Netzwerk Friedenskooperative



Ostermär-
sche 2002


vom:
15.04.2002


 vorheriger

 nächster
 Artikel

Ostermärsche und -aktionen 2002:

  Reden/Kundgebungsbeiträge

Rede für den Ostermarsch 2002 in Braunschweig am 30.03.02

Dr. Elke Schrage (IPPNW)

- Es gilt das gesprochene Wort -



Liebe Freundinnen und Freunde,

Als Mitglied der deutschen Section der IPPNW - der internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung - möchte ich hier zur atomaren Aufrüstung sprechen. Einem Thema, das in den Kellern des kalten Krieges verschwunden schien und in den 80zigern hunderttausende Menschen zu Osterrnärschen auf die Straßen brachte.

Leider ist dieses Thema wieder sehr aktuell. Am 8.März diesen Jahres übermittelte das US-amerikanische Verteidigungsministerium dem Kongress einen 56-seitigen Bericht über die Neuregelung der US-amerikanischen Nuklear-Strategie. In dem von Verteidigungsminister Rumsfeld gezeichneten "Nuclear Posture Review" vollzieht die US-Regierung einen fundamentalen Schwenk. Sogenannte einsetzbare Mini-Atomwaffen sollen zukünftig nicht nur als strategisches Abschreckungspotential dienen, sondern gezielt in regionalen Konflikten verwendet werden. Was bis dato ein Geheimpapier war, wurde am 9. März von der Los Angeles Times der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und sorgt seither weltweit für Unruhe. Diesem Strategiepapier zufolge soll der Einsatz von Atomwaffen unter drei Vorraussetzungen möglich sein:

1.)gegen Ziele, die gegen nicht-atomare Waffen resistent sind,

2.)als Vergeltung für Angriffe mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen,

3.)für den Fall sogenannter "überraschender militärischer Ereignisse"

Der erste Punkt könnte sich auf die nukleare Zerstörung unterirdischer Anlagen in Afghanistan und im Irak beziehen, die US-amerikanische Militärexperten immer wieder diskutieren. Aber auch auf unterirdische Kommandozentralen, die es laut Pentagon in mehr als 70 Ländern der Erde bereits gibt. Wo der herkömmliche Einsatz einer auch noch so überlegenen Luftwaffe nicht zum Ziel führen kann und der Einsatz von Bodentruppen eigene Menschenleben kostet, wäre die gewaltige Vernichtungskraft von Atomwaffen eine schnelle und billige Möglichkeit. Dieses erschreckende Denken eiskalter Nuklearstrategen offenbart aber auch die Sichtweise einer US-amerikanischen Administration, der offenbar die Folgen ihres Handelns außerhalb amerikanischer Grenzen völlig egal ist. Krisengebiete wie Afghanistan wären bald von Strahlung verseucht und darnit definitiv unbewohnbar. Flüchtlingsströme ungeahnten Ausmaßes würden sich in Bewegung setzen. Die sogenannte 3. Welt würde nicht nur eine soziale Wüste bleiben, sondern sich in weiten Teilen in eine Nuklearwüste verwandeln.

Der zweite Punkt, der sich auf Vergeltung bezieht, erinnert nur scheinbar an die alte Abschreckungsdoktrin. Es ist nicht einzusehen, welchen Abschreckungseffekt diese Mini-Atombomben gegenüber den bereits existierenden A-Bomben traditionellen Zuschnittes haben sollen. Außerdem mutet es zynisch an, wenn von US-amerikanischer Seite von Vergeltung für Angriffe mit biologischen Waffen gesprochen wird, dieses Land aber die internationale Biowaffenkonvention nicht unterzeichnet und damit einer wirklichen Ächtung von biologischen Waffen entgegenwirkt.

Der dritte Punkt führt meiner Meinung nach zu dem von Frau A. Roy beschriebenen Punkt, ob Herr Bush und seine erklärten Gegner nicht Zwillinge ein und desselben Wahngedankens. sind. Denn wo Atomwaffen die unmittelbare Reaktion auf "unvorhergesehene militärische Ereignisse" - sprich Terroranschläge - sind, bestimmen die ausführenden sogenannten Geheimorganisationen oder Schurkenstaaten unmittelbar das Weltgeschehen, ist eine lenkende, vermittelnde politische Vernunft ausgeschaltet.

