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Panzer in die Türkei? - Inhalt


vom:
03.07.2000
Update: 14.09.2000


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Panzer in die Türkei?:

  Aktuelles

Verzichtet die Türkei auf den großen Panzerdeal oder machen andere Hersteller als "die Deutschen" das Geschäft?

Panzer ade?

verschiedene Quellen

Die Zeichen verdichten sich, dass das Panzergeschäft mit der Türkei wohl nicht zustande kommt. Unklar ist, ob andere Hersteller das "Rennen" machen oder die Türkei aus finanziellen Gründen zunächst nur eine kleinere Anzahl Panzer "leasen" und z.T. alte Bestände modernisieren will. Rot-Grün liefert stattdessen eine ganze Munitionsfabrik.

Wir stellen zum Stand der Leo II-Affaire einige Nachrichten aus verschiedenen Quellen zur Verfügung:



 Defense News: USA schlägt vor, 100 Panzer an die Türkei zu leasen

 Reuters-Nachricht vom 11. Juli 2000

 Spiegel-Meldung -28/2000, 10.07.-

 Panzergeschäft mit Türkei angeblich vor dem Scheitern, AP 8.9.

 Struck: Keine Lieferung von Leopard-Panzern an die Türkei, Handelblatt 9.9.

 Der Türkei fehlt Geld, aus taz 11.09.

 "Eine Seifenblase", aus taz 11.09.





DEFENSE NEWS:

USA schlägt vor, 100 Panzer an die Türkei zu leasen

von Burak Ege Bekdil und Umit Enginsoy

Ankara - Offiziellen türkischen und US-amerikanischen Quellen zufolge diskutieren die Türkei und USA über die Verpachtung von mindestens 100 Kampfpanzern an Ankara.

Die Verhandlungen sind die Folge der türkischen Veranlassungen im April, das 7 Milliarden Dollar-Programm zur Lizenzproduktion von 1000 Kampfpanzern einzustellen.

Vor zwei Jahren hatte die türkische Armee das Leasing von 200 Panzern an die Türkei erbeten, das Geschäft wurde jedoch nie verwirklicht. "Dieses Mal ist der Vorschlag kürzlich von amerikanischer Seite aus gekommen. Die Verhandlungen für den vorgeschlagenen Leasingvertrag laufen weiter." sagte ein türkischer Regierungsbeamter. "Es bestehen gute Chancen, dass die Gespräche erfolgreich enden, das Geschäft steht jedoch noch lange nicht an."

"Das sind sehr sensible Gespräche. Ich vermute eine 50prozentige Wahrscheinlichkeit für den Erfolg des Panzerleasings," sagte ein mit der Angelegenheit vertrauter pensionierter US Regierungsbeamter der "Defense News" in Washington.

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Türkische Vermittlungsbeamte sagten hierzu, der Vertrag kann sich auf bis zu 200 Kampfpanzer beziehen, obwohl er möglicherweise zunächst mit einer Lieferung von 100 beginnt. Der ehemalige US Regierungsbeamte bestätigte die Zahlen.

Türkische Beamten sagten, dass jedwede Menge zwischen 100 und 200 Panzern den aktuellen türkischen Anforderungen genügen würde.

Aus einer türkischen industriellen Quelle wird berichtet, dass dem vorgeschlagenen Leasingvertrag zufolge die Türkei etwa 70 Millionen Dollar für Ersatzteile, Betriebserhaltung und die entsprechende Schulungen für 100 Kampfpanzer zahlen würde. Regierungsbeamte weigerten sich, zu den Kosten des vorgeschlagenen Handels Äusserungen zu machen.

"Da die türksichen Bedürfnisse sehr dringend sind, vermute ich, dass der Handel sehr zügig abgeschlossen werden wird, wenn er denn überhaupt abgeschlossen wird," sagte der ehemalige US Regierungsbeamter. "Ich sehe dort jedoch einige strittige Punkte, die erst noch gelöst werden müssen."

Beamte des Pentagon waren zu Aussagen hierzu nicht bereit.

Wenn das Geschäft ausgehandelt ist, muss es noch vom US Kongress verabschiedet werden.

