Ostermärsche und -aktionen 2012

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07.04.2012


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Ostermärsche und -aktionen 2012

 Reden/Kundgebungsbeiträge

Redebeitrag für den Ostermarsch 2012 in Müllheim am 9. April

Liebe Friedensfreundinnen und -freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Hagen Battran (in Müllheim)



- Sperrfrist: 9. April, Redebeginn: ca. 13 Uhr -

- Es gilt das gesprochene Wort -



"Kriegslied" von Matthias Claudius, 1778

`s ist Krieg! `s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
`s ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

2. Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

3. Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

4. Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

5. Wenn Hunger, böse Seuch` und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

6. Was hülf mir Kron` und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
`s ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!



Was hat der Mann bloß? Was ist das für ein Weichei? Man muss ja nicht gleich Heraklit (550 - 480 v. Chr.) Recht geben, der gesagt haben soll: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller.". Aber so ein weibisches Gejammer über etwas, was wie der Tod zum menschlichen Leben gehört, ist doch zu naiv und wehleidig! Das Leben ist Kampf, nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Völker, ihre Gesellschaften und Ökonomien! Für 2011 wurden nicht weniger als 36 Kriege (25) und bewaffnete Konflikte gezählt, drei mehr als 2010. Und so war das wohl jedes Jahr seit Menschengedenken! Was also soll das Geschrei?

So etwa würde ein Jugendoffizier zumindest im Geiste reagieren, wenn ihm eine kritische Lehrerin, ein kritischer Lehrer bei einem seiner Schulbesuche Matthias Claudius` Gedicht "Kriegslied" von 1778 entgegenhielte. Er und seine 93 Kollegen, "Kameraden" heißt das wohl bei der Truppe, verstehen sich schließlich als coole, rationale "Referenten für Sicherheitspolitik", die eine werbewirksame Qualifikation für ihre Tätigkeit allerdings auch darin sehen, dass sie fast alle in sog. "Auslandseinsätzen" ihrer kühlen Schreibtischanalyse auch noch eine überzeugende Augenzeugenschaft hinzufügen konnten.

Und diese kriegserfahrenen Männer, die allein schon in ihrer Uniform augenfällig machen, dass die militärische Lösung ihrer Meinung nach ganz häufig das Mittel der Wahl in der Sicherheitspolitik sein und bleiben muss - diese uniformierten Männer also sollen allen Ernstes in der Lage sein, "Schülerinnen und Schüler über die zur Friedenssicherung möglichen und/oder notwendigen Instrumente der Politik" zu informieren? Weiter heißt es in der baden-württembergischen Version der Kooperationsvereinbarung zwischen Kultusministerium und Bundeswehr vom Dezember 2009: "Dabei werden Informationen zur globalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung genauso wie Informationen zu nationalen Interessen einzubeziehen sein." - Ja so, ja dann wird vielleicht doch ein Schuh draus! Wenn sie auch über die Sicherung unserer Rohstoffzufuhr, unserer Handelswege und unserer Märkte reden dürfen, werden die Jugendoffiziere schon Gelegenheit finden, den Schülerinnen und Schülern Militäreinsätze rund um die Welt plausibel zu machen.

Wir können beruhigt sein, die Offiziere wissen um den Verdacht, sie könnten die vor ihnen sitzende Schülerschaft intellektuell überwältigen und auch nicht in der Lage sein, ihre Themen so kontrovers darzustellen, dass sich die Zuhörerinnen und Zuhörer unabhängig einen eigenen Standpunkt erarbeiten könnten. Sie wissen also, dass sie dem seit 1976 in Deutschland allgemein anerkannten Grundgesetz der politischen Bildung, dem Beutelsbacher Konsens, nur schwer oder gar nicht gerecht werden können. Deshalb schreiben sie auf ihrer website
http://www.jugendoffizier.eu: "Im Hinblick auf den Beutelsbacher Konsens kommt es für Lehrer, die uns einladen, besonders darauf an, die Schüler auf den Besuch des Jugendoffiziers und die jeweiligen Themen vor- und nachzubereiten." Ich weiß zwar nicht, wie man Schüler "nachbereitet", aber seien wir nachsichtig, die wenigsten Jugendoffiziere dürften Deutsch studiert haben.