Alle Kommentatoren des "Nuclear Posture Reviews" betonen, dass dieses Papier die Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen erheblich senkt. Dieser wahnhafte Traum von dem begrenzten Einsatz einer chirurgisch sauberen Kriegsmaschinerie muss doch gerade in Bezug auf Atomwaffen entschieden zurückgewiesen werden!!! Das massenhafte menschliche Leid in den betroffenen Regionen, der radiaktive Fallout und unvorhersehbare politische Folgen werden die Welt wieder vereinen. Der von Bush erklärte Krieg, soll er denn wirklich Weltkrieg bedeuten ?

Zurück zu dem US-amerikanischen Strategiepapier: Iran, Irak, Lybien, Syrien, Nordkorea, China und Russland werden als mögliche Ziele nuklearer Einsätze der USA genannt. Außenminister Colin Powell hat diesen Bericht bestätigt. Damit dürfte sich die Mär der regionalen Begrenzbarkeit von Atomangriffen in Windeseile in nuklear verseuchte Luft auflösen.

Ist es nicht überhaupt ein Märchen, dass es hier um regionale Konflikte geht, die begrenzt werden müssen, um eine sogenannten Weltfrieden nicht zu stören? Von Lösung sogenannter regionaler Konflikte in den Armutsregionen dieser Welt ist von offizieller US-amerikanischer Seite schon lange nichts mehr zu hören. Auch und gerade nach dem 11. September haben Verantwortliche in Politik und Wirtschaft wie zuletzt auf dem Weltwirtschaftsforum in New York wohl deshalb so viel von "Hilfe" und "Gerechtigkeit" geredet, weil sich nichts aber auch gar nichts an den Beziehungen des Nordens zum Süden geändert hat. GlobalisierungsgegnerInnen haben ihre Kritik daran und ihre Gegenvorschläge auf dem Weltsozialforum in Porto Allegre vielfältig und eindeutig zum Ausdruck gebracht.

Dieses umfassende Versagen der Weltmacht USA zeigt sich auf krasse Weise im Nahen Osten. Sharon kann sich in seiner Kriegspolitik Herrn Bush jetzt ungeniert zum Vorbild nehmen. Nach dem 11. September preschten gerade europäische Politiker verbal vor und forderten politische Lösungen für Palästina. Geschehen ist nichts. Auch die Nachrichten dieser Tage zeigen das auf demütigende und schauerliche Weise. Das alte Gleichgewicht des Schreckens mag so lange gehalten haben, weil es immer wieder Verhandlungen und Entgegenkommen gab. Mini-Atombomben stehen dagegen für den gefährlichen Wahn militärischer Machbarkeit in einer Welt, die sich von Gleichgewicht und Frieden immer mehr verabschiedet. Mit diesen sogenannten Mini-Atomwaffen würden die USA endgültig von einer führenden Weltmacht zum Motor eines globalen Terrorsystems mutieren.

Ich komme zum Schluss meiner Rede und zu einem Wunsch. Ich wünsche mir, dass eine Friedensbewegung in Deutschland eindeutig und unübersehbar anlässlich des Bush-Besuches im Mai bundesweit auf die Straße geht und unseren Protest gegen die US-amerikanische Kriegspolitik zum Ausdruck bringt. Auch wenn die Friedensbewegung z.Zt. noch schwach ist. Weil Politik sich heute so merkwürdig in einem virtuellen Raum abspielt und weil wir unsere konsequente und logische Zusammengehörigkeit mit anderen sozialen und politischen Bewegungen erst noch begreifen müssen. Ich wünsche mir, dass wir massenhaft in Berlin und anderen Städten protestieren werden, wenn Herr .W.Bush am 22./23.Mai nach Berlin kommt.

Unserer Forderungen sind eindeutig:

Keine uneingeschränkte Solidarität im Zeichen des Atompilzes!

Keine Interventionsarmee in Deutschland - keine Mini-Nukes in den USA!

Lösung der weltweiten Konflikte nicht mit militärischen Mitteln!

Krieg ist Terror - Frieden ist machbar!


Internet: http://www.ippnw.de


 vorheriger

 nächster
  
Artikel

       
Einige weitere Texte (per Zufallsauswahl) zum Thema
Ostermärsche
Ostermärsche
OM 2002 - Aufruf OFFENe HEIDe
OM 2002 - Grußwort DGB Region Niederrhein
OM 2002 - Pressespliegel 30.03.02 -HF/TV-
OM 2002 - Rede E.Bernhard, Aschaffenb., 30.03.02
OM 2002 - Rede H.Hoyer, Erlangen, 01.04.02

Bereich

 Themen 

Die anderen Bereiche der Netzwerk-Website
         
Netzwerk   F-Forum  Termine  Jugo-Hilfe Aktuell