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Antikriegs-
tag 2001


vom:
31.08.2001


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Antikriegstag 2001:

  Reden/Kundgebungsbeiträge

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Vergessene Frauen von Buchenwald" am 1.9. in Buchenwald

Danuta Brzosko-Medryk

Übersetzung aus dem Polnischen

Ich wende mich heute an Sie im Inneren tief bewegt, obwohl mir nicht zum ersten Mal die Ehre zuteil wird, öffentlich im ehemaligen Lager Buchenwald zu sprechen.

Heute aber habe, ich die Gelegenheit, ihnen eine Reihe von Frauen und Mädchen vorzustellen, ehemalige weibliche Häftlinge der Kommandos von Buchenwald, deren Schicksal in den Händen von Anhängern einer Ideologie der Gewalt und des Verbrechens lag.

Die Organisatoren der Ausstellung "Vergessene Frauen von Buchenwald", die sich dieser schwierigen Aufgabe gestellt haben" wollen das Schicksal, aber auch die Kraft dieser Opfer des Krieges in Dokumenten und Erinnerungen zeigen.

Heute vor 62 Jahren begann Hitlers Deutschland mit dem Überfall auf Polen den 2. Weltkrieg.

KRIEG - ein kurzes Wort. Aber wie viel Tragödien, Verzweiflung, Hoffnung und Verwaisung trägt es in sich.

Jener Krieg war nicht eine Sache der Männer allein. Er wurde Zum ersten Mal auch gegen Frauen und Kinder geführt Und die Konzentrationslager, die für die politischen Gegner des III. Reiches eingerichtet worden waren, wurden zu Orten der unverhohlenen Ausrottung von Menschen durch Gaskammer und Massenerschießung und der verschleierten Ausrottung durch auszehrende Arbeit, Hunger, Krankheiten,und die moralische Zerstörung des Individuums.

Ab September 1944 wurden 26.000 Frauen und Mädchen aus 30 Völkern in 27 Kommandos von Buchenwald zusammengefaßt.

Jede von uns hatte ihren Vor- und Familiennamen, ihren Lebensweg und ihre Träume - für die Lagerführung waren wir nur Nummern, für die Werkleitung ungelernte Roboter in der Rüstungsindustrie.

Die örtliche Bevölkerung sah in, uns Verbrecherinnen und Prostituierte, die Empfindsameren unter ihnen sahen Frauen mit fahlen, müden Gesichtern und Augen, in denen nicht selten Angst geschrieben stand ...

Heute bin ich mir nicht sicher, ob die trockenen Dokumente, die Kopien vergilbter Fotos, die Zeichnungen, Notizen und kleinen Erinnerungsstücke die Ausdruckskraft haben, und Sie, sehr geehrte Damen und Herren, auch nur ein kleines Stück der Wahrheit über uns erkennen zu lassen

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Antikriegs-
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Und wir selbst, liebe Leidensgenossinnen, stellen wir uns, wenn wir in die Augen der Mädchen von einst schauen, nicht selbst die Frage: Wie war ich wirklich? Wie haben mich die anderen gesehen? Habe ich das Versprechen erfüllt, das ich den Toten gab, die Erinnerung an sie wach zu halten und mein Leben für den Frieden in der Welt einzusetzen?

Waren wir nicht damals während des Krieges stärker als heute, Weil wir den Glauben an eine Welt ohne Krieg noch besaßen? Denn auch ich trage in mir die Verzweiflung der eigenen Ohnmacht angesichts der unaufhörlichen Ausbrüche von Kriegen und Konflikten.

Warum gelingt es mir nicht, die Gestalt von Regina Olszewska in die Herzen der Menschen zu, tragen, die Häftling in Majdanek und Buchenwald war und während des Todesmarsches bestialisch ermordet wurde? Ihre jüdische Herkunft konnten wir fast drei Jahre unter dem roten Winkel mit dem Buchstaben "P" eines polnischen politischen Häftlings verbergen.

