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vom:
15.04.2000
Update: 19.04.2000


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  Reden/Kundgebungsbeiträge

mit Grußwort von zwei jugoslawischen Deserteuren

Rede in Oldenburg

Jens Ilse

Mein Name ist Jens Ilse und ich bin Mitarbeiter der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, der ältesten Organisation der Friedensbewegung in Deutschland.

Liebe Freundinnnen und Freunde, ich werde heute kurz im Namen der BürgerInneninitiative "Helm ab!" sprechen, die seit Anfang dieses Jahres in Oldenburg an einer Kampagne zur Aufnahme von Deserteuren aus Kriegsgebieten arbeitet, das heißt zumindest vorerst nur aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Auf der Rückseite des Ostermarschaufrufes findet sich übrigens ein kurzer Text dazu! - In der Bundesrepublik Deutschland, sowie in vielen anderen europäischen Nationen, wird bis zum heutigen Tage weitestgehend die Tragödie tausender junger Männer ignoriert, die sich durch Flucht der Beteiligung an Kriegen entziehen. In vielen Ländern, wie z.B. in der Türkei, Algerien, Russland oder Jugoslawien, werden Menschen für Kriege zwangsweise rekrutiert, an deren Sinn und völkerrechtlicher Legitimität sie nicht glauben. Die dortigen Verweigerer werden öffentlich diskriminiert, verfolgt und oftmals mit der Todesstrafe bedroht. Diese prekäre Situation in den Herkunftsländern zwingt viele Kriegsdienstverweigerer zur Flucht. Die Verweigerung wird jedoch zumeist nicht als Asylgrund anerkannt, was auch für die deutsche Rechtsprechung zutrifft. Von der derzeitigen rot-grünen Bundesegierung, die ihre Außenpoltik als "Friedenspolitik" feiert, gibt es bis jetzt keinerlei Anstrengungen, das Asylrecht in dieser Hinsicht zu ändern. Dieses ist umso mehr unmenschlich und zynisch, da während des Bombenkrieges der NATO im Kosovo und Serbien gegen die Zivilbevölkerung, sowie gegen den Miltärapparat Jugoslawiens, die NATO die Soldaten der jugoslawischen Armee und die wehrpflichtigen Männer über Flugblätter zur Fahnenflucht aufrief.

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Ostermär-
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In vielen Stadträten und Landtagen scheiterten im vergangenen Jahr Anträge zur Aufnahme von Deserteuren aus Jugoslawien an der Ablehnung von SPD, CDU und oftmals auch den GRÜNEN. Zumindest in Münster, Osnabrück und Bonn konnten BürgerInneninitiativen dafür sorgen, dass über ihre Städte Deserteure nach Deutschland eingeladen werden können. Wir verstehen dies als poltisches Signal für eine andere, menschlichere Flüchtlingspolitik, die in der Lage wäre, Kriege zu verhindern, zumindest zu erschweren, in dem sie den Kriegen den Boden entzieht. Wir als PazifistInnen wünschen uns, dass dies auch eine Anregung für Oldenburg sein wird.

Wir hören jetzt ein Grußwort an den Ostermarsch in Oldenburg von den zwei jugoslawischen Deserteuren Milan und Zoran, die sich zur Zeit in Münster befinden und heute leider nicht persönlich zu uns sprechen können.

Grußwort der zwei jugoslawischen Deserteure Milan und Zoran


Liebe Freunde,

wir möchten uns dafür entschuldigen, dass wir nicht an diesem Ostermarsch teilnehmen können, möchten aber die Gelegenheit nutzen, ein paar Dinge zu sagen, die uns wichtig erscheinen.


Zunächst ein paar Worte über die gegenwärtige Lage in Jugoslawien. Wir wissen nicht genau wie viele Wehrpflichtige es gibt, die vor oder während dem Krieg das Land verlassen haben oder militärische Befehle verweigert haben. Die Zahl wird auf etwa 20.000 Deserteure geschätzt. Sie werden verfolgt und nach dem Strafgesetzbuch bestraft. Sie sind dem Militärdienst oder dem Militärtraining ferngeblieben oder sind ins Ausland geflohen.


Die Kriegsdienstverweigerer werden in Jugoslawien zu 5-20 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Forderungen der UNO an Jugoslawien speziell in der Resolution 1244 beinhalten keine Gesetze zur Amnestie. Die oppositionellen politischen Parteien in Serbien beschäftigen sich nicht mit einer Amnestie für Kriegsdienstverweigerer. Sie ignorieren dieses Problem völlig. Für sie ist es nicht wichtig. In den Medien taucht das Thema auch nicht auf.


Aber anstatt weiter über die Probleme der anderen Deserteure und Kriegsdienstverweigerer zu sprechen wollen wir unsere eigene Geschichte erzählen.


Während der Bombardierung lebten wir in unserer Heimatstadt im Norden von Jugoslawien. Milan musste sich in der Wohnung seiner Eltern verstecken weil er den Kriegsdienst verweigert hatte. Überall waren Soldaten und Polizisten. Jeden Tag hörte ich neue Gerüchte über eine immer wahrscheinlicher werdende Generalmobilmachung.


Es war unmöglich diesem Terror zu widerstehen: Vom Himmel die Bomben und auf der Erde das Regime von Milosevice. Wir entschlossen uns die Flucht zu versuchen, illegal natürlich. Der sicherste Weg war über den Drina-Fluss rüber nach Bosnien. Am 4. Mai war es so weit, wir gingen über die Grenze. Am 5. Mai waren wir in Sarajevo. Die nächsten 6 Monate waren wir ständig unterwegs und auf der Flucht.


Während dieser Zeit fühlten wir uns wie Spielbälle die hin und her geworfen werden. Von Sarajevo über Budapest nach Tel Aviv, dann wieder zurück nach Budapest.


Die einzige Chance die wir für uns selbst während dieser Höllentour sahen war der Versuch nach Deutschland zu kommen. Wir wussten, dass die Chancen ein Visum zu bekommen sehr sehr klein waren, aber im Juni begannen wir es zu versuchen. Endlich, Ende Oktober klappte es. Am 14. November waren wir in Münster. Natürlich waren wir erschöpft, aber ich muss auch sagen, dass wir sehr viel Glück gehabt haben.


Es füllt auch uns nicht leicht uns vorzustellen in welch verzweifelter Lage sich Millionen von Flüchtlinge und Deserteure überall auf der Welt befinden. Umso schwerer und komplizierter muss es für den "normalen westlichen Bürger" sein, diese menschliche Tragödie zu erfassen.


Wir glauben, dass das was die Stadt Münster erreicht hat, ein grosser Schritt ist und ein Signal für lokale, regionale und auch staatliche Instanzen ist es auch so zu machen. Vielleicht kann die Stadt Münster als Vorbild dienen. Es geht nicht nur darum Menschenleben zu retten, es gibt ganz einfach dem Leben und der Suche nach Glück auf diesem verdammten Planeten einen Sinn.



E-Mail:  jens.ilse@mail.uni-oldenburg.de
Internet: http://www.nds-hb@dfg-vk.de
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