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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004


vom:
05.08.2004


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Hiroshima-Gedenken am 6. August 2004 im Fürther Stadtpark

Stefan Koch

- Sperrfrist: 06.08.04, 18 Uhr (!) -



Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist in den letzten Jahren eine gute Übung geworden, am heutigen Tag einmal hinauszusehen in größere Zusammenhänge, weitere Kontexte dessen, was mit dem 6. und 9. August 1945 über Hiroshima und Nagasaki für alle Zeit verbunden ist. Zugleich hat man auszuwählen, in welchen Bereich das gemeinsame Nachdenken gerichtet werden soll.

Geht es darum, von den Tätern zu erzählen und an Mayor Charles Sweeney zu erinnern, den jüngst erst verstorbenen Piloten der B-29 Superfortress, der am 9. August um 11.01 Uhr die Atom- (genauer: Plutonium-) Bombe auf Nagasaki abgeworfen hat? Über der Industriestadt Nagasaki, weil das eigentliche Ziel Nr. 1 dieses Tages, ein Ort namens Kokura, aufgrund technischer Probleme der Maschine außerhalb der Reichweite von Sweeney und seinem "Fat Boy " (so der Name der Bombe) lag. Ist es nicht bestürzend, was wir alles über die Täter dieses Tages wissen, bis hin zu den Namen ihrer technischen Geräte, mit denen sie den Tod über Menschen bringen, von denen wir kaum einen Namen präsent haben? Wahrscheinlich wissen wir in Europa letztlich von Hiroshima zuerst deshalb, weil es den 6. August 1945 gab?

Der Pilot der Todesmaschine wäre bei seinen anschließenden Manövern fast abgestürzt und hat Okinawa, seinen Zielort für den Rückflug mit minimalen Treibstoffresten erreicht. Und er hat dann 59 Jahre (nach allem, was wir wissen: relativ wenig moralisch angefochten) überlebt, was zum Menetekel des 20. Jahrhunderts geworden ist: den industriellen Tod von Menschen, der im Vergleich noch an mindestens sechsstelligen Zahlen zu bemessen ist. Sweeney hatte im Übrigen schon den Abwurf der Atom- (genauer Uran-) Bombe vom 6. August als Beobachter begleitet und wusste deshalb allzu gut, wovon er in seiner Autobiographie über den Anblick der Explosion von Nagasaki schrieb: "It seemed more intense and more angry".

Wut ist nun auch meine Stichwortbrücke, um heute nicht beim historischen Erinnern stehen zu bleiben, sondern solches Erinnern in der Gegenwart zu verankern. Denn ich möchte Ihre Aufmerksamkeit lenken auf eine Diagnose, deren Bedeutung für mein Dafürhalten noch nicht klar genug gesehen wird. Im Kommissionsbericht, der in USA mittlerweile zum Bestseller geworden ist und der das Regierungshandeln vor und nach dem 11.9.2001 untersucht, hat der den Bericht der Presse präsentierende Thomas Kean derart instruktiv von den Mechanismen gesprochen, die Menschen in höchster Leitungsverantwortung im Umgang mit Gewalt und Terror an den Tag legen, dass ich Ihnen die zentrale Begrifflichkeit nicht vorenthalten kann, sie zugleich auf weitere Kontexte übertragen möchte.

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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004
"A failure of imagination", "mangelnde Vorstellungskraft" attestiert der Bericht dem Regierungshandeln als schlimmsten Fehler - ein überaus interessanter Begriff. "Mangelnde Vorstellungskraft" bei dem, was durch das eigene Tun uns Lassen passieren kann als "worst case", ein Defizit an visionärer Potenz, die Zukunft betreffend in dem, was sie an Bösem bereithält, das nur einmal losgelassen wurde. Damit scheint mir ein gegenwärtiges Signum der amerikanischeuropäischen politischen Kultur treffend benannt: Mangelnde Vorstellungskraft dahin gehend, dass gar nicht klar wird, was passieren könnte. Mangelnde Vorstellungskraft darüber, wie eine Regierung ihr eigenes Volk im Stich lässt wie im Sudan, und in Afrika nicht zum ersten Mal; mangelnde Vorstellungskraft dessen, was es bedeutet, die Uno nur mit einem Selbstverteidigungsmandat auszurüsten wie in Srebrenica; mangelnde Vorstellungskraft den Berichten gegenüber, was in Auschwitz passiert, die dazu führt, die Bahngleise dorthin nicht zu bombardieren; mangelnde Vorstellungskraft, die Wirkung einer bzw. zweier Atombomben abzuschätzen und sie einfach einmal loszulassen, die Welt soll es erleben und Amerika in Zukunft anders sehen. Die Liste der Beispiele ließe sich schnell und lang ausschreiben. Die Beispiele zeigen nur, dass wir es hier wirklich mit einer Art Kriterium zu tun haben, an dem wir messen müssen, was Gestaltungswille bei uns vorhat.

