Ostermär-
sche 1998


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15.04.1998


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Ostermärsche und -aktionen 98

Berichte und Kommentare

Pressespiegel (Auswahl)

taz, 07.04.98: "Ostermärsche für politischen Wechsel"; allg.

Stuttgarter Zeitung 08.04.98:
"Verwirrspiel um die Elitesoldaten"; Nagold

junge Welt, 09.04.98: "Keine Werbung für Ostermarsch"; Nagold

junge Welt, 09.04.98: "Interview mit Laura von Wimmersperg"; Berlin

Süddeutsche Zeitung 11.04.98: "Ostermarschierer suchen nach neuen Themen"; allg.

taz, 11.04.98: "Beim Ostermarsch sind nur Esel für die Nato"; allg.

taz, 11.04.98 "Früher waren die Sitten rauher"; allg. / Wittstock

FR 11.04.98: "Energisch gegen rechte Gewalt"; Bruchköbel

Münchner Merkur, 11.04.98: Kommentar zu den Ostermärschen

Kommentar im Deutschlandfunk (DLF) Montag, 13.4.98, 6 Uhr

Hessische/Niedersächsische Allgemeine 14.04.98: Kommentar zu den Ostermärschen

Der Tagesspiegel 14.04.98



taz 07.04.1998:

Ostermärsche für politischen Wechsel

Frankfurt/Main (dpa) - Die Forderung nach einem politischen Wechsel in Deutschland ist in diesem Jahr zentrales Thema der traditionellen Ostermärsche. Unter dem Motto "Frieden und Arbeit für alle" seien vom Karfreitag an bundesweit Aktionen geplant, berichteten die Organisatoren gestern. "Wir wollen eine Veränderung der Politik nicht nur den Politikern überlassen", sagte der Koordinator. Die Ostermärsche für nukleare Abrüstung wurden 1958 vom britischen Philosophen Bertrand Russell ins Leben gerufen.

TAZ Nr. 5502 vom 07.04.1998 Seite 7 Inland 17 Zeilen Agentur



junge Welt 09.04.1998, Inland

Keine Werbung für Ostermarsch

Nagolder Anzeigenblatt lehnte Beilage der Friedensbewegung ab

Der Ostermarsch der Friedensbewegung, der am Ostermontag nach Nagold in Baden-Württemberg führen soll, wo das Bundeswehr-Kommando Spezialkräfte seine Auslandskampfeinsätze übt, stößt nicht nur bei der Bundeswehr auf Ablehnung. Das örtliche Anzeigenblatt, die "NaWo" - "Nagold- Altensteiger Woche", hat der Friedensbewegung die Beilage ihrer Ostermarsch-Zeitung verweigert. Auch eine schriftliche Begründung dafür lehnt der Verlag ab. Telefonisch wurde aber schließlich mitgeteilt, daß der Stein des Anstoßes der Ostermarsch-Aufruf selbst sei. Dort heißt es in einem Abschnitt, in dem es um die rechtsradikalen Vorfälle in den letzten Monaten bei der Bundeswehr geht, unter der Überschrift -Frieden braucht keine Rambos in Uniform" u. a.: "Wo "Märkte und Rohstoffe" im Ausland militärisch gesichert werden sollen, da sind die Traditionen der Nazi- Wehrmacht mehr gefragt als die Ideale der Völkerverständigung. Gewaltvideos, Auftritte von Neonazis, Hitlergruß und Hakenkreuztätowierungen, Soldaten, die Ausländer jagen und verprügeln, sind deshalb keine Einzelfälle, sondern Ausdruck der strukturellen Rechtslastigkeit der Bundeswehr."

Solche Formulierungen will die "Nagold-Altensteiger Woche" ihren Leserinnen und Lesern offensichtlich nicht zumuten. Besonders anstößig findet die NaWo Formulierungen wie "Nazi-Wehrmacht" und "Rambos in Uniform" als Bezeichnung von Soldaten, die Ausländer verprügeln. Dabei wäre es gerade in Nagold angebracht, sich um die bei der Bundeswehr gepflegten Traditionen mehr Gedanken zu machen als anderswo: Bereits Anfang der 60er Jahre wurde die Nagolder Fallschirmjäger-Kaserne durch die "Schleifer von Nagold" berüchtigt. Damals war bei einem Hitzemarsch "mit Einlagen" ein Rekrut tot zusammengebrochen. Beim anschließenden Prozeß stellte sich heraus, daß die Ausbilder der Bundeswehr, nicht nur in Nagold, von Wehrmachtsoffizieren im Geiste des Schleifertums der Nazis ausgebildet worden waren und ihre rüden Methoden nach unten weitergaben.

