Ostermär-
sche 2000


vom:
25.04.2000

update:
10.05.2000


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Ostermärsche 2000 - Inhalt

 Echo/Presse

Presse vom 25. und 26.04.2000

verschiedene Zeitungen

Stuttgarter Nachrichten

Südwest-Presse (Ulm) 25.04.

Schweriner Volkszeitung (SVZ-online)

Berliner Zeitung -Politik

Berliner Zeitung -Lokales-

Berliner Zeitung -Lokales- Bln OM

Volksblatt Würzburg: / Main Post (Würzburg)

Main-Post (Frankfurt)-Lokales-

Frankfurter Neue Presse -Lokales-

Frankfurter Rundschau: -Lokales-

Bonner Rundschau

Main-Echo

Tagesspiegel -Vermischtes-

Junge Welt Inland

Junge Welt

Badische Zeitung -Lokales-

Westfälische Rundschau (Dortmund) -Lokales-

Kölner Stadtanzeiger (23.4.)

Stuttgarter Zeitung: "Griff in den Zügel" (26.4.)

Augsburger Zeitung: "Mit Osteraktion gegen den Krieg" (25.4.)

Südkurier, Lokalteil Überlingen: "Friedenstaube wieder zu Flügeln verholfen" (25.4.)



http://www.stuttgarter-nachrichten.de/dc1/html/news-stn/20000425
loka0027.htm


aus: Stuttgarter Nachrichten 25.04.

Ostermarsch für den Frieden war nicht nur friedlich

Blockade vor Eucom: Demonstrant schwer verletzt

Mehr als 1000 Menschen haben am Ostermontag am traditionellen Friedensmarsch in der Stuttgarter Innenstadt teilgenommen. Zu der landesweiten Protestaktion hatte das Friedensnetz Baden-Württemberg aufgerufen. Hauptkritikpunkt der Teilnehmer waren Kriegseinsätze der Bundeswehr außerhalb des Verteidigungsauftrags.

VON JÜRGEN BOCK

Bereits vormittags hatte der heiße Tag für die Friedensaktivisten begonnen. Ziel war die Kommandozentrale für US-Atomwaffen in Europa (Eucom) in Vaihingen. Rund 150 Demonstranten hatten zuerst einen Gottesdienst vor dem Gelände gefeiert. Anschließend blockierten etwa 50 Aktivisten die Haupteinfahrt.

"Die Polizei hat die Blockierer weggetragen, aber einigen ist es gelungen, ins Innere des Geländes vorzudringen, um dort einen Apfelbaum zu pflanzen", so Stefan Philipp von der deutschen Friedensgesellschaft. Erreichen wolle man mit der Aktion den Abzug von Atomwaffen aus Deutschland. Nach Polizeiangaben wurden 13 Eindringlinge in Gewahrsam genommen, dazu weitere 27 Blockierer. Bei der Räumung der Blockade wurde ein 30-jähriger Demonstrant durch ein Polizeipferd schwer verletzt.

Ohne Zwischenfälle verlief dagegen der Ostermarsch in der Innenstadt. Unter dem Motto "Bewegen für den Frieden - Ohne Krieg ins neue Jahrtausend" marschierten dort über 1000 Demonstranten vom Bahnhof zum Marktplatz. Über allen Köpfen thronte das Modell eines Eurofighters mit der Aufschrift "Den nächsten Krieg verhindern". Kirchliche Organisationen, Gewerkschaften und diverse Linksparteien waren nicht nur im Zug, sondern auch mit Infoständen vor dem Rathaus vertreten.

Auf der Bühne kritisierten die Redner vor allem den Bundeswehreinsatz im Kosovo. "Dieser Krieg gehört vor Gericht", forderte etwa Pfarrer Peter Häußer aus Tübingen. Zivile Konfliktbewältigung müsse im Vordergrund stehen, die Nato und die Bundesregierung dürften sich nicht anmaßen, Weltpolizei zu spielen. Kritisch kommentierte Themen waren aber auch der Machtgewinn der Wirtschaft in der Gesellschaft und die Aufnahme von Frauen in die Bundeswehr.

Ergänzt wurde die Kundgebung von einem bunten Rahmenprogramm. Schalmeien, Trommeln und Rasseln bliesen Sturm gegen den Krieg. Zum Schluss ließen die Demonstranten hunderte von Luftballons mit Friedensgrüßen steigen.





aus: Südwest-Presse (Ulm) 25.04.

Ostermarschierer

Protest gegen das Militär

Stuttgart/Müllheim: Bei Protestaktionen gegen Atomwaffen bei der europäischen Kommandozentrale der US-Streitkräfte (Eucom) in Stuttgart sind am Ostermontag etwa 40 Demonstranten vorübergehend in Polizeigewahrsam genommen worden. Einigen von ihnen droht eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung. Alle seien inzwischen wieder auf freiem Fuß, hieß es. Ein Mann ist durch einen Tritt eines Polizei-Pferdes verletzt worden. Eine Friedenskundgebung in der Stuttgarter Innenstadt, an der nach Polizeischätzungen rund 1000 Kriegsgegner teilgenommen hatten, verlief ohne größere Zwischenfälle.

Auch die Friedensdemonstration in Müllheim im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald vom Montagnachmittag, an der sich etwa 65 Personen beteiligten, war friedlich. Bei der Kundgebung in der Stuttgarter Innenstadt, zu der das Friedensnetz Baden-Württemberg aufgerufen hatte, forderten die Demonstranten erneut die Auflösung der so genannten Krisenreaktionskräfte der Bundeswehr. Schon die Bereitstellung schneller Eingreifkräfte, deren Auftrag in Kampfeinsätzen außerhalb der Bundesrepublik und des Bündnisgebietes liege, widerspreche Grundgesetz und Völkerrecht.

In Überlingen beteiligten sich nach Polizeischätzungen am Samstag etwa 300 Männer und Frauen am Internationalen Bodensee-Ostermarsch. lsw





Schweriner Volkszeitung (SVZ-online) 25.04.

Ostermärsche gegen Krieg und Gewalt

Protestaktionen an über 60 Orten mit Tausenden

Frankfurt/Main/Wittstock (AP/dpa) Mit Demonstrationen in Berlin, Hamburg und München gingen die Ostermärsche gestern zu Ende. Bundesweit zählte das Ostermarschbüro in Frankfurt am Main Märsche an über 60 Orten.

Dabei demonstrierten Anhänger der Friedensbewegung unter anderem gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr oder Panzerlieferungen an die Türkei sowie für Abrüstung und die Abschaffung von Atomwaffen.

Etwa 4.000 Menschen protestierten am Sonntag beim Ostermarsch in Fretzdorf bei Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) gegen das geplante "Bombodrom". Die Teilnehmer versammelten sich unter dem Motto "Gewalt hat keine Zukunft". Sie setzten damit den seit acht Jahren dauernden Protest gegen den in der Ruppiner Heide bei Wittstock geplanten 14.000 Hektar großen Bombenabwurfplatz der Bundeswehr fort. Zu dem Marsch hatten die Bürgerinitiative "Freie Heide" sowie Bündnis 90/Die Grünen aus Berlin und Brandenburg aufgerufen. Auch der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele nahm teil. Die Demonstranten erinnerten die rot-grüne Bundesregierung an früher gegebene Versprechen. Der Sprecher der Initiative, Benedikt Schirge, betonte, Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) lehne jedes Gespräch ab, obgleich seine Partei zu Oppositionszeiten 1993 gegen den Truppen-Übungsplatz gestimmt habe.

In Berlin demonstrierten rund 700 Menschen für den Frieden in aller Welt. Auf Spruchbändern und Flugblättern forderten sie "NATO raus aus dem Balkan", und "Keine deutschen Truppen ins Ausland, egal, unter welcher Helmfarbe".

Während eine Kundgebung in der Stuttgarter Innenstadt mit rund 1.000 Kriegsgegnern friedlich verlief, kam es vor der europäischen Kommandozentrale der US-Streitkräfte zu Krawallen. Etwa 150 Personen blockierten die Zufahrtswege. 13 Demonstranten durchschnitten den Zaun und drangen ins Gelände ein. Ihnen droht eine Anzeige.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Ostermärsche standen eine Fahrradstafette von Leipzig nach Schneeberg sowie Aktionen in der Colbitz-Letzlinger-Heide und in der Eifel.





