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2005


vom:
29.03.2005


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Ostermarsch 2005

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Redebeitrag beim Ostermarsch 2005 in Mainz am 26.03.05

Die Waffen nieder!

Tina Kemler (Mainz )

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde!

Anläßlich des diesjährigen 100sten Jahrestages, an dem erstmals eine Frau den Friedensnobelpreis erhielt, werde ich mich in meiner Rede ganz auf Frauen konzentrieren und ihre Arbeit für die Friedenspolitik in den Vordergrund stellen.

Als Bertha von Suttner 1889 ihren Roman "Die Waffen nieder" veröffentlichte, konnte sie nicht wissen, wie bekannt sie dadurch - vor allem in der Friedensbewegung - werden würde. Im Jahr 1905, dem Jahr, in dem sie als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt, erschien die 37. Auflage und das Buch war in 16 Sprachen übersetzt worden. Selbst in Amerika war es bekannt, was um die Jahrhundertwende eine Novität für ein ursprünglich deutschspachiges Buch war.

Was aber war nun das besondere an diesem Roman? Zum einen natürlich, daß ihn eine Frau geschrieben hatte und zum anderen die drastische Sprache, in der sie den Krieg als das darstellte, was er ist: "grausam und daher ein Verbrechen"! (KMK S. 11 unten)

"Rauchende Dorftrümmer, zertretene Saaten, herumliegende Waffen und Tornister, durch Granaten aufgewirbelte Erde, Blutlachen, Pferdeleichen, Massengräber: Das sind die Landschaften (...) durch welche wir hinter dem Sieger hergewandelt sind, um womöglich neue Siege daran zu reihen, das heißt neue Dörfer anzuzünden und so weiter ..." (DWN S. 144)

Den Morgen nach einer Schlacht beschreibt sie: "Jetzt erst sieht man die Massenhaftigkeit der umherliegenden Leichen: auf den Straßen, zwischen den Feldern, in den Gräben, hinter Mauertrümmern; überall, überall Tote." (DWN S. 239)

Bertha von Suttner, ohne die ich wahrscheinlich heute hier nicht stehen würde, da sie es war, die 1892 die Deutsche Friedensgesellschaft gegründet hat, ist bis zu ihrem Tode, kurz vor dem ersten Weltkrieg dafür eingetreten, wofür wir heute alle hier stehen: Ein friedlichere Welt, eine sozialere Welt, eine Welt OHNE Waffen.

(...)

Aber Bertha von Suttner war nicht die einzige Frau, die sich unermüdlich für den Frieden und gegen jede Kriegstreiberei eingesetzt hat. Insgesamt 12 Frauen erhielten bislang den Friedensnobelpreis, dessen Stiftung im übrigen auch auf die Initiative von Bertha von Suttner zurückzuführen ist.

Betty Williams und Maired Corrigan Maguire etwa, die 1976 diese Ehrung für ihren Einsatz für den Frieden in Nordirland erhielten und zeigten, wie Menschen aus persönlicher Betroffenheit über sich selbst hinauswachsen können. Sie waren es, die Mitte der 70er Jahre die Friedensmärsche in Belfast initiiert hatten, denen tausende von Menschen, Katholiken wie Protestanten folgten. Als dann, 1994, nach mehr als 25 Jahren Bürgerkrieg endlich sowas wie Frieden in Nordirland einkehrte, waren sie den Medien keine Zeile wert!

Die schwedische Schriftstellerin, Diplomatin und Abrüstungsministerin Alva Myrdal, die 1982 für ihren Einsatz für die atomare Abrüstung gewürdigt wurde, sagte einmal zum schwedischen Außenminister und Völkerrechtler Undén, als es um ihre Beschäftigung mit dem Rüstungswettlauf der damaligen Zeit ging: "Als ich damit begann, konnte ich nicht mehr aufhören, nach dem "Warum` und dem "Wieso` von etwas Sinnlosem wie dem Wettrüsten zu fragen." Auch wenn der "kalte Krieg" vorbei ist und zahllose Kriege und Krisensituationen die Bedrohung durch einen atomaren Krieg eher in den Hintergrund drängen, stelle ich mir jedoch die Frage nach dem "Warum" und dem "Wieso" bis heute. Wenn ich mir z.B. den EU-Verfassungsentwurf anschaue frage ich mich, ob Politiker wirklich völlig unfähig sind, aus der Vergangenheit zu lernen. Eine Aufrüstungsverpflichtung, wie sie durch den Satz: "Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern" festgeschrieben wird, kann meines Erachtens nur dazu führen, daß die Dynamik des weltweiten Aufrüstens weiter angestachelt wird und jegliche Versuche nicht-militärischer Krisenintervention zunichte macht.

