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17.07.2000


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Hiroshimatag 2014

 Hintergrundinformationen

Mein Erlebnis in Hiroshima

Shuntaro Hida

Dr. med. Shuntaro Hida, 1917 in Hiroshima geboren, ist in mehrfacher Hinsicht ein außergewöhnlicher "hibakusha". Er gehört zu den wenigen Ärzten, die den Atombombenabwurf überlebt haben. Mit großem Einsatz ist er seit 1945 in (inter)nationalen Gremien für die Belange der "hibakusha" und für seine Vision einer atomwaffenfreien Welt tätig. Guido Grünewald hat ihn den "Botschafter" der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki genannt. Ferner hat Dr. Hida seine auch auf deutsch erschienenen Memoiren verfaßt (Der Tag, an dem Hiroshima verschwand. Erinnerungen eines japanischen Militärarztes, Donat Verlag, Bremen 1989).
Dr. Hidas Referat, in welchem er seine Erlebnisse schildert, ist hier in Teilen zu lesen. Das Referat bildete den Auftakt seiner neunten Vortragsreise durch Deutschland im Jahre 1995.


Vor 50 Jahren war ich ein junger Armeearzt im Offiziersrang und arbeitete im Militärkrankenhaus in Hiroshima. Am Vorabend des 6. August, gegen Mitternacht, kam ein Notruf aus der nahe gelegenen Gemeinde Hesaka, drei Meilen vom Krankenhaus entfernt, da Patienten in diesem Dorf dringend meiner Hilfe bedurften, und ich verließ das Hospital. Ohne diesen Notruf und meine Übernachtung außerhalb Hiroshimas könnte ich heute nicht unter Ihnen sein. Am nächsten Morgen um Viertel nach acht explodierte plötzlich die Bombe. Mit einem Schlag leuchteten millionenfache Blitze auf und blendeten mich. Es folgte eine ungeheure Hitze, die meine unbedeckte Haut verbrannte.

Dann, einige Sekunden später, kam der ungeheure Druck, der einem Orkan gleich den Hügel heraufraste und die Häuser in diesem Dorf erfaßte. Er riß das Dach des Hauses, in dem ich mich befand, ab und schleuderte mich etwa zehn Meter weit. Als ich aus den Trümmern des Hauses hervorkroch, sah ich auf den riesigen Atompilz, der höher und höher wuchs, in fünf verschiedenen Farben leuchtete und sich über ganz Hiroshima ausbreitete.

Da ich mich als Militärarzt zum Helfen verpflichtet fühlte, nahm ich sofort mein Fahrrad und fuhr in Richtung Hiroshima. Als ich etwa die Hälfte des Weges hinter mir hatte, sah ich den ersten Menschen, der aus dem Flammenmeer entflohen war. Und wie er aussah! Er war kein Mensch mehr. Vom Leib, von allen Teilen des Körpers, hingen zerfetzte Lappen herunter. Von den Spitzen der Finger, die er sich vor die Brust hielt, fiehlen schwarze Tropfen herab. Und das Haupt, der ungeheuer große Kopf, an dem kein einziges Haar zu sehen war, geschwollene Augen, die beiden Lippen, die bis zur Hälfte des Gesichtes aufgedunsen waren! Erschrocken trat ich einige Schritte zurück. Die hängenden Lappen waren nichts anderes als abgeschabte Haut des lebenden Menschen. Die schwarzen Tropfen waren sein Blut. Ob Mann, ob Frau? Ob Soldat, ob Zivilist? An nichts konnte man das ablesen. Von seiner Sehkraft war vielleicht noch etwas übrig. Er trottete mit vorgestreckten Händen einige Schritte auf mich zu und fiel auf den Bauch. Ich lief hin und wollte den Puls fühlen. Aber an diesem Fleischklumpen war nirgendwo eine Stelle mit trockener Haut. Bestürzt und hilflos stand ich da und schon überfielen den liegenden Menschen starke Krämpfe, aber bald gingen diese auch vorbei.

Ich eilte weiter zur Stadt, als ich an das Flußufer gelangte, das die Stadt nach Norden hin umgrenzte. Das Flußbett war voll von ausgebrannten Fleischklumpen. Drüben auf dem anderen Ufer loderten die Flammen zum Himmel und, diese umkreisend, stießen Rauchpfeiler wie lebende Wesen hoch. Vom Feuer gejagt, sprangen die Menschen ins Wasser. Im Wasser waren auch viele Kinder. Wie sehr auch meine Gedanken zu meinem Krankenhaus eilten, es war gar nicht möglich, durch die Feuerwand in die Stadt zu kommen. Eine Weile dachte ich hin und her, dann aber entschloß ich mich, zu dem Dorf zurückzukehren, das ich soeben verlassen hatte, um dort eine Nothilfeklinik für die Verwundeten zu errichten.

Eine unerklärliche Krankheit

Es war am vierten und fünften Tag nach dem Atombombenabwurf, als unter den Patienten merkwürdige Krankheiten auftauchten. Bisher war das im Dorf eingerichtete provisorische und immer überfüllte Lazarett meist mit Brandwunden und äußeren Verletzungen konfrontiert gewesen. Nun aber kamen Patienten mit Symptomen wie hohem Fieber, Blutungen der Nasen und Augenschleimhäute, Purpura und Ausfall des Kopfhaars. Sie starben entweder bereits nach einigen Stunden oder spätestens nach einigen Tagen. Im Nachhinein habe ich erfahren, daß es sich um Strahlungsschäden handelte, die man als akute Strahlenkrankheit bezeichnet. Für mich, der damals nichts dergleichen gelehrt bekommen und der keinerlei Erfahrungen damit hatte, war es eine unerklärliche Krankheit.

