Hiroshima-/Nagasakitag 2006


 voriger

 nächster

Hiroshima-/Nagasakitag 2006

 Reden/Berichte/Kundgebungsbeiträge

Rede vor dem Kölner Dom am 6. August 2006

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde in Köln,

Kazuo Soda

heute bin ich überaus glücklich, die Gelegenheit zu haben, vor dem Kölner Dom sprechen zu können. Dieser Platz war früher die Haupt-Bühne meiner Friedensaktivitäten, unterstützt durch die "Klagemauer für Frieden" und ihren Initiator Walter Hermann sowie durch Kölner Friedensgruppen. Man könnte sagen: Ich verkörperte eine der Friedensbotschaften der Karten an der "Klagemauer" - die Botschaft aus Hiroshima und Nagasaki. Durch die "Klagemauer" traf ich viele Menschen aus der ganzen Welt. Tief bewegt denke ich an die Begegnungen der vergangenen 16 Jahre.

Bitte gestatten Sie mir die Wiederholung derselben Geschichte wie bei jedem meiner vorigen Besuche. Ich habe keine Wahl - ich muss von meinen Erfahrungen während des Atombombenangriffs auf Nagasaki berichten, denn sie bilden die Grundlage für meine Motivation, in der Friedensbewegung zu arbeiten.

Vor 61 Jahren zeigten sich plötzlich zwei riesige Feuerbälle am Himmel über Hiroshima und drei Tage später über Nagasaki. Unter den gewaltigen Wolkenpilzen verwandelten sich die beiden Städte augenblicklich in ein Inferno, das ganze Straßenzüge und viele Menschen verschlang.

Etwa 290-tausend Menschen überlebten die Atombombenangriffe, doch ihr Leben lang können sie das Trauma dieser Katastrophe nicht abschütteln. Solange sie leben, hoffen sie auf das Abschaffen der Atombomben.

Nach der Tragödie von Hiroshima erlebten die Bürger von Nagasaki um 11:02 Uhr am 9. August 1945 ihre Feuertaufe. Im Augenblick der Explosion muss ich das Bewusstsein verloren haben, überwältigt von einem donnergleichen Getöse und geblendet von einem gewaltigen Blitz. Unser Haus lag 2,5 km vom Hypozentrum entfernt. Sein Obergeschoss war weggefegt, das Sonnenlicht wurde verdunkelt, Dämmerung brach herein.

Mein Vetter, keine 10 m vom Haus entfernt den Hitzestrahlen ausgesetzt, war von Kopf bis Fuß so stark verbrannt, dass sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit anschwoll. Zwei Wochen später starb er qualvoll. Maden hatten seine Wunden befallen. Wäre ich draußen gewesen, hätte ich das gleiche Schicksal erlitten. 10 Meter entschieden damals über Leben und Tod.

Das Feuer um den Bahnhof von Nagasaki wuchs zu einem wütenden Flammenmeer und umzingelte unser Haus. Erst dann wurde mir bewusst: Dies war ein Angriff durch denselben neuen Bombentyp, wie ihn die Bewohner Hiroshimas erlitten hatten. Soweit das Auge blickte - nichts als Flammen. Schwarz verkohlte Leichen lagen überall. In ihren letzten qualvollen Augenblicken blieb ihnen nicht die Zeit, über ihre Schmerzen zu klagen. Die ganze Stadt Nagasaki war eine Hölle auf Erden.

Etwa zehn Jahre lang war es den Hibakusha (den Überlebenden der Atombombenangriffe) verwehrt, sich über die Tatsachen hinter den Abwürfen zu informieren. Es gab eine totale Nachrichtensperre. Die Menschen wurden während dieser Zeit als Versuchskaninchen behandelt und nicht wie Patienten, die medizinische Versorgung benötigten. 1955 wurde aber die Japanische Vereinigung von Organisationen der A- und H-Bomben-Opfer gegründet, während gleichzeitig eine Friedensbewegung gegen Atomwaffen immer stärker wurde. Als der tatsächlich durch die Atombombenabwürfe angerichtete Schaden ans Licht kam, konnte unsere Regierung die Forderungen der Hibaskusha nach einem Gesetz zu ihrer Unterstützung nicht länger ignorieren.

Aber zurück zum August 1945. Natürlich empfand ich großes Entsetzen angesichts des Leides und der Zerstörung, aber meine Gefühle wurden überlagert von Feindseligkeit und Rachsucht. Es ist natürlich, dass ein 15jähriger Junge, dessen Gedanken von völlig falschen Werten beherrscht wurden, sich nicht über den Ernst der Kriegssituation klar werden konnte. Tennoismus und Militarismus drängten das Leid in den Hintergrund. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis dieses Gedankengebäude einstürzte.

Ich wiederhole mit Nachdruck: eine Erziehung junger Menschen, die nicht auf Demokratie und Humanismus gründet, verformt deren Charakter, statt ihn zu formen. Eine solche Erziehung ruiniert unsere Gesellschaft.

