Hiroshima-
Tag 2011

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05.08.2011


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Hiroshimatag 2011

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Redebeitrag für die Hiroshima-Mahnwache am 6. August 2011 in Herford

Liebe Freundinnen und Freunde,

Martin Sonnabend (in Herford)



- Sperrfrist: 6. August 2011, Redebeginn: 12 Uhr -

- Es gilt das gesprochene Wort! -



Hallo Herford, hallo OWL!

Wir alle sind heute verbunden mit 100en von Mahnwachen quer durch Deutschland, quer durch Europa, ja letztlich weltweit! Leider ist der Anlass nicht sehr erfreulich!

Bitte schließen Sie kurz die Augen, während ich weiterlese.

6. August 1945, 08:15 und 17 Sekunden: In 580 m Höhe über dem Stadtzentrum von Hiroshima explodiert die von den Amerikanern als "Little Boy" bezeichnete Atombombe. Es handelt sich um eine Uran-235-Bombe mit einer Sprengkraft von 12,5 Kilotonnen TNT. Im Hypozentrum herrscht eine Sekunde lang eine Temperatur von 4000 0 C. Das bedeutet: Im Umkreis von 500 m verdampft jede organische Substanz. Von den dort befindlichen Menschen, Tieren und Pflanzen bleibt buchstäblich nichts übrig - nicht mal die Knochen!

Die Hitzewelle breitet sich als Feuersturm mit 250 km/h in alle Richtungen aus, der gewaltigen Druckwelle hält nichts stand. Für die zunächst Überlebenden in den Randgebieten der Stadt ist die gleichzeitig auftretende radioaktive Strahlung nicht wahrnehmbar. Die Sofortstrahlung besteht aus Gamma- und Neutronenstrahlung, wenig später fällt sog. "Schwarzer Regen" mit zahllosen radioaktiv strahlenden Isotopen vom verdüsterten Himmel.

Von den 290.000 in Hiroshima lebenden Einwohnern sterben rund 45.000 sofort - 100.000 in den folgenden Tagen. Ca. 100.000 weitere sind schwer verletzt. Alle Überlebenden sind verstrahlt und erkranken mit zeitlicher Verzögerung. Ärzte und Krankenschwestern bzw. Pfleger sind natürlich genau so betroffen wie alle anderen: Von den 298 Ärztinnen und Ärzten der Stadt sind 270 tot oder schwer verletzt; von den 1780 Schwestern und Pflegern sind 1654 tot oder schwer krank.

Um 08:45 Uhr, eine halbe Stunde später, wird der Funkspruch abgesetzt: "Alles planmäßig verlaufen und in jeder Hinsicht geglückt!" Der damalige US-Präsident Truman, der sich fataler Weise zu dieser Zeit gerade in Berlin zu Verhandlungen aufhält, lässt bei dieser Nachricht Sekt bringen. Bis heute wird Hiroshima in den USA von vielen als patriotische Tat angesehen, die angeblich den 2. Weltkrieg beendet habe, und nicht als grausamer, militärisch völlig überflüssiger Massenmord.

Dieser menschenverachtende, unverantwortliche Menschenversuch wiederholte sich bereits drei Tage später in Nagasaki, wo ein amerikanischer Bomber die Plutonium-Bombe "Fat Man"abwarf; Sprengkraft 22 Kilotonnen TNT. Man ließ bewusst Japan keine Chance, vorher zu kapitulieren.

Trotz des Schreckens von Hiroshima und Nagasaki folgte nach dem 2. Weltkrig nicht etwa die Ächtung der Atomwaffen, sondern es setzte der atomare Rüstungswettlauf ein - bis heute. (Sie können die Augen jetzt wieder öffnen.)

Dieser Text geht mir immer wieder unter die Haut. Ich habe ihn von Dr. Eisenberg, den langjährigen Chefarzt der Kinderklinik hier in Herford. Wir haben zusammen eine Reihe von Hiroshima-Ausstellungen in den Schulen in OWL organisiert. Dort konnten die Schüler auf Plakaten die Auswirkungen von Massenvernichtungswaffen studieren; zusammengestellt von der Atomtechnologie-kritischen Ärzteorganisation IPPNW. Diese wurde vor 30 Jahren gegründet, um das Wettrüsten zu beenden. Wir Ärzte wollen Leben bewahren und unsere Patienten vor unkalkulierbaren Risiken schützen. Nach einer atomaren Katastrophe können wir niemandem mehr helfen! Deshalb müssen wir vorher aktiv werden - wir alle hier! Bereits fünf Jahre nach der Gründung wurde die IPPNW mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Auch der Bürgermeister von Hiroshima hat 1982 eine Organisation gegründet und "Mayors-for-Peace" genannt, auf Deutsch: "Bürgermeister für den Frieden"

Aus der grundsätzlichen Überlegung heraus, dass BürgermeisterInnen für die Sicherheit und das Leben ihrer BürgerInnen verantwortlich sind, versuchen die Mayors for Peace Einfluss auf die weltweite Verbreitung von Atomwaffen zu nehmen und diese zu verhindern.

