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Demos
13.10.2001


vom:
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Rede für die Kundgebung "Den Terror überwinden.", 13. Oktober 2001 in Bonn

Rede Petra Uphoff

Petra Uphoff

Mein Name ist Petra Uphoff. Ich bin Pädagogin und Islamwissenschaftlerin und habe längere Zeit in islamischen Ländern verbracht. Ich wurde als Islamwissenschaftlerin gebeten, über Fundamentalismus und Islam zu reden.

Der Begriff Fundamentalismus entstand in Amerika. Dort nannten sich konservativ-christliche Kreise so. Mit dem Begriff assoziieren wir heute allerdings islamischen Extremismus bzw. Islamismus. Islamisten sind Muslime, die die Errichtung einer Gesellschaft auf den Grundlagen des Koran und der Sunna anstreben (Sunna = islamische Tradition). Dabei gibt es verschiedenste Gruppierungen, angefangen mit islamischen Mystiker (wie etwa der Alte vom Berg, - Führer der Assassinen), den libanesischen Lehrer, Ärzte oder auch Kämpfer der Hizbollah oder die iranischen Schiiten. Terrorismus ist eine kämpferische Variante des Islamismus, und man darf nicht alle Islamisten, geschweige denn alle Muslime über einen Kamm scheren.

Der Islam ist ein alle Lebensbereiche umfassende Religion, die nicht zwischen privatem Glauben und Politik trennt. Nach negativen Erfahrungen mit Nationalstaaten, Sozialismus und Monarchie etwa in Ägypten, Syrien oder Iran, sind sich viele Muslime darüber einig, dass der Islam die ideale Lösung für alle Probleme in allen Bereichen ist.

Der islamische Glaube stützt sich auf die sogenannten 5 Säulen des Islam: das Bekenntnis der Einheit Gottes, das mehrmalige tägliche Gebet, Fasten, Spenden bzw. Wohltätigkeit und die Wallfahrt nach Mekka. Viele islamistische Gruppierungen beziehen sich auf dieses Wohltätigkeitsgebot und ersetzen in ihren Ländern das zumeist fehlende soziale Netz, das hier bei uns der Staat gewährleistet. Sie unterhalten zum Beispiel Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen, Sportvereine oder Ausbildungsförderungen.

Auch in Europa übernehmen islamistische Gruppen in Form von Sportvereinen für muslimische Jugendliche oder sozialen Angeboten für muslimische Frauen und Familien soziale, religiöse und kulturelle Betreuung. Ein überwiegender Teil des Zulaufes und der Anhängerschaft begründet sich aus diesen Angeboten und weniger aus religiösen Überzeugungen. Das gilt für Europa genauso, wie für die islamischen Länder.

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Demos
13.10.2001
Nicht grundsätzlich, aber oftmals stehen hinter diesen Einrichtungen extremistische Gruppierungen. Aber selbst da muss man unterscheiden. Die Vorstellungen von einem idealen islamischen Staat gehen stark auseinander. Fundamentalismus und Tiefgläubigkeit heißen weder bei Muslimen noch bei gläubigen Christen automatisch Militanz, extremistisches, staatsgefährdendes Verhalten oder Ablehnung von Demokratie und Menschenrechten. Die Vorstellungen reichen bei Islamisten von einem auf der Scharia (das ist die islamische Gesetzgebung) und den Koran begründetes Staatsmodell über unzählige Varianten bis hin zu demokratischen Vorstellungen, die den Islam als Basis für eine integrative Staatsform mit Anerkennung der Menschenrechte und Gleichheit aller erachten.

Ein seit dem 11. September zentrales Grundbedürfnis ist die Einstufung und Zuordnung von Muslimen. Leicht assoziieren wir jetzt einen südländisch-bärtigen Mann oder eine verschleierte Fremde mit Terror und Extremismus. Ängsten und daraus erwachsender Ablehnung des Anderen sollten wir meines Erachtens durch das persönliche und intensive Befassen mit der Kultur und dem Denken der Anderen begegnen.

Wenden wir uns zum Beispiel dem Islam in Deutschland zu. Muslime in Deutschland sind ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft, der nicht mehr wegzudenken oder zu eliminieren ist, selbst wenn sich manche das wünschten. Hier leben rund 3 Millionen Muslime. Lediglich eine Minderheit davon ist extremistischen Organisationen zuzuordnen.

Bessere Kenntnis des Anderen hilft bei der Bewältigung von Angst und bildet die Basis für Integration. Ich habe jedoch eine Bitte an die Muslime in Deutschland. Der Koran sagt zwar einerseits, es gibt keinen Zwang in der Religion. Andererseits lassen sich aus dem Koran heraus die Aufforderungen zum Kampf gegen Ungläubige herauslesen sowie die Diskriminierungen von Frauen und Nichtmuslimen oder gar die Verfolgung von sogenannten Heiden und Apostaten. Eine offene und ehrliche Stellungnahme zu solchen Punkten ist unabdingbar für ein gleichberechtigtes und friedliches Miteinander. Und wenn es der Mut unserer muslimischen Mitbürger ist, ehrlich zu sagen: Wir denken anders, uns schwebt eine andere Staats- und Gesellschaftsform vor, wir laden euch zum Islam ein, werden aber euren Glauben, eure Staats- und Lebensvorstellungen nicht verurteilen oder bekämpfen.

Transparenz und mehr Offenheit könnte ein grundsätzliches Mistrauen abbauen und ein gleichberechtigtes Miteinander in gegenseitigem Verständnis und Respekt begründen.

Deswegen ist ein ehrlicher und offener Austausch ein wichtiger Schritt auf dem Weg zueinander.

Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.

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