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Erstellt:
13.07.1998


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zu: Flüchtlinge in Deutschland

C 182 - Wo Menschenrechte nichts bedeuten. Aus dem Bericht des Flughafensozialdienstes

C 182 - so heißt das berüchtigte Gebäude auf dem Frankfurter Flughafen, in dem der BGS Asylsuchende einpfercht, die in das skandalöse Flughafenschnellverfahren geraten. Der Flughafensozialdienst, der sich - den entsprechenden Möglichkeiten gemäß - um die Flüchtlinge zu kümmern versucht, hat seine Erfahrungen erneut dokumentiert. Wir zitieren im folgenden aus dem Bericht die Beschreibungen einzelner verzweifelter Situationen von Asylsuchenden:

"Allein seit 01.01.1995 kam es zu folgenden Vorkommnissen:

K.A. aus Äthiopien

Klagt über Kopfschmerzen, wird zur Flughafenklinik gebracht; bedroht dort den Arzt mit Fäusten; schlägt Fensterscheibe in Zimmer 10 ein; Psychiatrie Niederrad; anschließend zurück nach C 182.

S.A.M. aus dem Irak

Suizidversuch bei Ankunft bei BGS; Diabetiker; Weigert sich, Insulin zu nehmen.

R.A., staatenlos

schluckt in der Nacht zum 14.05.95 eine Rasierklinge; Uniklinik.

H.M.H. aus dem Libanon

randaliert mit abmontiertem Stuhlbein (22.04.95); Versuch, sich mit Hosenträger zu strangulieren (17.04.95).

O.E. aus Nigeria

erleidet mehrere Nervenzusammenbrüche; akute Angst vor Zurückweisung; übergibt sich immer wieder; Zurückweisung muß mehrfach verschoben werden; wird mit Tavor ruhiggestellt.

S.D. aus Ghana

kommt mit ihrem kleinen Sohn hier an; klagt über starke Unterleibsschmerzen; wird von der Flughafenklinik über 1 Woche lang kaum oder überhaupt nicht behandelt (ist laut untersuchendem Arzt kein Akutfall); wird trotz täglich mehrfacher Klagen immer wieder von Tag zu Tag vertröstet; am 17.04.95 Nervenzusammenbruch; niemand nehme sie ernst. Sie will erst ihren Sohn, der völlig verschreckt ist, danach sich selbst töten; die Frau kann nur mit Mühe und sehr langwierig wieder relativ beruhigt werden.

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Flüchtlinge in Deutschland
K.J. aus Pakistan

Ankunft: 26.03.95; hat große Angst vor Zurückweisung nach Pakistan; erster Zurückweisungsversuch am 14.05.95: erfolglos: PIA verweigert die Mitnahme; öffnet sich am 03.05.95 eine Pulsader; droht am 07.05.95 morgens, sich wieder etwas anzutun; öffnet sich noch am selben Abend die andere Pulsader; am 10.05.95 erneut kurz vor dem Zusammenbruch; am 14.05.95 reißt er die Poster im Speisesaal von der Wand; Fensterscheibe eingeschlagen; wird in Psychiatrie gebracht; spricht nicht mit BGS-Dolmetscher; wird am nächsten Tag dem Richter vorgeführt (JVA?); wird am 16.05.95 ins BGS-Landesvollzugskrankenhaus (Psychiatrie) eingewiesen; es ist nicht zu eruieren, auf wessen Veranalssung dies geschehen ist; die angefragten Stellen wissen entweder nichts oder verweigern die Auskunft; wird am 19.05.95 nach Pakistan zurückgewiesen (2 Mann BGS Begleitung).

A.A. aus Afghanistan

erleidet nach Eröffnung der VG-Ablehnung am 03.07.95 Nervenzusammenbruch; schneidet sich in der Dusche beide Ellenbogeninnenseiten auf; schrieb auch Abschiedsbrief an FSD; ein BGS-Beamter klettert über die Duschwand, um die Duschtür von innen zu öffnen; die völlig hysterische Frau A. verletzt ihn dabei leicht mit einer Rasierklinge; Frau A. kommt in die Psychiatrie; reist von dort am 11.07.95 ein.

I. M. aus Nigeria

Lebt bereits ca. 4 Jahre in Deutschland; Folgeantrag strittig; hat Freundin und zweijährigen Sohn in der Nähe von A.; nach VG-Ablehnung öffnet er sich beide Unterarme; anschließend Psychiatrie; dortiger Arzt verweist die beiden BGS-Beamten seines Hauses, seitdem gilt er als eingereist.

