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Erstellt:
07.07.1999


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FriedensForum 4/1999


Krieg und Sprache

Gerhard Müller

Der NATO-Luftkrieg gegen Jugoslawien machte blitzartig deutlich, welche Wirkungen Sprache haben kann und wie mit ihr das öffentliche Bewusstsein beieinflusst wird und werden soll. Man wusste das schon immer - hier konnte man es aktuell nachvollziehen.

Dass im Krieg als erstes die Wahrheit verliert, dass dabei auch die Sprache verliert - diese Einsicht mag vielen als Binsenweisheit vorkommen. Sie bleibt jedoch richtig und wurde auch seit Ende März immer wieder geäußert.

Zwei klassische Fälle: das "Verteidigungsministerium", der "Verteidigungsminister". Muss es nicht besser und richtiger "Kriegsministerium", "Kriegsminister" heißen, gerade jetzt? Immerhin kann man auf Demonstrationen oder in Leserbriefen diese präzisen Bezeichnungen lesen, und der neue rot-grüne Kanzler Gerhard Schröder ist schon "Kriegskanzler" genannt worden. Dann die Waffennamen: Da existieren eine ganze Reihe sprachlich listiger Strategien. Da gibt es für Atombomben verniedlichende, verfälschende Namen wie "Blue boy" oder "Little boy", es gibt ablenkende Abkürzungen wie "SS-20" oder solche, die auch verniedlichen: "FROG" für eine Rakete (= Free Rocket Over Ground), und es gibt die Tierbezeichnungen mit an sich positiven Begleitgefühlen wie "Fuchs", "Leopard" oder "Marder", so dass ihr Einsatz, also im Krieg, auch mit positiven Assoziationen verbunden wird (werden soll).

Christa Wolf sagte nach einigen Tagen des Luftkriegs: "... wenn ich die Sprache der Kriegsberichterstatter höre, nimmt mein Verdacht zu, dass wir manipuliert werden" (Süddt. Ztg. 3. 4. 1999). Sie stand damit nicht allein, man muss zustimmen, und die zunehmende Verschärfung der Sprache in Politik und Medien ist mit Recht wiederholt öffentlich kritisiert worden. Dazu vier aktuelle Beispiele:

1.  Wie bei den seit dem Golfkrieg andauernden
   Bombardierungen des Irak durch die USA werden die
   Personenbezeichnungen verschärft und
   propagandistisch überspitzt. Saddam Hussein ist
   generell der "Diktator". Genaugenommen ist diese
   Kennzeichnung nicht falsch, aber: nur er? Wie
   viele "Diktatoren" gäbe es, wäre man ehrlich, auf
   dieser Erde? Nicht wenige, mit denen die USA beste
   Kontakte pflegen! (Vgl. die Zeitschrift der IG
   Medien, M 1-2/1999, S. 4.) Mit dem Herausgreifen
   des irakischen "Diktators" werden die vielen
   anderen neutralisiert, ja ignoriert, nur er wird
   bezeichnet, d. h. stigmatisiert. Ganz ähnlich bei
   Slobodan Milosevic, auch auf ihn als "Diktator",
   ja sogar "Irrer" und "Schlächter" konzentriert
   sich sozusagen das sprachliche Feuer.

2. "Bombardement" oder "Luftschlag", "Konflikt" oder
   "Krieg"? Oft - vor allem: bei den beteiligten
   Militärs, Regierungen und in den meisten Medien
   (obwohl es immer wieder positiv-kritische
   Ausnahmen gibt) - wurde die abschwächende
   sprachliche Formulierung gewählt. Und "Luft-" oder
   "Militärschlag" ist zweifellos schwächer und
   verharmlosender als das realistischere und
   wahrhafte Wort, also "Luftangriff" oder
   "Bombardement"/"Bombardierung". Auch ist
   "Konflikt" (vielfach ist von "Balkankonflikt" oder
   "Kosovo-Konflikt" die Rede) schwächer und
   ablenkender als "Krieg". Natürlich wurde seit Ende
   März von der NATO "Krieg" geführt gegen
   Jugoslawien, und wer da von "Konflikt" sprach
   (obwohl dieses Wort in anderem Zusammenhang
   sinnvoll sein kann), verhüllte und verharmloste,
   indem er die Konsequenzen eines Krieges
   verschwieg. - Dass die Belgrader Führung ihre
   Kritiker, z. B. im Zusammenhang mit den jüngsten
   Demonstrationen der Soldatenmütter, als "Verräter"
   und "Handlanger ausländischer Mächte"
   diskriminierte, macht die Sache nicht besser.

