Geschichte
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update:
05.10.2011


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Geschichte der Friedensbewegung

 Legendär: 10.10.1981 Hofgarten

Redebeitrag, 10.10.1981, Bonn, Hofgarten

Wir lassen uns nicht zu Tode verteidigen

Petra Kelly



Meine lieben Schwestern und Brüder! Liebe Friedensarbeiter! »Wir lassen uns nicht zu Tode verteidigen!« (K. Bechert)



Diese bundesweite, europäische gewaltfreie Demonstration ist ein Ausdruck unseres Mißtrauens, unserer Kritik bezogen auf diese Bundesregierung, angeführt von Bundeskanzler Helmut Schmidt! Dies ist sehr wohl eine Anti-Schmidt-Demonstration - eine Kundgebung, eine gewaltfreies Widerstehen gegen Militarisierung und Nuklearisierung im Osten wie im Westen! Helmut Schmidt sagte 1958: »Der Kampf gegen die Atomrüstung muß weitergehen« - 1977 gab er endgültig diesen Kampf auf, da er die sogenannte Raketenlücke entdeckte und uns dadurch zur vorgeschobenen Atomkolonie der Vereinigten Staaten, der NATO gemacht hat!

Die politische Landschaft wird sich morgen verändern!

Ich fordere, wir fordern, daß Helmut Schmidt zurücktreten und seinen Platz seinem Parteigenossen Erhard Eppler überlassen soll!

Die USA hat im Interesse ihrer eigenen Sicherheit sozusagen »gekniffen« - wir sind die atomaren Geiseln -, die sich zum Preis ihrer Selbstvernichtung atomar verteidigen sollen.

Nach dem Grundgesetz haben Helmut Schmidt und Hans Apel »Pazifisten« zu sein - doch wird heute diese unabhängige Friedensbewegung - wie zum Beispiel der Krefelder Appell, getragen von 1,5 Millionen Menschen, unter den gleichen Verdacht genommen (von Seiten der SPD) wie ihm dereinst in den fünfziger Jahren die Sozialdemokraten selber ausgesetzt waren. Wir wollen aber aus dem weltumspannenden, waffenstarrenden Irrenhaus ausbrechen - wir wollen kein Feindbild, wir wollen nicht das Fußvolk einer Raketenpartei sein; wir wollen auch keine Lebens- und Produktionsweise, die auf dem unablässigen Zufluß von Rohstoffen aufbaut und in verschwenderischer Weise damit umgeht und das Motiv für die gewaltsame Aneignung fremder Rohstoffe liefert.

Wir in der Ökologiebewegung, die auch hier nicht genügend auf dem Podium vertreten sind, fordern einen selbstgenügsamen Umgang mit den Rohstoffen in einer ökologischen Lebens- und Wirtschaftsweise, so daß in unserem Namen keine Gewaltpolitik mehr von den Herren da oben betrieben werden kann. Darum sollen die infantilen alten Männer im Weißen Haus und im Kreml endlich ihr Kriegsspielzeug niederlegen!

Diese Erde hat keinen Notausgang - schon heute sind Militär und Rüstung die größten Verschwender von Energie, Rohstoffen, menschlicher Phantasie und Arbeit, von Gütern, die bei der Rettung von Hungernden und bei der Förderung sozialer Gerechtigkeit fehlen?

Atomare und chemische Waffen entfalten ihre verheerende Wirkung nicht erst beim Einsatz im Kriegsfall, sondern machen uns schon heute zu Krebsopfern ... bringen uns schleichend um, da es keinen Schutz vor Radioaktivität gibt! Durch Lecks, Transportunfälle, Bedienungsfehler können diese Waffen ausgelöst werden!

Wir lehnen atomare Bomben und Reaktoren überall ab - sie sind nicht voneinander zu trennen - auch zivile Atomanlagen können der Verbreitung von Atomwaffen dienen, fördern die Gefahr eines Atomkrieges!

Dank der zahlreichen AKWs bei uns und anderswo besteht aber auch die »Chance« aus einem ganz gewöhnlichen, konventionellen Krieg einen Atomkrieg zu machen!

