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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004


vom:
06.08.2004


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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004:

  Reden/Berichte/Kundgebungsbeiträge

Weltfriedensglocke Volkspark Friedrichshain, am 6.8.2004, 17 Uhr in Berlin

Rede zur Gedenkveranstaltung zum 59. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki

Ute Watermann

Meine Damen und Herren, exakt heute vor 59 Jahren flogen die elf amerikanischen Soldaten Ihren B-29 Bomber in Richtung Hiroshima. An Bord: Die drei Meter lange Atombombe mit den zynischen Namen Little Boy. Um 8.15 Ortszeit wurde diese Bombe über Hiroshima abgeworfen. Was dann folgte ist für uns, die wir heute hier stehen, um der Opfer zu gedenken, kaum vorstellbar. Eine Temperatur von 3.000 - 4.000 Grad Celsius im Zentrum der Explosion, die alles verdampfen ließ; eine ungeheure Druckwelle, die die Menschen einfach zerplatzte; Feuerstürme mit Windgeschwindigkeiten von 250 Kilometern pro Stunde, die durch die Stadt fegten; Bodentemperaturen von über 1.000 Grad, die Glas und Eisen schmolzen. Sogar der Asphalt brannte. Sollte jemals unsere Welt untergehen, so muss es so aussehen.

Wissenschaftler schätzen konservativ, dass am Ende dieses ersten Tages mindestens 45.000 Menschen, die meisten Zivilisten, in Hiroshima starben. Drei Tage später beim Atombombenabwurf auf die Hafenstadt Nagasaki, am ostchinesischen Meer gelegen, starben 22.000 Menschen. Binnen vier Monaten waren insgesamt 200.000 Tote zu beklagen. Hunderttausende wurden schwerst körperlich und seelisch verletzt. Und das Leiden geht weiter. Bis heute erkranken die Überlebenden der Atombombenabwürfe an Krebs und versterben.

An Sie und an Ihre Nachfahren, die auf ihre Mütter und Väter, auf ihre Großmütter und Großväter, auf ihre Schwestern und Brüder verzichten müssen, wollen wir heute denken. Ich möchte Sie bitten, kurz inne zu halten.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde und Freundinnen. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sind ein unentschuldbares Verbrechen. Nichts, aber auch gar nichts, rechtfertigt diesen Massenmord. Auch nicht das Argument, damit wäre der zweite Weltkrieg beendet worden. Ein sehr zweifelhaftes Argument übrigens, schließlich stand die Japanische Regierung im August 1945 kurz vor der Kapitulation.

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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004
Heute wissen wir aus zahlreichen Quellen, dass die Abwürfe der wissenschaftlichen Erforschung der zerstörerischen Wirkung der Atombombe dienten. So grausam es ist: Die Abwürfe waren ein barbarischer Menschenversuch. Und die Folgen dieses Menschenversuches waren so entsetzlich, dass die Menschen dieser Welt gemeinsam sagten: Nie wieder! Doch trotzdem 60 Millionen Menschen den Appell von Hiroshima und Nagasaki zur Ächtung und zur Abschaffung von Atomwaffen unterzeichneten, wurden seitdem weltweit Atomwaffen in großer Zahl produziert. Sie werden sich gewiss noch daran erinnern, dass allein in Deutschland Ost und West in mehr als 40 Orten diese todbringenden Massenvernichtungswaffen stationiert waren. Ihnen galten unsere großen Proteste in den 80er Jahren. Und wir können froh sein, dass diese Proteste dazu beigetragen haben, die Anzahl der Atomwaffen stark zu reduzieren. Doch trotz dieses Erfolges: Weltweit gibt es immer noch 30.000 Atomwaffen, davon 7.000 in ständiger Einsatzbereitschaft.

Das sind viel zu viele in einer Zeit, in der wir über zunehmende Verstöße gegen den Atomwaffensperrvertrag (NVV) reden, in der die US-Regierung allen internationalen Verträgen zum Trotz eine neue Generation von Atomwaffen entwickelt, in der die anderen Atommächte wie Frankreich und Russland angekündigt haben, den nach zueifern, in der wir um den Schmuggel von radioaktiven Spaltmaterialien wissen und um die große Gefahr von atomaren Terroranschlägen. Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde El-Baradei bringt es auf den Punkt: "Die Gefahr eines Atomkrieges war noch nie so groß wie heute."

