Kosov@:
Reden gegen den Krieg


vom:
19.05.1999


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Veranstal
tungen
zum Kosovo
Krieg


Programm
8.5.1999
Berlin


Offener
Brief an
BK Schröder


Kosov@: Reden gegen den Krieg

 Echo/Presse

Presse zur Demo 8. Mai 99

ap,adn,dpa,epd,taz,JW,...

Kosovo/Demonstration/Berlin/

(Übersicht) Mehrere tausend Demonstranten auf Anti-Kriegs-Demo in Berlin

Berlin (ADN-bln). Mehrere tausend Demonstranten haben am Samstag nachmittag in Berlin gegen den Krieg in Jugoslawien protestiert. Zu den Initiatoren des Protestzuges unter dem Motto "Stoppt den Krieg! Helfen statt bomben!" gehörten gewerkschaftliche, Menschenrechts- und Jugendgruppen aus der gesamten Bundesrepublik. Bei der Abschlußkundgebung auf dem Gendarmenmarkt waren nach Angaben des Veranstalters 50.000 Menschen versammelt.

Die Demonstration war auf zwei Routen zum Gendarmenmarkt gezogen. Größere Zwischenfälle hat es nach Polizeiangaben nicht gegeben. Zu einer Rangelei unter den Kundgebungsteilnehmern kam es, als ein Demonstrant eine Karikatur von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mit Hitler-Bart und -Frisur zeigte. Die Veranstalter distanzierten sich ausdrücklich von dem Plakat.

Die Kundgebungsteilnehmer forderten die sofortige Beendigung der Luftangriffe, den Abzug aller Truppen aus dem Kosovo, die Entwaffnung der albanischen Untergrundarmee UCK und die Rückkehr der Flüchtlinge. Ein Waffenstillstand und politische Verhandlungen unter Vermittlung Rußlands und der Uno seien "die einzig realistische Alternative zur Fortsetzung der sinnlosen Zerstörung durch den Krieg". Auf Transparenten hieß es "Stoppt den Krieg - Beendet das Morden" und "Nato raus aus dem Balkan".

Unterdessen fand unter starkem Polizeischutz vor dem Brandenburger Tor eine Kundgebung von Mitgliedern der rechten Szene gegen die Nato-Einsätze in Jugoslawien statt, Daran beteiligen sich nach Polizeiangaben lediglich einige Dutzend Personen. Zu Zwischenfällen kam es zunächst nicht.

Das Berliner Oberverwaltungsgericht (OVG) hatte einen Einspruch der Polizei gegen die Genehmigung der Veranstaltung der rechten Szene durch das Verwaltungsgerichts zurückgewiesen. Eine ursprünglich geplante Demonstration vom Brandenburger Tor zum Berliner Rathaus war vom OVG allerdings untersagt worden.

bln/aku/nth 081543 Mai 99



BB/Kosovo/Demonstration

Tausende Teilnehmer bei Anti-Kriegs-Demonstration in Berlin Utl: Sofortiges Ende der Kampfhandlungen gefordert

Berlin (AP) Mehrere tausend Menschen haben am Samstag in Berlin gegen den Kosovo-Krieg demonstriert. Unter dem Motto "Stoppt den Krieg! Helfen statt bomben!" bewegten sich am Nachmittag zwei Protestmärsche aus den Bezirken Prenzlauer Berg und Schöneberg in Richtung Zentrum. Zu der Demonstration hatten unter anderem mehrere Gruppen der Friedensbewegung, gewerkschaftliche Organisationen und die PDS bundesweit aufgerufen. Die Polizei sprach von 3.000 Teilnehmern. Die Veranstalter hatten ursprünglich mit mehreren zehntausend Demonstranten gerechnet. Bei den Auftaktkundgebungen wurde die sofortige Einstellung der Luftangriffe auf Jugoslawien, der Abzug der Nato-Truppen aus dem Balkan und eine diplomatische Lösung des Konflikts gefordert. Zudem verlangten die Demonstranten die weitere Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland und Asyl für Deserteure. Für die Abschlußveranstaltung auf dem Gensdarmenmarkt haben sich der Vorsitzende der PDS-Bundestagsfraktion Gregor Gysi, und die Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Annelie Buntenbach, angekündigt.