23 Unterzeichner der DDR und 150 Menschen aus der BRD haben zusammen mit Robert Havemann einen offenen Brief an Leonid Breschnew adressiert In diesem Brief haben wir darauf hingewiesen, daß die beiden Teile Deutschlands der Blockkonfrontation zu entziehen sind!

Kriegsgefahr ist nicht nur aus den Massenvernichtungsmitteln heraus zu begründen, sondern aus den Interessen die hinter den Waffen stehen. Aber während Menschen überall neue Wege aufzeigen wollen - um das Irrenhaus der Politiker mit zuviel Panzer und zuwenig Gehirn zu verlassen - droht uns, ob in Brokdorf oder Nürnberg oder Berlin, ein elementarer Angriff auf unsere Grundrechte (freie Meinungsäußerung)!

Darum kündigen wir unseren Gehorsam nicht nur der verlogenen Sprache auf - aber auch den verlogenen Apparaten in diesem Staat! Wir tun dies gewaltfrei - im Sinne des massiven Ungehorsams in der Tradition Gandhis und Martin Luther-Kings und Bertha von Suttners. Wir verweigern unser Geld, unsere Produktionskraft, unsere Wählerstimme, den Kriegsdienst, wir Frauen passen auch unter keinen Helm (weder Kochtopf noch Stahlhelm)! Wir verweigern unsere Arbeitsplätze - wir verweigern auch die Alufolie von Innenminister Baum im Falle einer atomaren Katastrophe und wir verweigern den verlogenen Zivilschutz!

In Dernau finden die oberen 6.000 Politiker und Generäle Platz in einem angeblich atombombensicheren Bunker - das heißt nur im Ernstfall, doch heißt dies, daß die Abschreckung nicht funktioniert.

Gewaltfrei - gehen wir den Weg in die »nicht-militärische Verteidigung« - denn jede Waffe tötet - und das Leben ist unteilbar - die Unversehrtheit menschlichen Lebens steht für uns an erster Stelle. Wie zur Zeit auf dem Gelände der Startbahn West in Frankfurt (mit militärischen Implikationen) stehen wir als gewaltfreie »Ungehorsame« mit unserer ganzen Person für den Gesetzesbruch aus Gewissensgründen ein - nehmen eher Gewalt und Strafe gegen uns in Kauf, als selbst gewalttätig zu werden oder durch passives Nichtstun an der Gewalt anderer mitschuldig zu werden!

Der Weg:



Keine Nachrüstung in diesem Land



Auflösung aller Militärblöcke



Kalkulierte Vorleistung und einseitige Abrüstungsschritte in jedem Land



Entmilitarisierung in allen Lebensbereichen



Ein ABC-waffenfreies Europa



Alternative Produktion


Von den 36.0000 noch lebenden Atombombenopfern aus Japan bringe ich Euch vom August `81 von meiner Reise mit Gert Bastian nach Japan die Botschaft - daß wir den Mächtigen überall das Recht absprechen müssen unsere Sicherheit zu besorgen.

Diese Friedens- und Ökologiebewegung darf nicht vereinnahmt werden. Wir sind eine autonome Kraft - und am 23.11.81 sind wir wieder da - um Herrn Breschnew dasselbe mitzuteilen!

Die Totenscheine für den 3. Weltkrieg sind schon gedruckt. Unser »Totalausfall« ist bürokratisch geregelt.

Im Sinne von Professor Karl Bechert, unserem verstorbenen Mitkämpfer, möchte ich an Euch appellieren: »Laßt Euch nicht, lassen wir uns nicht zu Tode verteidigen!«





Quelle: Buch "Bonn 10.10.1981", Friedensdemonstration für Frieden und Entspannung in Europa, Reden, Fotos .., Lamuv-Verlag 1981

(Mit freundlicher Genehmigung des Verlages)



Alle Audiofils zum Thema:
siehe hier



E-Mail: friekoop (at) bonn (Punkt) comlink (Punkt) org

Website: www.friedenskooperative.de
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