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Hiroshima-/Nagasakitag 2007

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Redebeitrag zum Hiroshima-Tag des Friedensbündnis München am 6.8.2007

Wohin mit dem Atommüll?

Gerta Stählin (in München)

Wenn ab morgen alle Atomkraftwerke abgeschaltet werden, - womit ja nicht zu rechnen ist - so bleiben uns und allen unseren Nachkommen doch gravierende Atomprobleme: die langfristige Verwaltung der riesigen Menge von radioaktiven Abfällen, die sich seit mehr als 60 Jahren angesammelt haben.

Es ist bekannt, dass Plutonium 239 eine Halbwertzeit von 24.400 Jahren hat. - Vor 24 000 Jahren war die letzte Eiszeit auf ihrem Höhepunkt! Und in 24 000 Jahren? Dieselbe Zeit braucht das Plutonium noch einmal, um auf ein Viertel seiner Strahlung zu kommen. Danach ist es immer noch schädlich für die Biosphäre, für Pflanzen, Tiere und Menschen.

Bei der Genehmigung für das Endlager Schacht Konrad schreibt das niedersächsische Umweltministerium einen "Langzeitsicherheitsnachweis" über 1 Million Jahre vor.

Ob es dann noch Menschen gibt ? Und wie die dann denken und handeln? Das weiß niemand. Politische Wechsel oder Umstürze - Naturkatastrophen - wenn man bedenkt, was in den vergangenen 100 Jahren - nur 100! - alles in Deutschland gewesen ist! Wie kann da die Sicherheit denn nachgewiesen werden über 1 Million Jahre?

Prognosen über solche Zeiträume hinweg sind gar nicht möglich.

Sicher heißt: eine für die Biosphäre unschädliche langfristige und wartungsfreie Lagerung - so hat die IPPNW es formuliert.

Politiker und Atomkraftwerksbetreiber schaffen Tatsachen, als seien diese Fragen gelöst.

Das 2. Problem ist, dass es bis heute kein sicheres Endlager für Atommüll gibt.

Wenn man sich auf die Dimensionen dieser Probleme einlässt, wird einem schwindelig, und man möchte wegschauen. Aber durch Wegschauen verschwinden die Fragen nicht.

Atomforscher wollen uns glauben machen, dass die Fortschritte in Wissenschaft und Technik schon rechtzeitig d.h. in den nächsten Jahrzehnten, zu passenden Lösungen führen werden. Also seien unsere Sorgen Panikmache. - Angesichts der bisherigen Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet erscheint solcher Optimismus wenig glaubhaft. Weil die Atomwirtschaft das selber weiß, werden diese Ergebnisse nicht an die große Glocke gehängt.

Wie ist denn der Stand der Atommüll-Lager?

Die 4 geplanten oder schon genutzten Atommüll-Endlager in Deutschland liegen ziemlich nah beieinander in Niedersachsen.

Da ist zunächst der Schacht Konrad bei Salzgitter, einem still gelegten Eisenerz-Bergwerk. 290.000 Menschen haben gegen den Umbau zum Atom-Endlager Einwendungen erhoben, die Industriestadt Salzgitter-Lebenstedt und zwei Bauern aus der Nachbarschaft haben Klage erhoben - aber das alles bewirkte nur Verzögerungen. Der Schacht Konrad ist genehmigt als Lager für 303.100 Kubikmeter schwach- und mittelaktiven Atommüll. Dafür wird er derzeit umgebaut. - Mehr Platz als nötig ist bis zur Abschaltung aller AKWs.

Offenbar rechnet die niedersächsische Regierung mit Verlängerung der Laufzeiten.

Das nächste Atommüll-Lager ist Asse II, ein ehemaliges Salzbergwerk bei Wolfenbüttel, in dem vor 30 Jahren 125.000 Fässer voll schwach- und 1300 Behälter mit mittelaktivem Atomabfall gelagert wurde. Es war als "Versuchs"-Endlager deklariert. Seit 1991 wurde Laugeneinfluss ungeklärter Herkunft aus dem Berg in dieses Lager festgestellt, und diese Salzlauge ist nicht zu stoppen. Die Fässer, in denen sich auch Uran und Plutonium befindet, rosten durch. 1994 wurde festgestellt, ein nicht mehr beherrschbarer Wassereinbruch sei nicht auszuschließen. - Die Leute dort sagen: Asse II wird "absaufen", wie schon vor langer Zeit das Salzbergwerk Asse I. Diese Feststellung veränderte die Situation:

Die rostigen Fässer herauszuholen, zu kontrollieren und den Inhalt besser zu verpacken, das gilt dem Betreiber, der Gesellschaft für Strahlenschutz und Umweltforschung, als zu gefährlich. Also wurde das mehrstöckige Salzbergwerk zum Endlager erklärt und tonnenweise mit Salz verfüllt. Das fixiert die Fässer vorläufig. Aber die Salzlauge wird, angereichert mit Radionukliden aus den korrodierten Fässern, das Grundwasser unter Wolfenbüttel und Goslar in wenigen Jahrzehnten erreichen und verseuchen. Was tun?