Berliner Zeitung -Politik- 25.04.

Ostermärsche in mehr als 60 deutschen Städten

Gegen Militäreinsätze und Rüstungsexporte haben über Ostern mehrere zehntausend Menschen in Deutschland demonstriert. Wie das zentrale Ostermarsch-Büro in Frankfurt am Main mitteilte, fanden Aktionen in mehr als 60 Städten statt. Aus Vororten Frankfurts zogen mehrere hundert Menschen in vier Demonstrationszügen auf den Römerberg (Foto). In Stuttgart wurden 40 Kriegsgegner festgenommen, die in das Gelände der Europäischen Kommandozentrale der US-Streitkräfte eingedrungen waren.





http://www.berlinonline.de/aktuelles/berliner_zeitung/brandenbur
g/.html/25artik036070.html


Berliner Zeitung -Lokales-

4.000 Menschen folgten Aufruf zum Protest

Ostermarschierer lehnen geplantes "Bombodrom" ab

WITTSTOCK. Etwa 4.000 Demonstranten haben am Sonntag beim Ostermarsch in Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) gegen das dort geplante "Bombodrom" protestiert. Unter dem Motto "Gewalt hat keine Zukunft" setzten sie damit den seit acht Jahren andauernden Protest gegen den in der Kyritz-Ruppiner Heide geplanten 14.000 Hektar großen Bombenabwurfplatz der Bundeswehr fort.

Zu dem Marsch mit Volksfestcharakter hatten die Bürgerinitiative "Freie Heide" sowie Bündnis 90/Die Grünen aus Berlin und Brandenburg aufgerufen. Im vergangenen Jahr waren ebenfalls rund 4.000 Menschen zu dem "Osterspaziergang" gekommen. Die österlichen Proteste um das riesige Militärgelände gehören seit Jahren zu den größten Aktionen der Friedensbewegung in Deutschland. Die Demonstranten, die mit zahlreichen Transparenten gekommen waren, erinnerten die rot-grüne Bundesregierung an früher gegebene Versprechen, das Gelände nicht als Bombodrom zu nutzen.

Das umstrittene "Bombodrom" zwischen Wittstock, Rheinsberg und Neuruppin im Nordwesten Brandenburgs war nach dem Abzug der Russen 1993 von der Bundeswehr übernommen worden. Seit der Wende streiten die Bürgerinitiative, Kirchengemeinden und Nordbrandenburger mit der Bundeswehr um das Gelände. Die Bundeswehr plant dort einen Luft-Boden-Schießplatz mit jährlich rund 3 000 Flugeinsätzen. (dpa)





Berliner Zeitung -Lokales- Bln OM

Ostermarsch gegen Rüstung und Krieg

Rund 700 Menschen demonstrierten in Mitte

Zum Berliner Ostermarsch versammelten sich am Montag rund 700 Demonstranten. Ihr Protestmarsch gegen Rüstung und Krieg führte von der Gedenkstätte Neue Wache durch das Brandenburger Tor, am Auswärtigen Amt vorbei zum Roten Rathaus.

Unterstützt wurde die Demonstration von einem Bündnis von Friedens-, Antifa- und kirchlichen Gruppen sowie Gewerkschaften und der PDS. Zu den Forderungen der Prostierenden gehörten neben dem Verbot von Bundeswehr-Auslandseinsätzen und Waffenexporten auch der Ausstieg aus der Atomenergie, die Beendigung des Krieges in Tschetschenien und die Wiedergutmachung der durch die Nato-Luftangriffe in Jugoslawien verursachten Schäden.

Vor dem Hintergrund des Nato-Einsatzes im Kosovo hatten 1999 an dem traditionellen Ostermarsch der Berliner Friedensbewegung mehr als 25 000 Menschen teilgenommen. (dpa, ddp)





Volksblatt Würzburg: / Main Post (Würzburg)

Internationale Polizei soll Konflikte lösen

INNENSTADT (SPE)

Rund 100 Teilnehmer verfolgen am Samstag die Kundgebung zum Ostermarsch 2000 am Vierröhrenbrunnen.

"Nach dem Krieg ist vor dem Krieg" - unter diesem Motto stand am Samstag der diesjährige Würzburger Ostermarsch. Knapp 100 Interessierte waren dem Aufruf des Würzburger Bildungsbüros für Friedens- und Umweltfragen "ökopax" zu einer Kundgebung am Vierröhrenbrunnen gefolgt. In Bewegung setzten sich die Würzburger Ostermarsch-Teilnehmer indes nicht, wie das noch in früheren Zeiten dieser zur Tradition gewordenen Veranstaltung der Friedensszene der Fall war. Keine Überraschung war für die ökopax-Organisatorin Claudia Bischlager die seit dem letzten Jahr auf die Hälfte gesunkene Zahl der Teilnehmer: "Wenn kein Krieg ist, kommen nicht mehr Leute", weiß sie aus Erfahrung.

Den Kosovo-Krieg und seine Folgen riefen die beiden Redner des Tages, Alexander Linke und Thomas Schmelter - beide Mitglieder von ökopax -, dem Publikum noch einmal ins Gedächtnis. Der Krieg im Kosovo als das einschneidendste Ereignis im Europa der letzten Jahre bestimme heute und wohl auch in der nächsten Zeit das Handeln der politischen Akteure, so Linke. Besonders in der "Schaffung umfangreicher ziviler Instrumente zur Bearbeitung von Konflikten auf nationaler und europäischer Ebene" sah das ökopax-Mitglied ein politikfähiges Alternativkonzept zum in der Vergangenheit eingeschlagenen "Irrweg einer westeuropäischen Militärgroßmacht".

An die Stelle nationaler Militärkapazitäten sollte in Zukunft eine einsatzfähige internationale Polizei oder eine defensivfähige Militärtruppe der UNO in der Größenordnung von etwa 50 000 Mann treten. Noch einmal sollte die Öffentlichkeit eine solche "Kröte" wie den Militärschlag der Nato ohne UNO-Mandat nicht schlucken, sondern, wie Thomas Schmelter forderte, sie der rotgrünen Regierung "vor die Füße spucken". Für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung sorgte das Duo "Swing Brothers".





Main-Post (Frankfurt)-Lokales-

Nur 230 Teilnehmer beim Ostermarsch

Frankfurt. Die Zeit der großen Ostermärsche ist anscheinend vorbei: Gestern kamen auf dem Römerberg gerade mal 700 Demonstranten zu einer Kundgebung zusammen. Ihr Motto "Wir bleiben dabei: Schluss mit Rüstung und Krieg" klang dabei fast trotzig. Etwas ungewöhnlich mutet es dann an, wenn ein Sprecher des zentralen Ostermarschbüros in Frankfurt verkündet: "Die vielfältigen Aktionen haben gezeigt, dass die Friedensbewegung in allen Regionen eine aktive Basisbewegung ist." Und: "Ostermärsche bleiben ein wichtiger Bestandteil der demokratischen Kultur unseres Landes."

In Frankfurt beteiligten sich vormittags nur etwa 230 Menschen an einer Sternwanderung in die Innenstadt. Die Gruppen brachen aus vier verschiedenen Richtungen in die Innenstadt auf. Bei der zentralen Kundgebung auf dem Römerberg waren es nach Polizeiangaben dann etwa 700 Personen. Ein Ostermarsch vom Höchster Marktplatz aus wurde diesmal gar nicht erst versucht: In den vergangenen Jahren waren zum Teil nur drei oder vier Teilnehmer erschienen.





Frankfurter Neue Presse -Lokales-

Ostermarschierer 2000: In Frankfurt kamen gerade mal ein paar Hundert zusammen

Die Gewerkschaft hält das Fähnlein hoch

Von Dieter A. Graber

Frankfurt. Früher, als die Welt noch zweigeteilt war in gut und böse, die politische Großwetterlage einfach zu verstehen und alle sich nur eines wünschten: Friede auf Erden, da kamen sie Ostern zu Hunderttausenden auf die Straße und marschierten.

Gestern kam auf dem Römerberg ein versprengtes Häuflein zusammen, die Ostermarschierer 2000, die allein schon mit dem verbissenen Motto "Wir bleiben dabei: Schluss mit Rüstung und Krieg" demonstrierten, dass die hehren Ideale von einst zu leeren Sinnhülsen degeneriert sind.