Eine Anti-Kriegsdemonstration rechter Parteien und Gruppen war für den Nachmittag am Brandenburger Tor geplant. Ein Verbot dieser Veranstaltung durch die Polizei hatte das Berliner Verwaltungsgericht am Freitag aufgehoben. Zu den Veranstaltern des Aufzuges gehören Anhänger der DVU, der NPD und des Bundes der Vertriebenen.

Ende AP/str/ts/sk/ 081428 mai 99 14.29 Uhr



Demonstrationen/Kosovo

Horst-Eberhard Richter: Krieg der Nato gegen Jugoslawien beenden - Tausende Demonstranten bei Berliner Kundgebung gegen Kosovo-Krieg

Berlin (epd). Vor mehreren tausend Demonstranten auf dem Berliner Gendarmenmarkt hat der Arzt und Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter am Samstag ein sofortiges Ende der Nato-Angriffe gegen Jugoslawien gefordert. Der Krieg bewirke das Gegenteil dessen, was als sein Ziel verkündet wurde, erklärte der Mitbegründer der deutschen Sektion der Vereinigung internationaler Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW). Krieg diene nicht der Humanisierung, sondern der Brutalisierung. Es müsse eine politische Lösung für den Konflikt gefunden werden, bei der die UNO das Dach für eine rechtliche Lösung bildet, fügte Richter hinzu.

Zugleich warnte Richter vor einer Bagatellisierung der "skrupellosen Politik" Slobodan Milosevics. Auch die Vertreibung von 200.000 Serben aus der Krajina in der Vergangenheit sei keine Rechtfertigung für sein Handeln. Milosevic jedoch zu einem "Weltfeind" wie Hitler hochzustilisieren und die Vertreibungen in die Nähe des Holocaust zu rücken, wäre "eine groteske Art von Auschwitz-Lüge".

Richter wies auch auf die ökologischen und medizinischen Folgen des Krieges hin. Bei dem Einsatz von Nato-Kampfflugzeugen gegen jugoslawische Kraftwerke und Mineralstofflager sei auch uranhaltige Munition eingesetzt worden, die zu Langzeitschäden bei der Bevölkerung führen könne. Zu der zentralen Demonstration gegen den Krieg in Jugoslawien hatte ein Bündnis von mehr als 50 Organisationen aus den Bereichen der Friedensbewegung, der Gewerkschaften der Kirchen und Parteien aufgerufen. Nach Angaben der Veranstalter nahmen mehr als 10.000 Demonstranten an der Kundgebung teil.

Eine großzügige Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Kosovo forderte der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge "Pro Asyl", Heiko Kauffmann. Das "elende Geschachere und Feilschen" um Zahlen, Kontingente, Lastenverteilung und Einreisemodalitäten sei ein "beschämendes und erbärmliches Schauspiel". Weit mehr Flüchtlinge müßten angesichts der Dimension der Vertreibung und der Überforderung von Albanien und Mazedonien im Westen aufgenommen werden, wenn es wirklich um "Humanität" gehe, sagte er. (3112/8.5.99)

081734 MAI 99 nnnn



Kosovo/Demonstrationen AM

Tausende demonstrieren in Berlin gegen Kosovo-Krieg - Abendmeldung (neu: Redner, mit Bildern BER104-105)

Utl: Friedliche Lösung verlangt - Angaben über Teilnehmerzahlen gehen weit auseinander -

