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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004


vom:
09.08.2004


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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004:

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Ansprache zum Hiroshimatag des "Münchner Friedensbündnis" am 6. August in München

Gundremmingen kann auch anders - nach München kommen

Raimund Kamm

Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger hier in München!

Liebe Freundinnen und Freunde für Frieden, Umweltschutz und Gerechtigkeit!

Die Kerntechnik wurde entwickelt, um mit einem Schlag tausendfach töten zu können. Nach Hiroshima und Nagasaki erschraken die Physiker: Was haben wir da entwickelt? Wird diese ungeheure Energiequelle nicht nur einzelne Menschen sondern gar die ganze Zivilisation gefährden?

Oppenheimer und seine Kollegen wollten es wieder wett machen. Begeistert stürzten sie sich in das von Präsident Eisenhower vertretene Programm "atoms for peace". Die Wissenschaftler glaubten, den Menschen eine riesige Energiequelle verfügbar machen zu können.

Übrigens: Auch wir Umweltschützer haben viele Jahre gebraucht, um die Probleme der zivilen Atomenergie zu erkennen und klar Nein zur Atomtechnik zu sagen. Noch in den 1960er Jahren war bei den damaligen Naturschützern der Glaube verbreitet, die Atomenergie sei der technische Fortschritt mit dem die schmutzigen Kohlekraftwerke (,Der Himmel an der Ruhr soll wieder blau werden" hieß es verständlicherweise damals) überwunden werden könnten. Und mit der Kerntechnik könnte das gerade in den Alpen beklagte Unterwassersetzen ganzer Täler für den Bau von Wasserkraftwerken (Kaprun, Silvretta) überflüssig werden. Erst in den 1970er Jahren gewann die Sorge vor den Gefahren der Atomunfälle bei uns Natur- und Umweltschützer die Oberhand. Klar hieß es dann: Atomkraft? Nein Danke!

Es ist gut, sich dieser unserer Geschichte zu erinnern.

Ich selber kann auch die Faszination so mancher Physiker und Ingenieure verstehen. Eine Technik entwickelt zu haben, die aus einem Kilogramm Spaltstoff so viel Energie gewinnt, wie ansonsten die Verbrennung von 1.000 Tonnen Kohle bringen.

Bayern stellte Deutschlands ersten Atomminister. In Bayern wurde auch das erste Großkernkraftwerk Deutschlands gebaut, der Block A in Gundremmingen. Leistung: 250.000 Kilowatt, also 250 Megawatt (MW) oder über 300.000 PS. Haupteigentümer die in Essen beheimatete Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke AG (RWE).

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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004
Im Sommer 1962 wurde der Bauantrag gestellt. Nach nur einem halben Jahr erfolgte die Genehmigung. Vier Jahre später ging das Akw in Betrieb und am 13. Januar 1977 führte ein Unfall zum Totalschaden.

Also: Genehmigungszeit ein halbes Jahr, Betriebszeit 10 Jahre, Müllzeit über 1.000.000 Jahre (eine Million Jahre!). So lange muß der tödlich strahlende Atommüll zuverlässig isoliert werden. Dafür gibt es jedoch noch keine Lösung. Dieser Atommüll wird derzeit in Karlsruhe, in Schweden, in Gorleben und vermutlich auch in Rußland zwischen gelagert. Ein Endlager existiert trotz aller Versprechen der Atombosse und der Bundeskanzler Schmidt und Kohl bis heute nicht.

1984 wurden dann in Gundremmingen die Blöcke B und C in Betrieb genommen. Mit zusammen über 2.600 MW sind sie Deutschlands größtes Atomkraftwerk. Sie erzeugen jährlich mehr Strom als vergleichsweise noch im Jahr 1965 in ganz Bayern verbraucht wurde. Heute liefern sie etwa jede dritte in Bayern genutzte Kilowattstunde Strom. Auch hier nach München.

Das 1.200 Einwohner Dorf Gundremmingen zählt zu den reichsten Gemeinden Deutschlands. Viele Wohn- und Gewerbegebäude hier in München gehören dem Dorf.

Aber aus Gundremmingen kommen auch radioaktive Abgase. Die meisten Menschen sehen bei einem AKW nur die auffälligen Kühltürme. Nicht aber die schmalen und hohen Kamine, aus denen aller gegenteiligen Propaganda zum Trotz radioaktive Abgase emittiert werden. Es ist umstritten, wie gefährlich diese Gase sind. Aber es ist leider wahr, daß in der Hauptwindrichtung dieses Akws, also in den Landkreisen Dillingen, Donauwörth und Augsburg die Krebserkrankungszahlen über dem Landesdurchschnitt liegen. In den Dörfern östlich von Gundremmingen erkranken viel mehr Kinder an Leukämie als nach den Statistiken der Mediziner "normal" wäre.

Jeden Tag werden in Gundremmingen etwa 180 Kilogramm "Uran-Brennstoff" verbraucht. Seit einigen Jahren darunter auch in MOX-Brennelemente gemischter Plutoniumbrennstoff.