Fast trotzig klingt es, wenn ein Sprecher des zentralen Ostermarschbüros in Frankfurt verkündet: "Die vielfältigen Aktionen haben gezeigt, dass die Friedensbewegung in allen Regionen eine aktive Basisbewegung ist." Und: "Ostermärsche bleiben ein wichtiger Bestandteil der demokratischen Kultur unseres Landes."

In der Tat: Die Friedensbewegung hat politisches Bewusstsein in Europa mehr gefördert als jegliche universitäre Bildung, als Gewerkschaften und Parteien zusammen. Entstanden ist sie vor 40 Jahren in London. Als geistiger Vater gilt der britische Philosoph Bertrand Russell, als Auslöser das "Göttinger Manifest" deutscher Atomforscher (siehe rechte Spalte). In der Bundesrepublik wurde der Gipfelpunkt 1983 erreicht: Mehr als 700 000 Teilnehmer zogen durch die Städte, um gegen den Nato-Doppelbeschluss zu demonstrieren.

Dagegen nehmen sich die "Erfolgsmeldungen" der Organisatoren in diesem Jahr bescheiden aus: In Frankfurt beteiligten sich vormittags 230 Menschen an einer Sternwanderung in die Innenstadt. An der zentralen Kundgebung nahmen nach Polizeiangaben 700 Menschen teil. In Kassel forderten 250 Demonstranten: "Deutsche Politik muss Friedenspolitik werden." Etwa 150 demonstrierten in Stuttgart vor der Europäischen Kommandozentrale der US-Streitkräfte (Eucom). In Berlin zogen mehrere Hundert durch die östliche Innenstadt. In Erlangen und Nürnberg demonstrierten knapp 130 Menschen "für ein Jahrhundert des Friedens und für Abrüstung". Und weiter: In Chemnitz waren es 400, in Bruchköbel 120, in Suhl 250. Durchs Ruhrgebiet radelten 100 Unverdrossene, gegen "Kriegsverherrlichung" protestierend, ebenso viele durch Sachsen. Nur in Wittstock, jener 14 000-Einwohner-Stadt im Kreis Ostprignitz-Ruppin, welche als Schlachtenort des Dreißigjährigen Krieges in die Geschichtsbücher einging, kamen 4000 unter dem Slogan "Gewalt hat keine Zukunft" zusammen.

Doch beim genaueren Hinsehen entpuppt sich auch dieser "Friedensmarsch" nicht als das, was zu sein er vorgibt: Die Bürgerinitiative "Freie Heide" setzte ihren Protest gegen einen dort geplanten Bombenabwurfplatz der Bundeswehr fort, im Volksmund kumpelhaft "Bombodrom" genannt. Die Oster-Proteste um das Militärgelände nördlich von Berlin sind seit acht Jahren ein Dauerbrenner und eher mit einem ökologischen denn einem pazifistischen Etikett zu versehen.

Es scheint, als habe das Interesse am Thema Frieden mit dem Ende des Ost-West-Konflikts deutlich abgenommen. Doch damit wäre das Phänomen falsch interpretiert. Es sind die Organisatoren selbst, die Trittbrettfahrer und Polit-Agitatoren, die der einst parteiübergreifenden Pazifistenveranstaltung die Unschuld genommen haben. Der peinliche Auftritt des PDS-Clowns Diether Dehm im vergangenen Jahr vor der Alten Oper, der deutsche Politiker als "Kriegsverbrecher" brandmarkte, der Vergleich Gerhard Schröders mit Adolf Hitler durch serbische "Ostermarschierer" und die Umwidmung der Friedensdemonstrationen in Protestveranstaltungen gegen Abschiebung, Rechts, Sozialabbau und Castortransporte haben ihre ursprüngliche Bedeutung gegen null reduziert.

Nachgerade fatal ist die Tatsache, dass offenbar nur noch Kriege in der Lage sind, der sterbenden Institution "Friedensmarsch" vorübergehend neues Leben einhauchen können - der Golfkrieg 1991 zum Beispiel oder der Kosovo-Krieg im vergangenen Jahr.

1968 ist das noch anders. Da gerät die Friedensbewegung für einen kurzen Moment ins Fahrwasser einer nationalen Erhebung, da entlädt sich studentischer Protest gegen Staat, Gesellschaft und Institutionen. 1400 Sympathisanten des wenige Stunden zuvor ermordeten Rudi Dutschke blockieren in der Mainzer Landstraße/Frankenallee den Societätsverlag, um die Auslieferung der hier gedruckten Springer-Zeitungen zu verhindern. Eine Welle oft gewaltsamer Demonstrationen schwappt über der Republik zusammen. In Frankfurt werden Vorlesungen, Gottesdienste und Theateraufführungen zu Diskussionsveranstaltungen umfunktioniert. Der Frankfurter SDS-Sprecher Udo Richmann fordert unverblümt, dass sich der Anschlag auf Dutschke "auf die Ostermärsche auswirken" müsse.

Doch zu diesem Zeitpunkt haben sich Original-Friedensmarschierer und 68er-Aktivisten längst nichts mehr zu sagen. Während die einen, durch die permanente Bedrohung in der Zeit des Kalten Krieges zu pazifistischem Bewusstsein gelangt, die Abschaffung aller Waffen fordern, sind die anderen längst zu der Überzeugung gekommen, Gewalt sei ein probates Mittel zur Verbesserung der Welt: Ihr Vorbild ist nicht Mahatma Gandhi, sondern Ernesto "Che" Guevara.

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass heute gerade 68er ins Fadenkreuz der Friedensmarschierer geraten sind: Außenminister Joseph Fischer oder Europa-Abgeordneter Daniel Cohn-Bendit, die Nato-Einsätze gegen Serbien befürworteten.

Inzwischen haben sich die Grünen von der Friedensbewegung abgesetzt, und auch in der SPD, die den Verteidigungsminister stellt, sieht man Panzerlieferungen an die Türkei oder den Bau des Eurofighters weniger ideologisch denn pragmatisch.

Nur die Gewerkschaften halten das Friedensfähnlein wacker in den blauen Osterhimmel und scheuen sich nicht, auch mal spontan Nebenkriegsschauplätze zu besetzen, etwa mittels Fahrrad-Demo nach Schneeberg, wo, wie es heißt, "das sächsische Kontingent der Krisenreaktionskräfte (KRK) stationiert" sei, "das in der Vergangenheit durch neonazistische Aktivitäten, wie z. B. Gewaltvideos in der Öffentlichkeit, bekannt wurde". Immerhin verfügt der DGB sogar über eine Ostermarsch-E-Mail-Adresse: Frieden-und-Zukunft@t-online.de.

Aber auch den Gewerkschaften laufen ja bekanntlich die Sympathisanten weg. Wer wird in Zukunft der Sachwalter des Friedens sein?





http://www.fr-aktuell.de/fr/181/t181008.htm

Frankfurter Rundschau: -Lokales-

DGB fordert eine Friedenspolitik der rot-grünen Bundesregierung

Schlusskundgebung des Ostermarsches auf dem Römerberg: Kritik am Sparpaket von Bundesfinanzminister Hans Eichel

Bei der Ostermarsch-Kundgebung vor dem Römer stand die Außenpolitik der rot-grünen Bundesregierung im Zentrum der Kritik. Mehrere Redner forderten, die Auslandseinsätze der Bundeswehr und die Rüstungsexporte zu beenden sowie das Embargo gegen Jugoslawien aufzuheben. Während die Veranstalter von 1.500 Teilnehmern sprachen, zählten Polizei und Beobachter rund 700 Ostermarschierer.

Während der Kundgebung auf dem Römerberg am Ostermontag wandte sich Sabine Leidig, Vorsitzende des DGB Mittelbaden, gegen die Umrüstung der Bundeswehr für weltweite Einätze. Damit sollten deutsche Interessen in aller Welt gesichert werden, vor allem der Zugang zu Rohstoffen und Märkten. An die Adresse der Bundesregierung richtete Leidig den Appell, den Einsatz deutscher Soldaten im Kosovo zu stoppen und Rüstungsexporte einzustellen. Gemeint war damit der Verkauf von Panzern an die Türkei und von Panzerspähwagen an Saudi-Arabien. Aufgabe der Friedensbewegung sei es, "dem Aufrüstungswahnsinn entgegenzutreten" und ein "neues Abrüstungsbewusstsein zu wecken", sagte die Gewerkschafterin.