Fachleute sagen, dass der Vertrag, wenn er unterschrieben wird, die Chancen für "General Dynamics Corp.`s Land System unit, Sterling Heights", Michigan, Hersteller des M1 Abrams, erhöhen wird, den Zuschlag für die bisher grösste geplante Einzelbeschaffungsmaßnahme der Türkei zu erhalten.

"General Dynamics Corp.`s Land System" war der einzige US-amerikanische Mitbewerber, der für das Lizenzproduktionsprogramm in die engere Auswahl gezogen wurde.

"Wenn die Verpachtung realisiert werden sollte, würde sie die Chancen der Amerikaner gegenüber der beiden europäischen Mitbewerbern im Wettbewerb vergrössern. sagte Ugur Sefkat, ein Verteidigungsexperte der "Strategic Studies Group".

"Wenn die türkische Armee erst einmal die M1A1-Panzer in ihrem Bestand hat, werden sie sich auch viel eher für die M1A2-Panzer entscheiden."

"General Dynamics", (
http://www.gdls.com) die den M1A2 Abrams anbieten, konkurrieren mit der französischen Giat-Industries (http://www.giat-industries.fr) Satory, Hersteller des Leclerc, der Münchner "Krauss-Maffei-Wegmann GmbH" (http://www.krauss-maffei.de), Hersteller des Leopard 2 und dem ukrainischen "Urkspetsexport", Hersteller des T-84.

Die türkische Regierung hat jedoch Ende April das Projekt aufgrund finanzieller Einschränkungen auf unbestimmt verschoben.

Dem entgegen hat der türkische Premierminister Bulent Ecevit Anfang Juni seine Beamtem des Beschaffungsamtes veranlasst, Gepräche mit Ramat Hasharon von "Israel Military Industries" (IMI;
http://www.imi-israel.com oder http://www.imi-israel.co.il) aufzunehmen über einen Monopolauftrag zur Modernisierung eines Teils der in der USA hergestellten M60-Kampfpanzer der türkischen Armee. Dies würde den Weg ebnen für die mögliche Zusammenarbeit mit IMI zur Umrüstung von zunächst 170 M60 Panzern bis 2003.

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"Die Modernisierung der M60-Panzer verbunden mit einem möglichen Leasingvertrag mit den USA würde den kurzfristigen Anforderungen des türkischen Panzerprogrammes genügen," sagte Sefkat. "Auch wenn das Hauptprojekt der Lizenzproduktion der Kampfpanzer aufgrund finanzieller Schwierigkeiten zur Zeit ausgesetzt wurde, ist dieses Programm noch nicht gestrichen worden. Die Türkei würde das Programm irgendwann verwirklichen, jedoch wahrscheinlich in reduziertem Ausmaß.

Die türkische Armee ist in Besitz von etwa 900 M60, 200 in Deutschland hergestellten Loepard 1 und etwa 3.000 veralteten M48 Panzern.

Obwohl die Türkei bereits Teile der M48er modernisiert hat, entsprechen diese Fachleuten zufolge nicht den zukünftigen Anforderungen der Armee.

Zu diesem Bericht aus Washington hat Umit Enginsoy beigetragen.

aus: "DEFENSE NEWS", International Edition, 3. Juli 2000, Übersetzung aus dem Englischen

Defensenews:
http://www.defensenews.com





French army chief visits Turkey as tank deal looms

11 July 2000

Paris -- French army chief General Yves Crene is visiting Turkey as competition heats up between France, Germany, the United States and Ukraine for a $7.1 billion deal to supply 1,000 tanks to Turkey. (..) The German weekly Der Spiegel wrote this week that Turkey would announce its choice later this week and that France`s Leclerc was now the favourite to clinch the deal.