Berlin (AP) Mehrere tausend Menschen, darunter auch zahlreiche Serben, haben am Samstag in Berlin gegen den Kosovo-Krieg protestiert. Unter dem Motto "Stoppt den Krieg! Helfen statt bomben!" marschierten zwei Demonstrationszüge aus den Bezirken Prenzlauer Berg und Schöneberg zum Berliner Gendarmenmarkt. Dazu hatten unter anderem mehrere Gruppen der Friedensbewegung, gewerkschaftliche Organisationen und eine PDS-Jugendorganisation bundesweit aufgerufen. Die Schätzungen über die Teilnehmerzahlen gingen weit auseinander: Die Polizei sprach von 3.100, die Veranstalter von mindestens 50.000 Menschen.

Bei der Abschlußkundgebung riefen Vertreter von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und PDS zu einer Beendigung des Krieges und zu einer Wiederaufnahme politischer Verhandlungen auf. Der Vorsitzende der PDS-Bundestagsfraktion, Gregor Gysi, bezeichnete die Luftschläge gegen Jugoslawien als "verbotenen Angriffskrieg". Der Konflikt werde die europäische Integration "um Jahre und Jahrzehnte" zurückwerfen. Einziger Gewinner sei die Rüstungsindustrie. "Ein Ergebnis dieses Krieges wird die Aufrüstung sein", sagte Gysi. Die bayerische SPD-Landtagsabgeordnete Monica Lochner-Fischer forderte die Bundesregierung auf, auch in der Außen- und Sicherheitspolitik für eine Politikwende zu sorgen. "Krieg darf kein Mittel der Politik sein", sagte sie. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Annelie Buntenbach verlangte die "sofortige und endgültige Einstellung der Luftangriffe". Das Vorgehen der Nato habe die Lage im Kosovo verschlimmert und eskaliert. "Nicht Herr Milosevic ist der leidtragende des Krieges, sondern die Zivilbevölkerung", betonte sie.

Zwtl:
Protestaktion auch in Bonn

Rund 150 Mitglieder von Friedensgruppen und Grünen blockierten zusammen mit Serben am Nachmittag zeitweise die Ein- und Ausfahrt des Verteidigungsministeriums in Bonn. Nach Angaben der Polizei kam es nicht zu Zwischenfällen. Auf Plakaten forderten die Demonstranten die Einstellung der Nato-Bombardements. Mehrere Totalverweigerer des Wehrdienstes besetzten nach eigenen Angaben symbolisch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal im nordrhein-westfälischen Porta Westfalica. Die Polizei erklärte, ihr sei nichts von der Aktion bekannt. Eine weitere Anti-Kriegsdemonstration am Brandenburger Tor, zu der rechte Parteien und Gruppierungen aufgerufen hatten, verlief bis zum Nachmittag friedlich. An dem Aufmarsch nahmen mehrere Dutzend Anhänger rechter Organisationen teil.

Ende AP/rd/ts/th/081731 mai 99



Jugoslawien/Konflikte/Kosovo/Demonstrationen/

Rechtsradikale dürfen in Berlin demonstrieren

Berlin (dpa) - Das Berliner Oberverwaltungsgericht hat am Freitag abend eine Demonstration von Rechtsradikalen an diesem Samstag mit Auflagen genehmigt. Die Demonstranten dürften am Brandenburger Tor eine Kundgebung abhalten, jedoch nicht bis zum Roten Rathaus marschieren, teilte ein Polizeisprecher auf Anfrage mit. Die Berliner Polizei hatte Rechtsmittel gegen eine Genehmigung des Verwaltungsgerichts eingelegt.

Die Polizei hatte den Zug vom Brandenburger Tor zum Roten Rathaus am Jahrestag der Kapitulation Deutschlands im Zweiten Weltkrieg verboten, nachdem auch rechtsextreme Parteien für die Demonstration geworben hatten.

