OM 2014

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20.04.2014


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Ostermärsche und -aktionen 2014

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Redebeitrag für den Ostermarsch Oberberg 2014 in Gummersbach am 19. April

Über die globalen Gründe von Gewalt und Krieg

Lothar Gothe (in Gummersbach)



- Es gilt das gesprochene Wort -



Liebe Freundinnen und Freunde,

Heute will ich versuchen, die Gründe für Krieg und Terror aus einem Blickwinkel zu betrachten, der für einen Ostermarsch ziemlich ungewöhnlich ist, nämlich dem von Papst Franziskus I. Ungewöhnlich auch für mich, denn ich bin vor langen Jahren vom katholischen Glauben abgefallen und aus der Kirche ausgetreten. Ein Hauptgrund dafür war ihre jahrhundertelange Beteiligung an Kriegen, Völkermorden und Menschen-rechtsverletzungen fast überall auf der Welt.

Nun findet aber ausgerechnet der neue Chef dieser historisch schwer belasteten Institution die klarsten Worte und Bilder für die heutigen Ursachen von Terror und Krieg. Das ist umso verblüffender, als in krassem Gegensatz dazu Regierung und Präsident der Waffenschmiede Bundesrepublik Deutschland immer deutlicher als Kriegsbefürworter und Kriegsbeschöniger hervortreten. Es klingt zwar recht harmlos, wenn sie von "Verantwortung wahrnehmen" reden und mehr deutsches "Engagement" in der Welt fordern, aber sie meinen offensichtlich ein verstärktes militärisches Durchsetzen der westlichen Wirtschaftsinteressen. Ganz im Sinn der nach dem Kosovokrieg erneuerten NATO-Doktrin: Es werden nicht mehr die Territorien gegen Angriffe verteidigt, sondern das faktische "Vorrecht" der westlichen Länder, sich überall auf der Welt Ressourcen anzueignen und Arbeitskräfte auszubeuten.

Dazu findet Franziskus in der Schrift "evangelii gaudium" folgende Worte:

Die große Gefahr der Welt von heute mit ihrem vielfältigen und erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem bequemen, begehrlichen Herzen hervorgeht, aus der krankhaften Suche nach oberflächlichen Vergnügungen, aus einer abgeschotteten Geisteshaltun


g


Ebenso wie das Gebot "du sollst nicht töten" eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein "Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen" sagen. Diese Wirtschaft tötet.

Es ist unglaublich, daß es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.

Das ist Ausschließun


g


Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht.

Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die "Wegwerfkultur" eingeführt, die sogar gefördert wird. Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht "Ausgebeutete", sondern Müll, "Abfall


"


Solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die armen Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überläßt, wird es keine politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder "Intelligence" geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist.

Die Mechanismen der augenblicklichen Wirtschaft fördern eine Anheizung des Konsums, aber es stellt sich heraus, daß der zügellose Konsumismus, gepaart mit sozialer Ungleichkeit das soziale Gefüge doppelt schädigt. Auf diese Weise erzeugt die soziale Ungleichheit früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungswettlauf nicht löst, noch jemals lösen wird. Er dient nur dem Versuch, diejenigen zu täuschen, die größere Sicherheit fordern, als wüßten wir nicht " daß Waffen und gewaltsame Unter-drückung, anstatt Lösungen herbeizuführen, neue und schlimmere Konflikte schaffen.

Unsere westliche sogenannte "Wertegemeinschaft" hält sich ja für berechtigt, rund um den Globus mit Hilfe von Krieg, Drohnenmord und Folterknästen ihre Werte gewaltsam zu verbreiten. Doch diese ethischen Werte herrschen nach Franziskus bei uns in Wahrheit gar nicht, vielmehr kenne hier die Gier nach Macht und Besitz keine Grenzen". Es sind also gar nicht Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit, die gewaltsam in Afghanistan, im Irak, in Somalia, Libyen, Mali usw durchgesetzt werden sollen.

Franziskus stellt fest, daß " die Anbetung des goldenen Kalbes eine neue und erbarmungslose Form gefunden hat im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel. Die Ursache der Ungleichheit sieht er in der Herrschaft von Ideologien, " die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen und das Kontrollrecht der Staaten bestreiten. Es entsteht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und Regeln aufzwingt....In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes.

Welch eine gnadenlose Abrechnung mit dem neoliberalen Kapitalismus und seiner weltweiten, gewaltsamen Ausbeutung: Vergötterung des Geldes, Diktatur einer menschenverachteten Wirtschaft, eine neue Tyrannei, die Menschen zu Müll und Abfall macht, eine Wirtschaft die tötet:

Müßten nicht jetzt wir alle, alle ehrlichen Demokraten, Sozialisten, Christen, Humanisten gegen diese Diktatur und diese Tyrannei auf die Barrikaden gehen, die Katholiken vorneweg ?

Aber es herrscht trotz alledem eine elende, bleierne Ruhe im Land.

Auch zu diesem beschämenden Zustand findet Franziskus erklärende Worte, die jeden einzelnen von uns wie Ohrfeigen treffen müssen: Um einen Lebensstil vertreten zu können, der die anderen ausschließt, oder um sich für dieses egoistische Ideal begeistern zu können, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt.

Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen, wir weinen nicht mehr angesichts des Dramas der anderen, noch sind wir interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei das alles eine uns fern liegende Verantwortung, die uns nichts angeht. Die Kultur des Wohlstands betäubt uns.

Wenn wir schon nicht bereit sind zu einem politischen Kampf für die Menschenrechte unserer Wohlstandsopfer, sollten wir dann nicht wenigstens an unserem Lebensstil was ändern, die Wohlhabenden mehr, die Ärmeren weniger?

Eine gerechtere und also friedlichere Welt verlangt ein anderes Wirt-schaftssystem und eine gerechtere Verteilung der Güter. Für unsereins heißt das Einschränkung und Konsumverzicht. Eben das ist auch die Voraussetzung - die conditio sine qua non - für die Abwendung der globalen Klimakatastrophe, die ja weiteres Elend, weiteren Hunger über die Menschen in den armen Ländern bringt, und weitere Flüchtlinge, weiteren Haß, neuen Terrorismus, neue Kriege.

Ob der Papst neben seiner persönlichen Bescheidenheit auchbereit und in der Lage ist, gegen die politischen und wirtschaftlichen Terrorstrukturen vorzugehen, ist offen. Darauf will ich mal nicht hoffen, denn an Obama haben wir gesehen, wie schnell ein Mächtiger von Friedensnobel-preisträger zum Kriegsverbrecher werden kann.

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