Wenn ich also selbst an meinem Vermögen zweifle, die bekannten Tatsachen vermitteln zu können wie kann ich mich erkühnen, darum zu bitten, dass Sie, sehr geehrte Damen und Herren, 24 ehemalige weibliche Häftlinge an Hand toter Gegenstände in Ihr Herz und Ihre Erinnerung aufnehmen?

Denn jede von uns war anders.

Gemeinsam war uns das Schicksal des Krieges, von dem wir heute noch krank sind. Gemeinsam waren uns die Nächte und Tage, Verbote und Gebote, auch wenn wir in verschiedenen Kommandos waren.

Die Ausrottung von Menschen war geplant. Die ersten sollten die Juden und die Sinti und Roma sein, als nächste waren die Slawen dem Tode geweiht ...

Polen füllten die ersten in den besetzten Gebieten errichteten Nazi-Konzentration-Lager. Die ersten zur Germanisierung abgeholten Kinder waren polnische Kinder. Und bereits im Herbst 1939 wurden psychisch Kranke in den Krankenhäusern umgebracht.

Der Tod verschonte niemanden. Obschon dem Menschen ein angeborenes Gefühl der Hochachtung vor dem Tod und seiner Ehrwürdigkeit gegeben ist - die Konzentrationslager nahmen dem Tod alle Attribute seiner Würde. Die verbrannten Körper wurden zum ökonomischen Rohstoff. Man forderte für eine Handvoll gemeinsamer Asche Geld, und später düngte man damit die umliegenden Felder. Als die Fronten näher rückten, wurde die Asche der Häftlinge zum Ballast.

Die Anordnung Nr. 83497 vom 25.10.1944, auf die sich der Lagerführer von Taucha beruft, lautet: "Auf die Aufbewahrung der Asche des Weiblichen Zigeunerhäftlings Nr. 35646 ... wird kein Wert gelegt." In den Gräbern der Familien liegen weder Gebeine noch Asche, wer aber auch nur ein Mal die Augen der jüdischen Mutter, sah der das Kind aus den Armen gerissen wurde, und Kind, er, die ohne das Wesen des Todes zu kennen, entsetzt versuchten, sich dem fremden Zugriff zu entziehen, der trägt für immer dieses Bild in sich am Tag und in seinen Träumen.

Die Niederlagen der deutschen Truppen und die Einberufung von Wehrfähigen führten zu Arbeitskräftemangel in der Rüstungsindustrie. An die Stelle der zur Wehrmacht Einberufenen traten zuerst männliche Häftlinge von Konzentrationslagern. Frauen wurden ab Mitte 1944 in großer Zahl eingesetzt. Die WVHA ordnete die Einrichtung kleinerer Lager, Kommandos, an, deren eigene Verwaltungen den großen, bereits bestehenden Konzentrationslagern unterstellt wurden.

Die ersten Kommandos von Buchenwald, die für Frauen bestimmt wurden, waren IG Farben Wolfen und Polte Magdeburg.

Jeder Transport ins Unbekannte war für einen Häftling der Abschied von den Nächsten, der Heimat, Furcht vor der Zukunft und eine lange Fahrt ohne Brot und Wasser.

Nach der Ankunft in den Buchenwalder Kommandos stellte sich heraus, dass sie sich von den Konzentrationslagern unterschieden, die die Mehrzahl von uns bereits hinter sich hatte. Es wurde Wert gelegt auf Arbeit und Effektivität, die Strafen wurden gemildert, die Strafappelle verkürzt, bisweilen unerträglich im Regen, und auf besonderen Befehl... kniend.

Es gab weiterhin Bunkerstrafen, die Verlegung in ein anderes Konzentrationslager und die Aussonderung Arbeitsunfähiger, die sogenannte Selektion.

Die zwölfstündige Arbeit am Tag und in der Nacht war eine Qual. Wir wurden ohnmächtig aus Sauerstoffmangel bei geschlossener Verdunkelung. Jedoch hatte anfänglich jede eine eigene schmale Pritsche, die sie manchmal mit einer "Teilhaberin" aus der anderen Schicht teilen mußte. Es war leichter als in den großen Lagern, an Wasser zukommen, obwohl eine Zeit lang in den Hasag-Werken in Leipzig alle Hähne mit Lappen umwickelt waren, um uns am Wassertrinken zu hindern.