Der Krieg im Kosovo habe vornehmlich der Wirtschaft genützt. Für die US-Rüstungsindustrie, so Leidig, "war der Krieg ein Bombengeschäft". 40 Milliarden Mark habe die Intervention verschlungen. Mit den Ausgaben für einen einzigen Kriegstag hätten ein Jahr lang 4000 Arbeitsplätze und 4000 Ausbildungsplätze finanziert werden können. Kritik übte Leidig am Sparpaket von Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD). Das Arbeits- und Sozialministerium müsse 70 Milliarden Mark einsparen. Dagegen bleibe der Verteidigungsetat "unverändert hoch".

Während Leidig bemängelte, dass Teile der Gewerkschaftsbewegung keine klare Antikriegshaltung einnähmen, sprach DGB-Landeschef Dieter Hooge davon, "dass der DGB Hessen uneingeschränkt die Ostermärsche unterstützt". "Die rot-grüne Bundesregierung muss die friedenspolitische Wende einleiten", sagte Hooge zur "zentralen Botschaft" des Ostermarsches. Er könne sich nicht damit abfinden, dass Deutschland sich am Kosovo-Krieg beteiligt habe und deutsche Soldaten auf den Balkan entsandt worden seien. In einem Flugblatt verlangte das Ostermarschbüro ferner, das Embargo gegen Jugoslawien aufzuheben und Wiederaufbauhilfe aus dem Verteidigungsetat zu bezahlen.

Mahmut Seven von der Förderation kurdischer Vereine in Deutschland forderte die türkische Regierung auf, den Friedensprozess in Kurdistan voranzutreiben. Die PKK habe bekanntlich ihre Truppen zurückgezogen und unternehme "alle Anstrengungen", um zu einer Friedenslösung zu kommen. Seven forderte die Bundesregierung auf, dass PKK-Verbot in Deutschland aufzuheben. vo





Bonner Rundschau:

Frankfurt/Main (dpa) - Gegen Militäreinsätze und Rüstungsexporte haben über Ostern mehrere zehntausend Menschen in Deutschland demonstriert. Wie das zentrale Ostermarsch-Büro in Frankfurt am Montag mitteilte, fanden Aktionen in mehr als 60 Städten statt. Die meisten Menschen beteiligten sich an den Kundgebungen in der Wittstocker Heide bei Berlin. Dort protestierten 4.000 Männer und Frauen gegen einen geplanten Bombenabwurfplatz der Bundeswehr.

In Stuttgart wurden am Montag zehn Kriegsgegner festgenommen, die auf das Gelände der Europäischen Kommandozentrale der US-Streitkräfte (Eucom) eindrungen waren. Andernorts forderten die Ostermarschierer ein Verzicht auf Auslandseinsätze der Bundeswehr, das Verbot von Rüstungsexporten, Abrüstung und Abschaffung aller Atomwaffen. Ein anderer Schwerpunkt der diesjährigen Ostermärsche war das Gedenken an den Kosovo-Krieg vor einem Jahr. Die Teilnehmer der Demonstrationen, Fahrradstaffeln, Kundgebungen und Sternmärschen an den vier Feiertagen forderten die Aufhebung des Embargos gegen Jugoslawien und Wiederaufbauhilfe aus dem Verteidigungsetat. Die Demonstranten kritisierten massiv die Politik der Bundesregierung: Sie erinnerten SPD und Grüne an ihre früheren Positionen wie das Nein zu Eurofighter und Rüstungsexporten.

"Die vielfältigen Aktionen haben gezeigt, dass die Friedensbewegung in allen Regionen eine aktive Basisbewegung ist", bilanzierte ein Sprecher des Ostermarschbüros. "Ostermärsche bleiben ein wichtiger Bestandteil der demokratischen Kultur unseres Landes."

Am Ostermontag, zum Abschluss der Protestmärsche - die eine 40- jährige Tradition haben - gingen in vielen Großstädten Anhänger der Friedensbewegung auf die Straße. Die Teilnehmerzahlen waren nach Darstellung der Polizei jedoch gering. Etwa 150 Männer und Frauen demonstrierten in Stuttgart vor der Eucom und blockierten mehrere Stunden lang die Zufahrtswege. Zehn Kriegsgegner drangen auf das Gelände der Eucom vor. Die Festgenommenen wurden wegen Hausfriedensbruch angezeigt.

In Frankfurt/Main beteiligten sich 230 Menschen an einer Sternwanderung in die Innenstadt. An der zentralen Kundgebung auf dem Römerberg nahmen nach Polizeiangaben 700 Menschen teil. Sie stand unter dem Motto "Wir bleiben dabei: Schluss mit Rüstung und Krieg". In Berlin zogen mehrere hundert Demonstranten durch die östliche Innenstadt. Ihr Protestmarsch gegen Rüstung und Krieg führte durch das Brandenburger Tor zum Berliner Rathaus.

Die Veranstaltungen hatten am Karfreitag begonnen. In Chemnitz demonstrierten rund 400 Kriegsgegner unter dem Motto "Kein Krieg! Nirgends". Unter dem Motto "Gewalt hat keine Zukunft" kamen rund 4 000 Teilnehmer zum Ostermarsch nach Wittstock (Kreis Ostprignitz- Ruppin). Die Bürgerinitiative "Freie Heide" setzte den seit acht Jahren dauernden Protest gegen einen dort geplanten Bombenabwurfplatz der Bundeswehr fort. Die Oster-Proteste um das Militärgelände nördlich von Berlin gehören seit Jahren zu den größten Aktionen der Friedensbewegung in Deutschland.





http://www.main-echo.de/HTML/lok/han/2504demo.html

Main-Echo

Gegen Aufbau von Angriffsarmeen wenden

Staatsrechtler und Pazifist Andreas Buro sprach beim 18. Ostermarsch in Bruchköbel

Main-Kinzig-Kreis. Neue Aufgaben für die Friedensbewegung hat nach Ansicht des Staatsrechtlers und Pazifisten Andreas Buro der Wandel des weltpolitischen Klimas nach dem Ende des Ost-West-Konflikts gebracht. Vor dem Hintergrund einer neuen Aufrüstungspolitik und wachsender Bereitschaft zum militärischen Engagement unter Führung der NATO sei die Entwicklung gewaltfreier Formen zur Krisenbewältigung wichtiger denn je, sagte Buro beim 18. Ostermarsch in Bruchköbel am Karfreitag unter dem Beifall von knapp 100 Zuhörern.

An die ersten Ostermärsche vor 40 Jahren fühlte sich der renommierte Friedenskämpfer und Vorreiter der Abrüstungsbewegung angesichts der Szene im Bruchköbler Stadtzentrum erinnert. Später zum Instrument der Außerparlamentarischen Opposition (APO) avanciert, sei die Initiative der ersten Ostermarschierer in gleicher Weise dem Wunsch nach Frieden entsprungen wie die Motivation der antimilitaristischen Bewegung des beginnenden 21. Jahrhunderts. Nicht die Nuklearaufrüstung in Ost und West wie in den 70er und frühen 80er Jahren, sondern die neue Militärpolitik mit ihren Modellen für Interventionsstrategien fordere heutzutage den politischen Einsatz der Friedfertigen. Aus Sicht des gestandenen Pazifisten wurde die freie Welt von der politischen Entwicklung nach Ende des so genannten »nuklearen Patts« völlig überrascht.

Kaum jemand habe zunächst erkannt, dass sich die NATO im Zuge der »Globalisierung« als weltweite Führungsmacht etabliert habe, die Führbarkeit von Kriegen und die Effektivität militärischer Konfliktlösungen wieder offen diskutiert werde. Mittlerweile habe Deutschland auf dem Balkan seinen »ersten Interventionskrieg« geführt, betonte Buro; und weite Teile der Bevölkerung akzeptierten dieses Vorgehen. Gleichzeitig schwinde der Widerstand der Völker gegen den globalen Führungsanspruch der USA, vor allem in militärischer Hinsicht. Eine eigenständige westeuropäische Sicherheitspolitik nannte der Staatsrechtler eine Illusion.