Ein "Schutzfluid" soll in tiefe Stockwerke der Grube gebracht werden und das Ausfließen der giftigen Flüssigkeit verhindern. Das ist ein bisher nirgends erprobtes Verfahren, aber die Gesellschaft für Strahlenschutz und Umweltforschung sieht keine Alternative.

Langzeitsicherheit? - Der Versuch ist gescheitert. Der wissenschaftliche Stand von vor nur 30 Jahren ist schon heute überholt. Langzeitsicherheit über Tausende vorn Jahren? Die gibt es nicht.

Das 3. Atommüll-Lager ist das stillgelegte Salzbergwerk Morsleben bei Helmstedt, seinerzeit das zentrale Atommüll-Endlager der früheren DDR. Dort wurden bis 1990 15 Millionen Kubikmeter atomarer Abfall eingelagert. Und obwohl der geringe Sicherheitsstandard bekannt war, wurden in den Jahren nach 1990 noch 20 Millionen Kubikmeter Atommüll aus den sogen. Alten Ländern dorthin geliefert. Mehr als zu DDR-Zeiten! Das sollte Kosten sparen, aber nun stellt sich die geplante Sanierung umso kostenaufwendiger heraus: Das Bergwerk ist marode, einige Teile sind einsturzgefährdet, 2001 gab es einen Einsturz, ein 4.000 Tonnen schwerer Salzbrocken fiel von der Decke eines Schachtes, in dem zum Glück kein Mensch war.

An mehr als 20 Stellen läuft Flüssigkeit ein. Außerdem: Welcher Atommüll dort wohl eingelagert worden ist, lässt sich nicht genau feststellen. Hier soll nun eine Mischung aus Beton, Asche und Salz verhindern, dass nuklear kontaminierte Salzlauge ins Grundwasser gelangt.

Es wird heftig agiert. Aber niemand kann den Erfolg garantiere.

Weiter nördlich liegt im früheren Grenzgebiet des Eisernen Vorhangs Gorleben, bekannt durch den jahrzehntelangen Widerstand gegen das ebenfalls in einem Salzbergwerk geplante Endlager und gegen Castor-Transporte.

Durch ein Memorandum wurden die Erkundungen des Salzstocks, der als Endlager für hochradioaktiven Müll vorgesehen ist, seit 2001 unterbrochen, weil grundsätzlich neu überlegt werden soll, welcher Standort zur Endlagerung von Atomabfall geeignet ist. Aber ein riesiges sogenanntes Zwischenlager wurde gebaut und ist bereits in Gebrauch: Darin werden die Brennstäbe gestapelt, die Castoren. aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague bringen. Das Zwischenlager ist eine offene Leichtbauhalle - die Brennstäbe müssen ja 40 Jahre abkühlen. Sie ist durch ein hohes Schutzgitter mit Stacheldraht drüber vor Attentätern und chaotischen Protestlern geschützt - wir kennen das von Wackersdorf und Heiligendamm.

Woher weiß ich das? Ich bin dort gewesen.

Ich gehöre zu einer Initiative, die sich "Feuergruppe" nennt. Sie ist Teil der Antiatom-Bewegung.Die Feuergruppe beschäftigt sich mit den Folgen des atomaren Feuers, das wir Menschen entfacht haben. Die Feuergruppe ist der Überzeugung, dass die anstehenden Entscheidungen nicht den Physikern, den Chemikern, den Geologen und den Politikern überlassen werden können, die meist die Tatsachen verharmlosen und ihren Vorteil im Sinn haben. Die Lebenssituation kommender Generationen verlieren sie anscheinend aus dem Auge.

Die den Atommüll betreffenden Pläne und Entscheidungen haben ja nicht nur politische und naturwissenschaftliche Aspekte, sondern auch eine geistige, eine spirituelle Dimension. Es geht um das Leben, um die Bewohnbarkeit der Erde, um die Lebensgrundlagen unserer Enkel.

Die Feuergruppe in Deutschland ist klein, hat aber internationale Verbindungen und Freunde. Sie sieht ihre Aufgaben in der Unterstützung der Bürgerinitiativen in der Nähe der Endlager und deren Vernetzung. In den nah gelegenen Städten wollen wir die Aufmerksamkeit auf die Vorgänge lenken und Menschen zum Handeln anregen. Wir suchen auch die Auseinandersetzung mit den Betreibern der Atom-Endlager.

Im Jahr 2005 hat sich die Feuergruppe auf den "Atompfad" gemacht. Wir haben die Wege zwischen den einzelnen Stationen soweit wie möglich zu Fuß zurückgelegt. Das langsame Tempo des Gehens half uns, bewusst wahrzunehmen, was uns begegnete. Wir waren darauf bedacht, achtsam und aufmerksam miteinander umgehen und in der Gemeinschaft ausdrücken, was wir empfanden und was wir wollten - mit Worten, mit Liedern, im Tanz, durch Pantomime.

Im nächsten oder übernächsten Jahr wollen wir uns wieder auf den Atompfad machen.

Wer mitmachen will, kann sich an mich wenden oder unter feuergruppe@snafu.de Kontakt mit der Gruppe aufnehmen.

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