Im Werk schikanierten uns eher die Aufseherinnen als die Meister, die bald erkannten, dass die Propaganda hinsichtlich unserer Vergangenheit darauf zielte, Hilfe und Mitgefühl zu unterbinden. Eher häufig kam es vor, dass sie den Häftlingsfrauen ein Stück Seife, einen Apfel oder ein Stück Brot mitbrachten - was vor den anderen Deutschen geheim gehalten werden mußte. Auch kam es vor,,dass Kranke für eine leichtere Arbeit eingeteilt wurden, z.B. in der Gütekontrolle.

Auch zivile Zwangsarbeiter halfen uns. Den polnischen Zivilarbeitern verdankten wir, dass wir Briefe mit der Familie austauschen konnten.

Die Erkrankungsquote war hoch. Die Frauen, die Gefängnisse und andere Lager hinter sich hatten, waren bereits physisch erschöpft. Zusätzlichen Streß bereitete das Bewußtsein, für die Rüstung des Feindes zu arbeiten. Schließlich wußten wir an den Fronten der Alliierten unsere Väter, Ehemänner und Brüder.

Soweit es Lagerspitale, Reviere, gab, waren deren Möglichkeiten begrenzt durch die Zahl der Betten, und es war verboten, leichter Erkrankte aufzunehmen, auch wenn sie Fieber hatten. In solchen Fällen durfte die Erlaubnis erteilt werden, für zwei bis drei Tage im Block, in der Baracke, zu bleiben.

Tuberkulose, Typhus, Krätze, Lungenentzündung, Hirnhautentzündung, Ödeme an den Beinen, Kreislauferkrankungen, Avitaminose, die zu brüchigen oder weichen Nägeln führte, Gelenkentzündungen, Entzündungen der Eierstöcke, die später zu Unfruchtbarkeit führten, bleibende Verformungen der Wirbelsäule durch das Tragen schwerer Kisten mit Munition oder mehrere Meter langer Metallstäbe - das waren Lagerkrankheiten

Hunger und anhaftende Unterernährung zehrten irrevetsibel Gewebe auf, was zu Krankheitsbildern führte, die nach dem Krieg den gemeinsamen Namen KZ-Syndrom erhielten.

Von der Häftlingsgemeinschaft besonders geschützt wurden Frauen, die durch die Gestapo gefoltert oder für pseudo-medizinische Experimente mißbraucht worden waren. Alte und schwache Frauen wurden in der Näherei beschäftigt, einem kleinen Innendienst-Kommando.

Der physische und psychische Zustand, wichtig für das Überleben, hing auch vom Alter ab, den familiären Verhältnissen, der Bildung der Haftdauer und der Fähigkeit, Freundschaften zu schließen, ohne die man die Tiefpunkte nicht überwinden konnte.

In den Beziehungen zu anderen Nationalitäten spielten die politischen Anschauungen eine ziemlich große Rolle, auch gewisse Vorurteile und schlechte Erfahrungen aus der Kriegs- und Lagerzeit.

Als Beispiel seien die engeren Kontakte zwischen den französischen Kommunistinnen und den sowjetischen Kriegsgefangenen genannt, während sich die Polinnen aus der im Untergrund kämpfenden polnischen Heimatarmee eher mit den Gaullistinnen zusammen taten. Wichtig für das Anknüpfen von Kontakten waren Sprachkenntnisse und die Neugier auf andere Völker. Am schwierigsten war es, Kontakt zu den Ungarinnen aufzunehmen, die keine Fremdsprache kannten.

In fast allen Lagern stießen die Funktionshäftlinge auf Ablehnung. Man sagte ihnen nach, persönlichen Nutzen aus der im Lager eingenommenen Funktion zu ziehen und mit der deutschen Lagerverwaltung zu Lasten der Häftlinge zu kooperieren. Die "Kooperation" hing von der Moral des Funktionshäftlings ab und vom Verständnis der Funktion für die Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung im Lager. Das war die gemeinsame Verantwortung der Lagergemeinschaft, die aus Frauen verschiedenen Temperaments und mit unterschiedlichen Einstellungen zu den Problemen des Zusammenlebens unter extremen Bedingungen bestand.