In der Bundeshauptstadt werden an diesem Samstag ferner zehntausende Demonstarnten von Friedensinitiativen gegen den Krieg im Kosovo erwartet.

dpa ee yy gh 080917 Mai 99



Quelle: Berliner Zeitung, 10.5.99, Lokales, Seite 23

Demonstration gegen Nato-Angriffe

7.500 Menschen kamen zur Abschlußkundgebung am Gendarmenmarkt

Etwa 7.500 Menschen haben sich am Sonnabend nachmittag zur Abschlußkundgebung der Anti-Kriegs-Demonstration auf dem Gendarmenmarkt versammelt. Damit lag die Zahl der Teilnehmer unter den Erwartungen der Veranstalter: Sie hatten mit mehreren 10 000 Demonstranten gerechnet.

Unter dem Motto "Stoppt den Krieg! Helfen statt bomben!" hatten mehrere Menschenrechtsgruppen, Gewerkschaftsorganisationen und eine PDS-Jugendorganisation zu der Demonstration aufgerufen. In zwei Protestzügen marschierten die Menschen vom Nollendorfplatz in Schöneberg und vom Velodrom in Prenzlauer Berg zum Gendarmenmarkt. Zahlreiche Serben trugen Fahnen, viele Menschen hatten sich Zielscheiben angeheftet.

Bei der Abschlußkundgebung riefen Vertreter von SPD, Bündnis 90/Grüne und PDS dazu auf, den Krieg zu beenden. Gregor Gysi, Chef der PDS-Bundestagsfraktion, bezeichnete die Nato-Luftangriffe auf Jugoslawien als Angriffskrieg, durch den bisher keinem Kosovo-Albaner geholfen worden sei. Der Arzt Horst-Eberhard Richter sagte, es sei eine "groteske neue Art von Auschwitz-Lüge", die Vertreibung der Kosovaren in Verbindung mit dem Holocaust zu bringen. Während des Marsches wurde eine Person wegen des Mitführens einer Eisenstange festgenommen. Eine Anti-Kriegs-Demonstration mit etwa 20 Teilnehmern am Brandenburger Tor, zu der rechte Parteien und Gruppierungen aufgerufen hatten, verlief am Sonnabend friedlich. (pa./dpa)



Quelle: junge Welt 10.5.:

"Es ekelt uns an"

Antikriegsdemonstration in Berlin. Grünen-Büro in Freiburg besetzt

Die Friedensbewegung hatte gerufen, und viele waren trotz naßkalter Witterung gekommen. Der Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus, der 8. Mai, stand in diesem Jahr ganz im Zeichen des Protestes gegen den andauernden Bombenterror der NATO gegen Jugoslawien. Die zentrale Kundgebung fand am Sonnabend auf dem Berliner Gendarmenmarkt statt (Foto: Im Zentrum der ehemaligen Hauptstadt der DDR wurde am 8. Mai zu Recht auch an die Friedenspolitik dieses Staates erinnert).

Zuvor hatten sich zwei Demonstrationszüge durch die Innenstadt zum Kundgebungsort bewegt. Außer der PDS und verschiedenen Friedensgruppen fiel besonders die Präsenz einzelner Gewerkschaftsgruppen aus verschiedenen Teilen Deutschlands ins Auge, die ihren Protest auch gegen die Unterstützung des Bombenkrieges durch die DGB-Spitze zum Ausdruck brachten. Einen größeren Block bildeten auch kurdische Organisationen sowie in Berlin lebende Jugoslawen. Einzelne Ortsgruppen der Grünen und der SPD nutzten die Gelegenheit, um gegen die Politik ihrer Parteiführungen zu protestieren. Aber auch griechische, italienische und iranische Gruppen beteiligten sich, sogar die Naturgesetzpartei war vertreten.

Über die Teilnehmerzahl wurden äußerst unterschiedliche Angaben gemacht. Während ein Sprecher der Veranstalter von 50 000 auf dem Gendarmenmarkt redeten, schwankten die Angaben der Medien zwischen "1 000" (Inforadio), "einigen tausend" (n-tv) und "zehntausend" (Tagesthemen). Dem widerspricht, daß selbst ein Mitglied der Einsatzleitung der Polizei auf die Frage nach der Teilnehmerzahl des einen von zwei Demozügen antwortete: "Zehntausend werden es wohl schon sein".

