OM 2014

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20.04.2014


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Ostermärsche und -aktionen 2014

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Redebeitrag für den Ostermarsch 2014 in Berlin am 19. April

Eine atomwaffenfreie Welt ist zum greifen nah

Alex Rosen (in Berlin)



- Es gilt das gesprochene Wort -



Liebe Freundinnen und Freunde,

als Kinderarzt habe ich jeden Tag das Privileg, der Zukunft unseres Planeten in die Augen zu schauen - und oft auch Hals und Ohren. Ich sehe heute hier viele Eltern mit ihren Kindern und Großeltern mit ihren Enkelkindern. Angesichts dieser jungen Friedensbewegten müssen wir uns fragen: was für eine Welt vermachen wir der nächsten Generation? Was für eine Zukunft haben wir für sie parat?

In unserer Organisation, der IPPNW, also der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, machen wir seit vielen Jahren etwas ganz außergewöhnliches. Im Rahmen des Projekts "Atomares Erbe" besuchen wir junge Menschen in Atomwaffenstaaten und reden mit ihnen über - nun ja - ihr "atomares Erbe". Ob in Pakistan, Russland, Indien, den USA, China oder Großbritannien - überall treffen wir auf empörte junge Menschen. Sie sind empört darüber, dass ihre Regierungen wertvolle Ressourcen für Massenvernichtungswaffen verschwenden. Sie sind empört darüber, dass statt Kooperation und Dialog weiter auf Konfrontation und Abschreckung gesetzt wird. Sie können nicht nachvollziehen, dass diese Waffen nicht längst schon international geächtet sind. Sie wollen eine Zukunft ohne Atomwaffen. Sie fordern, dass die immensen Geldsummen nicht für Atomarsenale genutzt werden, sondern für Bildung, Gesundheit, Entwicklung und soziale Gerechtigkeit. Recht haben sie! Heute wissen wir: Atomwaffen töten, auch ohne jemals eingesetzt zu werden!

Auch in Deutschland treffen wir uns mit jungen Menschen und diskutieren mit ihnen die Tatsache, dass weiterhin US-Atomwaffen in Deutschland stationiert sind; das deren Abwurf über russischen Großstädten regelmäßig trainiert wird - durch deutsche Luftwaffenpiloten wohlgemerkt. Ja - auch Deutschland ist ein Atomwaffenstaat, der "atomaren Teilhabe" der NATO sei dank. Wie können wir einerseits über Frieden und Völkerverständigung reden, und andererseits Massenvernichtungswaffen in der Eifel stationieren? Wie können wir die USA und Russland ernsthaft zur Abrüstung aufrufen, wenn wir selbst es noch nicht einmal schaffen, unser Land atomwaffenfrei zu halten? Wir müssen vor der eigenen Haustür kehren. Das muss für uns der erste Schritt sein: Deutschland atomwaffenfrei - jetzt! Keine Nachrüstung der B61-Bomben in Büchel! Wir wollen diese Massenmordwaffen raus haben aus Deutschland!

Jetzt mag sich der ein oder andere hier im Publikum fragen: Atomwaffen? Tickt der Typ noch richtig? Ist das nicht total "80`er"? Haben wir heute nicht andere Probleme? Wer spricht überhaupt noch von Atomwaffen?

Wir tun es! Und aus gutem Grund!

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut geht weiterhin von mehr als 17.000 Atomsprengköpfen weltweit aus - etwa 4.400 davon sofort einsatzfähig. Vladimir Putin kann mit einem Knopfdruck 1.800 Atomsprengköpfe abschießen, Barack Obama 2.150. Neue Klimaberechnungen zeigen: nur etwa 200 Atombomben auf Großstädte reichen aus, um den Planeten in einen atomaren Winter zu stürzen und mindestens 2 Milliarden Menschen das Leben zu kosten. Wir fragen daher: kann man diesen beiden Menschen das Überleben des Planeten anvertrauen? Wir sagen Nein! Kein Mensch sollte je so viel Macht haben, die Welt mit einem Knopfdruck zerstören zu können!

Geht man auf einer Weltkarte mal die großen internationalen Konfliktherde durch, sieht man rasch, dass ein Zusammenhang zu bestehen scheint zwischen atomarer Bewaffnung und mangelnder Konfliktbearbeitung:

Auf der koreanischen Halbinsel stehen sich mit der USA und Nordkorea zwei Atomwaffenstaaten

gegenüber, die sich regelmäßig mit kostspieligen und halbstarken Militärmaneuvern provozieren

In der Ukraine prallen derzeit die Interessensphären der Atommächte der NATO und Russlands

aufeinander - und schon bereuen ukrainische Politiker vom rechten Spektrum, Anfang der 90`er Jahre ihre

Atomwaffenarsenale an Russland abgegeben zu haben.