Neuerliche Rüstungsexporte, etwa die Lieferung von 1000 hochmodernen Leopard-Panzern aus Deutschland an die Türkei, wertet Buro als weiteres Indiz für weltweite Militarisierung der Politik. Der Aufbau sogenannter Krisenreaktionskräfte, die weltweit eingesetzt werden können, sei nicht nur in Deutschland ein fataler Schritt in die falsche Richtung. Im Gegenzug zu derartigen Bestrebungen müsse die Friedensbewegung Modelle für gewaltfreie Konfliktlösungen entwickeln, sich konsequent gegen den Aufbau von Angriffsarmeen wenden und die »neuen Ideologien« hinter den militärischen Strategien immer wieder in Frage stellen. Gegen Rüstungsexporte und den Einsatz militärischer Gewalt gegen unliebsame Kräfte zu vorgeblich humanitären Zwecken richteten sich auch die Beiträge weiterer Redner der Bruchköbeler Kundgebung, die unter Federführung des Friedensbeirates im Main-Kinzig-Kreis und anderer gesellschaftlicher Organisationen stattfand.

Gabriele Röhrig stellte eine Initiative der DGB-Frauen in Baden-Württemberg gegen die Waffendienst von Frauen in der Bundeswehr vor. DGB-Kreisvorsitzender Ferdinand Hareter griff zur Gitarre und steuerte traditionelle und selbstgetextete Friedenslieder bei. Friedhelm Winkel berichtete über die Bemühungen des Friedensbeirats, ehemaligen NS-Zwangsarbeitern angemessene finanzielle Entschädigungen zuteil werden zu lassen. Sowohl auf Bundesebene wie im Main-Kinzig-Kreis seien Wirtschaft und Politik nur zu Wiedergutmachungen bereit, um sich von Schuld »freizukaufen« und selbst Rechtssicherheit gegenüber weiteren Ansprüchen zu erlangen. Von wirklichen Schuldeingeständnissen könne in diesem Zusammenhang nicht die Rede sein.

Traditionsgemäß endete der Bruchköbler Ostermarsch mit einem kurzen Demonstrationszug durch die Innenstadt, der ohne nennenswerte Zwischenfälle verlief. Der Friedensmarsch mündete in ein »Friedensfest« an der »Dicken Eiche«.

Die Ostermarsch-Bewegung entstand vor 40 Jahren in London. In ihren Hoch-Zeiten demonstrierten Hunderttausende gegen die atomare Rüstung. Als geistiger Vater gilt der britische Philosoph Bertrand Russell. Mit Ende des Kalten Krieges verloren die traditionellen Ostermärsche für den Frieden das Interesse der breiten Öffentlichkeit. Mit dem Golfkrieg 1991 und dem Kosovo-Krieg 1999 bekam die Bewegung kurzfristig neuen Auftrieb.





http://www.tagesspiegel.de/archiv/2000/04/24/ak-be-po-12729.html

Tagesspiegel -Vermischtes-

Mit der roten Flagge gegen deutsche Waffenexporte

Weitaus geringere Beteiligung an der Traditionsdemo als 1999

Tobias Arbinger

Am traditionellen Ostermarsch durch die Berlin Innenstadt haben sich gestern Nachmittag weitaus weniger Menschen beteiligt als vor einem Jahr - damals rührte die Bund eswehrbeteiligung am Kosovo-Krieg die Menschen auf. Etwa 1500 Menschen beteiligten sich nach einer Zählung der Veranstalter an der Demo von der neuen Wache zum Brandenburger Tor über die Behrenstraße zum Roten Rathaus, wo es abschließend eine Kundgebung gab. Von 600 Teilnehmern sprach die Polizei. 1999 demonstrierten schätzungsweise 12 000 Menschen gegen den Krieg auf dem Balkan.

Zu der gestrigen Veranstaltung aufgerufen hatte ein Bündnis von knapp 40 Gruppen, darunter die IG-Medien, die Jusos, die PDS, DKP und die Antifa. Die Grünen, die wegen ihrer Unterstützung des Nato-Einsatzes im Kosovo von Seiten der Friedensbewegung heftige Kritik einstecken mussten, waren nicht dabei. Sie beteiligten sich am Sonntag an einem Ostermarsch gegen den Bombenabwurfplatz der Bundeswehr in der Kyritz-Ruppiner Heide in Brandenburg.

Blaue Luftballons, rote Fahnen, einige Jugoslawien-Flaggen sowie Spruchbänder mit Aufdrucken wie "Schluss mit dem Waffenexport - Geld für den Öffentlichen Dienst, nicht für Krieg und Konzerne", "Arbeitsplätze statt Kriegseinsätze" und "Weder Waffenbau noch Bildungsklau" bestimmen das Bild des Umzugs. Ein dünnstimmiger Chor aus Antifa-Aktivisten singt "Viva la revolution". Aus dem Lautsprecherwagen dröhnen Hymnen des Befreiungskampfes in Lateinamerika wie "Commandante Che Guevara", am Ende des Zuges ist Nina Hagen mit "Du hast den Farbfilm vergessen" zu hören.

Unter den Linden flanierende Touristen bestaunen die Demonstranten, die zum Teil mit Fahrrädern und Kinderwagen über die Straße ziehen. "Hier werden gute Forderungen aufgestellt", findet die 19-jährige Susanne, eine von wenigen jugendlichen Teilnehmern. In ihrer Schule habe sie Unterschriften gegen deutsche Rüstungsexporte gesammelt. "Da wäre es halbherzig, nicht hier zu sein", sagt sie. Ein schätzungsweise 40-jähriger Jurist ist etwas betrübt, dass "viele alte Freunde nicht hier sind". Nach dem Studium hätten sich bei vielen Ex-Kommilitonen die Schwerpunkte wohl "Richtung Bausparvertrag und Familienplanung" verlagert, sagt der langhaarige Mann in Batikhosen. Er sei auch in "Erinnerung an alte Zeiten" hergekommen. Immer noch spricht er vom "BRD-Imperialismus".

Der 23-jährige Tobias mit blond gefärbten, zerstrubbelten Haaren erinnert daran, dass mit dem Kosovo-Einsatz Grundgesetz und UN-Charta gebrochen worden seien und dass die Bundesrepublik zu den größten Waffenexporteuren der Welt zähle. Er zieht mit der Flagge der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend durchs Brandenburger Tor. "Wir bringen uns in Erinnerung", sagt eine 63-jährige Bibliothekarin. Über die Friedensbewegung sei sie vor Jahren zur Alternativen Liste gekommen. Als Kind habe sie noch selbst Bombennächte erlebt. Vergangenes Jahr trat sie nach der Zustimmung der Grünen zum Nato-Angriff auf Jugoslawien aus Protest aus. "Sentimental" sei sie von Parteifreunden genannt worden. Als der Zug am Außenministerium auf dem Friedrichswerder vorbeikommt, wird gerufen: "Nato zerschlagen, Fischer verjagen".

Der Vorstandssprecher der Berliner Grünen Andreas Schulze erinnerte gestern daran, dass sich seine Partei schon seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr am Berliner Ostermarsch beteilige - mit der Ausnahme 1999. Die Bündnisgrünen kritisieren, dass von den Organisatoren des Ostermarsches zu viele Forderungen auf einmal gestellt würden. Für konkrete Projekte - wie gegen das Wittstocker "Bombodrom" - ließen sich die Menschen besser "mobilisieren".





Junge Welt Inland, 25.04.2000

Polizeispaß beim Berliner Ostermarsch

Trotz mäßiger Beteiligung kamen mehr als in manch anderen Jahren

»Schade, daß sich nicht mehr Menschen trauen, heute ein Zeichen gegen Krieg und Faschismus zu setzten«, äußerte eine sichtlich betroffene ältere Teilnehmerin auf dem diesjährigen Ostermarsch in Berlin.Mit einer Teilnehmerzahl von mehr als tausend Menschen, so die Organisatoren, blieb der Marsch am gestrigen Ostermontag weit hinter der Beteiligung des letzten Jahres zurück. Während des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der NATO gegen Jugoslawien fanden sich mehr als 25 000 Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner zusammen, um ihren scharfen Protest dagegen zu artikulieren. Der bis 1998 andauernde Trend - es beteiligten sich bis dato oft nicht mehr als einige hundert Menschen - konnte jedoch gebrochen werden. Seit Anfang der sechziger Jahre verstanden sich die Ostermärsche als Großkundgebungen der bundesdeutschen Friedensbewegung, häufig mit Zehntausenden Beteiligten.

