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vom:
19.05.2000


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Ostermärsche und -aktionen 2000:

  Hintergrund-Informationen

Ostermarschbewegung und friedenspolitisches Engagement der APO

Oliver Goers

Das schnelle Ende der KdA-Kampagne (Kampf dem Atomtod [1958]) hinterließ eine große Anzahl von Akteuren, die ihren Widerstand gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr nicht aufgaben. Sie bildeten das Potential für die Weiterführung des Widerstandes in Form der Ostermarschbewegung (OM-Bewegung). Verglichen mit den vorausgegangenen Protestbewegungen fehlte ein aktueller Anlaß. Allerdings waren u.a. die folgenden internationalen Rahmenbedingungen maßgeblich für das Entstehen dieser Bewegung verantwortlich:

Atomwaffen wurden in die militärische Strategie der NATO einbezogen, in Westeuropa und besonders in der Bundesrepublik stationiert. Die Atommächte führten zahlreiche Atomwaffentests - unter Inkaufnahme der damit verbundenen Umweltprobleme - durch. (WASMUHT 1987: 64) Hauptkennzeichen der Ostermarschbewegung war (in bewußter Abgrenzung zur KdA-Kampagne) das Organisationsprinzip des Einzelengagements. Es wurden Anfang der 60er Jahre auf den verschiedenen Ebenen Ausschüsse zur Koordination geschaffen und auf diesem Wege eine Abhängigkeit von Großorganisationen und Institutionen vermieden. (11) Ihr zweites wichtiges Kennzeichen war eine inhaltliche Erweiterung, die sich auch an der Eigenbezeichnung festmachte. 1960 nannte man sich noch nach englischem Vorbild "Ostermarsch der Atomwaffengegner " (12)

Bereits 1963 wurde die Bezeichnung "Kampagne für Abrüstung" gewählt, die sich unter dem Einfluß der Studentenbewegung und der Diskussion um die Notstandsgesetze zur "Kampagne für Demokratie und Abrüstung" wandelte. (LEGRAND 1987: 26f)

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Hauptaktionsform waren die jährlichen Ostermärsche, deren Teilnehmerzahlen in kurzer Zeit enorm anstiegen. Waren es 1960 noch 1.000 Marsch- und Kundgebungsteilnehmer, wuchs die Zahl bis 1967 auf 150.000 an. (WASMUHT 1987: 66) In den Jahren nach 1965 trat ein genereller Wandel im Selbstverständnis der OM-Bewegung ein. Standen bis dahin die Probleme der Abrüstung und die Gefahren der atomaren Aufrüstung im Vordergrund, wurden nun auch politische und ökonomische Grundlagen der Rüstungspolitik, Fragen der Demokratisierung und auch der Pressekonzentration diskutiert. Diese Entwicklung erfolgte vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges, der Diskussion um die Notstandsgesetzgebung, der Entwicklung der Studentenbewegung und des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), also mit dem Entstehen der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Parallel zur thematischen Erweiterung kamen als Aktionsformen zu den Ostermärschen mit ihren Abschlußkundgebungen u. a. Demonstrationen, Mahnwachen, Diskussionsveranstaltungen und Pressekampagnen hinzu. Die OM-Bewegung ging in die APO über und radikalisierte sich von einer ethisch-pazifistisch motivierten Bewegung hin zu einer "gesellschaftskritisch begründeten Kampagne für die Demokratisierung der Gesellschaft". Mit der Verabschiedung der Notstandsgesetze (1968), dem Machtwechsel in Bonn zur sozial-liberalen Koalition (1969) und der Einleitung der "Vietnamisierung" durch den US-Präsidenten Nixon (13) verebbte jedoch gegen Ende desselben Jahres der Widerstand der APO und damit auch der Antikriegsbewegung. Die Zersplitterung der oppositionellen Kräfte (so auch der Akteure der OM-Bewegung) in unterschiedliche Gruppen und Arbeitsansätze war bedingt durch die Uneinigkeit über die Beantwortung der zentralen Frage, wie die gesellschaftlichen Strukturen zu bewerten und in welche Richtung sie zu verändern seien. (LEGRAND 1987: 27ff) In diesen Zusammenhang gehört auch die Auseinandersetzung um die Bewertung der Niederschlagung des "Prager Frühlings" und die Gründung der DKP 1968, die kommunistisch orientierten Akteuren der APO eine politisch eigenständige Plattform bot.