Zwischen den Atomwaffenstaaten Indien und Pakistan kriselt es seit langem um die Unruheregion Kaschmir. Vier Kriege haben die beiden Länder bereits geführt - zuletzt 1999.

Im Südchinesischen Meer tobt ein kalter Konflikt zwischen den Atommächten China und der USA, bzw. ihren Verbündeten Japan und Taiwan

Im Nahen Osten spielt Israel mit seinem Atomwaffenarsenal eine gefährliche Vorreiterrolle. Auch der Iran hat zumindest in der Vergangenheit mit der atomaren Option geliebäugelt. Zusätzlich mischen in der Region seit Jahrzehnten die Atomwaffenstaaten Russland und die USA mit.

Sie sehen - ganz so unzeitgemäß ist es nicht, sich für eine atomwaffenfreie Welt einzusetzen. Reiner Braun hat in seiner Rede das Ziel der Vernichtung der Atomwaffen angesprochen. Dieses Ziel teilen wir ohne Frage Doch bevor wir sie vernichten können, muss der erste Schritt sein, sie international zu ächten. Biowaffen, Chemiewaffen, Landminen, Streubomben - die Menschheit hat gezeigt, dass sie durchaus in der Lage ist, ihr Tötungsarsenal eigenmächtig zu beschränken. Atomwaffen sind der nächste logische Schritt!

Parallel zu der erfolgreichen International Campaign to Ban Landmines, die 1997 in der Ottawa-Konvention gipfelte, haben wir von der IPPNW daher die International Campaign to Abolish Nuclear Weapons gegründet - ICAN! Die Botschaft ist klar und für jedes Kind verständlich: "I can, you can, we all can ban nuclear weapons!"

Im März 2013 kamen auf Einladung von ICAN 127 Regierungen in Oslo zusammen um sich von uns über die humanitären Folgen von Atomwaffen zu informieren. Das überraschende Ergebnis des Treffens: die Regierungsvertreter kamen zu dem Schluss, dass die Auswirkungen von Atomwaffen so unmenschlich und so inakzeptabel sind, dass diese Waffen international geächtet werden müssen. Eine Folgekonferenz in Mexiko im Februar 2014 an der bereits mehr als 140 Regierungen teilnahmen, bestärkte diese Haltung und leitete einen Prozess ein, der nun nicht mehr aufgehalten werden kann. Schon Ende diesen Jahres ist eine dritte Konferenz in Wien vorgesehen, auf der konkrete Verhandlungen zur Ächtung von Atomwaffen geplant werden sollen. Ein entsprechende Konventionsentwurf mit realistischen und durchführbaren Abrüstungsmechanismen ist bereits als offizielles UN-Dokument veröffentlicht worden.

Zwei Wermutstropfen gibt es: die Atomwaffenstaaten USA, Frankreich, Russland, Großbritannien, Israel, Nordkorea und China haben bislang beide Konferenzen boykottiert und sehen sich nicht in der Lage, ihren Abrüstungsverpflichtungen nachzukommen. Und - fast genau so schlimm: unsere Bundesregierung hat in Mexiko ein jammerhaftes Bild abgegeben und die NATO-Atomdoktrin verteidigt. Dem müssen wir uns entgegenstellen! Deutschland darf kein Bremser sein auf dem Weg in eine atomwaffenfreie Welt!

Aber die guten Nachrichten überwiegen: der internationale Druck wächst - auf die Atomwaffenstaaten und auch auf ihre Verbündete wie Deutschland. Die Regierungen von über 140 Länder haben entschieden, den Weg zur Not auch ohne sie zu gehen und sie für ihre Massenvernichtungswaffen an den Pranger zu stellen. Wir in der IPPNW sehen die Chancen für eine weltweite Ächtung von Atomwaffen heute so nah sind wie vielleicht nie zuvor!

Jetzt kommt es darauf an, dass wir uns alle engagieren und Druck auf unsere Regierung ausüben, diesen Prozess konstruktiv zu begleiten. Das Ziel einer Welt ohne Atomwaffen - plötzlich wird es greifbar. Machen Sie mit! Engagieren sie sich bei ICAN und helfen sie mit, unseren Kindern eine atomwaffenfreie Welt zu vermachen. Gemeinsam können wir es schaffen:

Deutschland atomwaffenfrei - jetzt!

Atomwaffen raus aus Europa - jetzt!

Weltweite Ächtung aller Atomwaffen - jetzt!



Dr. med. Alex Rosen ist Stellv. Vorsitzender der Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW).

E-Mail: rosen (at) ippnw (Punkt) de

Website: www.ippnw.de
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