K.M. aus Ägypten

äußert bereits bei seiner Ankunft Suizidabsichten; ist während des Asylverfahrens relativ stabil; nicht absehbar, wie er nach seiner VG-Ablehnung (21.07.95) reagieren wird; BGS beobachtet ihn, sieht aber hinsichtlich psychologischer resp. psychiatrischer Behandlung keinen Handlungsbedarf. Selbst die drohende Suizidgefahr ist laut BGS kein Grund, nicht zurückzuweisen. Seit 27.07.95 in der Psychiatrie. Von dort eingereist am 03.10.95 (97 Tage nach Ankunft am Flughafen Frankfurt).

A.S.H. aus dem Libanon

Suizidgesten (Pulsadern) am 12.04.95 und am 30.04.95; ist seit 04.03. in C 182; mehrfach in der Psychiatrie. Einreise am 11.08.95 nach insgesamt 161 Tagen in C 182.

W.B. aus dem Sudan

juristisch praktisch aussichtslos; stark verhaltensauffällig, aber ansprechbar; zweimal erfolglos zurückgewiesen; dritter Versuch "erfolgreich"; klagte unmittelbar vor seiner ersten ZW über starke Magenschmerzen; BGS versprach, ihn auf jeden Fall vor Abflug zum Arzt zu bringen (was nachweislich nicht erfolgte; wurde nur bekannt, weil ZW ohne "Erfolg" war).

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Flüchtlinge in Deutschland
B.N. aus Pakistan

als er zu realisieren beginnt, daß sein Asylverfahren wohl in eine Zurückweisung nach Karachi münden wird, versucht er im wahrsten Sinn, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. Nachdem er dies ca. fünf- oder sechsmal getan hat und er leicht benommen zu torkeln beginnt, hält er sich zunächst an einem Stuhl fest. Einige Augenblicke später - Herr B. hat sein körperliches Gleichgewicht inzwischen wiedergefunden - wirft Herr B. diesen Stuhl um und schleudert ihn mit dem Fuß durch das Büro. Es bedarf einigen Aufwandes, Herr B. ein wenig zu besänftigen und ihn dazu zu bewegen, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen.

M.Q. aus Pakistan

steigert sich derart in seine Angst vor Zurückweisung hinein, daß er nicht mehr ansprechbar ist und völlig apathisch am Boden liegt und auf nichts mehr reagiert. Nachdem er vom Flughafenarzt untersucht wurde, stellt selbst der BGS fest, daß Herr M. aufgrund seiner psychischen Instabiltät eigentlich besonderer Betreuung bedürfte.

B.A. aus dem Sudan

schneidet sich unmittelbar vor seiner Zurückweisung nach Khartoum in der Dusche die linke Pulsader auf. Erheblicher Blutverlust. Wird nach der ärztlichen Erstversorgung weiter in den Amtsräumen des BGS festgehalten. Der BGS weigert sich zunächst über mehrere Tage, Herrn B. in die Psychiatrie zu überstellen. Dies erreicht seine Anwältin erst nach längerer Auseinandersetzung mit dem BGS.

H.L. aus Äthiopien

Nachdem sie knapp 5 Monate in C 182 einsaß, schneidet sie sich in der Dusche die Pulsadern auf. Hoher Blutverlust. Kommt nach medizinischer Erstversorgung in die Psychiatrie. Von dort am 03.11.95 durch VG-Beschluß eingereist nach insgesamt 187 Tagen seit Ankunft am Flughafen Frankfurt.

T.M. aus Äthiopien

Auch Herr T. sitzt seit knapp 5 Monaten in C 182 ein, als er am 29.09 95 in die Psychiatrie eingewiesen wird. Von dort am 06.10.95 durch VG-Beschluß eingereist (158 Tage nach Ankunft am Flughafen Frankfurt).

S.A. aus Ex-Jugoslawien

kommt mit seiner schwangeren Ehefrau an. Kündigt Suizid im Falle der Zurückweisung an. Darufhin Psychiatrie. Von dort durch VG-Beschluß eingereist am 01.09.95. Argument des VG: Einreise de facto ab Verlassen des Flughafens Frankfurt.

Diese Zusammenstellung mag die gereizte Atmosphäre verdeutlichen, in welcher die Flüchtlinge sich während ihres Verweilens in C 182 befinden. Da sich die Ungewißheit über den weiteren Verfahrensablauf bei jedem Flüchtling grundsätzlich jederzeit wie oben beschrieben psychisch entladen könnte, arbeiten die MitarbeiterInnen des Flughafen-Sozialdienstes permanent in einer Art Extremsituation."







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