Auf der Kundgebung redete neben der Schauspielerin Käthe Reichel und PDS-Fraktionschef Gregor Gysi auch der stellvertretende Vorsitzende der IG Metall, Horst Schmitthenner. Er betonte, daß es keinesfalls darum ginge, daß mögliche Menschenrechtsverletzungen und Vertreibungen im Kosovo ungesühnt blieben, jedoch dürfe und könne Krieg kein Mittel der Politik sein.

Auch rechtsextreme Organisationen hatten unter dem Namen "Bündnis 8.Mai" zu einer Kundgebung am Brandenburger Tor gegen die deutsche Kriegsbeteiligung aufgerufen. Das Verwaltungsgericht hatte in einer Eilverfügung dem Widerspruch der Nazis gegen das von der Berliner Innenverwaltung ausgesprochene Verbot mit einigen Auflagen stattgegeben. An der von der Polizei mit einem massiven Aufgebot abgeschirmten Kundgebung nahmen etwa 80 Personen teil. Zu Zwischenfällen kam es nicht.

Bereits am Freitag bekam das Kreisbüro Freiburg der Olivgrünen Besuch von 20 Kriegsgegnern, die Fischers Zweigstelle in der Grünen-Hochburg in Baden für 24 Stunden besetzten. "Es ekelt uns an, wie die Grünen ihre Beteiligung am NATO-Krieg mit den `Lehren der Geschichte` und der Ermordung und Vernichtung der europäischen Juden legitimieren", hieß es in einer Erklärung der Besetzer. Und weiter: "Nicht zuletzt grüne PolitikerInnen legitimierten in den vergangenen Wochen immer wieder den von ihnen geführten Krieg, indem sie Vergleiche zwischen Jugoslawien und dem deutschen Faschismus anstellten". Auschwitz diene ihnen als "Standortvorteil" für die Begründung eines Angriffskrieges. Im Gegensatz zu ihren Berliner Parteifreunden verzichteten die Grünen auf eine polizeiliche Räumung. Die Besetzung endete am Samstag mittag mit einer Antikriegsdemonstration durch die Freiburger Innenstadt, der sich die Besetzer anschlossen.

(jW/Foto: Uwe Soukup)



Quelle: taz 10.5.99, Seite 1, Kommentar:

bedenkenswerte Melange

Friedensbewegung demonstrierte gegen den Krieg in Jugoslawien

Im Osten Berlins zeigte sich die Friedensbewegung am Samstag als in sich gespaltene, zersplitterte Ansammlung kleiner und kleinster Grüppchen. Die erste bundesweite Demonstration gegen die Nato-Angriffe auf Jugoslawien war eine Melange aus viel krausem, unreflektiertem Unbehagen und auch Sehnsüchten nach der alten DDR, nach Marx und Lenin - bis hin zur Barttracht. Gesellschaftlich relevant außerhalb des Prenzlauer-Berg-Kiezes war hier nur die PDS.

Anders auf der Westberliner Parallelkundgebung, zu der die ehemals großen Gruppen von Kriegsgegnern und fundamentalen Pazifisten kurzfristig mobilisieren konnten. Während sich etliche der Protestler aus dem Osten zwischen Empörung und plakativen Forderungen verhedderten, konnten sich die Westler auf eine funktionierende, professionelle Infrastruktur verlassen. Das beförderte, trotz aller Varianten von Verschwörungstheorien, das Differenzierungsvermögen, zeigte aber auch auf der Abschlußveranstaltung am Gendarmenmarkt das Dilemma, das allen gemeinsam ist: Sie haben keinen Einfluß. "Stopp für Krieg und Bombardierung", "Rückzug und Entwaffnung", "Schutz für Flüchtlinge" wird es ohne die Nato-Maschinerie und die Verhandlungen der Politiker nicht geben.