Gegen diese Bedrohung - und das sage ich Ihnen auch als Ärztin - hilft kein Katastrophen- und Rettungsschutz. Hier hilft nur eines: Alle Atomwaffen, überall auf der Welt, müssen aufgespürt und zerstört werden. Ihr spaltbares Material muss unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen überwacht werden. Wir brauchen dringend eine Atomwaffenkonvention, ähnlich der bereits existierenden Chemiewaffenkonvention

Meine Damen und Herren, ich bin im Mai diesen Jahres nach New York gereist und habe dort die Atomwaffensperrvertrags-Konferenz beobachtet. Das ist die Konferenz, die überprüft, ob der Vertrag über die Abschaffung und die Nichtverbreitung von Atomwaffen, der von über 190 Staaten unterzeichnet wurde, eingehalten wird. Diese Konferenz war ein absolutes Desaster.

Die Atommächte - allen voran leider die USA - weigern sich, abzurüsten, obwohl sie laut Atomwaffensperrvertrag dazu verpflichtet sind. Und die Nicht-Atomwaffenstaaten stehen nicht geeint dagegen auf. Der Vertrag steht vor dem Aus.

Es ist unsere Verpflichtung diese Situation zu ändern. Nächstes Jahr ist der sechzigste Jahrestag der Atombombenabwürfe und es formiert sich ein breites internationales Bündnis von Bürgermeistern und zivilgesellschaftlichen Gruppen für eine weltweite Kampagne zur Abschaffung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2020. Wir wollen, das noch im Jahr 2005 bei der Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages in New York mit den Verhandlungen über eine Atomwaffenkonvention begonnen wird. 2010 soll das Vertragswerk stehen und 2020 soll unsere Welt atomwaffenfrei sein.

Das ist keine spinnerte Idee. Eine von Wissenschaftlern und Juristen ausgearbeitete Konvention gibt es bereits - sie ist offizielles UN-Dokument. Es fehlt allein der politische Wille, sie umzusetzen. Und dieser politische Wille fehlt nicht nur in den USA. Auch hier in Deutschland lagern noch mindestens 65 Atomwaffen in den Standorten Ramstein und Büchel. Und was viele nicht wissen: Im Ernstfall kann die USA den Abwurf dieser Atombomben auf deutsche Soldaten übertragen. Das heißt, ein deutscher Tornado mit deutschen Soldaten würde die Bombe ins Ziel bringen. Und genau das wird auch von deutschen Luftwaffensoldaten in Büchel geübt. Diese so genannte nukleare Teilhabe muss sofort beendet werden und die deutsche Regierung muss Verhandlungen über die Rückkehr der US-Bomben aufnehmen. Alles andere ist doppelzüngig und unmoralisch.

Deutschland muss atomwaffenfrei werden. Und wir, das heißt die IPPNW, der Trägerkreis Atomwaffen abschaffen und die deutschen Bürgermeister für den Frieden, werden im jetzt vor uns liegenden Jahr genau dies von der rotgrünen Bundesregierung fordern. Ich hoffe, Sie alle werden an unserer Seite stehen.

Es gibt viel zu tun:

Überzeugen Sie Ihren Bürgermeister die Bürgermeisterkampagne zu unterstützen, die Tadatoshi Akiba, Bürgermeister von Hiroshima ausgerufen hat. Hannover, Bielefeld, Mutlangen und viele andere Orte in Deutschland machen bereits mit. Über 1.000 US-amerikanische Bürgermeister sind ebenfalls seit dem 28 Juni diesen Jahres mit dabei.

Falls es Ihnen möglich ist: Fahren Sie mit zu den Abrüstungsverhandlungen im Mai nach New York und machen Sie mit uns und unseren US-Amerikanischen Friedensfreunden New York zu einer Stadt des Protestes gegen Atomwaffen.

Organisieren Sie in ihrer Umgebung Hiroshima- Ausstellungen; initiieren Sie in den Kindergärten, Schulen und Universitäten die Aktionen "Völkerrecht" und "Malen für den Frieden". Wir helfen Ihnen gerne dabei weiter.

Liebe Freunde und Freundinnen, wir dürfen nicht zulassen, dass die Bedrohung durch Atombomben erst dann wieder Thema wird, wenn Hunderdtausende nach einem erneuten Abwurf gestorben sind. Das nächste Jahr ist unsere historische Chance. Lasst sie uns nutzen!

Ich möchte schließen mit dem Appell von Hiroshima und Nagasaki, der größten Petition der Erde, unterzeichnet von 60 Millionen Menschen:

"Die Zeit ist gekommen, zum vollständigen Verbot und zur vollständigen Abschaffung von Atomwaffen aufzurufen. Wir müssen unbedingt zusammen arbeiten, um die vollständige Ächtung von Einsatz, Erprobung, Erforschung, Entwicklung, Herstellung, Stationierung und Lagerung von Atomwaffen zu erreichen"


Dr. Ute Watermann ist Sprecherin der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges - Ärtze in sozialer Verantwortung)

E-Mail:   ippnw@ippnw.de
Internet: http://www.ippnw.de
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