Aber zu den Strategien, die sowohl die EU als auch die USA bei ihrer Kriegstreiberei verfolgen, hat Euch Christian Axnik ja schon ausführlich berichtet.

Sich für den Frieden einzusetzen, heißt natürlich auch, sich für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte einzusetzen. Dies haben in besonderem Maße Schirin Ebadi und Wangari Maathai getan. Schirin Ebadi, Menschenrechtlerin und Juristin im Iran, bekam den Preis 2003 verliehen und ein Satz aus der Begründung der Jury hat mir besonders gut gefallen: "In einer Ära der Gewalt unterstützte sie beharrlich die Gewaltlosigkeit." Als 1979 das Mullahregime die Macht übernahm, wurden alle Richterinnen, so auch Ebadi, ihres Amtes enthoben. Ein Teil der Begründung: Frauen seien zu "emotional" und "irrational". Den Kampf für Menschenrechte als irrational zu bezeichnen ist in meinen Augen genau das: irrational! Für ihre Emotionalität danke ich all diesen Frauen! Wangari Maathai z.B., Friedensnobelpreisträgerin 2004, die, so gerüchtet das Internet, von ihrem Ehemann verlassen wurde, weil sie "zu gebildet, zu stark, zu erfolgreich, zu eigensinnig und zu schwer zu kontrollieren" sei, ist für mich lebender Beweis für Frauenpower, Mut und Engagement. "Für ihren Einsatz zur Erhaltung der Umwelt und zur Durchsetzung der Menschenrechte" wurde die Kenianierin mit dem Preis bedacht.

Eigentlich war es gar nicht meine Absicht, einen solchen Schwerpunkt auf Afrika zu legen, auch wenn wir, die DFG-VK, am Freitag dem 22. April eine Veranstaltung mit dem Titel "Das andere Afrika - Widerstand gegen Krieg, Korruption und Unterdrückung" mit Emanuel Matondo planen. Der Flyer, den ihr Euch von unserem Infostand mitnehmen könnt, beginnt mit den Worten: "Von Afrika hören wir oft nur, wenn über Kriege, Flüchtlinge oder Hungerkatastrophen berichtet wird. Nur selten, wie bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Kenianerin Wangari Maathai wird ein anderes Bild gezeigt ...".

(...)

Über Bertha von Suttner hatte ich in meiner Schulzeit gelesen. Sie und meine Pflegemutter waren es, die mir die Perversion des Krieges vorgeführt haben und die mich, ohne ihr Wissen, dazu veranlaßt haben, für meinen Sohn den Zwangsdienst zu verweigern, kurz nachdem ich ihn geboren hatte. Die anderen Frauen, von denen ich heute berichtet habe, kenne ich nur aus den gängigen Medien. Ich habe über sie im Internet und in Büchern gelesen, habe Fernsehinterviews mit ihnen gesehen und mit keiner von ihnen hatte ich mich vor meiner Rede intensiver beschäftigt.

Ich möchte nun zum Abschluß kommen mit einem kurzen Bericht über eine Frau, die ich Ende des vergangenen Jahres auf einer Pressekonferenz kennen gelernt habe und deren Schicksal mich sehr, nun... wie soll ich sagen... beeindruckt oder gar mitgenommen hat. Ruta wird ziemlich sicher niemals eine Nobelpreis erhalten, nein, sie kann sogar froh sein, wenn sie die kommenden Jahre überlebt!

Wie einige von Euch wissen, bin ich nicht nur DFG-VK-Mitglied, sondern auch freie Radioredakteurin der Medieninitiative Mainz/Wiesbaden Radio Quer e.V. Als ich im November vergangenen Jahres von Rudi Friedrich von Conection e.V. gebeten wurde, eben diese Pressekonferenz über eriträische Flüchtlinge und Deserteure aufzuzeichnen, hat mir dies weder terminlich noch inhaltlich "in den Kram gepaßt". So fuhr ich eher mißgelaunt nach Frankfurt.