But French authorities said they did not expect a decision for several months. Officials at state-owned GIAT, makers of the Leclerc, said the competition was still wide open. (..) She said the Leclerc was at least 10 years younger than its competitors, nearly 10 tonnes lighter and was the only one of the Western competitors to have automatic loading facilities. "That means it only requires a crew of three instead of four," she said. The Leclerc is competing against the German Leopard II, made by Mannesmann AG`s Krauss-Maffei Wegmann, the American Abrams, produced by General Dynamics, and the Ukrainian T-84 designed by the Morozov tank design bureau. (..) German authorities have yet to give an export licence to its contender and left-wing groups in the country are bitterly opposed to the sale which has not created the same controversy in the three other bidding countries.

Source: Reuters, 11 July 2000.

Provided by: Olivier Minkwitz, Research Assistant at the Center on Transatlantic Foreign and Security Policy Studies, Free University Berlin, E-mail: olivierm@altavista.net

Quelle: Reuters (Englischer Dienst), 11 July 2000, Übersetzung aus dem Englischen:

Französischer Armeechef besucht Türkei, Panzerdeal zeichnet sich ab.

Paris - Angesichts der Verschärfung des Wettbewerbs zwischen Frankreich, Deutschland, den USA und der Ukraine um das 7.1 Milliarde Dollar schwere Panzergeschäft zur Lieferung von 1.000 Panzern an die Türkei besucht der französische Armeechef General Yves Crene die Türkei.(...) Das deutsche Wochenmagazin Der Spiegel schrieb in dieser Woche, daß die Türkei ihre Wahl am Ende der Woche verkünden wolle und daß der Leclerc aus Frankreich nun der Favorit sei um den Handel beschließen.

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Französische Behörden sagten jedoch, sie erwarteten eine Entscheidung erst in einigen Monaten. Beamte der staatlichen GIAT, Hersteller des Leclerc, sagten, der Wettbewerb wäre noch immer völlig offen. (...) Sie sagte, Leclerc sei zumindest 10 Jahre jünger als seine Konkurreten, circa 10 Tonnen leichter und sei der einzige unter den westlichen Konkurrenten, der über eine automatische Munitionsladeeinrichtung verfüge. "Dies bedeutet, daß er nur eine drei - anstelle einer vierköpfigen Mannschaft benötigt," sagte sie. Leclerc konkurriert gegen den deutschen Leopard II, hergestellt von Krauss-Maffei Wegmann der Mannesmann AG, gegen den amerikanischen Abrams, hergestellt von General Dynamics sowie den ukrainischen T-84, entworfen vom Hersteller Morozov. (...) Deutsche Behörden müssen immer noch die Exportlizenz für ihren Bewerber vergeben und Gruppen des linken Flügels im Land widersetzen sich eisern dem Verkauf, was bisher noch keine ähnliche Kontroverse in den drei anderen Bewerberländern bewirkt hat.







aus: Der Spiegel, 28/2000, 10.7.2000, Seite 18

Panzergeschäft

"Leclerc" statt "Leo"

Im Wettbewerb um die Lieferung von 1.000 Kampfpanzern an die Türkei haben derzeit die Franzosen die besten Karten. Ankara wollte ursprünglich am Freitag dieser Woche (16.07.2000) den Sieger der sechsmonatigen Panzertests bekannt geben. Wegen politischer und technischer Schwierigkeiten mit den zunächst aussichtsreichsten Kandidaten, dem von der Münchner Waffenschmiede Kaus-Maffei Wegmann hergestellt "Leopard 2" und dem amerikanischen "M1 Abrams", wurde die Entscheidung jedoch auf "unbestimmte Zeit" verschoben. Ein Grund der Verzögerung: Ende August soll der türkische Heereschef Atilla Ates, einst Militärattaché in Bonn und ein Fürsprecher des Leoprads, abgelöst werden. Der Geberalstab, so heißt es, möchte mit dem "diplomatisch heiklen" Milliardendeal lieber auf Aters Nachfolger warten. Da es mit dem amerikanischen Modell technische Probleme gibt, könnte der französische Kampfpanzer "Leclerc" das Rennen machen. Bei einem Besuch in Paris hatte sich der türkische Generalstabschef Hüseyin Kivrikoglu Anfang Januar den Leclerc vorführen lassen. Kivrikoglu soll sehr beeindruckt gewesen sein - ein Spielzeugmodell des französischen Panzers ziert seitdem den Empfangssaal des türkischen Generalstabs. Aber auch bei einem türkisch-französischen Geschäft wäre die deutsche Rüstungsindustrie mit vertreten: Der Leclerc wird von einem deutschen Dieselmotor angetrieben.