3. "Faschismus", "KZs": Die Minister
   Rudolf Scharping und besonders Joschka Fischer
   wiesen zur Untermauerung ihrer politischen
   Einschätzung und Handlungsweise immer wieder
   betont auf den "(neuen) Faschismus" hin, für den
   Milosevic stehe. Was hier sprachlich abläuft, ist
   am ernstesten und m. E. nicht gleich zu
   durchschauen, obwohl dem Mechanismus bei
   "Diktator" vergleichbar. Ich sage wieder: An sich
   ist der Hinweis auf "Faschismus" ja nicht falsch,
   denn dass die Belgrader Führungsclique seit Jahren
   eine äußerst repressive, eine aggressive und
   rassistische Gewaltpolitik verfolgte, dürfte
   vernünftigerweise nicht bestritten werden. Die
   "ethnischen Säuberungen", die Massaker,
   Folterungen und Vergewaltigungen, die
   Scharfschützen in Sarajevo usw., all dies
   rechtfertigt einen Begriff wie "faschistisch".
   Was aber falsch und irreführend ist und worin eben
   die Täuschung dieses sprachlichen Manövers
   besteht, ist eben dies: Blank gleichgesetzt mit
   dem Hitlerfaschismus, mit der Nazi-Kriegspolitik,
   mit ihren KZs und dem Holocaust, in blinder - und
   medienwirksam gewollter - Analogie also, ist
   Milosevics Macht- und Unterdrückungspolitik dann
   natürlich kein "Faschismus". Hier zu
   differenzieren, ist wichtig. Entscheidend sind
   Nuancen.

4. Dies gilt, abschließend, auch für den
   militärischen Ausdruck "Kollateralschaden". Wer
   ihn umstandslos einer zynischen NATO-Kriegssprache
   zuschreibt (wie manchmal geschehen, verfehlt das
   Wesentliche. Als Fachwort des Militärs bezieht er
   sich allgemein auf Begleitschäden, auf Schäden,
   die am Rande des eigentlichen Ziels eintreten.
   (Zugrunde liegt latein. "latus" = die Seite, und
   in der Botanik gibt es "kollaterale Fasern", in
   der Medizin "Kollateralgefäße"!) Das heißt,
   "Kollateralschäden" gibt es auch an Gebäuden und
   Straßen, nicht nur, wenn unbeteiligte Zivilisten
   Opfer der Angriffe werden. Schlimm und zynisch und
   den Wahnsinn des NATO-Bombenkrieges aufdeckend war
   vielmehr (und hier muss die Sprachkritik
   einsetzen), dass Wörter wie "Kollateralschaden"
   in die Debatte gebracht wurden, um von den
   menschlichen Opfern abzulenken, dass man also mit
   einem solchen Fachwort Tote geringschätzt und
   missachtet, um die pure Militärlogik des
   Weiterbombens mit den ach so "intelligenten
   Waffen" fortzusetzen.

Eins noch, die "Verantwortung". Deutschland habe sie jetzt, endlich, nach Jahrzehnten der Bindung an die Alliierten, und (fast) alle Rot-Grünen und Schwarz-Gelben sind sich einig: Deutschland nimmt seine "neue Verantwortung" in der Welt wahr. Halten wir zwei Sätze aus Bert Brechts "Dreigroschenroman" (geschrieben im Exil 1934) dagegen: Zum zwielichtigen, aber mächtigen Macheath wird gesagt: "In einem Ring, wie Sie ihn sich vorstellen ... würden Sie ... eine starke Position haben, Macheath?" - "Sagen wir - eine starke Verantwortung!" gab Macheath freundlich zurück.



Gerhard Müller ist Sprachwissenschaftler und aktiv bei der Rheingauer Friedensinitiative

E-Mail:   mu.gfds@t-online.de



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