Bürgermeister Dr. Akiba hat dann 2003 die Kampagne "Vision 2020" ins Leben gerufen. Er sagt: "Unser Ziel ist es, die verbindliche Vereinbarung eines Zeitplans für die Abschaffung aller Atomwaffen und eine Nuklearwaffenkonvention durchzusetzen, um eine atomwaffenfreie Welt bis 2020 zu erreichen. "

Bis vor einer Woche waren knapp 5000 BM auf der ganzen Welt der Kampagne beigetreten, die zusammen über 1 Milliarde BürgerInnen vertreten. 396 Städte in Deutschland und fast alle Gemeinden im Kreis Herford -bis auf eine - sind ebenfalls dabei. Bitte ein Applaus für die Bür


germeister! (Googeln Sie nach unter "Bürgermeister für den Frieden".)


Doch - über 20.000 Atomwaffen bedrohen uns alle nach wie vor, auch wenn wirs immer wieder gern verdrängen. Rund 4000 sind in ständiger Alarmbereitschaft. Schon mehrere Fehlalarme sind erst in letzter Minute abgebrochen worden. 20 Atombomben liegen immer noch auf deutschem Boden im Fliegerhorst Büchel; das liegt in der Eifel.

Obwohl sie -selbst militärisch gesehen - nicht gebraucht werden,

obwohl mehr als _ der Bevölkerung die weitere Lagerung ablehnen,

obwohl der internat. Gerichtshof in Den Haag sie für völkerrechtswidrig erklärte und obwohl der deutsche Bundestag sich 2010 einhellig für den Abzug ausgesprochen hat, liegen sie - nach unserer Kenntnis - immer noch dort. Möglicherweise sollen sie sogar modernisiert werden. Ca. 100 Milliarden Dollar pro Jahr sollen weltweit nur in die Modernisierung der Atomwaff


en fließen. ­Warum? ­


Ich glaube, weil es Menschen gibt, einige wenige, die gut daran verdienen, sehr gut sogar! Einige wenige sehr mächtige Menschen, die getrost auf die Gleichgültigkeit, das Verdrängen, das Wegschauen, das Stillhalten und Schweigen der breiten Massen zählen können.



Von wem?Von uns! ­Ihnen und mir.


Den Politikern, den Medien und uns Bürgern kann man erzählen, dass wir Deutschen, trotz unserer kriegerischen Vergangenheit, schon wieder Europameister im Rüstungsexport sind, Platz 3 weltweit hinter den USA und Russland, und kaum jemand schämt sich, kaum jemand schreit auf! Hallo!

Wenn wir Krieg, Waffen, und heute speziell Atomwaffen für falsch, unmoralisch und illegal halten und wenn wir weiter die humanistischen Werte, auf denen unsere Kultur begründet ist, bewahren wollen, müssen wir aktiv werden, unüberhörbar, und uns laut empören über menschenverachtendes Denken und Handeln!

Potentielle Ergänzungen:

Über 2000 ober- und unterirdische Atombombenversuche über 40 Jahre lang:

Auch europäische Böden und Gewässer enthalten - nebst dem Tschernobyl-Fallout - heute noch Rückstands-Nuklide der oberirdischen Tests[5].

Der besorgniserregend schnelle Anstieg der Strahlenbelastung führte 1963 (nachdem im Vorjahr mit rund 180 Tests die mit Abstand höchste jährliche Anzahl davon stattgefunden hatte[4]) dazu, dass die verfeindeten Weltmächte, USA und Großbritannien auf der einen und die UdSSR auf der anderen Seite, den Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffentests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser abschlossen.

Doch Frankreich und China testeten oberirdisch weiter:

Frankreich: 2. Juli 1966-14. September 1974: 41 Tests und China: 16. Oktober 1964-16. Oktober 1980: 22 Tests.

Seit 1996 liegt seitens der UNO ein internationaler Kernwaffenteststopp-Vertrag zur Ratifizierung bereit, der ein weltweites Ende aller Versuche mit Kernwaffen vorsieht. Indien, Pakistan und Nordkorea haben den Vertrag nicht unterschrieben. Israel, die USA und China haben den Vertrag unterschrieben, aber noch nicht ratifiziert. Indien und Pakistan führen weiterhin unterirdische Nuklearwaffentests durch. Nordkorea hat nach eigenen Angaben am 9. Oktober 2006 und am 25. Mai 2009 erfolgreich Atombomben getestet.

Erich Kästner (1951)

Die Maulwürfe
oder
Euer Wille geschehe!

Als sie, krank von den letzten Kriegen,
tief in die Erde hinunterstiegen,
in die Kellerstädte, die drunten liegen,
war noch keinem der Völker klar,
dass es der Abschied für immer war.



Martin Sonnabend ist Vorstandsmitglieder der Ärtze-Organisation IPPNW.

E-Mail: Martin (Punkt) Sonnabend (at) freenet (Punkt) de

Website: www.ippnw.de
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