Aber lasst alle Nachsicht fahren, wenn euch klar geworden sein wird, dass alle acht Kooperationsvereinbarungen zwischen Bundeswehr und Kultusministerien, auch die baden-württembergische, als Hauptziel haben, die zukünftige Lehrerschaft über die Lehrerausbildung und die jetzige Lehrerschaft über sog. Fortbildungsangebote von ihrer möglicherweise kritischen Haltung gegenüber der Bundeswehr als "Armee im Einsatz" abzubringen! Wie wichtig den Kooperationspartnern diese Indoktrination v.a. der Referendarinnen und Referendare ist, könnt ihr unschwer daran ablesen, dass in Baden-Württemberg von den 57 Lehrveranstaltungen an den staatlichen Seminaren für Lehrerbildung, die zwischen 2007 und 2010 von Jugendoffizieren mitgestaltet wurden, 36 oder 63 % Pflichtveranstaltungen waren, denen sich die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer nicht entziehen konnten. Keiner anderen staatlichen, geschweige denn privaten Institution wird ein solch privilegierter Zugang zur Lehrerbildung eingeräumt. Wen beschleicht da nicht der bitterböse Verdacht, es gehe einzig und allein darum, die Kritikfähigkeit von Lehrerinnen und Lehrern und danach die Kritikfähigkeit von Schülerinnen und Schülern in einer so existentiellen Frage wie der nach Krieg und Frieden erst gar nicht zur Entfaltung kommen zu lassen?

Aber warum nur ein solcher Angriff auf das selbstständige Denken der kommenden Generationen und derer, die sie zu selbständiger Lebensführung befähigen sollen? Das verstieße doch nicht nur gegen den Beutelsbacher Konsens. Das verstieße doch auch gegen die Grundsätze jeder Demokratie, die ohne mündige, d.h. kritikfähige Bürgerinnen und Bürger nicht überleben kann.

Die erste Antwort ist banal: Die Bundeswehr ist zur Berufsarmee geworden und sie ist zur weltweit operierenden Einsatzarmee geworden. Da kann sie es sich auf die Dauer nicht leisten, dass eine stabile Mehrheit in der Bevölkerung die sog. "Auslandseinsätze" ablehnt und dem entsprechenden Umbau der Streitkräfte skeptisch gegenübersteht. Es ist eine besondere Herausforderung, in diesem geistigen Umfeld den nötigen Nachwuchs zu rekrutieren.

Die zweite Antwort ist alarmierend und muss umfassenden Widerstand hervorrufen. Unser Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell und seine Nutznießer sind auf allen Feldern scheinbar unbeirrbar dabei, die Lebensgrundlagen der Menschheit zu zerstören. Ich erinnere nur an die Umwelt- und Klimakatastrophe, an die fortwährende weltweite Umverteilung aller Lebenschancen von unten nach oben in der neoliberalen Enteignungsökonomie, an die daraus resultierende Gesundheits- und Hungerkatastrophe, an die Schwächung und Zerstörung des sozialen Zusammenhalts, an die tiefe moralische und geistige Desorientierung allüberall. Wer sich den Zustand der Welt vor Augen führt, der wird vielleicht August Bebel zitieren, der immer wieder gesagt haben soll: "Diesem System keinen Mann und keinen Groschen!"

Dass diesem Ruf die 99 % Verlierinnen und Verlierer unseres existenzbedrohenden Katastrophensystems folgen könnten, ist sicher der Alptraum jener 1 % Gewinnerinnen und Gewinner, und Anzeichen, dass dieser Traum Wirklichkeit werden könnte, mehren sich: in der weltweiten Occupy-Bewegung, im nicht enden wollenden Widerstand in Griechenland, in Portugal und Spanien, und selbst im narkotisierten Deutschland verbreitet sich in Gewerkschaften, linken Parteien, in vielen NGOs, ja selbst in der breiten Bevölkerung die Einsicht, dass es so nicht weiter geht.

Da wird es für die 1 % und ihre Helferinnen und Helfer zur Überlebensfrage, ob es ihnen gelingt, das Denkvermögen der 99 % möglichst nachhaltig zu beschädigen, indem ihnen das Denken in Alternativen verwehrt wird.

Dafür soll Margret Thatcher, die geadelte ehemalige britische Premierministerin, das TINA-Prinzip entwickelt haben, das inzwischen in den meisten Bereichen unseres neoliberal verwüsteten Lebens gilt und - wenn es nach seinen Nutznießern geht - auch die nächsten 1.000 Jahre gelten soll. TINA, also "There is no alternative!", ist zur Kernbotschaft aller Herrschaftstechnik geworden.