Eine Woche nach dem Atombombenabwurf musste ich die Überreste von Lehrern und Klassenkameraden ausgraben, die unter unserem eingestürzten Schulgebäude begraben lagen, 900 m vom Hypozentrum entfernt. Ich befürchte, dass ich damals der Strahlung ausgesetzt war. Ich litt an Durchfall und äußerster Erschöpfung - typische Symptome.

6 Jahre nach dem Atombombenabwurf starben meine Eltern. Die Todesursache blieb damals ein Geheimnis.

Berechnungen von 1945 zufolge starben 140-tausend Menschen in Hiroshima und 70-tausend Menschen in Nagasaki. Ein epidemiologischer Bericht zeigt: Die Sterblichkeitsrate bei bösartigen Tumoren von Hibakusha soll 10mal höher sein als bei Krebskanken, die keine Atombombenopfer sind.

Uns Hibakusha ist es jedoch fast unmöglich, unsere Regierung davon zu überzeugen, die Ursache unserer Erkrankung in radioaktiver Verseuchung zu suchen. Die Regierung verlässt sich auf Material, das die US-Armee zur Verfügung stellte. Bei nur 0,8 % der Hibakusha wird radioaktive Verstrahlung anerkannt. Vor 9 Jahren wurde ich an Krebs operiert. Ich hatte Glück: Ich überlebte. Mein Antrag auf Anerkennung wurde jedoch abgelehnt mit der Begründung, mein Fall habe nichts mit Radioaktivität von Atombomben zu tun.

Jetzt, 61 Jahre nach Beginn des Atomzeitalters, sind nicht nur die Einwohner von Hiroshima und Nagasaki Hibakusha, sondern auch viele andere: Opfer von Verstrahlung durch Produktion von Kernwaffen, durch Atomtests, durch Geschosse mit angereichertem Uran und durch Unfälle in Kernkraftwerken.

Ganz abgesehen von Naturkatastrophen ist dies heute unsere Lage: Wir können und dürfen nicht in Sicherheit leben auf unserer unersetzlichen Erde - obwohl wir nicht im Krieg sind. Nukleare Abschreckung ist immer noch die Logik der Atomstaaten, die Machtpolitik für selbstverständlich halten.

Schließlich muss ich Ihnen mit großem Bedauern berichten: Unsere Regierung versucht gerade, unsere Verfassung zum Nachteil zu verändern, so dass Japan in der Lage wäre, Kriege im Ausland zu führen. Auf der gleichen Linie liegt der Versuch, das "Grundlagengesetz zur Schulbildung" zum Nachteil zu verändern. Es beruht auf der Verfassung und würde nach einer Änderung die Bürger zur Loyalität mit einer kriegführenden Nation verpflichten.

Wir Hibakusha erkennen klar unsere wichtige Rolle: anzukämpfen gegen die gefährliche Tendenz zurück zum Geist des zweiten Weltkriegs und der Zeit davor.

Bei jedem meiner Besuch hier fühle ich mich ermutigt durch die Deutschen: Sie können Ihrer negativen Vergangenheit ins Ausge sehen.

Seit 1985 habe ich in sieben Ländern Menschen aufgerufen, sich für eine Welt frei von nuklearer Bedrohung einzusetzen. Die Unterstützung vieler friedliebender Menschen guten Willens ermöglichte mir, meine Verpflichtung als Hibakusha einzuhalten. Nicht nur Friedensaktivisten, sondern auch viele andere Menschen haben mir auf meiner Friedens-Pilgerreise geholfen - auf ihre eigene Art, mit ihrer friedvollen Ausstrahlung. Wie sehr ich ihnen doch zu Dank verpflichtet bin bei der Ausübung meiner Friedensmission!

Ich bin der festen Überzeugung: Konflikte werden niemals durch Waffengewalt gelöst. Die Geschichte lehrt uns, wie absurd der Krieg ist. Die Vollversammlung der UN beschloss Ende des vergangenen Jahres die Abschaffung von Atomwaffen mit der überwältigenden Mehrheit von 153 : 5. Insgesamt gesehen: Graswurzelaktionen tragen weltweit zu Lösungen in Fragen der Kernwaffen und in kriegerischen Auseinandersetzungen bei. Als einzelne haben wir zwar wenig Einfluss, sind aber durchaus nicht machtlos. Ich versichere Ihnen: Wo immer ich bin, ich werde stets mit Ihnen verbunden sein.

Die Konflikte dieser Welt werden unsere Kräfte nicht beeinträchtigen und schwächen.

Wo immer wir sind, lassen wir unseren Lebensraum die Basis sein für den Kampf für eine Welt ohne Krieg, eine Welt ohne Atomwaffen.

Gemeinsam Leben, nicht gemeinsam Sterben!



Übersetzung: Gisela Behrendt (Bonn)



E-Mail: friekoop@bonn.comlink.org

Website: www.friedenskooperative.de
 voriger

 nächster




       
Bereich:

Netzwerk
Die anderen Bereiche der Netzwerk-Website
          
Themen   FriedensForum Ex-Jugo Termine   Aktuelles