AP, 08.09.2000 19.19 Uhr

Panzergeschäft mit Türkei angeblich vor dem Scheitern

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Berlin (AP) Der Export des deutschen Leopard-II-Panzers in die Türkei steht nach Informationen der Tageszeitung «Die Welt» (Samstagausgabe) offenbar vor dem Scheitern. Das Blatt zitiert den SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck mit der Bemerkung, dass die Bundesregierung «die Lizenzen zum Bau dieser Panzer nicht geben» werde. Bundeskanzler Gerhard Schröder, Verteidigungsminister Rudolf Scharping und die SPD-Fraktionsspitze seien sich «völlig einig», dass die Regierung «dieses Projekt nicht genehmigen wird».

Die Türkei, die bereits über das Vorgängermodell «Leopard I» verfügt, testet gegenwärtig ein Exemplar der moderneren Version und vergleicht ihn mit Konkurrenzprodukten. Ankara hatte Interesse am Kauf von 1.000 «Leopard II» gezeigt.

Die Bundesregierung hatte ihre Waffenexport-Grundsätze um den Aspekt der Lage der Menschenrechte im Empfängerland ergänzt. Struck sagte dazu laut «Die Welt», es gebe keinen Grund, warum man eine neue Menschenrechtslage in der Türkei unterstellen könnte. Die türkische Regierung bemühe sich zwar um eine politische Verbesserung, aber es seien noch keine Erfolge abzusehen.





Handelblatt, 09. September 2000

Wegen Menschenrechtslage in der Türkei

Struck: Keine Lieferung von Leopard-Panzern an die Türkei

(afp) BERLIN - Zur Lieferung deutscher Leopard-II-Panzer an die Türkei wird es voraussichtlich nicht kommen. SPD-Fraktionschef Peter Struck sagte der Zeitung "Die Welt" (Samstagsausgabe), dass die Bundesregierung "die Lizenzen zum Bau dieser Panzer nicht geben" werde. Bundeskanzler Gerhard Schröder, Verteidigungsminister Rudolf Scharping (beide SPD) sowie die SPD-Fraktionsspitze seien sich "völlig einig", dass die Bundesregierung dieses Projekt nicht genehmigen werde. Es gebe keinen objektiven Grund, "warum man eine neue Menschenrechtsentwicklung in der Türkei unterstellen könnte". Außerdem sei die Beschlusslage der SPD zu diesem Thema klar. Die türkische Regierung bemühe sich zwar um eine politische Verbesserung, "aber es sind noch keine Erfolge abzusehen".

Der Streit um das Panzergeschäft mit der Türkei hatte im Herbst vergangenen Jahres zu einer schweren Koalitionskrise geführt. Damals hatte Schröder gegen den Widerstand von Außenminister Joschka Fischer (Grüne) die Genehmigung für die Lieferung eines Leopard-Testpanzers an die Türkei durchgesetzt, der im Januar geliefert worden war. Der Leopard gilt als einer der Favoriten für den Zuschlag; die Bundesregierung hatte allerdings bereits in den vergangenen Monaten deutlich gemacht, dass ein Panzer-Export wegen der Menschenrechtslage in der Türkei derzeit nicht in Frage komme.





taz 11.09.2000 (http://www.taz.de)

Der Türkei fehlt Geld

Eigentlich wollen die Militärs neues Gerät. Doch der IWF mahnt, zu sparen. Deshalb werden vielleicht nur alte Panzer aufgerüstet

ISTANBUL taz. Offiziell herrscht Schweigen. Bislang gibt es in Ankara keine Reaktionen auf die Meldungen aus Deutschland, das Leopard-II-Geschäft mit der Türkei sei endgültig gescheitert. Tatsächlich spricht aber viel dafür, dass beide Seiten sich darauf verständigt haben, das Panzergeschäft zu beerdigen. Die Tonart ist schon seit längerem sehr viel gedämpfter als vor knapp einem Jahr in der Auseinandersetzung um die Lieferung des Testpanzers. Mehrmals hat Außenminister Ismail Cem in der Zwischenzeit betont, dass die Entscheidung über den Verkauf des Panzers, wie immer sie ausfallen würde, die türkisch-deutschen Beziehungen nicht beeinträchtigen könnte.

