Netzwerk Friedenskooperative



Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004


vom:
11.08.2004


 vorheriger

 nächster
 Artikel

Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004:

  Reden/Berichte/Kundgebungsbeiträge

Rede zur Einweihung des Hiroshima-Nagasaki-Parks Köln am 7.8.2004

Liebe Freundinnen und Freunde -

Kazuo Soda

wie froh bin ich, diesen Sommer wieder in Köln zu sein!

Vor 7 Jahren, als ich krank zu Bett lag, erreichte mich die traurige Nachricht vom Abriß der "Klagemauer für Frieden", die ein Zeichen setzte gegen Gewalt und für Menschlichkeit.

Heute bin ich überglücklich, dass mir die ehrenvolle Gelegenheit geboten wird, mit Ihnen allen hier die Freude zu teilen, einen Park der Erinnerung und des Friedens in Köln einzuweihen. Dieser Park erscheint mir wie eine Erweiterung - eine Ausdehnung des "Hibakusha Gartens", einst Teil der "Klagemauer für Frieden", die zahlreiche Kölner, Touristen und Friedensfreunde anzog.

In der Tat ist die Namensgebung "Hiroshima-Nagasaki-Park" eine großartige Leistung der Graswurzel-Friedensbewegung, zugleich aber der Kölner Stadtverwaltung durch ihre Unterstützung dieses Prosjekts. Dieser Park stellt eine eindrucksvolle Mahnung dar: Die Tragödien, die wir Japaner vor 59 Jahren durchlitten, dürfen sich nicht wiederholen!

Dieser Friedenspark ist wohl der größte in Europa, vergleichbar mit den Parks in Hiroshima und Nagasaki. Ich sehe in ihm eine wichtige Basis, von der aus eine Friedensbotschaft sich verbreitet - nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Ich bin sicher: Der Hiroshima-Nagasaki-Park ist eine einflussreiche Basis des Friedens in Europa. Die Botschaft, die von ihr ausgeht, heißt: Alle Atomwaffen abschaffen - weltweit! Wir brauchen keine Militärbasen, die Kriegführung ermöglichen. Wir brauchen aber Friedensbasen wie diesen Park, damit der Gedanke eines menschenwürdigen Lebens in Frieden um sich greift.

Ich blicke zurück auf die 59 Jahre seit unserem grauenhaften Erleben des Atomblitzes, der Explosionen über Hiroshima und Nagasaki. Seitdem haben wir in unserem weltweiten Kampf um die vollständige Beseitigung aller Atomwaffen zwar Fortschritte erzielt - nämlich mit dem Abschluß des Atomwaffensperrvertrags und des Umfassenden Atomwaffenteststopp-Vertrages. Diese Verträge sind jedoch nur begrenzt wirksam. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen: Wir sind noch meilenweit von unserem Ziel entfernt!

 zum Anfang


Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004
Tatsächlich hat die Supermacht (USA) wiederholt subkritische Atomtests durchgeführt. Nicht nur hat sie damit die abgeschlossenen Verträge missachtet - darüber hinaus entwickelt sie taktische Nuklearwaffen. Das Weiße Haus ging so weit, einen nuklearen Präventivschlag anzukündigen gegen jeden Staat, der ihm feindlich gesinnt erscheint.

Geschosse mit abgereichertem Uran haben bekanntlich im Golfkrieg, in Afghanistan und im Irak immense Schäden verursacht und Zivilisten Leid und Tod gebracht. Auch Splitterbomben gehören zu den todbringenden, wenn auch nicht atomaren Waffen, die dort eingesetzt wurden. Wie können wir, die Überlebenden der Atombombe, solche katastrophalen Auswirkungen mörderischer Waffen übersehen? Man hat mir von einem afghanischen Jungen erzählt, der - gefragt, was sein größter Wunsch sei - antwortete: Frieden wünsche ich mir - sonst nichts.

So sind wir Zeitzeugen - die meisten über 70 - auch nach mehr als einem halben Jahrhundert in der Pflicht zur Stellungnahme gegen Atomwaffen. Das Zeugnis, das wir ablegen, soll die irreparablen Folgen menschlicher Verblendung offen legen. Diese Botschaft hat jedoch die Staaten, an die sie gerichtet ist, kaum erreicht. Wenn die gegenwärtige Nuklearpolitik sich nicht ändert, sollten wir weiter bezeugen, wie verbrecherisch sie ist, sogar in einem Leben nach dem Tode. Solange Atomwaffen existieren, können wir Überlebende der Atombombe nicht in Frieden sterben.