Plutonium kommt in der Natur unserer Erde praktisch nicht vor. Es entsteht erst in den Atomreaktoren bei der Bestrahlung des Brennstoffes. Es heißt, nur ein Millionstel Gramm Plutonium eingeatmet führe mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zum Lungenkrebs. Und mit 4-6 kg Plutonium kann man relativ einfach Atombomben bauen. In Gundremmingen entstehen Tag für Tag knapp 2 Kilogramm Plutonium.

In den irreführend "Wiederaufarbeitungsanlagen" genannten Plutoniumfabriken in La Hague und in Sellafield wurde dieses Plutonium abgetrennt, um es zum Atombombenbau oder für MOX-Brennelemente weiter zu verwenden.

Vielfach wurde gesagt, das Atommüllproblem sei gelöst. Da aber alle Wissenschaftler und Ingenieure unserer Erde bis heute keine vertrauenswürdige Methode gefunden haben, diesen tödlich strahlenden Atommüll für die notwendigen eine Million Jahre sicher einzuschließen, baut man immer neue Zwischenlager. Ich nenne sie: Hochrisiko-Parkplätze.

Und dann hofft man, daß nachkommenden Generationen schon eine Lösung einfällt.

Dies ist nach meiner festen Überzeugung ein Verbrechen an unseren Nachkommen!

In Gundremmingen soll jetzt nach dem Willen von RWE und EON und auch von Trittin und Schröder Deutschlands größtes Atommüll-Lager gebaut werden. Wir haben dagegen 76.000 Einwendungen in Deutschland und 22.000 in Österreich gesammelt. Denn dieses Atommüll-Lager ist sehr gefährlich. 192 Castoren mit abgebrannten Brennelementen soll es aufnehmen. In jedem einzelnen Castor ist soviel mittel- und langdauernde Radioaktivität enthalten, wie vergleichsweise insgesamt in Tschernobyl frei gesetzt wurde.

Und dieses Lager wird gerade im Fall eines Terroranschlags eine ungeheure Gefahr. Wenn nur ein oder zwei Castoren aufgerissen würden, noch ein Feuer die Partikel in größere Höhen steigen läßt, hängt es von der Windrichtung ab, welche Regionen verseucht werden. Kommt der Wind aus Osten, werden Ulm, Stuttgart, Karlsruhe und die Gebiete dazwischen bedroht. Kommt der Wind aus Westen, drohen Donauwörth, Augsburg, Ingolstadt und auch München tödliche Verseuchungen.

Meiner Meinung nach sind Atomkraftwerke keine friedlichen Stromfabriken, sondern unvorstellbar gefährliche Minen, die durch Fehler los gehen oder aber von Terroristen gezündet werden können.

Schon vor Jahrzehnten sagte Carl Friedrich von Weizsäcker, daß ein Land mit Atomkraftwerken eigentlich nicht zu verteidigen ist.

Und die neuen Zwischenlagern dienen nicht dem Ausstieg!

Da sind leider auch unter Gesundheits- und Umweltschützern manche Köpfe durch die Propaganda von Trittin & Co verwirrt. In diesen Zwischenlagern soll z.B. in Gundremmingen der Atommüll der Jahre 1996 - etwa 2040 eingelagert werden. Da es keine Endlager und somit keine Entsorgung gibt, soll mit diesen Zwischenlagern das Weiterlaufen der Kernkraftwerke für die nächsten Jahrzehnte ermöglicht werden. Die Größe der Zwischenlager ist so geplant, daß die Akws im Prinzip bis zu ihrem technischen Ende weiter laufen können.

Die vier großen Stromkonzerne in Deutschland, also: RWE, EON, EnBW und Vattenfall, freuen sich riesig: Obwohl es keine Entsorgung der Atomkraftwerke gibt, genehmigt ihnen Rot-Grün neue Zwischenlager und ermöglicht damit das Weiterlaufen der Akws. CSU.CDU.FDP werden dann nach dem Regierungswechsel mit heuchlerisch vorgebrachten Klimaschutzargumenten das Weiterlaufen der Akws genehmigen.

Wir haben keinen Atomausstieg sondern einen Atombetrug!

Aus dem knapp 100 Kilometer von München entfernten größten AKW Deutschlands fließt viel Strom nach München. Wenn dort aber durch Unfall oder Anschlag Schlimmes passiert, kann aus dem Kernkraftwerk auch der Untergang von München und seinen Menschen kommen.

Deswegen lasst uns auch gegen die fälschlich so genannte "friedliche" Nutzung der Kernenergie uns stemmen! Machen wir weiter deutlich, wie gefährlich diese Anlagen sind. Und daß wir entgegen aller Atompropaganda auch ohne Atomenergie gut wirtschaften können.

Wir nennen es die drei E-Strategie:

1. Energiespare
n2. Energieeffizienz steigern­3. Erneuerbare ausbauen.

Damit können wir frei von der ungeheuerlichen Atomenergie, ohne Klimavergiftung und sogar ohne Wohlstandsverluste unsere Energieversorgung bewerkstelligen. Im Interesse von uns und unseren Nachkommen müssen wir das tun!


Raimund Kamm ist Diplomökonom und aktiv beim "FORUM Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik"

E-Mail:   kamm@gmx.de
Internet: http://www.atommuell-zwischenlager.de
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