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Die politischen Äußerungen korrespondieren offenbar auch mit den Ergebnissen im Panzertest. Zwar wird immer wieder betont, dass der Leopard II eigentlich das türkische Wunschmodell ist, andererseits hält sich aber auch hartnäckig das Gerücht, die türkischen Militärs hätten sich mittlerweile auf den amerikanischen "Abrams"-Panzer in einer Version eingestellt, die um wesentliche Teile des Leopard aufgerüstet ist. Der US-Panzer ist bereits in einer - amerikanischen Lizenzproduktion mit einer 120-mm-Kanone von Rheinmetall versehen. Die ebenfalls im Test erprobten Panzer "Leclerc" aus Frankreich und - die modernisierte Version des letzten Sowjetpanzers T-29 aus der Ukraine haben dagegen wohl kaum eine Chance.

Für die Türkei hätte diese Lösung den Vorteil, politisch profitieren zu können, weil der große Bruder im Washingtoner Pentagon hoch erfreut wäre, und technisch wohl dennoch annähernd den Panzer zu bekommen, den sie haben wollen.

Wann sie ihn aber bekommen, steht noch in den Sternen. Der Verzicht auf den Rüstungsexport dürfte der deutschen Seite umso leichter fallen, als sich in der Türkei abzeichnet, dass das vermeintlich 1,7 Milliarden Dollar schwere Panzergeschäft so schnell kaum - und vor allem nicht in diesem Umfang - zustande kommen wird. Das wichtigste Ziel der türkische Regierung in diesem Jahr ist, die Inflation von rund 70 Prozent auf 25 Prozent zu drücken. In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ist deshalb ein rigides Sparprogramm verabschiedet worden, zu dem große Rüstungsausgaben ganz und gar nicht passen, auch wenn die Kosten für die Panzer erst später anfallen würden.

Der für die Türkei zuständige IWF-Berater Cotarelli ist mit Mahnungen zur Sparsamkeit in den Medien fast jeden. Tag präsent. Seitdem die Türkei zum EU-Beitrittskandidaten gekürt wurde, wird es überdies auch für die Militärs immer schwieriger, den Rüstungshaushalt quasi als exterritoriales Gebiet, das für Kürzungsdebatten tabu ist, aus dem politischen Geschäft herauszuhalten. Wofür brauchen wir 1.000 neue Panzer und was könnte man mit dem Geld nicht sonst alles machen, lauten die Fragen, die mittlerweile auch in türkischen Zeitungen gestellt werden.

Das Militär hat deshalb bereits durchblicken lassen, zunächst nur 250 neue Panzer anzuschaffen. Wahrscheinlich ist auch, dass das gesamte Beschaffungsprogramm der türkischen Armee wesentlich gestreckt wird. Ein Indiz dafür ist, das im Moment vorrangig mit Israel über eine Modernisierung der vorhandenen Panzer verhandelt wird. Die israelische Rüstungsindustrie ist an einem solchen Auftrag brennend interessiert, und Premier Ehud Barak hat bei einem Besuch in Ankara vor zwei Wochen noch einmal Druck gemacht, damit bald eine Entscheidung fällt. Wenn aber erst einmal ein umfangreiches Programm zur Modernisierung der vorhandenen Panzer angelaufen ist, hieße das, dass die Beschaffung von neuem Gerät sogar um längere Zeit verschoben werden wird.

JÜRGEN GOTTSCHLICH





taz 11.09.2000 (http://www.taz.de)

"Eine Seifenblase"

Otfried Nassauer, Leiter des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit, kritisiert die rot-grüne Rüstungspolitik

taz: Nun haben sich also führende Grüne und SPD-Politiker geeinigt, keine Panzer an die Türkei zu liefern. Ist eh denn zu diesem Zeitpunkt das Land überhaupt noch entschlossen, die deutschen Panzer auch wirklich zu kaufen?

