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Hiroshima-/Nagasakitag 2007

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Redebeitrag für die Hiroshima-Kundgebung am 6.8.07 an der Münchner Freiheit

Immer noch Atomwaffen. Weg damit!

Günter Wimmer (in München)

- Es gilt das gesprochene Wort -

- Sperrfrist: Redebeginn: 06.08., 18 Uhr -

Die Überschrift der Spiegel-Online-Meldung vom 9.7.07 lautete klar "USA haben Nuklear-Arsenal in Ramstein geräumt". Ähnlich etwa die Süddeutsche Zeitung damals in einem Einspalter. Abgesehen davon, dass die Mehrzahl der Bevölkerung glaubte, mit "der Abrüstung" (nach Mauerfall und Zerfall der Sowjetunion) seien doch schon damals sämtliche Atomwaffen aus Deutschland und insgesamt Europa abgezogen worden: Man musste die Artikel im Spiegel und in der SZ schon genau lesen, um festzustellen: Der US-Stützpunkt Ramstein bei Kaiserslautern ist nun, gerade vor einem Monat, von der Liste der jährlich speziell zu kontrollierenden US-Militärstandorte gestrichen worden. Fachleute schließen daraus, vermuten also, dass die Atomwaffen tatsächlich von dort abgezogen wurden. Wir dürfen also hoffen, dass wenigstens sie weg sind.

Wir müssen - bei aller Erleichterung, die wir, wenn auch gebremst, haben dürfen - das Augenmerk darauf legen: In Büchel, einem deutschen Luftwaffenspützpunkt (Jagdbombergeschwader 33) ca. 10 km nordwestlich von Cochem an der Mosel, also am Rande der Eifel, lagern weiterhin grauen-voll "verbesserte", unvorstellbar hochpotente Hiroshimabomben-Nachfolger. Was soll noch passieren, wenn die damals noch um wohl 150-mal "schwächere" Wirkung jener Bombe und das schon dadurch mehrere hunderttausendfache Leid am 6.8.1945 und seither nicht ausreichte, alle Atomwaffen, jede einzelne, zu ächten? Ob es in Büchel weiterhin 11 oder 20 Bomben der Typen B-61-3 und -4 sind - die Meldungen der Fachjournalisten gehen etwas auseinander - scheint mir nicht entscheidend. Einzelne deutsche Luftwaffenoffiziere jedenfalls haben auch mir bei meinem Besuch schon bestätigt, dass die Mega-Todes-Waffen dort in speziellen Magazinen, sog. Vaults (Tresorräume oder wohl sprechender "Grüfte") lagern. Und dass sie von deutschen Offizieren zwischendrin herausgeholt werden. Denn man kann nicht alles mit Attrappen üben: sorgfältig hochholen, Zündvorrichtungen in Sprengköpfe einschrauben, an den Tornados einklinken, ausklinken... Es muss ja "sicher" sein, dass weiterhin alle entscheidenden Teile exakt zusammenpassen, die Elektronik funktioniert, dass, wenn`s darauf ankommt, auch die beteiligten Soldaten dann nicht vor Angst durchdrehen. Obwohl offiziell nichts zugegeben wird, wird praktisch unverschleiert darumherumgeredet: Befehlsgewalt hat "selbstverständlich" die US-Regierung. Faktisch aber wird auch damit, auf deutschem Militärgelände, durch Weitergabe bzw. Annahme gegen den Atomwaffen-Nichtverbreitungsvertrag eklatant verstoßen! Ich stelle mir immer vor, das hätten irgendwann die Sowjets bzw. Russen gemacht: Ihren Verbündeten die Waffen zum Lagern, Üben und im Kriegsfall Einsatz anvertraut, aber gemeint, sie selbst behielten ja die Befehlsgewalt. Die völkerrechtliche Entrüstung kann ich mir vorstellen! Was z.B. Palästinenser so ohnmächtig macht: Um sie herum wird mit zweierlei Maß gemessen, gelten "doppelte Standards". Das ist nicht "nur" eine Massenvernichtung der ohnehin angeschlagenen Glaubwürdigkeit sogenannter Demokratien. Das zerstört auch den Rechtsstaat von innen heraus.

Die jetzige Bundesregierung redet zwar von der Notwendigkeit atomarer Abrüstung, tut aber nichts dazu. So hat sie z.B. auch die EU-Ratspräsidentschaft und den G8 nicht genutzt, die - gelinde gesagt - hohe Problematik, die Welt-Brand-Gefahr der nuklearen Teilhabe anzusprechen, geschweige denn, sie zu beenden und insgesamt alle Massenvernichtungswaffen zu ächten. Keine Regierung nutzte das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs von 1996, das feststellte, dass das Drohen mit und damit auch schon das Bereithalten von Atomwaffen dem Völkerrecht widerspricht.