Einige Funktionshäftlinge wirkten im geheimen. Im Kommando Leipzig-Hasag versuchten die Funktionshäftlinge der Schreibstube auf inoffiziellen Wegen von bevorstehenden Selektionen zu erfahren. In Nächten vor Selektionen strichen sie zusammen mit dem selbstverständlich eingeweihten Revierpersonal diejenigen von, den Krankenlisten, die am nächsten Tag aus eigener Kraft in die Fabrik gehen konnten - die dies wiederum meist als Schikane der Funktionshäftlinge empfanden. Dank solcher Streichungen hat manche das Lager überlebt. Ähnlich war die Situation beim Empfang von Genehmigungen für den zeitweisen Aufenthalt im Block.

Funktionshäftlinge lieferten mehr Verpflegung aus, als vorgesehen war.

Zwei Frauen des Lagerschutzes wurden mit Verlegung nach Taucha bestraft, weil sie Briefe an Häftlingsfrauen weiterleiteten, die von den Familien an Adressen von Zivilarbeitern geschickt worden waren. Andere schirmten illegale Veranstaltungen der Häftlinge ab, die gewöhnlich in den Ke11erräumen stattfanden.

Gestatten Sie mir, Goethe zu zitieren, der sinngemäß sagte: Niemand wisse alles, jeder gehe an einer Vielzahl von Dingen vorbei, ohne sie zu beachten, weil sein Geist sie ablehnt, und strebe nur nach dem, was ihn allein betrifft ...

Fast jede der Häftlingsfrauen hätte es vorgezogen im Lager zu arbeiten, statt ihren Feind zu rüsten. Besonders für die politischen Häftlinge war das kaum zu ertragen. Sie fanden einen Weg, sich eine gewisse Genugtuung zu verschaffen - sie produzierten Ausschuß.

Schlecht geschnitten, nicht zu Ende geschliffen, falsch gemessen - gerade so schlecht, dass es durch,die Kontrolle ging. Und selbst in der Gütekontrolle saßen Häftlingsfrauen, die wußten, wann der Meister kam, der manchmal selbst das allbekannte "Paß auf" flüsterte.

Die Strafen fielen abhängig von der Größe des Schadens aus und von der Person, die ihn entdeckte. Individuell oder für die ganze Schicht. Von der Versetzung zu einer schwereren Arbeit, bis zur Verlegung nach Ravensbrück, wo Bunker- und sogar Todesstrafen vollzogen wurden.

Für gute Arbeit erhielt man Lagergeld, Gutscheine im Wert von je einer Mark, für die man in der Kantine einen übelriechenden Salat "mit Schnecken", metallene Fingerringe und manchmal eine Rarität - Toilettenpapier kaufen konnte. Sogar damit ließen sich viele Frauen nicht kaufen, besonders die französischen, polnische, ungarischen und tschechischen Politischen

In den Kommandos von Buchenwald trafen unaufhörlich,ungelernte Arbeiterinnen ein. Die größte Gruppe waren Frauen und junge Mädchen aus Warschau, die nach der Niederschlagung des von der Heimatarmee am, 1. August 1944 begonnenen Aufstandes vollständig worden waren. Die Stadt wurde niedergebrannt.

Etwa 2.000 ungarische Jüdinnen arbeiteten im Kommando Gelsenkirchen, wo 138 von ihnen bei einem Luftangriff ums Leben kamen, über 100 wurden verletzt. Die unversehrten wurden nach Sömmerda verlegt.

Am 4. August 1944 nahm das Kommando Leipzig-Hasag 1.200 Jüdinnen aus dem Zwangsarbeitslager Skarzysk-Kamienne auf. Mit dem selben Transport kam eine Gruppe von 45 Frauen mit Kindern, die drei Wochen später nach Auschwitz gebracht wurde, wo alle einen tragischen Tod fanden - den Märtyrertod starben. Von ihnen haben wir nur einige wenige Familienstücke und Fotos von vor dem Krieg, wie von Helena Zweig mit ihrer Tochter Sylwia.