Nassauer: Das Panzer-Projekt trägt seit langem die Kennzeichen einer Seifenblase: Es sieht hübsch aus, doch wenn man es anfasst, platzt es und nichts war im Innern. Denn auf türkischer Seite bestehen schon längst große Zweifel am Sinn des Panzerkaufs. Es fehlt schlicht das Geld, um in den kommenden Jahren 1.000 moderne Kampfpanzer zu finanzieren. Ankara ist hoch verschuldet: Das schwere Erdbeben, der hohe Ölpreis und die grassierende Schattenwirtschaft schwächen die türkische Wirtschaft. Zudem muss sich die Türkei bemühen, die Kopenhagener Kriterien für einen EU-Beitritt zu erfüllen. Da wundert es nicht, dass die Türken die Entscheidung, Panzer zu kaufen, erst einmal verschoben haben.

taz: Ist die Absage lediglich ein Scheinkompromiss, der die rot-grüne Koalition das Gesicht wahren lässt und sie so vor einer weiteren Krise rettet?

Nassauer: Natürlich - denn was sich Schröder, Fischer, Schlauch und die übrigen Politiker einfallen lässen haben, ist politisch scheinbar geschickt, aber leicht durchschaubar: Mit der Absprache wollen sie die parteinterne Opposition beschwichtigen. Diejenigen Grünen und SPDler, die gegen Rüstungsexporte in der Türkei sind, sollen glauben, wenigstens einen Teilerfolg errungen zu haben: Dabei ist der angebliche Handel gar keiner: Man verzichtet auf den Panzerexport, der wahrscheinlich nichts geworden wäre. Und hofft, damit Kritiker -ruhig zu stellen, die nun gegen das durchaus reale Projekt, die Munitionsfabrik, bitte nichts mehr sagen sollen. Man bleibt scheinbar glaubwürdig und kann trotzdem Rüstung exportieren.

taz: Wird die Türkei nun auf amerikanische Abrams-Panzer ausweichen?

Nassauer: Das glaube ich nicht, die Türkei wird eher gar keinen neuen Panzer kaufen. Ankara müsste eigentlich froh sein, dass es sich aus dem Panzerkauf zurückziehen kann, ohne sein Gesicht in der Nato zu verlieren.

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taz: Als Argument für den Panzerexport wurde immer wieder angeführt, dadurch würden 6.000 Arbeitsplätze in Deutschland zehn Jahre lang erhalten. Ist diese Zahl realistisch?

Nassauer: Das ist ein Witz. Es kann sich allenfalls um einige hundert zusätzliche Jobs handeln. Schließlich hatten die fünf größten Panzerbau-Betriebe 1998 zusammen nicht einmal 4.000 Angestellte. Außerdem ist es völlig unrealistisch, mit dem erwarteten Umsatz von sechs Milliarden Mark in Deutschland 6.000 Arbeitsplätze für zehn Jahre erhalten zu wollen. Bei solchen Umsatzerwartungen je Angestellten würde jeder normale Handwerksbetrieb Pleite machen.

taz: Hat Rot-Grün die neuen Exportrichtlinien, die es - Anfang des Jahres formuliert hat, wirklich umgesetzt?

Nassauer: Nein - die Koalition hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Sie hat weder geklärt, wie sie das Parlament in die Exportpolitik einbeziehen, noch wie die Verwaltung die neuen Richtlinien umsetzen soll. Außerdem hat sie sich keine Gedanken gemacht, wie die neu eingeführten politischen Kriterien der nachhaltigen Entwicklung, der Gewaltprävention und der Menschenrechte praktisch umzusetzen sind. Damit ist der Industrie nicht klar, was sie exportieren kann. Und die Öffentlichkeit fragt sich, was an der neuen Politik restriktiver sein soll.

Interview: Cosima Schmitt

Otfried Nassauer, 44, leitet das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (http://www.bits-berlin.de). Der studierte Theologe ist in der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung engagiert.

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