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Erstellt:
Juli 1998


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FriedensForum 4/1998


Schwule Soldaten: Gleichberechtigtes Tötenlernen als Emanzipation?

Achim Schmitz

Die Gleichstellungskampagne für schwule Soldaten

In den letzten Jahren wird in mehreren Ländern die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben im Militär gefordert. Soldaten der Bundeswehr werden bei Bekanntwerden ihrer Homosexualität oft nicht in Vorgesetztenpositionen übernommen, da dies einen Autoritätsverlust und eine Gefährdung der Funktionsfähigkeit der Truppe bedeuten könne. Gegen diese und andere Diskriminierungen hat sich der Bundesweite Arbeitskreis Schwuler Soldaten (BASS) gegründet. Eine ideologische Auseinandersetzung über Sinn oder Unsinn der Bundeswehr wird dort nicht geführt; vielmehr bekennt sich BASS zu den aus dem Dienst abgeleiteten Pflichten.

Paradigmenwechsel in der Schwulenbewegung

Eike Stedefeldt (1) kritisiert einen Paradigmenwechsel von einer ursprünglich friedensbewegten Spitze der Schwulenbewegung zu einer selbst von Vertretern der Grünen betriebenen Lobbyarbeit für schwule Soldaten ("Tötenlernen als neues Menschenrecht"). Volker Beck (SVD) (2)-Sprecher, Bundestagsabgeordneter der Grünen und Kriegsdienstverweigerer, beklagte das "unerträgliche Ausmaß der Diskriminierung beim Männerbund Bundeswehr", die dazu führe, daß viele Schwule den Kriegsdienst verweigerten oder sich durch Atteste bescheinigen ließen, daß ihnen das Klima in der Bundeswehr nicht zuzumuten sei. (3) Noch am 26.1.1991 riefen die AIDS-Hilfe NRW, ACT UP und Gay Liberation Front mit Flugblättern zur Demonstration gegen den Golfkrieg auf und brachten einen eigenen schwul-lesbischen Block zustande. (4)

 zum AnfangDer antimilitaristische Schwulenaktivist Peter Tatchell (5) beobachtet ebenfalls eine Einstellungsänderung britischer und amerikanischer Lesben- und Schwulenorganisationen gegenüber dem Militär. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren wurden Lesben und Schwule zur Kriegsdienstverweigerung aufgerufen. Ein Vierteljahrhundert später wurden beim "Lesbian & Gay Pride"-Marsch 1993 in London britische und amerikanische Kriegsveteranen dargestellt. Tatchell von der lesbisch-schwulen gewaltfreien Aktionsgruppe Outrage! (6) vertritt die Ansicht, daß Lesben und Schwule die Kooperation mit repressiven Institutionen wie dem Militär verweigern sollten.

Verschiedene Ansätze sozialer Bewegungen

Ulrike C. Wasmuht definiert eine soziale Bewegung als einen "Prozeß einer normativ-wertorientierten Bewußtseinsänderung [...], die eine Gesamt- oder Teilkritik am Status quo des bestehenden Gesellschaftssystems beinhaltet und von der ein `großer Teil` der Bevölkerung `betroffen` ist." (7) Die Lesben-/ Schwulenbewegung kann als soziale Bewegung bezeichnet werden, da in den letzten zehn bis zwanzig Jahren als Folge der Emanzipationsbemühungen von Lesben und Schwulen in Teilen der Bevölkerung eine Einstellungsänderung in Richtung Toleranz und Akzeptanz festzustellen ist. Ein "großer Teil" der Bevölkerung ist hierbei "betroffen", d.h. nach der Befragung des Wissenschaftlers Alfred C. Kinsey von 1947 kann davon ausgegangen werden, daß sich etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausschließlich oder überwiegend homosexuell verhalten. (8) Die Teilkritik am gesellschaftlichen Status quo wird in diesem Kontext in der Bürgerrechtspolitik z.B. des SVD geäußert. Eine Gesamtkritik am Status quo würde bedeuten, daß die gesamte patriarchale und heterosexistische (9) Gesellschaftsstruktur kritisiert wird, die neben antischwuler und antilesbischer Gewalt, Berufsverboten im kirchlichen Bereich, zahlreichen gesellschaftlichen und rechtlichen Diskriminierungen auch den menschenverachtenden, hierarchischen und heterosexistischen Männerbund Militär hervorbringt. Eine gemeinsame Status-quo-Gesamtkritik durch pazifistische Lesben, Schwule, Bisexuelle und Heterosexuelle an der herrschenden "Sicherheitspolitik" sowie an den o.g. lesben-/schwulenfeindlichen Zuständen (trotz der erreichten Verbesserungen) scheint mir ein sinnvoller Ansatz für friedenspolitisches Engagement zu sein.

