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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004


vom:
02.08.2004


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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004:

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Festrede zur Einweihung des Hiroshima-Nagasaki-Parkes am 7.8.2004

Clemens Ronnefeldt

- Sperrfrist 7.8.2004, 18.00 Uhr (!)-

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Friedensfreudinnen und Freunde,


für die Einladung, bei der heutigen Einweihung des Hiroshima-Nagasaki-Parks die Festrede halten zu dürfen, möchte ich mich bei den Veranstaltern ganz herzlich bedanken.

Es ist mir ein Anliegen, zu Beginn allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hiroshima-Nagasaki-Arbeitskreises beim Kölner Friedensforum ganz herzlich zu gratulieren. Mit Beharrlichkeit und Überzeugungskraft ist es Ihnen gelungen, innerhalb von nur vier Jahren aus einer Idee Wirklichkeit werden zu lassen.

Im Einladungsfaltblatt zu diesem Festakt ist zu lesen:

"Der Hiroshima-Nagasaki-Park soll ... immer wieder Anstoß dazu geben, sich gegen die atomare Bedrohung zu engagieren".

Während viele Überlebende der beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki noch immer um ihre Anerkennung als Atombombenopfer kämpfen, ist es bis heute nicht gelungen, die enorme Gefahr, die nach wie vor von Atomwaffen ausgeht, zu bannen - oder gar den Krieg als solchen weltweit zu ächten.

Acht Staaten der Erde besitzen derzeit atomare Waffen: Die USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Israel, Indien und Pakistan. Auf die beiden erstgenannten - USA und Russland - entfallen 96% der gegenwärtig weltweit bekannten 30 000 Atomwaffen. Von diesen sind 17 500 sofort einsatzbereit, davon wiederum 4000 sogar in ständiger Höchstalarmbereitschaft.

Erst im Januar dieses Jahres rüttelte der Chefwaffeninspektor der Wiener internationalen Atomenergie-Kontrollbehörde, Mohammed al Baradei, die deutsche Öffentlichkeit in einem Spiegel-Interview mit den Sätzen auf:

"Noch nie war die Gefahr (eines Atomkrieges) so groß wie heute. Ein Atomkrieg rückt näher, wenn wir uns nicht auf ein neues internationales Kontrollsystem besinnen" (Der Spiegel, 26.1.2004).

Liebe Festgäste,

bei der heutigen Einweihung des Hiroshima-Nagasaki-Parkes geht es um weit mehr als die Erinnerung und Vergegenwärtigung eines historischen Ereignisses. Jede Person, die diesen wunderschönen Park betritt, ist gleichzeitig aufgerufen, an einer Welt ohne atomarer Bedrohung, einer Welt ohne einer neuen Generation von Mini-Atomwaffen und ohne den Einsatz von uranhaltiger Munition, wie sie im jüngsten Afghanistan- und Irak-Krieg verwendet wurde, mitzuarbeiten.

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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004
Es gibt Hoffnungszeichen, auf denen wir in unserem Engagement für den Frieden aufbauen können:

Der 1970 abgeschlossene Atomwaffensperrvertrag - inzwischen von 180 Staaten unterzeichnet - legte fest, dass über den Kreis der bisherigen acht Atomstaaten keine weiteren Länder in den Besitz dieser Massenvernichtungsmittel kommen sollten. 1995 wurde der Vertrag, der in Kapitel VI die Verpflichtung enthält, alle Atomwaffen abzurüsten, auf unbestimmte Zeit verlängert. Leider fehlt noch immer der öffentliche Druck, die Regierungen der acht Atomstaaten zur Realisierung dieser eingegangenen Verpflichtung zu bewegen.

1996 wurde der Atomteststopp-Vertrag abgeschlossen und umfasst derzeit 170 Unterzeichnerstaaten. Bis heute allerdings ist dieser Vertrag nicht in Kraft getreten, weil alle 44 Staaten, die zivil Atomenergie nutzen, beitreten müssen, um das Vertragswerk gültig werden zu lassen.

Nichtunterzeichnet haben bisher Indien, Pakistan und Nordkorea; unterzeichnet, aber nicht ratifiziert haben die USA, China und Israel.

Liebe Festgäste,

neben diesen Grundlagenverträgen gibt es weitere Zeichen der Hoffnung, die ausgebaut werden können:

Fast die gesamte südliche Erdkugel ist bereits atomwaffenfrei.

Im Vertrag von Pilindaba wurde beschlossen, ganz Afrika zur atomwaffenfreien Zone zu erklären, gleiches wurde auch im Vertrag von Tlatelolco für Süd- und Mittelamerika und im Raratonga-Vertrag für den Südpazifik unterzeichnet.

Der Vertrag von Bangkok erklärt weite Teile Südasiens zur atomwaffenfreien Zone. Wie wichtig eine Einbeziehung Indiens und Pakistans in diesen Vertrag wäre, zeigte sich im Jahre 2002, als beide Länder ihre gegenseitige Bedrohungsrhetorik dermaßen steigerten, dass die gesamte Welt vor einem real drohenden Atomkrieg in dieser Region erzitterte.

