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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004


vom:
16.08.2004


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Köln, 7. August 2004

Begrüßungsrede zur Eröffnung der Ausstellung "Die Atombombe und der Mensch"

Adele Schlombs

Sehr geehrter Herr Soda,
Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Museum für Ostasiatische Kunst wird heute eine Ausstellung eröffnet, die wahrhaftig nichts mit Kunst zu tun hat und die auch nicht vom Museum, sondern vom Hiroshima-Nagasaki-Arbeitskreis veranstaltet wird, der sich als Mitglied des Kölner Friedensforums für die weltweite Abschaffung von Atomwaffen einsetzt.

Wenn Sie so wollen, begrüße ich Sie heute also nicht in offizieller Mission als Museumsdirektorin, sondern einfach nur als Mitbürgerin. Die Kontakte mit dem Hiroshima-Nagasaki-Arbeitskreis reichen jetzt schon über zwei Jahre zurück. Als ich hörte, dass es heute viele junge Menschen gibt, die noch nie etwas von den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki gehört haben, war ich sehr erstaunt; und es stand für mich fest, dass wir als Museum alles tun müssten, um dieser Ausstellung zur Verwirklichung zu verhelfen.

Es wurde mir plötzlich auch bewusst, wie einschneidend die Beschäftigung mit Hiroshima und Nagasaki mich als Jugendliche geprägt hatte. Daneben gab es noch ein weiteres Thema: der Zweite Weltkrieg in Europa und die Judenvernichtung, die mich zutiefst erschütterten und sich aufs Engste mit der Frage nach dem Sinn des Lebens verbanden. Das Bekanntwerden mit den historischen Fakten und mit dem, was Hannah Ahrendt als die Banalität des Bösen bezeichnet hat, löste eine tiefe Krise aus, und aus meiner heutigen Sicht war diese Krise ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Erwachsen-Werden oder auf dem Weg zu so etwas wie einer eigenen, inneren Überzeugung, an der nicht zu rütteln ist, die man im Innern spürt und die einem Geduld und Ausdauer und Kraft geben kann.

Der Abwurf der Atombomben am 6. und 9. August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki hat die Welt wie kaum ein zweites Ereignis des 20. Jahrhunderts verändert. Der Abwurf dieser Bomben trennt uns von allen Generationen, die davor gelebt haben, denn er hat uns der selbstverständlichen Gewissheit beraubt, dass die Welt sich von Generation zu Generation immer weiter fortsetzen wird, dass wir Kinder haben, die wiederum irgendwann Kinder haben werden, dass wir irgendwann sterben und sich die Menschheit immer so weiter fortsetzen wird. Nichts ist mehr sicher, und je mehr man begreift, wie sehr auch im Falle von Hiroshima und Nagasaki die Banalität des Bösen eine wichtige Rolle spielte, umso skeptischer und unsicherer wird man mit Blick auf die Zukunft. Es steht außer Zweifel, dass hätte Deutschland nicht schon im Mai 45 kapituliert, die Ziele wohl Berlin und Frankfurt geheißen hätten. Erwiesen ist außerdem, dass Japan kurz vor der Kapitulation stand und es keinerlei Notwendigkeit gab, diese Bomben abzuwerfen, dass es Präsident Truman vielmehr darum ging, sein kostspieliges Rüstungsprogramm durch sichtbare Ergebnisse zu rechtfertigen und die Vormachtstellung der USA gegenüber Russland zu festigen. In seinen Tagebüchern ist wörtlich die Rede davon, dass man Russland zeigen müsse "wo der Hammer hängt" ("where the hammer hangs"), d.h. wer das Sagen in der Welt habe.

Der Abwurf der Atombomben hat insofern auch eine weitere welthistorische Dimension: Er war der Beginn und die Voraussetzung für den Kalten Krieg, das Wettrüsten und den Wettlauf der beiden Systeme. Auch dies hat meine Kindheit nachhaltig geprägt. Ich erinnere mich sehr lebhaft, welche Ängste meine Geschwister und ich während der Kuba-Krise 1962 ausstanden, wie wir am Radio die Nachrichten verfolgten. Meine älteren Geschwister klärten mich auch über die beiden unheimlichen Koffer auf, die Crustschow wie auch Präsident Kennedy angeblich zu jeder Tagesund Nachtzeit mit sich führten, weil sich darin der Code befand, mit dem es jeder Zeit, binnen weniger Sekunden möglich sein sollte, den atomaren Erstschlag auszulösen, also blitzartig den Untergang der USA bzw. Russlands und Mitteleuropas herbeizuführen. Für mich als Kind war es eine ungeheuerliche Vorstellung, dass zwei Menschen so viel Macht über Leben und Tod haben sollten.

Heute befinden wir uns in einer ganz anderen Epoche, nämlich der der asymmetrischen, terroristischen Kriege. Da möchte man sich fast nach den Zeiten des Kalten Krieges zurücksehnen, in denen die atomaren Waffenarsenale wenigstens noch einer strengen staatlichen Kontrolle unterstanden. Es gibt nichts Tröstliches, keine gute Botschaft, meine sehr verehrten Damen und Herren, die ich Ihnen heute übermitteln könnte. Aber Vergessen? Wie könnte man Hiroshima und Nagasaki vergessen? Das wäre so, als würde man sich freiwillig entscheiden, blind durchs Leben gehen zu wollen. Nur in dem Maße, in dem wir nicht vergessen, bietet die Zukunft Hoffnung und Chancen; und nur so können auch die vielen Hunderttausend unschuldiger ziviler Opfer ihre Würde zurückgewinnen. Das ist der Grund, warum wir diese Ausstellung in unserem Museum zeigen und warum der japanische Künstler Hide Nasu eine Skulptur zum Gedenken an die Opfer der beiden Atombombenabwürfe entworfen hat, die inmitten der Trümmerberge des Zweiten Weltkrieges hier in Köln im Hiroshima-Nagasaki-Park realisiert werden soll. In der Ausstellung werden Sie ein Modell seines Entwurfs vorfinden.

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Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2004
Ich lade Sie ein zur Besichtigung der Ausstellung und hoffe, dass sie zur Aufklärung beiträgt und vor allem von jungen Menschen gesehen wird.


Dr. Adele Schlombs ist Direktorin des Museums für Ostasiatische Kunst in Köln
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