Bei sonnigem Wetter und guter Stimmung führte der Demonstrationszug von der Neuen Wache durch das Brandenburger Tor, vorbei am entstehenden Holocaust- Mahnmal und dem Regierungsviertel, vor das Rote Rathaus. Dort fand eine bis in den späten Nachmittag andauernde Kundgebung mit Rednerinnen und Rednern, Livebands und zahlreichen Ständen statt. Das Konzert richtete sich gegen die drohende Hinrichtung des afroamerikanischen Journalisten und engagierten Kriegsgegners Mumia-Abu Jamal in den USA.

Gegenüber junge Welt sprach ein Vertreter der Berliner Polizei von 600 Demoteilnehmern, nebenbei lobte er die »gute Musik« und das »friedliche Verhalten der Demonstranten«. Trotz alledem begleitet ein massives Polizeiaufgebot den Marsch.

Die in vielen Städten durchgeführten Ostermärsche richtete sich diesmal insbesondere gegen Waffenexporte ins Ausland, die Militarisierung der deutschen Außenpolitik und die Gangart von Industrie und Regierung gegenüber den NS- Zwangsarbeiterinnen und -Zwangsarbeitern.

Zu den Aufrufern des Berliner Marsches zählten unter anderem die IG Medien Berlin, die DKP, die Berliner Anti- NATO-Gruppe (B.Ä.N.G.), die PDS, der BdA und der Arbeitslosenverband Neukölln.

Arian Wendel/Andreas Siegmund-Schultze





Junge Welt 25.04.

Atomwaffen abschaffen

Ostermarsch im Ruhrgebiet: Keine Bundeswehrsoldaten ins Ausland

Der Fahrradkorso, der am Sonntag morgen vom Willy-Brandt- Platz in Essen gestartet war und nach Stationen in Gelsenkirchen, Wattenscheid und Herne in Bochum eintreffen sollte, war bereits seit einer Stunde überfällig. Unruhige Blicke gingen gen Himmel, an dem dunkle Wolken aufzogen, während drinnen im Kulturbahnhof Langendreer das Duo »Groove and Snoop« den ungeduldig Wartenden die Zeit mit erdigem Blues vertrieb.

Das Friedensradeln von Essen nach Bochum am Ostersonntag hat Tradition. Wie in den Vorjahren fand der Ostermarsch im Ruhrgebiet an drei Tagen an verschiedenen Orten statt. »Eine Welt ohne Krieg, ohne Waffen wollen wir«, lautete das diesjährige Motto. Auftakt war ein gut einstündiger Marsch durch Duisburg am Samstag, an dem rund 200 Menschen teilgenommen haben.

Dem folgte am Ostersonntag ein luftballongeschmückter Radkorso, der zwar mit einiger Verspätung, aber noch rechtzeitig vor den ersten Regentropfen in Bochum- Langendreer eintraf. Rund 100 Menschen haben zwischenzeitlich mitgestrampelt. Doch das letzte Etappenziel haben nur 40 Friedensradfahrer erreicht. »So viele waren es im letzten Jahr auch. Doch 1999 tobte der NATO-Krieg in Jugoslawien. Heute fehlt, Gott sei Dank, ein solch mobilisierender Anlaß«, sagte Felix Oekentorp, Geschäftsführer vom Landesverband NRW der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner, der mit der Beteiligung ganz zufrieden war.

Die inhaltlichen und strategischen Perspektiven der Friedensbewegung waren beherrschendes Thema an diesen drei Tagen. Ein Hauptkritikpunkt war die Militarisierung der deutschen Außenpolitik und die Auslandseinsätze der Bundeswehr, besonders im jüngsten NATO-Krieg gegen Jugoslawien. »Aktuell bleibt, daß deutsche Soldaten außerhalb der Grenzen der BRD nichts zu suchen haben«, forderte etwa der PDS-Stadtverordnete Thorsten Janoff am Mahnmal für ermordete AntifaschistInnen am Sonntag im Stadtgarten von Gelsenkirchen.

Zweites großes Thema war die Forderung nach Abschaffung aller Atomwaffen. Viele Redner erinnerten daran, daß in Deutschland noch immer Atomwaffen zum Einsatz bereitgehalten werden, beispielsweise auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel. Die Abrüstung dieser Massenvernichtungswaffen sei bedroht, weil die USA nicht bereit seien, elementare Verträge wie den Atomteststopp- Vertrag zu unterzeichnen. Statt dessen werde an einem neuen Raketenabwehr-System gearbeitet, das ein neues atomares Wettrüsten in Gang setze. »Deswegen müssen Atomwaffen wieder auf der Tagesordnung der Friedensbewegung stehen«, forderte auch Rainer Braun, Geschäftsführer der Naturwissenschaftler-Initiative »Verantwortung für Friedens- und Zukunftsfähigkeit« bei einer Podiumsdiskussion im Kulturbahnhof Langendreer. Das Thema Atomwaffen biete die Chance, neue breite Bündnisse zu schließen, etwa mit Umwelt-, Internationalismus- und Menschenrechtsorganisationen. So könne wieder mehr politischer Druck von der Straße entwickelt werden.

Abschluß und Höhepunkt des Ostermarsches Ruhr 2000 war ein Friedensmarsch, der am Montag in Bochum-Werne begann und in Dortmund mit einem Friedensfest und einem umfangreichen Kulturprogramm vor und im Dortmunder Schauspielhaus endete. Rund 200 Menschen beteiligten sich an dem dreistündigen Friedensmarsch. In Dortmund selbst besuchten nochmals rund 300 Menschen das Friedensfest.

Martin Höxtermann, Bochum





Badische Zeitung -Lokales-

Ostermärsche landauf, landab

Friedlicher Protest gegen den Krieg

STUTTGART/MÜLLHEIM (lsw/go). Bei Protestaktionen gegen Atomwaffen bei der europäischen Kommandozentrale der US-Streitkräfte (Eucom) in Stuttgart sind am Ostermontag 40 Demonstranten vorübergehend in Polizeigewahrsam genommen worden. Einigen von ihnen droht eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung.

Ohne Zwischenfälle verlief dagegen die Demonstrationen in Müllheim, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. Dort hatte der örtliche Friedensrat seine Aktionen unter das Motto "Frieden ist das Mindeste" gestellt. An der Kundgebung vor der Robert-Schuman-Kaserne der Deutsch-Französischen Brigade und am anschließenden Marsch durch die Stadt beteiligen sich etwa 65 Personen. Dabei nannte Friedensrat-Sprecher Ulrich Rodewald die Deutsch-Französische Brigade "keine Einrichtung der Völkerverständigung, sondern der Völkervernichtung". An die Stadt Müllheim appellierte er, jene zu unterstützen, die sich dem Krieg entziehen, sei es durch Desertation aus den Armeen kriegführender Länder oder durch Kriegsdienstverweigerung.

Auch in Mannheim versammelten sich Friedensaktivisten, die jedoch nach Stuttgart fuhren, um an der dortigen Kundgebung teilzunehmen. Die Demonstranten forderten dabei erneut die Auflösung der so genannten Krisenreaktionskräfte der Bundeswehr. Schon die Bereitstellung schneller Eingreifkräfte, deren Auftrag in Kampfeinsätzen außerhalb der Bundesrepublik und des Bündnisgebietes liege, widerspreche dem Grundgesetz und dem Völkerrecht.

Bei den Aktionen am Gelände der US-Streitkräfte, zu der die Organisation "Ohne Rüstung Leben" aufgerufen hatte, beteiligten sich etwa 150 Personen. 27 Demonstranten seien der Aufforderung der Polizei nicht gefolgt, die Zufahrt freizumachen. 13 Demonstranten durchschnitten den Zaun und drangen auf das Gelände vor. Alle wurden kurzfristig festgenommen. Ein von einem Polizeipferd verletzter Demonstrant wurde behandelt. In Überlingen beteiligten sich am Samstag 300 Männer und Frauen am Internationalen Bodensee-Ostermarsch. Die Veranstaltung stand unter dem Motto "Gegen NATO - Gegen den Missbrauch der Menschenrechte". In Basel kamen 80 Menschen zusammen.





Westfälische Rundschau (Dortmund) -Lokales-

Erster Ostermarsch-Halt in Lüdo: 200 Luftballons über dem Ortskern

Lütgendortmund. (Ri) 200 bunte Luftballons stiegen gestern über dem Heinrich-Sondermann-Platz auf. "Wir haben vorher 1000 Flugblätter im Ort verteilt, damit keiner denkt, das wäre eine lustige Party," so Traute Sander von der Lütgendortmunder Friedensgruppe beim Zwischenstopp des Ostermarsches Ruhr.