Die Ohnmacht produziert Zorn auf diejenigen, die in Reichweite und treffbar sind: auf die eigene Regierung. Schröder, Scharping, Fischer werden zum "Feind im eigenen Land", das Ansehen von Rot-Grün sinkt in einem Teil der eigenen Gefolgschaft.

Das hat Gregor Gysi am Samstag erkannt. Sein Aufruf zum massenhaften gewaltfreien Widerstand richtete sich an all diejenigen, die "denen da oben" trotz aller Beteuerungen humanitärer Kriegsgründe nicht trauen. Der geübte Populist zielte vor allem auf den inneren Widerstand, auf Opposition bei SPD, Grünen und Gewerkschaften. Das hatte durchaus nationalistische Untertöne: Die Bundesregierung habe sich von den USA "über den Tisch ziehen lassen". Gern gehört wurde auch der Verweis auf die Kosten des Wiederaufbaus Jugoslawiens.

Die Demonstrationen waren so einerseits eine Melange der diffusen Gefühle. Zugleich wurden aber auch die Argumente einer zur Mehrheit wachsenden Minderheit gegen einen Einsatz deutlich, der bisher nur Elend, nicht aber Frieden produziert hat.

Heide Platen (taz Nr. 5831 vom 10.5.1999 Seite 1 72 Zeilen)



Quelle: taz: 10.5.99

Pfiffe für Psychoanalytiker Richter, Beifall für Gysi

Trotz Dauerregen kamen in Berlin rund 8.000 zu einer Antikriegskundgebung

Berlin (taz) - Regen, Regen und noch einmal Regen fällt auf die wenigen hundert Demonstranten, die sich um zwölf Uhr mittags auf dem tristen Berliner Parkplatz versammelt haben. An der Ecke Fritz-Riedel-/Cotheniusstraße hinter dem Velodrom liegen in Stapeln und haufenweise die an Latten befestigten Pappschilder der Gruppe "Linksruck": "Nato raus aus dem Balkan". Die Polizei kontrolliert Menschen und Taschen und registriert: "Bisher mehr Latten als Leute." Die drängen sich unter den kleinen Ahornbäumen am Rande des Platzes, in umliegenden Hauseingängen und unter den roten Regenschirmen der PDS. Der Stand der Sozialistischen Alternative (SAV) hat Zulauf. Er hat ein Regendach. Das Wasser strömt, die Menge tröpfelt. Am Ende sind es am Samstag um die 1.000 Demonstranten, die da in der Gewißheit naß werden, daß die Mehrheit der Bevölkerung im Osten Deutschlands gegen den Nato-Einsatz im Balkan sei. Ein Dutzend linke Splittergruppen sind dabei, EinzelkämpferInnen mit Pappschildern. Die Fahnenträger des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sind im Prenzlauer Berg, im ehemaligen Osten Berlins, nicht bei allen gern gesehen.

Der ehemalige DDR-Oppositionelle Wolfgang Richter trifft die Befindlichkeit der Menschen: "Wir alle werden in eine Welt zurückgebombt, die wir hinter uns glaubten." Der Zug wächst auf seinem Weg zur Abschlußkundgebung am Gendarmenmarkt. An der Spitze marschiert ein triefender Dackel.