Eritrea, ein kleines Land irgendwo in Afrika, Krieg gegen Äthiopien, bürgerkriegsähnliche Zustände, das waren so die Eckdaten, die ich aus dem Fernsehen oder der Zeitung wußte. Ich saß also im Presseclub in Frankfurt, mein Mikrofon war aufgebaut und plötzlich erschienen sieben junge Menschen, die sich rechts und links des Podiums setzten. Sieben Eriträer und Eriträerinnen im Alter von 18 bis 32 Jahren, die über die Gründe ihrer Flucht und Desertion sprachen. Ich war geschockt! Nicht, daß ich nicht ähnliches auch schon aus anderen Ländern gehört hätte. Terror und Folter gibt es ja selbst in der deutschen Bundeswehr. Aber in die Gesichter dieser Menschen zu schauen, die teils mit stoischer Mine, teils den Tränen nahe, manchmal wütend, andere mit viel Engagement auf ihr Schicksal hinwiesen, hat mich nachhaltig berührt. Ruta Yosef-Tedla, gerade mal 18 Jahre alt, die nach dem Tod ihrer Mutter die Verantwortung für ihre kleinen Geschwister übernommen hatte und aus ihrer christlichen Überzeugung heraus Krieg und ihren Dienst an der Waffe ablehnt. Ihr und allen anderen, die sich zur Eriträischen Antimilitaristischen Initiative Deutschlands zusammen geschlossen haben, gilt meine persönliche Hochachtung! Ihr Mut, ein Regime anzuprangern, das sie vielleicht wieder foltern, oder sogar töten wird, wenn Ihre Asylanträge hier in Deutschland abgelehnt werden und sie abgeschoben wird, ist mir persönlich ein Zeichen, mit der Arbeit fortzufahren, die ich begonnen habe!

Hin und wieder werde ich gefragt, warum gerade ich als Frau Mitglied der DFG-VK, also der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgener und -gegnerinnen sei, wo ich doch gar nicht zum Zwangsdienst an der Waffe im kollektiven Völkermord gezwungen sei.

Wenn ich ehrlich bin, fällt mir dieses Zitat nicht ad hoc ein, aber da ich ja Zeit hatte, mich auf diese Rede vorzubereiten, möchte ich mit Worten von Bertha von Suttner und Pierre Ramus enden, die sich zwar wahrscheinlich nicht kannten und doch, während sie eher der Sozialdemokratie zugetan war, er Anarchist, beide nur eines im Sinn hatten: Den Frieden auf dieser Welt.

Ich zitiere von Suttner: "Es gibt ebenso große Dummköpfinnen, als es Dummköpfe gibt; wohl auch zahlreicher, nicht wegen des (...) behaupteten `physiologischen Schwachsinn des Weibes`, sondern als Folge der heute noch üblichen weiblichen Erziehung". Daran hat sich bis heute meiner Meinung nach wenig geändert! Ramus, der zur gleichen Zeit gelebt hat wie Bertha von Suttner und Anarchist war, folgert logisch: Als erstes müsse man folglich "unter den Müttern der heranwachsenden Jugend Überzeugungsarbeit leisten, denn die Mütter sind es, die ihre Kinder zu Kriegern gegen den Krieg, zu Friedenskriegern erziehen müssen."

Auch wenn ich die Sprache von Ramus nicht mag, obwohl sie natürlich seiner Zeit gemäß ist: "Krieger gegen den Krieg" sind Menschen wie mein Sohn, der die Perversion des Krieges erkannt hat und für sich entschieden hat, daß er dieser Kriegsmaschinerie nicht zur Verfügung stehen will.

Wir, die DFG-VK gehen heute noch weiter als Bertha von Suttner es damals gefordert hat!

Wir sagen nicht nur "die Waffen nieder", sondern wir fordern auch: nieder mit allen Kriegs- und Zwangsdiensten in der Welt, Asyl für Kriegsdienstverweigerinnen und Kriegsdientsverweigerer, Deserteurinnen und Deserteuren, egal aus welcher Armee, und heute besonders wichtig: Nieder mit dieser EU-Verfassung, die die Aufrüstung festschreibt!

Ich habe vor einigen Jahren einen Satz unterschrieben, eigentlich viel zu spät in meinem Leben und ich bin niemand, die öffentliche Gelöbnisse unterstützt, aber dieses Gelöbnis werde ich gerne und öffentlich widerholen. Es ist die Grundsatzerklärung der DFG-VK:

"Der Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Ich bin daher entschlossen, keine Art von Krieg zu unterstützen und an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuarbeiten."

Die Waffen nieder!

Vielen Dank für Euer Interesse!



E-Mail: tina.kemler@radio-quer.de

Website: www.dfg-vk-mainz.de
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