Nicht zum ersten Mal werden. Sie sich in dieser Ausstellung die Frage stellen: WARUM?

Die Frauen aus Skarzysko wurden als Fachkräfte angekündigt und wurden ebenso schlecht behandelt, wie alle. Sie bekamen keine leichteren Arbeiten, und in der speziell für sie desinfizierte Baracke war es vielleicht sogar enger, denn dort schliefen 500 Frauen.

In der Ausstellung finden Sie nur wenige Dokumente zu den persönlichen Schicksalen von Sinti und Roma - Frauen. Etwa 1.000 von ihnen brachte man von Auschwitz nach Schlieben und setzte sie "später in Altenburg und Taucha ein. Meist wurden ihnen Arbeiten mit giftigen Materialien übertragen, die für sie todbringend waren. Ein Teil von ihnen wurde nach Auschwitz zurückgebracht, erhielt nach einer Selektion neue Nummern und kam dann wieder nach Ravensbrück.

Ihre Tragödie und die der Jüdinnen verdient Ihre besondere Aufmerksamkeit.

Französische politische Häftlingsfrauen kamen mit zwei Transporten. Mit dem ersten 250 Frauen, die fünf Lager hinter sich hatten: Neue Bremm - Ravensbrück - Torgau - Abterode - Markkleeberg. Die erhaltenen Dokumente bringen ihnen einige der Frauen und ihr Kriegsschicksal näher.

Mit dem zweiten Transport kamen im Juli 1944 etwa 300 Französinnen aus Ravensbrück in das Kommando Leipzig-Hasag. Hinter den vielen Dokumenten und persönlichen Andenken sollten sie den französischen Esprit entdecken und trotz der Häftlingskleidung den Charme, der Französinnen eigen ist.

Am 6. Juni 1944 wurde der erste Frauentransport in das noch nicht eingerichtete, fast leere Kommando Leipzig gebracht: 567 Polinnen und 323 sowjetische Frauen, unter ihnen 53 Kriegsgefangene. Bei diesem "Sondertransport" handelte es sich um die letzten Häftlinge von Majdanek, dem aufgelösten Frauenlager.

Die Mehrzahl von ihnen hatte Gefängnisse, Lager und Verhöre durch die Gestapo hinter sich. Der Kommandant befahl eine Reihe von Polinnen in Lagerfunktionen, die Arbeit in der Küche den Russinnen. Polinnen, die die deutsche und andere Sprachen beherrschten, übernahmen mit dem Einzug in das Fabrikgebäude und im Zuge der Vergrößerung des Kommandos neue Funktionen nicht zuletzt deshalb, weil die polnische Sprache im Lager dominierte. Die kleinste, die schwierigste, Funktion schützte vor der Arbeit in der Rüstungsfabrik und vor der damit verbundenen psychischen Belastung der politischen Häftlinge.

In der Ausstellung finden Sie viele Beweise für die psychische Selbstverteidigung, Kultur- und Bildungs-Aktivitäten der Französinnen, Polinnen und Jüdinnen. Die Russinnen, die ebenfalls Aufführungen organisierten, haben keine Dokumente aufbewahren können, jedoch bewahren wir sie in unserer Erinnerung.

Jemand fragt: "Kunst im Lager?"

Bitte wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit den Zeichnungen und Gedichten zu, welche die damals vierzehnjährige Marysia Brzecka gesammelt und nun der Gedenkstätte Buchenwald übergeben hat. Sie war mit ihrer Mutter, Frau Staniskawa Brzecka, und zwei Schwestern Krystyna und Halina ins Lager gekommen. Diese Familie wurde zusammen mit Tausenden anderen vom Warschauer Aufstand über Auschwitz und Ravensbrück nach Meuselwitz gebracht und wußte nicht, dass in einem unweit gelegenen Buchenwalder Kommando die vierte Schwester; Scholastyka, arbeitete. Sie wurde in Paris als Mitglied der Resistance verhaftet, nach dem Krieg mit dein Orden der Offiziers-Ehrenlegion ausgezeichnet und ist im vergangenen Jahr in Paris gestorben.

