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Zeitung: Gewaltspirale durchbrechen!


vom:
28.08.2002


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Globale Gerechtigkeit

/gifs/tazattac.jpgUrsachen des Terrorismus bekämpfen

von Christoph Bautz

Die Anschläge vom 11. September 2001 und der darauf folgende weltweite "Krieg gegen den Terrorismus" bieten einen Vorgeschmack auf die Konflikte des 21. Jahrhunderts. Antiterrorkrieg, Geheimdienste oder Milliarden teure Raketenschutzschirme geben keine Sicherheit. Höchste Zeit, über den Zusammenhang von globaler Ungleichheit und der Entstehung von Terrorismus und Fundamentalismus nachzudenken. Die Bekämpfung der im Zuge der neoliberalen Globalisierung weltweit zunehmenden sozialen Ungleichheit muss integraler Bestandteil einer wirksamen Strategie gegen Terrorismus sein.


Viele der Ursachen dieses Terrorismus in einem bisher nicht gekannten Ausmaß sind kultureller, politischer und sozioökonomischer Natur.

Auf kultureller Ebene ist eine wichtige Ursache in der Arroganz des Westens zu suchen, mit der das angelsächsische Kulturmodell als universalistisch geltend und Formel zum guten Leben darstellend angepriesen wird. Andere Kulturen werden als rückschrittlich und dem westlichen Kulturmodell nachgeordnet betrachtet. Dies ist in Bezug auf die arabische Kultur nirgendwo besser zu sehen, als im Herkunftsland Bin Ladens, in Saudi-Arabien. Ein rückständiger, puritanischer und konservativer Islam prallt mit einer aus Petrodollars finanzierten US-amerikanischen Billigkultur zusammen. Das Selbstbewusstsein, mit dem der arabische Raum in früheren Jahrhunderten auftrat, wurde zerstört. Ein Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen macht sich breit, wie es der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk in mitnehmenden Worten umreißt: "Der Westen hat keine Vorstellung von dem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung durchlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder Fundamentalisten einzulassen. Heute ist das Problem des Westens weniger, herauszufinden, welcher Terrorist in welchem Zelt, welcher Gasse, welcher fernen Stadt seine neue Bombe vorbereitet, um dann auf ihn Bomben regnen zu lassen. Das Problem des Westens ist mehr die seelische Verfassung der Armen, Erniedrigten und stets im Unrecht stehenden Mehrheit zu verstehen, die nicht in der westlichen Welt lebt." Für diese Gedemütigten meinen die - selbst nicht unterprivilegierten - Täter stellvertretend zu handeln, auf ihren Beifall zählen sie.

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Zeitung: Gewaltspirale durchbrechen!
In einer Region voller regionaler Krisenherde, deren Wurzeln meist bis in die Zeiten des Kolonialimus zurückreichen, gibt es natürlich eine Fülle von politischen Gründen, die zu Ursachen von Terrorismus werden können. Gerade die intensive Parteinahme des Westens und insbesondere der USA für bestimmte Konfliktparteien und deren Verknüpfung mit macht- und wirtschaftspolitischen Zielen hat zu einem verfestigten Feindbild beigetragen. Hier sei nur auf den Israel-Palästina-Konflikt, den Golfkrieg und das elfjährige Embargo gegen Irak, den Afghanistan-Krieg in den Achtzigern und den Kaschmir-Konflikt verwiesen.

Die soziale Ungleichheit sowohl zwischen dem Norden und dem Süden als auch innerhalb der einzelnen Staaten hat im Zuge der neoliberalen Globalisierung weltweit zugenommen. Viele regionale Produktionszyklen und Märkte werden durch das Primat der internationalen Konkurrenz und die zunehmende Liberalisierung der Märkte für Güter, Kapital und Dienstleistungen zerstört. Plötzlich soll der indische Reisbauer mit dem US-amerikanischen Agrarmulti konkurrieren. Wer hier den Kürzeren zieht, liegt auf der Hand. Freihandel ist unter diesen Bedingungen so fair wie ein Fußballspiel an einem steilen Hang - oben spielt der Norden, unten der Süden. In vielen Entwicklungsländern gehen durch die Zerstörung regionaler Märkte und die dann häufig einsetzende Landflucht in die Slums der großen Städte soziale Bezüge und traditionelle Verbundenheiten verloren. Die Folgen sind für viele Menschen Perspektivlosigkeit, regionale Entwurzelung und Individualisierung. Gerade in solchen Krisenzeiten erscheint die Hinwendung zu extremistischen Ideologien vielen Menschen besonders verlockend.

Die notwendige Änderung der Weltwirtschaftsordnung bedeutet vor allem eine Rückeroberung von Gestaltungsspielräumen gegenüber der Wirtschaft. Die Politik muss der Globalisierung des Kapitals und der Konzerne einen internationalen Ordnungsrahmen entgegensetzen. Besonders die internationalen Finanzmärkte sollten wieder stärker reguliert werden. So kann durch die Einführung der Tobin-Steuer Sand ins Getriebe der internationalen Spekulation gestreut werden. Spekulative Geschäfte um Kursdifferenzen von der dritten Stelle nach dem Komma werden durch diese geringe Steuer unrentabel, während mit den Steuereinnahmen Gelder für Entwicklungsländer zur Verfügung stehen würden. Weitere Schritte müssten folgen, etwa die Schließung von Steueroasen, der selektive Einsatz von Kapitalverkehrskontrollen während dem Ausbruch von Finanzkrisen und die Stabilisierung der Wechselkurse zwischen den Leitwährungen.

Attac wird als Teil der globalisierungskritischen Bewegung Druck für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung entfalten. Die sozioökonomischen Ursachen von Terrorismus müssen bekämpft werden, statt weiter an der Spirale der Gewalt zu drehen.


Christoph Bautz ist Öffentlichkeitsreferent im Attac-Bundesbüro

E-Mail:   info@attac-netzwerk.de
Internet: http://www.attac-netzwerk.de
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