Nur am Rande bemerke ich, dass die "mangelnde Vorstellungskraft", der "failure of imagination" am Ende auch etwas damit zu tun hat, dass der Mensch nun wirklich nicht gelernt hat, sich angemessene Bilder von Gegenwart und vor allem von Zukunft zu machen und allzu oft im Trüben der Realität fischt, statt tragfähige strategische Visionen zu entwickeln. Und womöglich gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen fehlender Imagination und dem biblischen Gebot, der ursprünglichen Nummer 3 der Zehn Worte, sich damit dann auch erst gar nicht zu versuchen, weil man daran nur scheitern kann, sich ein Image, ein Bild zu machen und zu meinen, damit sei die Wirklichkeit schon erfasst und ergriffen. Das biblische, das zunächst jüdische Bilderverbot steht - so gesehen - in Beziehung mit diesem "failure of imagination", der mangelnden Vorstellungskraft, und das biblische Wort negiert zugleich die menschliche Fähigkeit und das menschliche Bedürfnis, sich Bilder zu machen, um die Welt zu beherrschen, weil der Mensch das nie wirklich erreicht.

Können wir uns das so vorsagen lassen, dass wir die Finger lassen müssen von den Dingen, die wir uns nicht vorstellen können? Dass wir nur das auch tun sollten, was wir uns letztlich vorstellen können? Sind wir so erwachsen, vor katastrophalen Folgen unseres Tun nicht wie staunende Kinder stehen, die nicht zu überblicken vermochten, was sie ausgelöst haben?

Und lassen Sie mich am Rande und am Ende meiner Gedanken nur noch bemerken, dass die größte Vorstellung, die man von unserem Leben auf der Welt haben kann, schlicht und einfach die Vorstellung ist, dass es bereits Images, Bilder dessen gibt, was man sich vorzustellen hat, wenn es um das Leben auf der Welt geht. Solange es Menschen gibt, sind diese Menschen die einzigen wahren Bilder, die wir imaginieren können, die wir uns vorstellen sollten, wenn wir das Wesen des Lebens auf der Erde beschreiben und verstehen wollen. "Imagination", Vorstellungskraft geht dann nicht fehl, wenn sie vom Menschen herkommt, von der conditio humana, wenn sie davon ausgeht, dass der Mensch selbst als das einzige Bild dasteht, mit dem wir weiterkommen, wenn wir diesen Planeten bevölkern und erhalten wollen. Ich muss Ihnen nicht sagen, was von daher zu Hiroshima und Nagasaki zu sagen ist, wenn wir nicht nur vom "failure of imagination", von mangelnder Vorstellungskraft über die Kraft, die dort losgelassen wurde reden, sondern auch davon, dass damit gerade das negiert worden ist, was als "image" auf der Welt ist, der Mensch als solcher nämlich, Ebenbild Gottes auf einem verwundeten Planeten, der nur als Lebensraum überleben wird, wenn wir endlich bereit sind, uns konkret vorzustellen, was jeder von uns dafür tun kann, dass das Leben Zukunft hat und nicht weggeworfen wird wie in Hiroshima und Nagasaki.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.



Kontakt: Pfarrer Dr. Stefan Koch, Köniswarter Straße 60, 90762 Fürth, Tel.: 0911/977 977 27.


Pfarrer Stefan Koch ist Gemeindepfarrer der Auferstehungskirche in Fürth.

E-Mail:   dekanat@dekanat-fuerth.de
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