich erkennbar: "Bereits heute ist abzusehen, daß in den nächsten Jahrzehnten von kommerziellen Unternehmen große Solarkraftwerke betrieben werden, die in der Erdumlaufbahn stationiert sind und die Erde mit Strom versorgen. ... Aller Voraussicht nach werden für die Energieübertragung dieser Systeme Mikrowellen oder Millimeterwellen verwendet. Es ist zwar äußerst unwahrscheinlich, daß wir diese Systeme im Dual Use-Modus als Weltraumwaffen nutzen können", dafür sei aber die Energieübertragung dieser Solarkraftwerke zu den Waffenplattformen im Weltraum mit Hilfe des Mikrowellenstrahls eigentlich kein Problem. "Das Verteidigungsministerium könnte von solchen Systemen Energie nach Bedarf beziehen." (Band "Space Applications" [Weltraumanwendungen], S. 89) Die moderne Technik macht es möglich: video on demand für das Volk, power on demand für die Weltraumwaffen der US Air Force.

Einiges deutet darauf hin, daß diese zivil-militärische Verknüpfung sich nicht auf die Zusammenarbeit mit kommerziellen Unternehmen beschränken soll. Die zivile US-amerikanische Weltraumbehörde NASA, aus Budgetgründen bereits seit langem ein williger Kooperationspartner des Militärs, bastelt bereits an konkreten Ideen für Solarkraftwerke im Weltraum. In der 300 Seiten starken Studie "Space Solar Power" (Solarenergie aus dem Weltraum) untersucht ein Konsortium aus Science Application International Corporation, Futron Corporation und NASA die finanziellen und technologischen Hintergründe der Energieerzeugung im Weltraum.

Nicht Grundlagenforschung ist angesagt, vielmehr stehen handfeste finanzielle Überlegungen im Vordergrund. Die eingehende Analyse des weltweiten Energiemarktes und seiner prognostizierten Entwicklung über die nächsten Jahrzehnte läßt die Autoren der NASA-Studie zum Schluß kommen, daß viele industriell weniger entwickelte Länder - an erster Stelle China und Indien - mit den Industrieländern mithalten und den Energiekonsum auf unserem Globus in den nächsten 15 Jahren etwa verdoppeln werden.

Die Endlichkeit der fossilen Brennstoffe sowie Sicherheits- und Entsorgungsprobleme bei der Nutzung von Kernenergie lassen es in den Augen dieser Forscher geraten sein, sich beizeiten nach Alternativen umzuschauen. Eine große Chance für innovative Ansätze ergibt sich zusätzlich aus der Verpflichtung, die Luftverschmutzung zu reduzieren und nachhaltige Wirtschaftsweisen einzuführen. Die NASA-Studie folgert, daß die Nutzung der Sonnenenergie im industriellen Maßstab ein erfolgversprechendes Konzept ist.

 zum AnfangDas erfolgversprechendste Modell in dieser Studie, der Sonnenturm (Sun Tower), ist modular aufgebaut. "Jeder Satellit ähnelt einer großen, zur Erde ausgerichteten Sonnenblume. Die Sendeanlage ist dabei die Blüte, die einzelnen Sonnenkollektoren sind die `Blätter` am Blütenstengel." Hinter diesem Bild steckt eine Anlage mit zahlreichen kreisförmigen Sonnenkollektoren, die jeweils etwa 50 m Durchmesser haben. Diese sind beidseitig an einem 3-5 km langen Backbone aufgereiht, der die ganze Konstruktion im Weltraum stabilisiert und die Energie an die Sendeanlage leitet. Der rund 200 m große, schüsselförmige Sender schließlich schickt den 5,8 GHz-Mikrowellenstrahl an eine riesige Empfangsantenne auf der Erde oder im Meer, von wo aus die Energie in das Stromnetz des Stromversorgungsunternehmens oder eines großen Endabnehmers eingespeist wird.

Außer der bereits beschriebenen Gefahr, daß die im Weltraum gewonnene Energie zur Versorgung von Weltraumwaffen dienen soll, ergeben sich aus der solaren NASA-Initiative weitere Fragen:

- Würde das Konzept tatsächlich realisiert und der
  erwartete Absatzmarkt in aufstrebenden
  Entwicklungsländern gefunden - bestünde dann die
  Gefahr einer Energiehoheit US-amerikanischer
  Unternehmen? Hätte die Regierung der USA - über
  die (kommerziellen) Betreiber der solaren
  Kraftwerke - die Möglichkeit, einem anderen Staat
  bei unbotmäßigem Verhalten buchstäblich den Strom
  abzudrehen und damit ein ganzes Land oder einen
  Wirtschaftsraum lahmzulegen?

- Ist sichergestellt, daß die Energieübertragung
  unschädlich ist? Spärlich äußern sich die Autoren
  der Studie über die Auswirkungen des
  Mikrowellenstrahls auf das irdische Leben.
  Bisherige Untersuchungen haben beispielsweise
  ergeben, daß selbst schwache elektromagnetische
  Felder Auswirkungen auf das Gehirn haben und zu
  Verhaltensänderungen führen können. Versuchsreihen
  haben gezeigt, daß sie außerdem genetische
  Mutationen bei Hühnerembryos verursachen. Die
  zulässigen Grenzwerte für Niederfrequenzstrahlung
  stammen in den USA aus den fünfziger Jahren und
  sind 1.000 mal höher als in Rußland.

- Ist vollkommen ausgeschlossen, daß der
  Mikrowellenstrahl mißbräuchlich eingesetzt werden
  kann? Zwar mag es zur Optimierung der
  Stromausbeute erforderlich sein, die
  Übertragungsantenne schwenkbar zu konstruieren,
  besteht dann aber nicht die Gefahr, daß
  der Mikrowellenstrahl bei einem kriegerischen
  Konflikt umgelenkt und zum "Kochen" der Eingeweide
  des Gegners verwendet wird?

Bei den Protesten gegen die Saturnmission Cassini/Huygens, die zur Stromerzeugung 32,8 kg Plutonium-238 an Bord hat und im Oktober 1997 gestartet ist, hatte die weltweite Protestbewegung, also auch die deutsche Stoppt-Cassini-Kampagne, vehement eingefordert, daß sich die NASA mit solaren Energiealternativen beschäftigen solle. So hatten wir uns das aber eigentlich nicht vorgestellt!

Literatur:

- "New World Vistas. Air and Space Power for the
  21st Century", Hrsg: USAF Scientific Advisory
  Board, o.J. (das Vorwort ist vom 15.12.1995
  datiert); Zitate von der Autorin übersetzt

- "Space Solar Power. A Fresh Look at the
  Feasibility of Generating Solar Power in Space for
  Use on Earth", im Auftrag der NASA, April 1997;
  Zitat von der Autorin übersetzt.

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Regina Hagen ist technische Übersetzerin, engagiert im Darmstädter Friedensforum und Mitkoordinatorin der Cassini-Kampagne.

E-Mail:   regina.hagen@jugendstil.da.shuttle.de
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