Zur parallelen Kundgebung am Nollendorfplatz im Westen Berlins waren rund 4.000 Menschen gekommen. An deren Spitze schritt der 76jährige Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter zum Gendarmenmarkt voran. Dort harrten dann 8.000 Menschen aus. Kirchen- und Friedensgruppen, Gewerkschafter, Grünen- und SPD-Oppositionelle, Autonome. Mütter, Kriegsdienstverweigerer, Studierende, Schüler waren dem Aufruf "Stoppt den Krieg! - Helfen statt Bomben!" gefolgt und mischten sich unter dem bunten Dach eines Regenschirmwaldes. Der Nato-Einsatz, sagte Richter, bewirke "das Gegenteil dessen", was er beabsichtigt habe. Er helfe niemandem und diene "der Brutalisierung". Gerade die bundesdeutsche Rechtfertigung des Einsatzes mit der eigenen Geschichte, der Vernichtung der Juden, sei "eine ungeheure Geschichtsfälschung". Er wandte sich aber auch dagegen, die Morde und Vertreibungen durch die jugoslawische Armee und Polizei "zu bagatellisieren", denn auch das "wäre eine groteske, neue Art von Auschwitz-Lüge". Richter diagnostizierte "eine psychosoziale Krankheit in der ganzen Region" des ehemaligen Jugoslawien. Und hörte dafür Protest und Pfiffe. Kalkül der Rüstungsindustrie, Entmachtung der UNO, Sicherung der Erdölvorkommen im Kaukasus, amerikanisches Streben nach Weltherrschaft, bundesdeutsche Kriegslust seit Ende des Kalten Krieges warfen zahlreiche Redner den für den Einsatz Verantwortlichen vor.

Den größten Beifall bekam der Bundestagsfraktionsvorsitzende der PDS, Gregor Gysi: "Gregor! Gregor!" schallt es über den Gendarmenmarkt. Mit dem im Herbst herbeigewählten "Wechsel" in Bonn, sagte er, habe er nicht den "vom Frieden zum Krieg" gemeint. Nutznießer sei vor allem die Rüstungsindustrie. Der Krieg werde außerdem eine "höchst gefährliche", weltweite Aufrüstung zur Folge haben. Die "einzige Waffe" der Friedensbewegung sei es, "immer mehr zu werden". Ein zeitgleich von neonazistischen Gruppen organisierter Aufmarsch am Brandenburger Tor endete als Wasserschlag. Nur rund 50 Rechtsextreme waren gekommen. Auch die Gegendemonstration blieb klein. Der Berliner Großdemonstrationstag endete am späten Nachmittag friedlich.

Heide Platen

taz Nr. 5831 vom 10.5.1999 Seite 4, 111 Zeilen



Quelle: taz 10.5.99, Lokalteil Berlin:

Kleine Großdemo gegen den Krieg

Nur etwa 8.000 Menschen folgten dem Aufruf von Friedensinitiativen. Gysi: höchste Zeit, daß den Krieg zu beenden

Etwa 8.000 Menschen haben am Samstag mit zwei Protestzügen im Innenstadtbereich gegen den Krieg in Jugoslawien demonstriert. Die Veranstalter, ein Bündnis verschiedener Friedensinitiativen und linker Gruppierungen, hatten mit mehreren zehntausend Teilnhemern gerechnet. Die Protestzüge gegen den Krieg führten vom Nollendorfplatz in Schöneberg und vom Velodrom in Prenzlauer Berg zum Gendarmenmarkt.

Nach Angaben der Polizei blieb die Atmosphäre bis zum Schluß friedlich. Die Polizei beschlagnahmte ein Transparent, auf dem unter anderem Bundeskanzler Gerhard Schröder als Kriegsverbrecher bezeichnet wurde. Eine Person wurde wegen Mitführens einer Eisenstange festgenommen.

Der Chef der PDS-Bundestagsfraktion, Gregor Gysi, sagte auf der Abschlußkundgebung: "Es ist höchste Zeit, daß dieser Krieg gestoppt und beendet wird." Gysi bezeichnete die Nato-Luftangriffe auf Jugoslawien als Angriffskrieg, durch den bislang keinem Kosovo-Albaner geholfen worden sei. Zuvor hatte die Schauspielerin Käthe Reichel die Nato-Luftangriffe unter dem Beifall der Demonstranten als "Völkermord" bezeichnet.

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