Zusammenfassend betrachtet gelang es den Bewegungen der 60er Jahre, ein hohes Maß an Politisierung in der Bevölkerung zu erreichen. Die OM-Bewegung war, im Gegensatz zum Scheitern der Bewegungen der 50er Jahre, erfolgreich. So schaffte sie es, ihre Aktionen unabhängig von gesellschaftlichen Organisationen (Gewerkschaften, SPD, Kirche) auf der Basis von individuellem Einzelengagement durchzuführen. Dabei hielt sie seit Beginn Abstand zu kommunistischen Gruppierungen, um nicht Verleumdungskampagnen ausgesetzt zu sein. (14) Durch die allgemein gefaßten Zielsetzungen (z.B. die Forderung nach allgemeiner Abrüstung) gelang es, eine innere Fraktionierung zu vermeiden und eine Fortsetzung der Arbeit (bei jährlich stärkerer Beteiligung) bis 1968 zu ermöglichen. Dies zusammengenommen zeigt den Erfolg der OM-Bewegung, gerade im Vergleich mit ihren friedens-politischen Vorgängern der 50er Jahre. Ähnliches gilt (bis 1968) auch für die APO, die allerdings bezüglich der gesellschaftskritischen Analysen und Zielsetzungen weitaus konkreter (und auch besser vorbereitet) war. Das hatte jedoch Fraktionierungen sowie eine geringere Massenwirksamkeit zur Folge. (WASMUHT 1987: 7Sf)

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Als Gesamterfolg von OM-Bewegung und APO kann die Erweiterung von Möglichkeiten oppositioneller außerparlamentarischer Bewegungen und Kräfte im politischen System der BRD betrachtet werden. (LEGRAND 1987: 29)



Anmerkungen:

(11) Eine wichtige Großorganisation, die SPD beschloß ohnehin bereits 1961, die OM-Bewegung nicht zu befürworten, da diese von "kommunistischen Hintermännern mißbraucht" sei. (WASMUHT 1987: 70) Dies hinderte aber SPD-Mitglieder nicht daran, sich aktiv in der OM-Bewegung zu engagieren, wie z.B deren Mitinitiator Hans-Konrad Tempel. (JÄGER/SCHMIED-VÖHRINGER 1982: 29).

(12) Die "Campaign for Nudear Disarmament" (CND) organisierte seit 1958 jährlich in Großbritannien einen Marsch vom britischen Atombombenzentrum Aldermaston nach London. Hans-Konrad Tempel erlebte 1959 so einen Marsch mit und organisierte darauffim mit dem "Verband der Kriegsdienstverweigerer" (VK), der "Internationale der Kriegsdienstverweigerer" (IdK) und der "Deutschen Friedensgesellschaft" (DFG) den ersten Ostermarsch, vorerst nur in Norddeutschland. (JÄGER/SCHMID-VÖHRINGER 1982: 24).

(13) Nixon leitete so die Wende des Vietnam-Krieges ein. In der Praxis bedeutete dies die Übertragung der Kampfrollen auf die Vietnamesen, Thailänder und Kambodschaner, allerdings auch die Ausweitung der Kriegshandlungen auf Kambodscha und Laos sowie verstärkte amerikanische Luftangriffe auf Nordvietnam. 1973 verließen die letzten US-Soldaten Vietnam. (Woyke 1995: 388).

(14) So widerstand die OM-Bewegung den Vereinnahmungsversuchen der "Deutschen Friedensunion" (DPU), die 1960 nach dem SPD-Kurswechsel gegründet wurde und vielfach als "kommunistische Tarnorganisation" galt. (JÄGER/SCHMID-VÖHRINGER 1982: 25).

Literatur:

WASMUHT, U.C. (1987): Friedensbewegung der 80er Jahre: zur Analyse ihrer strukturellen und aktuellen Entstehungsbedingen in der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Promotionsarbeit. Gießen

LEGRAND, H.-J. (1987): Friedensbwegung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschalnd. Ein Überblick zur Entwicklung bis Ende der siebziger Jahre. in: Janning, J./Legrand, H.-J./ Zander, H. (Hg.; 1987): Friedensbewegung. Entwicklung und Folgen in der Bundesrepublik Deutschland, Europa und den USA. Bibliothek Wissenschaft und Politik Band 40. Köln S. 19-35

JÄGER/SCHMIED-VÖHRINGER (1982): "Wir werden nicht Ruhe geben ...". Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1982. Geschichte, Dokumente, Perspektiven. Tübingen

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Woyke, W. (1995): Prägende Konflikte nach dem Zweiten Weltkrieg. in: Woyke, W. (Hg.; 1993): handwörterbuch Internationale Politik. Bonn. S. 383-390



aus: Arbeitskreis für Friedenspolitik - Atomwaffenfreies Europa e.V., Berlin, (Hrsg.): Geschichte der bundesdeutschen Friedensbewegung, Berlin 2000, S. 20-24

E-Mail:  friekoop@bonn.comlink.org
Internet: http://www.friedenskooperative.de
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