Vor 59 Jahren erreichte die Nachricht, eine neuartige Bombe sei über Hiroshima abgeworfen worden, unsere Stadt drei Tage später. An jenem 9. August verwandelte sich Nagasaki in einem Augenblick in eine "lebende Hölle" - mit einem blendenden Blitz und ohrenbetäubendem Getöse. Ich befand mich damals 2,5 km vom Hypozentrum entfernt. Ein paar Sekunden nach der Explosion herrschte Totenstille - bis ein schriller Hilfeschrei mehr Schreie auslöste - überall. Meine Mutter und ich verbrachten die Nacht auf einem Hügel, wohin wir uns - zitternd vor Furcht - geflüchtet hatten. Am nächsten Tag fand ich unser Haus niedergebrannt, die meisten Stadtbezirke waren in Schutt und Asche gelegt. Viele gänzlich oder zur Hälfte verkohlte Leichen zeugten von der zerstörerischen Gewalt der Bombe. Zwei Drittel meiner Mitschüler wurden getötet, die meisten in der Fabrik, wo sie zum Arbeitseinsatz verpflichtet waren, einige in ihren Häusern nahe dem Hypozentrum.

Eine wichtige Frage drängt sich mir auf angesichts unserer, der japanischen gegenwärtigen Situation: Die Frage nach der sinnvollen Erziehung junger Menschen. Bis 1945 wurde uns beigebracht, als Instrumente des Kaisers zu funktionieren, nicht, als Menschen zu leben. Unter dem Eindruck totaler Zerstörung nach der Explosion der Bombe hielt ich - das gestehe ich ein - an der absurden Idee fest, ich sollte meine Dienste dem Kaiser widmen. Militarismus und Opferbereitschaft waren uns eingehämmert worden von Kindesbeinen an. Wie viele junge Leben wurden falschen Werten zum Opfer gebracht? Keine der damaligen Erziehungseinrichtungen dienten der Wahrheitsfindung. Sie waren bloße Trainingsschulen für das machtvolle Militär. Es ist zum Verzweifeln, dass es sogar gegenwärtig bei uns einige Kabinettsminister gibt, die den alten Kaiserlichen Erziehungserlaß hochschätzen, der junge Leute drängte, um des Kaisers willen ihr Leben zu opfern. Schlimmer noch - zu unserer Schande muß gesagt werden: Im einzigen Land, das Opfer von Atombomben wurde, gibt es eine Reihe von Regierungsmitgliedern, die auf atomare Rüstung setzen. Wir können mit Bestimmtheit sagen: Unser Land befindet sich in der schlimmsten Krise seit 1945. Wir werden bedroht von den alten Werten, die uns in der Vergangenheit der Menschenwürde beraubten.

Unsere Regierung hegt den Plan, unser Land wieder zu dem zu machen, was es war - d.h. ein "normaler Staat", der Kriege zu führen imstande ist. Artikel 9 unserer Verfassung, in dem auf Kriegspotential verzichtet wird, ist gefährdet. Tatsächlich wurden japanische Verteidigungskräfte in den Irak gesandt zur Unterstützung des Angriffskriegs der USA und Großbritanniens - sie sind Teil der multinationalen Einsatzkräfte. Ohne Zweifel ist die Haltung unserer Regierung im Irak-Krieg verfassungswidrig. Wie kann dies "humanitäre Unterstützung" genannt werden? Es ist klar: Unsere Regierung und die Parteien, die an der Macht sind, haben sich den Fehlern nicht gestellt, die unser Land in der Vergangenheit gemacht hat.

Auch die Leiden der Atombombenopfer werden von unserer Regierung heruntergespielt wie die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen. Nur 0,8% aller Überlebenden wurden als Opfer von nuklearer Strahlung anerkannt, obwohl fast alle an unterschiedlichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Verstrahlung leiden. Im vorigen Jahr wurde mein Antrag auf Anerkennung als an Verstrahlungsfolgen Erkrankter vom Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales glatt abgelehnt. Das bedeutet, das diejenigen, die sich nicht ernsthaft mit der Vergangenheit auseinandersetzen, auch den Kriegsopfern keinerlei Beachtung schenken. Die Koizumi-Regierung hat nichts aus den Folgen des 2. Weltkriegs gelernt.

Wir Hibakusha sind bereit, es mit anderen politischen Problemen aufzunehmen, die im Zusammenhang stehen mit unserem Wunsch nach einer friedlichen Welt frei von Atomwaffen und Krieg. Wir sind entschlossen, gegen Gewalt und Unmenschlichkeit zu kämpfen - zusammen mit allen Menschen, die Frieden wollen.

Laßt uns unsere einmalige Erde schützen vor Atomwaffen - vor ihrem Untergang!

Laßt uns mit vereinten Kräften sinnlosem Sterben ein Ende setzen - überall auf der Welt!

Nie wieder Krieg! Nie wieder Hibakusha!



Übersetzung: Gisela Behrendt (Hiroshima-Nagasaki-Arbeitskreis im Kölner Friedensforum)
Kazuo Soda ist Überlebender von Nagasaki und Träger des Aachener Friedenspreises 2001
Internet: http://www.proasyl.de/proasyl/friedenspreis/soda.htm
 zum Anfang

 vorheriger

 nächster
  
Artikel

       
Einige weitere Texte (per Zufallsauswahl) zum Thema
Hiroshima, Nagasaki
Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2000
Hiroshima 2002: Flugblatt aus Bremen
Hiroshima 2003 - Brief an Shimon Stein
Hiroshima 2003 - PE Netzwerk Friedenskoopeartive
Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004
Hiroshima - Pressesolitter - Vorfeld

Bereich

 Netzwerk