"150 Menschen sind heute Morgen in Werne aufgebrochen. Jetzt sind einige hinzugekommen. Ich schätze es sind 200 Personen", so Karl-Heinz Danowski, der Einsatzleiter der Polizei. "Ich fände es gut, wenn mehr Leute mitgingen. Das Thema Frieden ist einfach wichtig," sagte Rahel Lemke (15), die sich der Gruppe erst in Lütgendortmund anschloss und von dort bis zum Schauspielhaus am Hohen Wall mitmarschierte, um beim Friedensfest dabei zu sein.

"Unsere Gruppe ist erst seit 1999 wieder aktiv. Wir treffen uns immer dienstags, um 19 Uhr, im Café Blickpunkt", so Sander, die darauf aufmerksam machte, dass der Marsch zum ersten Mal in Lütgendortmund Station machte. Kurz nachdem die Teilnehmer auf dem Platz eingetroffen waren, startete die Luftballon-Aktion. Jeder füllte eine vorbereitete Postkarte mit dem Schriftzug "Ostermarsch Ruhr - Ich bin dabei, weil ..." aus und auf Kommando stiegen die Botschaften gegen 12.30 Uhr in die Luft.

"Die Karte ist nur ein Zeichen. Die muss niemand zurückschicken, wenn er sie findet", sagte Sander.





Kölner Stadt-Anzeiger 23.4.

Mehr als tausend Teilnehmer bei Ostermärschen gegen Krieg und Gewalt

Frankfurt/Main (dpa) - Mehr als tausend Teilnehmer haben am Samstag bundesweit auf Ostermärschen gegen Krieg und Gewalt demonstriert. Die Protestaktionen blieben nach Angaben der Polizei und des zentralen Ostermarschbüros in Frankfurt friedlich. Demonstrationen gab es in 15 Städten von Basel bis Rostock. Am Ostersonntag und am Montag werden die Aktionen fortgesetzt.

In München zogen am Samstag mehrere hundert Demonstranten unter dem Motto "Wir bleiben dabei: Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen" in Richtung Marienplatz. Dort erinnerten bei einer Kundgebung Redner an den Kosovokrieg vor einem Jahr. In Augsburgs Fußgängerzone gab es eine Kundgebung, Infostände und eine Ausstellung mit etwa 80 Beteiligten. Etwa 300 Männer und Frauen nahmen in Überlingen am Internationalen Bodensee-Ostermarsch teil.

Auch die Suhler Friedensinitiative erinnerte an den Militäreinsatz der Nato gegen Jugoslawien vor einem Jahr. In Leipzig waren bereits am Karfreitag 100 Fahrradfahrer gestartet. Sie fuhren am Samstag von Chemnitz aus in Richtung Aue. In Rostock versammelten sich rund 100 Teilnehmer zum fünften Ostermarsch durch die Hansestadt. In Nordrhein-Westfalen demonstrierten in Wedel etwa 150 Menschen für Frieden und Abrüstung. In Duisburg kamen 100 Kriegsgegner zusammen. In Saarbrücken folgten 150 Menschen dem Aufruf zum Ostermarsch und in Mainz zählte die Polizei etwa 100 Teilnehmer.

Die Ostermarsch-Bewegung war vor etwa 40 Jahren in London entstanden. In ihrer Hoch-Zeit demonstrierten Hundertausende gegen die atomare Rüstung. Als geistiger Vater gilt der britische Philosoph Bertrand Russell. In diesem Jahr protestiert die Friedensbewegung vor allem gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr, Panzerlieferungen an die Türkei oder den Eurofighter. Die Teilnehmer sind für die Abschaffung aller Atomwaffen, die Aufhebung des Embargos gegen Jugoslawien und Abrüstung. Bei den Veranstaltungen wird nach Angaben des zentralen Ostermarschbüros auch daran erinnert, dass dies auch Forderungen im vergangenen Bundestagswahlkampf von SPD und Bündnis 90/Die Grünen gewesen seien.

Von Karfreitag bis Ostermontag sind in mehr als 60 deutschen Städten Demonstrationen, Fahrradstaffeln und Sternmärsche geplant. Am Ostersamstag gab es auch Aktionen in Braunschweig, Bremen, Lüdenscheid, Schwerin und Überlingen. Schwerpunkt am Ostersonntag sind die Städte Fretzdorf (Brandenburg/Ruppiner Heide) und Haldensleben (Sachsen-Anhalt/Colbitz-Letzlinger Heide). In Fretzdorf wird der Gießener Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter als Redner auf einer Kundgebung erwartet.





Stuttgarter Zeitung, 26.4.2000

Polizei: Filmaufnahmen beweisen den Griff in den Zügel

Tritt des Polizeipferdes auf Demonstranten wird komplett analysiert - Die Situation ist nie außer Kontrolle geraten

Bei dem Zwischenfall vor der europäischen Kommandozentrale der US-Streitkräfte (Eucom) in Vaihingen hat ein Unbekannter in den Zügel des Polizeipferdes gegriffen, das einen Demonstranten schwer verletzte. Dies belegen laut Polizei Videoaufnahmen.

Von Eberhard Renz

"Die Aufnahmen waren in der Landesschau zu sehen", sagt Polizeisprecher Günter Loos. Die Staatsanwaltschaft habe den Südwestrundfunk ersucht, das Material freizugeben. Laut Loos konnte noch nicht ermittelt werden, wer das Unglück verursacht habe.

40 Menschen hatten die Einfahrt zu dem US-Militärgelände blockiert. Als die Blockierer die Zufahrt nicht freigaben, begannen die Einsatzkräfte, die Demonstranten von der Fahrbahn zu tragen. Zwei Polizeireiter postierten sich vor der Gruppe, um andere Demonstranten daran zu hindern, sich dort erneut hinzusetzen. Laut Polizei habe dann ein Demonstrant in den Zügel eines dieser Pferde gegriffen. Das Tier sei erschrocken, ausgewichen und habe einem der Sitzenden in Brust und Bauch getreten. Nach StZ-Informationen erlitt der Mann eine Milzprellung, außerdem wurde eine Rippe gebrochen.

"Der Einsatz wird jetzt beleuchtet", sagt Loos. Die Polizei ermittle unter anderem wegen Störung einer Amtshandlung und fahrlässiger Körperverletzung. Gleichzeitg werde überprüft, ob die Beamten alles richtig gemacht hätten. 150 Personen waren dem Demo-Aufruf der Aktion "Ohne Rüstung leben" gefolgt. Loos räumt ein, dass die Polizei nicht mit einer so großen Zahl von Demonstranten gerechnet hatte. Die Situation sei aber nie außer Kontrolle geraten. 75 Beamte seien vor Ort gewesen. Dies sei "ausreichend", sagt Loos. Allerdings hätten in diesem Jahr Personen daran teilgenommen, die aggressiver als in früheren Jahren gewesen seien. Den Einsatz von Pferden bei Demonstrationen hält Loos aus zwei Gründen für richtig. "Wir hätten sonst wesentlich mehr Beamte einsetzen müssen. Zum anderen hätte eine Polizeikette verhindern müssen, dass sich die Demonstranten immer wieder hinsetzen." Und im Vergleich dazu sei ein Pferd normalerweise ein ruhiges Element. Letztendlich müsse die Frage gestellt werden, wer die Ursache für den Zwischenfall gesetzt habe. Dies sei die Person gewesen, die in den Zügel gegriffen habe. Das betroffene Polizeipferd bleibe weiter im Dienst. "Es war vorher nicht auffällig und ist es auch jetzt nicht." "Wenn niemand in den Zügel gegriffen hätte, wäre nichts passiert", sagt auch Norbert Hahn, der Chef der Reiterstaffel. Nur dadurch sei es gefährlich geworden. 40 Beamte gehören der Reiterstaffel an, 30 Pferde sind im Einsatz. "Die Pferde werden den Beamten fest zugeteilt", sagt Hahn. "Die Reiter wissen genau, ob ihr Pferd nichts aus der Ruhe bringt oder ob es schon nervös wird, wenn eine Plastiktüte hochweht." "Wir haben unmittelbaren Kontakt zu den Bürgern", nennt Hahn die Vorteile des Einsatzes von Pferden. Zudem schimpften Spaziergänger, wenn Streifenwagen oder Motorräder durch den Wald fahren würden. "Wenn wir kommen, fühlen sich die Menschen behütet und bewacht." Außerdem sei das Pferd ein "Kommunikationsmittel". Oft käme man mit dem Gegenüber ins Gespräch, Schwellen könnten so abgebaut werden. Eingesetzt werden die Reiter im Umweltschutz, der Kontrolle von illegaler Abfallbeseitigung, sie schützen landwirtschaftliche Anbauflächen, überprüfen Wald- und Wanderwege und stoppen illegale Grilltreffs. Und sie reiten täglich durch die Anlagen: "Unter unseren Augen wird sicher kein Raub verübt, keine Handtasche gestohlen", sagt Hahn.