Lasst uns beides skandalisieren, also als Skandal des sogar doppelten Bruchs von Völkerrecht durch die deutsche Bundesregierung deutlich machen! Bei jeder Gelegenheit! Das müssen wir auch immer wieder an unsere diversen "Volksvertreter" herantragen, die das Volk vertreten, nicht einlullen und hintergehen sollen. Herantragen nicht bittend, sondern fordernd. Das ist schon von daher so wichtig, als das Völkerrecht ein Gewohnheitsrecht ist und damit Unrecht schleichend zu "Recht" werden kann - wenn sich zu viele Bürger in zu vielen Ländern an Rechtsbruch gewöhnt haben und sie den Herrschenden keinen ausreichenden Widerstand leisteten. Wir verraten mit solcher "Gewohnheit" ja nicht "nur" unsere eigenen Prinzipien, die Ethik des Lebens. Wir verraten auch die Menschen, die - falls der Nuklearkrieg vielleicht doch begrenzt bleiben würde - dann wegen unserer Feigheit qualvoll, elendiglich krepieren (die, die gleich sterben, sind dann ja beneidenswert). Und wir verraten mit unserem Schweigen auch die - vielleicht immer noch all zu wenigen - Menschen in den verschiedenen Regierungen, die der Kriegsvorbereitungs- und Kriegsübungs-Politik, damit schlicht der schreckensverbreitenden, also terroristischen Kriegspolitik der dortigen Mehrheiten Widerstand entgegensetzen wollen, und die ihrerseits ermutigt werden wollen und weitere ermutigen sollten...

Ich war, leider nur ein einziges Mal, in Büchel, auch an einem 6. August, 2001. Die Menschen, die dort leben oder zusammenkommen, zu erleben, blieb bis heute eindrucksvoll. Die einen, die etwa als Luftwaffenangehörige oder deren Familienangehörige oder durch Geschäfte mit ihnen an der Militärmaschinerie verdienen und - nicht alle, aber doch viele von ihnen - entsprechend viel verdrängen. Und die anderen erleben, wenigstens ein kleines bisschen mit ihnen zusammenarbeiten, die aktiv gegen gespenstisches, aber menschengemachtes Unrecht gewaltfrei ankämpfen (Entsprechend heißt auch eine der dort ganz aktiven Vereinigungen: GAAA = Gewaltfreie Aktion Atomwaffen Abschaffen. Etliche von ihnen konnten da beständig "dran" bleiben.

Der dortige INItiativkreis Gegen ATOMWAFFEN hat auch für 2007 verschiedene Aktionen rund um den Fliegerhorst vorbereitet, an denen sich auch die GAAA, die Pressehütte Mutlangen und u.a. Pax Christi Wittlich beteiligen. Gestern war wieder ein Friedensmarsch in Cochem, ein US-Priester libanesischer Abstammung sprach dort. Heute früh verteilten Freunde am Haupttor des Fliegerhorsts in Büchel Briefe an Soldaten und damit natürlich auch an Offiziere, dass sie den "Dienst an der Waffe", zumindest an der völkerrechtswidrigen Waffe, verweigern sollen. Diese Aktion endete mit einer Mahnwache um 8.15Uhr, also dem Zeitpunkt des Abwurfs der Bombe vor 62 Jahren.

Die gemeinsame 6. Umrundung des NATO-Flugplatzes Büchel als zivile Inspektion zum Antikriegstag findet statt am Sonntag, dem 2. September 2007 und beginnt um 10 Uhr mit einer Friedenstafel (Frühstück) vor dem Haupttor.

Um diese Umrundung und auch die 7. Umrundung des Fliegerhorstes in 2008, bei der größere Aktionen geplant sind, vorzubereiten, bietet die Ini gegen Atomwaffen einen Friedens-Workshop an von Freitag, dem 31.8.2007 ab 18 Uhr bis Sonntag, den 2.9.2007. Eine Kinderbetreuung in der landschaftlich wunderschönen Umgebung ist gewährleistet. Um zu sehen, dass das auch erschwinglich ist: Die Übernachtungspauschale bis 18 Jahre beträgt 8,00 " über 18 Jahre 12,00 " die Verpflegungspauschale 5,00

Für den Workshop bitten sie um Anmeldung (Daten kann ich Ihnen gerne hier am Platz noch sagen)

Lassen Sie mich noch einige Bemerkungen aus einem Artikel des dortigen Pfarrers Dr. Matthias Engelke aufgreifen und anfügen. Ohne die Wirkungen euphorisch überbewerten zu wollen, so erscheint doch bemerkenswert, was er nach dem 1.9.2006 schrieb:

"Wie Jericho damals, so soll die nukleare Teilhabe fallen, sollen die Atomwaffen aus Deutschland verschwinden und weltweit geächtet und verschrottet werden. Jericho fiel nach 7 Umrundungen"



Bei den vier entsprechenden Umrundungen des Tornado-Fliegerhorsts in den Jahren zuvor hatte die Verbandsgemeinde Ulmen jeweils eine saftige Veranstaltungs-Anmeldegebühr verlangt. Ein Rechtsstreit blieb erfolglos. - Beim fünften Mal, also 2006, brauchte nichts bezahlt zu werden.