Eine ganz andere Dokumentation ihrer Kriegsjahre brachte für Sie die Polin Sybilla Przybylowicz. Von Ihrer Tätigkeit berichten deutsche Dokumente und die Korrespondenz der Familie.

Durch besonderen Mut und Tapferkeit zeichneten sich die sowjetischen Kriegsgefangenen unter den Frauen aus. Aus Protest gegen ihre Beschäftigung in der Rüstungsindustrie und unter Berufung auf die Genfer Konvention traten sie in Ravensbrück in den Hungerstreik ... und setzten sich durch. Sie wurden in der Lagerküche von Leipzig-Hasag eingesetzt. Die Namen der dreiundvierzig sehen Sie auf einer Liste, die nach der Befreiung von Nina Baranowa angefertigt wurde. Andere junge, sowjetische Frauen aus verschiedenen Sowjetrepubliken arbeiteten jedoch in Fabriken, die zur deutschen Rüstungsindustrie gehörten.

Ursprünglich war die kulturelle Betätigung in den Kommandos spontan. Lieder und Gedichte lockerten die Spannung für den Augenblick. Im Verlaufe weniger, Wochen aber, wurde sie durchdachter, tiefsinniger und erfaßte weitere Kreise freudiger Zuhörer.

Die Lagerkunst, gewöhnlich auf Amateurniveau, hatte für jede von uns unschätzbaren Wert. Nach 12 Stunden Schwerstarbeit und den Appellen fanden wir die Kraft zu lernen, zu gestalten und zu spielen, selbst angesichts drohender Bestrafung. War das nicht ein hartnäckiger Kampf für unsere Menschenwürde, ums Überleben? Steigt gerade in einer Welt der Gewalt die Sehnsucht nach, Humanismus? Worin in den Lagern lag die Kraft der Machtlosen? Bitte versuchen Sie, auf diese unsere Frage eine Antwort zu finden ...

Schließlich möchte ich unseren Dank zum Ausdruck bringen.

Sehr geehrte Frau Minister, bitte nehmen Sie unseren Dank entgegen für die erwiesene Herzlichkeit und die Ehre, Sie zur Eröffnung dieser Ausstellung begrüßen zu dürfen.

Herrn Direktor Dr. Volkhard Knigge möchte ich dafür danken, dass er seit Jahren klug diese Gedenkstätte leitet und mit dieser Ausstellung der Öffentlichkeit einen weiteren Teil der Geschichte des Konzentrationslagers zeigt.

Unserem unermüdlichen Freund Dr. Pierre Durand für die Bereitschaft, für das Wohl anderer Menschen zu wirken.

Den Organisatoren der Ausstellung "Vergessene Frauen von Buchenwald" möchte ich für die unsägliche Mühe danken, so viele Dokumente ausfindig zu machen, Gespräche zu führen, persönliche Erinnerungsstücke von toten und noch lebenden Häftlingsfrauen der Kommandos von Buchenwald zusammenzutragen, für die Bemühungen, die Erinnerung an Tausende Frauen zu bewahren, denen der Krieg Jugend und Gesundheit nahm.

In ihrem und in meinem Namen danke ich Frau Dr. Irmgard Seidel, Frau Dr. Sonja Staar, Frau Sabine Stein, Herrn Ricla-Gunnar Lüttgenau und allen nicht genannten, die an der Vorbereitung der heute eröffneten Ausstellung mitgearbeitet haben.

Sehr geehrte Damen, ehemalige Mithäftlinge der Buchenwalder Kommandos. Gestatten Sie mir, dass ich mich in unserem gemeinsamen Namen an die Jugend wende mit den Worten, die ein Häftling des Lagers Stuthof schrieb:

"UNSER SCHICKSAL SEI EUCH WARUNG UND NICHT LEGENDE."

Danuta Brzosk-Medryk

F.d.R.d.Ü.: Dr. Dieter Rudolf, 24. August 2001


Internet: http://www.buchenwald.de
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