Frieden, Sozialismus, ein menschenwürdiges Dasein für alle Erdenbewohner, ein respektvoller Umgang mit Natur und Klima und vieles andere mehr müssen als realitätsferne utopische Leitbilder denunziert und damit wirkungslos gemacht werden. Noch besser: Diese Leitsterne werden aus den Köpfen möglichst aller Menschen ganz entfernt und herausgehalten, damit alle ergeben in die neoliberale Gebetsmühle: "Es gibt keine Alternative!" einstimmen und jede Vorstellung von einer möglichen anderen, besseren Welt verlieren bzw. als gefährlichen Irrweg bekämpfen.

Bei diesen Operationen muss behutsam vorgegangen werden. Am besten ist, wenn die Menschen gar nicht oder zu spät merken, was mit ihnen geschieht, wie ihnen mit den Alternativvorstellungen die Instrumente genommen werden, ihre Gegenwart und Zukunft kritisch zu untersuchen und ihr Leben verändernd selbst in die Hand zu nehmen.

Ist es nicht bezeichnend, dass mir gerade von Philipp Rösler der Ausspruch in Erinnerung ist, einen Frosch müsse man in kaltes Wasser werfen und es nur langsam erwärmen, erhitzen, damit dessen Gegenwehr erst dann einsetze, wenn es zu spät sei. Genauso ist vorgegangen worden bei der Neuausrichtung der Bundeswehr nach 1990. Ganz allmählich wurden wir an die immer zahlreicher werdenden sog. "Auslandseinsätze" gewöhnt. Jetzt meint de MaiziŠre, die Zeit sei reif für einen jährlich zu begehenden Veteranentag für die inzwischen 300.000 Soldaten, die in den letzten zwölf Jahren draußen im Einsatz waren, (BZ 18. 02. 12). Wer regt sich da noch auf? Krieg unter Beteiligung deutscher Soldaten ist für unsere Öffentlichkeit wieder alltäglich geworden. Wenn er nur weit weg tobt, können unsere Oberen mit dem diffusen Unbehagen der Gesellschaft ganz gut leben! Und das Unbehagen der Mehrheit bleibt diffus, weil ihr in den Medien das, was in Afghanistan, vor Somalia und im Kosovo geschieht, geschönt und gleichzeitig als alternativlos vorgestellt wird. Die Haken, an denen sich zielgerichteter und wirksamer Widerstand aufhängen könnte, sind sorgfältig abgesägt und glatt geschliffen.



"Und ich dachte immer: die allereinfachsten Worte
Müssen genügen. Wenn ich sage, was ist
Muss jedem das Herz zerfleischt sein.
Daß du untergehst, wenn du dich nicht wehrst
Das wirst du doch einsehn."

schrieb Brecht nach dem zweiten Weltkrieg.



Also gut, wir bekommen in der Regel nicht zu sehen und zu hören, "was ist". Da kann unser Herz in der Regel nicht "zerfleischt" sein.

Aber dass wir alle untergehen, wenn wir uns alle dem Katastrophenkapitalismus, wie er heute in Griechenland, morgen in Portugal und übermorgen bei uns tobt, nicht wirkungsvoll widersetzen, das begreifen immer mehr Leute in diesem Land. Und dass dieser Widerstand nicht ohne die Ächtung des Krieges und jeder gewaltförmigen Konfliktlösung, nicht ohne die Delegitimierung jeglicher Aufrüstung und jeglicher Rüstungsproduktion, nicht ohne die Beendigung einer konkurrenzbasierten und damit kriegsförmigen Weltwirtschaftsunordnung erfolgreich sein wird - das dämmert inzwischen mehr Menschen hier und anderswo, als den Nutznießern des "Imperiums der Schande", wie Jean Ziegler es genannt hat, recht sein kann. Und seid sicher: Sie werden sich wehren!

Umso wichtiger ist, dass wir hier stehen, verbunden mit den Tausenden, die die rund 80 Veranstaltungen der diesjährigen Ostermarschkampagne mitgestaltet haben.

Umso wichtiger ist, dass der DGB und seine Landesbezirke mit eigenen Aufrufen die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter zur Teilnahme auffordern. Der DGB-Landesbezirk Baden-Württemberg beendet seinen Aufruf mit den Sätzen: "Es wird Zeit umzudenken und umzusteuern! Wir wollen Frieden schaffen ohne Waffen!"

Was wäre dem hinzuzufügen außer der dringlichen Aufforderung an den DGB und an uns alle: Lasst den vielen klugen Worten schleunigst Taten folgen! Es ist höchste Zeit!



E-Mail: Hagen (Punkt) battran (at) web (Punkt) de
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