Ein Beispiel: Viele Tage bevor die Atombombe detonierte, heiratete ein Freund von mir in Hiroshima. Am 6. August wurden beide schwer verbrannt, der eine auf dem Weg zum Hauptquartier der Division und die andere in ihrer Küche. Glücklicherweise überlebten sie und entkamen mit knapper Not nach Hesaka, in mein Dorf. Keiner von beiden wußte vom Schicksal des anderen, obwohl beide auf dem gleichen Boden dieser Grundschule lagen. Die Opfer um sie herum starben, und jene, die zwischen den beiden jungen Menschen gelegen hatten, raffte der Tod hinweg. Schließlich lagen sie nebeneinander, ohne daß sie von einander etwas ahnten. Ihre Gesichter waren allzu verändert, sie waren füchterlich verbrannt. Aber schließlich erkannten sie sich am Klang ihrer Stimme. Was für eine glückliche Fügung!

Diese herzergreifende Episode sprach sich unter den Patienten schnell herum. Es schien den beiden nach und nach besser zu gehen, und nach zwei Wochen sollten sie in ein Krankenhaus in einem anderen Ort verlegt werden. Das glückliche Paar verabschiedete sich von den anderen Patienten und kam auch zu mir, um mir für die Behandlung zu danken. Doch kaum waren die Worte verklungen, da sprudelte plötzlich eine große Menge Blut aus dem Mund des Mannes. Und in beiden Händen, die er schmerzerfüllt an den Kopf legte, hielt er plötzlich ein Büschel von Haaren, als wären sie abrasiert. Er brach zusammen und bekam hohes Fieber. Innerhalb von 24 Stunden war er tot. Seine Frau war außer sich; sie schrie und hielt den Leichnam ihres Mannes. Doch auch ihre Tränen verwandelten sich in Blut, ihr Haar hatte das gleiche Schicksal und wenig später folgte sie ihrem Mann in den Tod.

Weitere schreckliche Ereignisse stellten sich ein. Auch unter den Leuten, die nach dem Bombenabwurf in die Stadt gegangen waren, um dort zu helfen, und unter den Leuten, die aus anderen Orten gekommen waren, um in der Stadt nach Verwandten und Bekannten zu suchen, tauchten Menschen mit merkwürdigen Krankenheitsbildern auf. Viele von ihnen starben.

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht wissen, daß diese Menschen in der Luft, auf Lebensmitteln und im Wasser befindliche Strahlungspartikel aufgenommen hatten, die wiederum schreckliche Wirkungen zeitigten: Die über längere Zeit wirkende niedrigdosierte radioaktive Strahlung rief plötzlich eine verstärkte Tumorbildung hervor oder die körperlichen Abwehrfunktionen wurden zerstört.

Ein weiteres Beispiel: Ein junger Stadtbeamter war im Keller des Rathauses unweit vom Explosionszentrum. Ihm wurden bei der Detonation die Beine zugeschüttet. Mit Hilfe eines Kollegen konnte er glücklich entkommen. Noch am selben Tag kam er im sechs Kilometer entfernt liegenden Vorort von Hiroshima, wo ich war, an.

Seine Frau, die kurz davor ein Kind gebar, war am 6. August bei ihren Eltern in der etwa 200 km entfernten Stadt Matsue. Sie ging, nachdem Sie das Baby den Eltern anvertraut hatte, in die zerstörte Stadt, um ihren Mann zu suchen. Nachdem sie 8 Tage lang durch die Ruinen gegangen war, konnte sie ihn endlich finden. Obwohl ihm ein Bein gebrochen war, war er noch verglichen mit anderen, die dort im Ort zu Hunderten untergebracht waren und von Minute zu Minute starben, in einem besseren Zustand. Angesichts dieses höllischen Bildes setzte die Frau ihre Kräfte gänzlich dafür ein, die Schwerverwundeten zu betreuen. Einige Tage arbeitete sie ganz selbstlos daran. Und es war entsetzlich für mich mit anzusehen, wie diese Frau nach wenigen Tagen erkrankte. Sie bekam plötzlich hohes Fieber und ihr blutete die Nase, es traten Blutflecken auf der Haut an allen Gliedern auf, und am Ende fiel ihr das ganze Kopfhaar aus. 14 Tage hat sie gelitten und mußte im äußersten Elend sterben. Die Symptome, die bei ihr auftraten, waren dieselben wie bei den Schwerverwundeten.

Das wirkliche Ausmaß der Opfer, der Schäden, des Leidens der vom Atombombenabwurf betroffenen Menschen, insbesondere die von der radioaktiven Strahlung hervorgerufenen Leiden, sind den Menschen in aller Welt bisher nicht korrekt mitgeteilt worden. Zum einen haben die Regierung der USA und die der US-Atompolitik gefolgschaftleistende japanische Regierung das wirkliche Ausmaß des Leidens und die Unmenschlichkeit der Strahlungskrankheit konsequent zu vertuschen und zu verstecken versucht. Zum anderen war die medizinische Forschung über die Wirkung radioaktiver Strahlung auf den menschlichen Organismus noch nicht ausreichend fortgeschritten.



Aus "Wissenschaft und Frieden Spezial: Hiroshima und Nagasaki. Geschichte und Gegenwärtigkeit", 12. Jahrgang, 2/95, S. 70-72.

E-Mail: w-u-f (at) t-online (Punkt) de

Website: www.iwif.de
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