Militärkritische Initiativen

Es gibt mehrere lesbisch-schwule Initiativen, die dem Militär kritisch gegenüberstehen. Dazu gehört die Initiative "Beck ab!" (10), die vergeblich versuchte, eine erneute Bundestagskandidatur Volker Becks auch deshalb zu verhindern, weil er für "gleichberechtigte" schwule Soldaten statt für Pazifismus stehe. In Wiesbaden gibt es die politische Lesben- und Schwulengruppe "Rosa Lüste" mit einem AK Linke Lesben und Schwule, der die "Funktion einer Armee für die Ausbeutung anderer Völker" (11) anprangert. In Berlin und Düsseldorf werden schwule Kriegsdienstverweigerer unterstützt; 1994 gründete sich der Verein "Schwule Kriegsdienstgegner e.V.", der auch für die Abschaffung des Militärs eintritt (Adressen s.u.). Gewaltfreie Emanzipation statt Gleichstellungspolitik im militär- und lesben-/schwulenpolitischen Kontext existieren nunmehr zwei gegensätzliche Positionen: Der bürgerliche Ansatz fordert die Gleichberechtigung ohne die Frage nach der Existenzberechtigung von Militär und Herrschaftsstrukturen; der emanzipatorische Ansatz fordert die Abschaffung des Militärs (also auch der Bundeswehr) und damit die Beseitigung einer Ursache für Diskriminierung von Lesben und Schwulen. Ich vertrete den zweiten Standpunkt und denke, daß Emanzipation (auch in der "gay community") eine Auseinandersetzung mit patriarchalen Gewaltstrukturen erfordert. (12)

Kontaktadressen:

- Schwule Kriegsdienstgegner e.V., c/o Mann-O-Meter,
  Motzstr. 5, 10777 Berlin, Beratung für schwule
  Kriegsdienstverweigerer jeden Mittwoch um 18.30
  Uhr

- Schwule Kriegsdienstgegner e.V., c/o Café Rosa
  Mond e.V., Oberbilker Allee 310, 40227
  Düsseldorf, Beratung für schwule
  Kriegsdienstverweigerer jeden 4. Dienstag im
  Monat


Anmerkungen:

1 Vgl. Stedefeldt, Eike: Schwule Macht. oder Die
  Emanzipation von der Emanzipation. Berlin:
  Elefanten Press, 1998, S. 62-84.

2 Schwulenverband in Deutschland, 1990 als
  Schwulenverband der DDR gegründet

3 Vgl. SVD-Pressedienst vom 27.1.1993. Zit. n.:
  Stedefeldt, Eike: a.a.O., S. 67.

4 Vgl. Stedefeldt, Eike: a.a.O., S. 66.

5 Vgl. Tatchell, Peter: We dont`t want to march
  straight. In: Peace News. Heft 2422 (Februar
  1998). London, 1998, S. 12. Sein Buch mit
  demselben Titel habe ich leider noch nicht
  bekommen.

6 Weitere Informationen über: OutRage!, 5 Peter
  Street, London W1V 3 RR, Britain

7 Wasmuht, Ulrike C.: Die Entstehung und Entwicklung
  der Friedensbewegungen der achtziger Jahre. Ihre
  geistigen Strömungen und ihre Beziehung zu den
  Ergebnissen der Friedensforschung. In: Roth,
  Roland/Rucht, Dieter (Hrsg.): Neue soziale
  Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland.
  Frankfurt am Main: Campus, 1987, S. 110.

8- Vgl. Scheuß, Christian: Wieviele sind wir? Nach
   Hochrechnungen müßte es in Deutschland 6,7 Mio
   Homosexuelle geben. In: rosa zone. Heft 74 (Mai
   1997). Dortmund, 1997, S. 1.

9- Vgl. hierzu folgende Definition: "Heterosexismus
   ist die systematische, alltägliche und
   institutionalisierte Unterdrückung von Schwulen,
   Lesben und Bisexuellen durch eine heterosexuell
   dominierte Kultur." (Creighton, Allan: Ein
   stolzes Outing: Das Verlernen des Heterosexismus.
   In: Creighton, Allan /Kivel, Paul: Die Gewalt
   stoppen. Mülheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr,
   1993, S. 58)

10 Die Initiative ist weiterhin zu erreichen unter:
   Schwul-lesbischer Informations- und Presseservice
   (SCHLIPS e.V.), Postfach 080225, 10002 Berlin.

11 Vgl. An linke Lesben und Schwule! Aufruf. Hrsg.:
   Rosa Lüste, Postfach 5406, 65044 Wiesbaden.12 Vgl.
   Speck, Andreas: Lesben und Schwule ins Militär?
   Der Widerspruch zwischen "Gleichberechtigung" und
   "Befreiung". In: Graswurzelrevolution. Heft 220
   (Sommer 1997). Oldenburg, 1997,S. 9.

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Achim Schmitz ist Diplom-Sozialpädagoge, studiert Sozialwissenschaften (Schwerpunkt in der Friedens- und Konfliktforschung) in Duisburg und unterstützt schwule Kriegsdienstverweigerer in Düsseldorf
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Soldaten in der Bundeswehr