Zwei Polizisten, die sich zur schon erwähnten Frühstückstafel zu Beginn der Aktion 2006 dazusetzten, erklärten, dass sie diese Aktion unterstützen würden - auch zum ersten Mal!



Ebenfalls zum ersten Mal feierten die Evangelischen 2006 gemeinsam mit dem katholischen Pfarrer vor Ort und damit offiziell zusammen mit Katholiken einen Gottesdienst zum Auftakt. In der Gemeinde hatten im letzten Jahr fünf Krebstote der zivilen Wachmannschaften des Atomwaffenlagers für Unruhe gesorgt. Noch vor fünf Jahren erschien den meisten solch ein gemeinsamer Gottesdienst unmöglich.



Weiter: Zum ersten Mal erschien der Fernsehsender SWR und verbreitete das vorher Totgeschwiegene, das allenfalls von Lokalzeitungen Berichtete nunmehr in ganz Rheinland-Pfalz.



Zum ersten Mal war der Commodore persönlich anwesend und ließ sich auf ein Gespräch ein.



An der dritten Station im Rahmen der Umrundung des Flugplatzes hatte der Initiativkreis eine Fußballtorwand aufgestellt. Drei Jugendliche aus dem Dorf kamendazu, einer berichtete öffentlich "Ich habe verweigert"



Major Pfaff aus München: Etliche hier kennen ihn. Er hatte Befehle zur Mitwirkung am Irakkrieg 2003 in Form von Computerberechnungen für Flugmanöver verweigert, war deshalb degradiert worden, hat dagegen geklagt und war letztlich vom höchsten dafür zuständigen Gericht, dem Bundesverwaltungsgericht, rehabilitiert worden. Florian Pfaff forderte in Büchel - natürlich seine persönliche Meinung kundtuend - die Soldaten auf, den Gehorsam in Bezug auf den Einsatz von Atomwaffen zu verweigern. Das hatten zumindest diese Soldaten von einem Kollegen noch nicht gehört. Es hatte den Anschein, noch nie haben Soldaten so konzentriert zugehört. Hatten sie die Demonstranten diesmal ernst genommen - zum ersten Mal?


Pfr. Engelke hat den Eindruck, sie haben bei der fünften Umrundung den Rubicon überschritten.



Mitarbeiter einer Verwaltung und einige Bürger mehr begannen umzudenken



Die Kirche - jedenfalls eine Kirche vor Ort - macht inzwischen nicht mehr "auf der anderen Seite" mit



Auch Polizisten stehen nicht mehr geschlossen hinter der nuklearen Teilhabe



Soldaten wurden nachdenklicher



Presse wurde interessierter, engagierter, hilfreicher



Die Justiz - Wenigstens ein höchstes Gericht - erklärte den Golfkrieg für Unrecht, Völkerrechtsbruch.


Ich füge hinzu: Wenn auch die Bundesregierung und die Bundeswehr das Urteil praktisch totschweigen und manche Politiker üble Gerichtsschelte betrieben: Wir spüren " dass auch andere Richter, auch Staatsanwälte, umdenken. Und ich hoffe, dass Klaus B. aus Starnberg und seine Mitangeklagten bei seinem Prozess am 20.8. in Frankfurt/Main wegen Zivilen Ungehorsams gegen den Golfkrieg auch entsprechend Recht bekommen.

Pfarrer Engelke ist Realist. Er stellte auch fest: Noch fehlten Politiker, die sie angeschrieben hatten und von denen sie wissen wollten, wer von ihnen sich einen legalen Einsatz der Atomwaffen in bzw. aus Deutschland vorstellen kann, wer eigentlich für den Einsatz dieser Waffen ist.

Pfr. Engelke sagt es auch für seine Mitstreiter: Wackelt Jericho? Sie brauchen Verstärkung am 2.September und möglichst schon davor, für die nunmehrige sechste und dann für die nächstjährige siebte Umrundung. Ich schließe mit seiner Schlussbemerkung im Originalwortlaut: "Bitte vormerken".



Vita siehe hier.

E-Mail: guewi43 (at) web (Punkt) de
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