Auch bei den Spielen des VfB Stuttgart und der Kickers seien sie vor Ort. Wenn es heftigen Streit gebe, gingen sie dazwischen: "Selbst hartgesottene Fans sind dann gegangen." Bei Demonstrationen sieht Hahn die Pferde als mildes Einsatzmittel: "Stellen sie sich nur einen Wasserwerfer vor." Die Ausbildung der Pferde dauere zwei Jahre. Zunächst gewinne man das Vertrauen der Tiere, dann werden die Tiere dressiert. Es folgen nachgestellte Einsatzsituationen: Dabei werde mit Feuer, Fahnen oder auch Blechbüchsen gearbeitet. Die Pferde stehen in brennendem Stroh oder gehen durch eine Wand aus Papier. Obligatorisch sei Reitunterricht vor Streifenbeginn. Hinzu kommen Leistungsprüfungen. "Von Pferden geht etwas Friedliches aus", so Hahn. Dass ein Pferd im Einsatz grundsätzlich eine Gefahr darstelle, schließt er aus. "Natürlich bleibt ein Restrisiko. Aber in diesem speziellen Fall war das Ausschlaggebende das Ziehen am Zügel."





Augsburger Zeitung, 25.4.2000

Mit Osteraktion gegen den Krieg
Veranstaltung am Königsplatz


(msi) "Osteraktion 2000wir haben nicht vergessen." Mit diesem Slogan erinnerten am Samstag Gruppen und Parteien an den Krieg gegen Rest-Jugoslawien vor einem Jahr. Organisiert wurde die traditionelle Osteraktion mit Info-Ständen, Plakaten und Kudgebung wieder von der Augsburger Friedensinitiative (AFI).

"Ein Jahr nach dem Krieg der NATO müssen wir fragen, was der Einsatz gebracht hat", sagte Klaus Stampfer, Sprecher der AFI. Immer noch seien Flüchtlinge unterwegs, politisch zeichne sich keine Lösung ab. "Der Kosovo bleibt das Armenhaus Europas, er ist alleine nicht lebensfähig." Neben der Friedensinitiative waren die Organisationen Pax Christi, Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, die DKP und die PDS am Königsplatz vertreten. Sie forderten für die Zukunft gewaltfreie Lösungen von Konflikten und das Verbot von Rüstungsexporten.

"Die Hoffnung, dass die rot-grüne Bundesregierung ihre früher gemachten friedenspolitischen Versprechungen umsetze, ist nicht mehr gegeben, so dass wir weiterhin unsere Forderungen außerparlamentarisch durchsetzen müssen," so Stampfer.





Südkurier, Lokalteil Überlingen (25.4.2000)

Friedenstaube wieder zu Flügeln verholfen

Ostermasch in Überlingen: An die 300 Kriegsgegner demonstrierten - Für eine "pazifistische Gesellschaft"

Überlingen - Rund 300 konsequente Kriegsgegner am Samstag beim Internationalen Bodensee-Ostermarsch vom Westbahnhof zum Landungsplatz in der Stadt Überlingen auf die Straße und demonstrierten, wie es heiß, gegen Militarismus, Waffeneinsätze und den "Missbrauch der Menschenrechte durch die NATO". Fünf Jahre lang hatte die Friedensbewegung rund um den See ein gewisse Denkpause - zumindest was die traditionellen Ostermärsche angeht. Vor allem die deutsche Beteiligung am Krieg um den Kosovo und die Befürwortung ausgerechnet durch die rot-grüne Koalition hat sie wieder aufgeschreckt und zur Demonstration für eine "pazifistische Gesellschaft" mobilisiert.

Von SÜDKURIER-MITARBEITER Hanspeter Walter

"Um was geht`s denn eigentlich hier?" fragte ein weißbier-genießender Besucher in die Runde an seinem Tisch, als der Demonstrationszug seine Runde durch die Fußgängerzone der Innenstadt drehte. Er schien der offiziellen Erklärung zum Internationalen Bodensee-Ostermarsch recht zu geben, die beklagte: "Die Friedenstaube will nicht mehr fliegen, ihre Flügel sind lahm geworden." Ein bisschen Frieden im Ostertrubel, von dem auch die christliche Friedensmission des Osterfestes immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird? "Früher war das keine Frage", kommentierte selbst ein Polizeibeamter die Unkenntnis am Biertisch.

Bei dem Ostermarsch hatten tatsächlich die betagteren Kriegsgegner die Überhand. Eine ältere Urlauberin aus Bayern hatte sich ihr eigenes, kleines Plakätchen gemalt - mit Regenbogen und "Frieden schaffen - ohne (NATO-)Waffen". Schon durch die dezente Farbwahl hoffte sie in ihrem Anliegen Ernst genommen und nicht gleich in die linke Kommunistenecke gestellt zu werden: "Da kann keiner behaupten, dass das zu rot ist."

Mit dieser Einordnung mochte mancher vielleicht dem Hauptredner Winfried Wolf die Argumente zu entkräften versuchen. Doch mit dem linken PDS-Abgeordneten glaubten die Organisatoren von der Friedensinitiative Überlingen-Stockach einen von wenigen verbliebenen prominenten und konsequenten Antimilitaristen gefunden zu haben. "Wir brauchen Menschen, in die wir Vertrauen haben können", erklärte Klaus Schittich zum Abschluss, "und es gibt nicht mehr viele." Mit der Resonanz auf den Ostermarsch war er "sehr zufrieden" und meinte sarkastisch: "Von der SPD traut sich ja fast keiner mehr her, und die Grünen sind alle im Tessin."

Als gebürtigen Ravensburger, der dort einst in der katholischen Jugend gewesen sei, und "revolutionären Sozialisten" begrüßte Karl Schweizer von der Friedensinitiative Lindau Hauptredner Winfried Wolf. Der 51-jährige PDS-Abgeordnete sah die Demonstration für den Frieden in einer guten Tradition von Karl Liebknecht, den Geschwistern Scholl und Hitler-Attentäter Georg Elser, den er allerdings als "Hans Elsner" vorstellte. "Wir protestieren mit diesem Ostermarsch dagegen, dass die NATO Kriege führt und plant und dafür eigens Vorwände konstruiert." Die Verteidigung der Menschenrechte nannte Wolf eine "modernisierte Formel" zur Legitimation von Kriegen. Schon vor einem Jahr habe man Indizien gehabt, dass die Rechtfertigung des Kosovo-Krieges mit dem sogenannten "Hufeisen"-Plan der Serben zur Vertreibung der Kosovo-Albaner "Lüge und Kriegspropaganda" gewesen sei. Heute sei präzise belegbar und werde selbst von Verantwortlichen der Bundeswehr eingeräumt, sagte Wolf, dass es sich bei diesem Plan um eine Fälschung durch den NATO-Geheimdienst gehandelt habe. Ebenso sei inzwischen bestätigt, dass die NATO im Kosovo-Krieg radioaktiv verseuchte Munition eingesetzt und die als "Kollateralschäden" bezeichneten Angriffe auf Züge oder die chinesische Botschaft gezielt vorgenommen worden seien.

"Kriege können niemals den Menschenrechten dienen", zog Wolf sein Fazit. Bei der SPD sei er von der Bereitschaft, Kriege zu führen, nicht völlig überrascht und führte dies bis auf die Kriegskredite im Jahr 1914 zurück, bei den Grünen sei es eine "traurige, schmerzliche Erfahrung". Sie hätten damit den Charakter einer Friedenspartei mehrheitlich aufgegeben. Wolf: "Ob es hier ein Zurück gibt, ist fraglich."



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