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vom:
22.04.2004


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Redebeitrag für den Ostermarsch 2004, 12. April

Liebe Friedensbewegte

Rahel Ruck (Bern)

Mitte März 2003 sind weltweit Millionen von Menschen auf die Strasse gegangen und haben gegen den Krieg im Irak demonstriert. Heute, ein Jahr später herrscht im Irak immer noch Chaos und Gewalt. Unter dem Vorwand, Frieden und Demokratie herbeiführen zu wollen, haben die USA mit Waffengewalt ihre wirtschaftlichen und neoimperialistischen Interessen durchgesetzt. Es ist weiterhin unfassbar, wenn wir hier mitbekommen, auf welchen Grundlagen Entscheidungen gefällt wurden, wie die Vorkriegspolitik vonstatten ging, aber auch, wie es jetzt um den Irak und seine Bevölkerung steht. Die Leidtragenden waren dabei wie immer im Krieg die Unschuldigen. Nicht umsonst gibt es die Redewendung; Krieg ist, wenn Menschen die sich nicht kennen, sich umbringen im Dienste von jenen, die sich kennen, sich jedoch nicht umbringen.

Irak ist nicht das einzige Beispiel. Er ist nicht das einzige Beispiel wo Menschen sterben, weil Stärkere ihre Machtinteressen, ihre Hegemonieansprüche immer noch weiter ausbauen. Kinder, die täglich 18 Stunden Schuhe zusammennähen, die wir später für einen Spottpreis im Grossverteiler erstehen sind ebenso Realität wie Frauen, die sich prostituieren müssen weil sie sonst nicht überleben können oder denen ein luxuriöses Leben vorgegaukelt wird, ein Traum, der einzig und allein für die reichen Drahtzieher im Hintergrund wahr ist. Das ist Gewalt, das ist Krieg, auch wenn Panzer und Gewehre vielleicht nicht immer mit im Spiel sind. Der Krieg der Reichen gegen die Armen wird Tag für Tag geführt. Und er ist grausam.

Gewalt ist aber nicht nur in weiter Ferne Realität. Gewalt ist auch hier in der Schweiz. Jedes Jahr sterben hier 40 Frauen an den Folgen häuslicher Gewalt. Und erst langsam festigt sich die Ansicht, dass genau diese Gewalt nicht einfach Privatsache ist, sondern es Aufgabe der Öffentlichkeit ist, Massnahmen gegen sie zu ergreifen. Auch das zeigt, dass Gleichstellung auch hier noch immer nicht verwirklicht ist. Jüngster Beleg dafür waren die skandalösen Bundesratswahlen letzten Dezember. Auch das ist Gewalt.

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Ein anderes Beispiel sind die sans-papiers. Vor drei Jahren waren sie dank engagierten AktivistInnen in aller Munde - heute spricht niemand mehr von ihnen. Alle wissen, dass es sie gibt, Menschen, die unter uns leben, die es aber eigentlich nicht geben dürfte und die unter härtesten Bedingungen in der reichen Schweiz arbeiten. Es macht mich wütend, wenn ich die betroffene Heuchelei derjenigen höre, die selber gut dastehen, die aber niemals etwas gegen die Ausbeutung der Papierlosen unternähmen.

Gewalt wird vorgelebt. Trotzdem ist alle Welt überrascht, wenn Jugendliche gewalttätig werden. Wir wachsen in dieser Welt auf, in der alles durchgesetzt werden kann, wenn nur genügend Kapital und genügend Einfluss vorhanden ist. Wir wachsen in dieser Welt auf, in der Solidarität und der Gedanke von Gerechtigkeit und Gleichberechtigung dort wo Entscheidungen getroffen werden, keine Rolle spielen. Wir wachsen in dieser Welt auf, in der Individualismus gepredigt, Egoismus gelebt und Konsum verherrlicht wird. Gleichzeitig steigen Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivemangel, es wird an allen Ecken und Enden gespart, wenn es um Soziales oder Bildung geht, es werden Gleichstellungsbüros angegriffen, alles darf nichts kosten und muss schnell und effizient sein. Und weiter kommen nur die Besten. Aber es wird schöngeredet und relativiert. Bis es zum äussersten kommt. Das heisst: Die Schweiz hat eine der höchsten Jugendsuizidraten. Oder dann richtet sich die Gewalt nicht gegen sich selbst sondern gegen andere. Das nennt man dann das neue Phänomen der Jugendgewalt, das in der Presse breitgeschlagen wird. Muss es so weit kommen bis jemand aufhorcht?

Ich sprach von leeren Kassen und Sparpolitik auf Kosten der Schwachen. Man fragt wo dieses Geld hinfliesst. Noch immer gibt die Schweiz mehr Geld aus für die so genannte Landesverteidigung als für Bildung. Ist das denn friedensfördernde Politik? Ich fordere Friedenserziehung in den Schulen anstatt neue FA 18-Flieger!

Stattdessen beschloss das Parlament vor einigen Wochen, die Rüstungszusammenarbeit mit Israel weiter zu verfolgen, obwohl sich Israel nicht an die Genfer Konvention hält, die es unterzeichnet hat. Ist denn das Engagement für den Frieden? Ich finde es erschreckend, wie doppelzüngig die Politik unserer Regierung ist - einerseits wird betont, wie sehr sich die Schweiz für humanitäre Zwecke engagiere - andererseits wird der Profit über das Durchsetzen von Menschenrechten gestellt.

Vor einem Jahr wurde die neue Friedensbewegung hochgejubelt. Jetzt stellt sich langsam die Frage, wohin hat sie uns denn geführt, diese Anti-Kriegs Bewegung? Was haben wir denn erreicht? Den Irakkrieg konnten wir nicht verhindern. Die sowohl wirtschaftlich als auch politisch expansionsorientierte US-Amerikanische Politik bisher auch nicht. Trotzdem bin ich überzeugt, dass sie uns etwas gebracht hat. Es ist übertrieben zu sagen, die Anti-Kriegs - Bewegung habe die Schweizer Jugend massenweise politisiert. Aber es ist Fakt, dass viele Jugendliche, gerade in meinem Alter sensibilisiert wurden. Es haben sich Organisationen gebildet, funktionierende Netzwerke an Schulen. Jüngster Streich war der SchülerInnen und Studierendenstreik gegen den Bildungsabbau, der nur dank diesen Vernetzungen in diesem Masse durchgeführt werden konnte. Dieser Krieg HAT die Menschen aufgeweckt. Und auch wenn sich ein Jahr später nicht mehr Tausende auf den Strassen tummeln, war es ein Anfang. Ein Anfang oder eine Fortsetzung des alten gemeinsamen Kampfes für eine gerechte Welt.

Diese Erkenntnis lässt hoffen.

1986 sagte Max Frisch: "Ein Aufruf zur Hoffnung ist heute ein Aufruf zum Widerstand!" Für mich gilt dieser Satz heute mehr denn je; deshalb: Gehen wir weiterhin auf die Strasse, organisieren wir uns, setzen wir uns gemeinsam ein für Frieden, für Gerechtigkeit!



E-Mail:   RahelRuch@gmx.ch
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