Liebe Festgäste,

vielleicht werden sie sich fragen: Wie können wir, die wir hier versammelt sind, mit unseren bescheidenen Möglichkeiten, einen konkreten Beitrag zu einer Welt ohne Atomwaffen leisten?

In Deutschland gibt es eine rege Gruppe von Menschen, die sich unter dem Namen "Gewaltfreieaktion Atomwaffen abschaffen" dem weltweiten Bündnis "Abolition 2000" angeschlossen haben, dem rund 2000 Organisationen rund um den Globus angehören.

Noch immer lagern in Deutschland Atomwaffen in Büchel in der Eifel und in Ramstein, derzeit nicht belegte, aber aktivierbare Atomdepots gibt es in Memmingen und in Nörvenich.

Mit Mahnwachen, Gottesdiensten und Aktionen zivilen Ungehorsams versuchen die Mitglieder der Gruppe "Gewaltfreieaktion Atomwaffen abschaffen" die öffentliche Meinung zu sensibilisieren und die Bundesregierung wie die US-Regierung zum Abzug der Atomwaffen zu bewegen.

Durch Unterschriftenaktionen, Mitarbeit und Spenden können wir alle die derzeit laufende Kampagne "Auf keinem Auge blind - Atomwaffenfrei bis 2020" unterstützen.

Der Stadtrat von Köln hat bereits 1984 ein Zeichen gesetzt, in dem er die Stadt Köln zur atomwaffenfreien Zone erklärt hat. Mögen diesem Beispiel noch viele andere Städte und Gemeinden folgen! Die Anträge dazu kann jede und jeder von uns in vor Ort stellen!

Eines der größten Hoffnungszeichen ist derzeit die so genannte "Bürgermeisterkampagne". Die deutsche Delegation der Gruppe "Gewaltfreieaktion Atomwaffen abschaffen" übergab in diesem Jahr dem Bürgermeister von Hiroshima weitere 22 von ihnen gesammelte Beitrittsunterschriften zu den "Bürgermeistern für den Frieden". Herr Akiba, der Bürgermeister von Hiroshima, gehört zu den Initiatoren dieser Gruppe, der sich bisher schon rund 600 Bürgermeister aus aller Welt angeschlossen haben. Ihr Ziel ist die Abschaffung aller Atomwaffen bis zum Jahre 2020.

Wir alle können in Briefen unsere eigenen Bürgermeister bitten, dieser Gruppe beizutreten. Laut Umfragen lehnen mehr als 90% der deutschen Bevölkerung Atomwaffen ab. Bürgermeister auch aus Deutschland können darauf verweisen, durch ihren Beitritt den Mehrheitswillen der Bevölkerung auszudrücken.

Liebe Festgäste,

dass ich heute hier als Festredner eingeladen bin, hängt auch damit zusammen, dass der Versöhnungsbund, für den ich als Friedensreferent tätig bin, gestern und heute in Köln sein 90-jähriges Bestehen feiert.

Am 3. August 1914 versprachen sich am Kölner Hauptbahnhof der deutsche Theologe Prof. Friedrich Siegmund-Schultze und der englische Quäker Henry Hodgkin in einem historischen Handschlag, alles in ihrer Macht stehende zu tun, dem gerade frisch erklärten 1. Weltkrieg entgegen zu treten.

Dieses Band der Freundschaft und der aktiven Friedensarbeit mit dem Ziel der Überwindung des Krieges hält bis heute. Es freut mich deshalb besonders, dass unter unseren Festgästen auch etliche Freundinnen und Freunde des englischen Zweiges des Internationalen Versöhnungsbundes gekommen sind.

Köln scheint mit seiner Weltoffenheit ein gutes Pflaster für internationale Bündnisse zu sein. Ohne den Beschluss des Rates der Stadt Köln vom April 1985, Mitglied im "Städtebündnis mit Hiroshima und Nagasaki zur Förderung der Solidarität der Städte mit dem Ziel der vollständigen Abschaffung der Atomwaffen in aller Welt" zu werden, würden wir wohl kaum heute diesen Festakt zur Einweihung dieses wunderschönen Parks begehen können.

Ich möchte schließen mit einigen Sätzen des wohl prominentesten Versöhnungsbund-Mitgliedes aus den USA, Dr. Martin Luther King:

"Finsternis kann keine Finsternis vertreiben.
Das gelingt nur dem Licht.
Hass kann den Hass nicht austreiben.
Das gelingt nur der Liebe.
Die Kettenreaktion des Bösen - Hass, der neuen Hass gebiert,
Kriege, die neue Kriege nach sich ziehen, muss unterbrochen werden".

(aus: Kraft zum Lieben, Rede 1963, zit. nach: Hiroshima - Nagasaki, hg. von IPPNW, Berlin 2002).

Ich wünsche dem neuen Hiroshima-Nagasaki-Park viele interessierte Besucherinnen und Besucher aus aller Welt, die sich zum Engagement für den Frieden inspirieren lassen und danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit.



(Für die Recherche vieler Fakten dieser Rede danke ich Xanthe Hall von IPPNW, Berlin.)


Clemens Ronnefeldt ist Friedensreferat Versöhnungsbundes.

E-Mail:   C.Ronnefeldt@t-online.de
Internet: http://www.versoehnungsbund.de/paid/arb_cr.html
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