Auch außerhalb der Kaserne hatte Nagold immer wieder unter neofaschistischen Aktivitäten zu leiden: In den 80er Jahren trieb dort zum Beispiel der "Stoßtrupp Nagold" sein Unwesen, eine Neonazivereinigung in der Nachfolge der damals zuvor verbotenen ANS - Aktion Nationaler Sozialisten des berüchtigten Michael Kühnen.

Auch das Kommando Spezialkräfte, gegen das die Ostermarschierer dieses Jahr in Nagold demonstrieren, pflegt alte Traditionen: Es unterhält eine offizielle Patenschaft zum sogenannten Kameradenhilfswerk der 78. Sturm- und Infanteriedivision, damals eine Elitetruppe für den Eroberungskrieg der Naziwehrmacht ...

Dieter Lachenmeyer

(Siehe auch folgendes Interview)



junge Welt, 09.04.1998, Interview mit Laura von Wimmersperg

Sind die Ostermärsche überholt?

junge Welt sprach mit Laura von Wimmersperg

(Mitorganisatorin des Berliner Ostermarsches)

F: Die Ostermärsche sind in der Zeit der Systemkonfrontation entstanden. Die gibt es nicht mehr, hat der Ostermarsch noch einen Sinn?

Die Ostermärsche haben sich immer im Rahmen der Systemkonfrontation mit Abrüstung beschäftigt, entstanden aus der Atombombenbedrohung. Daher haben sie nach wie vor ihre Berechtigung, denn es gibt wieder mehr Kriege, Waffenexporte, Waffenproduktion. Und es wird von den Regierungen in unverschämter Weise gesagt, wo die Waffen eingesetzt werden sollen. Zum Eurofighter haben nicht nur unsere Berliner Politiker, sondern auch Politiker in Westdeutschland sehr deutlich gesagt, daß der Eurofighter an der Südostgrenze Europas eingesetzt werden soll. Ich denke, wir haben genug Anlaß zu demonstrieren.

F: Aber es nehmen von Jahr zu Jahr weniger Menschen an den Ostermärschen teil.

Ja, das ist die alte Diskussion. 1997 waren wir jedenfalls etwas mehr als 1996. Ich sage immer: Es ist erklärbar. Es ist eigentlich verwunderlich, daß überhaupt noch welche hinkommen und durchhalten. Denn wenn dein Engagement nie zur Kenntnis genommen wird, kannst du mit deinem Leben eigentlich auch etwas anderes anfangen. Es gibt jedoch Menschen, die das Gefühl haben, daß man so nicht in einer Gesellschaft leben kann, daß man zumindest nein sagen muß.

F: Wer kommt zum Ostermarsch?

Es kommen Menschen, die das Bedürfnis haben, Sand im Getriebe zu sein, Menschen aus der Friedensbewegung. Es gibt auch junge Leute, denen die gegenwärtige Situation so stinkt, daß sie sagen: Da machen wir mit. Obwohl ihre Demonstrationsformen eigentlich andere sind als die der alten Friedensbewegung. Es kommen Demokraten, die das Bedürfnis haben, sich einzumischen. Es kommen Antifaschisten, die in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung Elemente sehen oder befürchten, daß sich etwas zusammenbraut, wogegen man zeitig genug protestieren sollte. Sicherlich sind das alles keine Träumer, sondern Leute, die sehen, was läuft und zornig darüber sind.

F: Planen Sie Ihre Aktionen auf der Grundlage theoretischer Arbeit und strategischer Überlegung, oder entstehen sie spontan?

Auf keinen Fall spontan. Es gibt immer wieder Anlässe, auf die wir spontan reagieren müssen, aber es wird in der Friedensbewegung sehr wohl nachgedacht. Wir haben seit einigen Jahren Treffen mit den Friedensgruppen der ganzen Bundesrepublik in Kassel, dort denken wir gemeinsam gründlich nach, wie wir der Situation zu Leibe rücken und unser Handeln effektiver gestalten können. Wir werden auf dem Ostermarsch in Berlin den Zusammenhang aufzeigen zwischen Sozialabbau und Abbau der Demokratie, nachweisen, wie diese Gesellschaft sich zunehmend militarisiert und an das antimilitaristische Bewußtsein anknüpfen, das sich in den vergangenen 40 Jahren hier in der Stadt entwickelt hat. In Berlin verweigern mittlerweile fast 50 Prozent der jungen Leute den Kriegsdienst. Ein anderer Punkt, der unseren Ostermarsch in diesem Jahr auf besondere Weise prägen wird, ist der 100. Geburtstag von Paul Robeson. Wenn wir im Westen darüber sprechen, gucken die Leute ganz verständnislos. Im Osten dagegen bekommen die Menschen leuchtende Augen, denn jeder weiß, welch großartiger Schauspieler und Sänger dieser Mensch war. Schwarz, "mit Juden befreundet", als Kommunist abgestempelt, wurden seine Auftritte während der McCarthy-Ära in den USA verhindert, seine Reisen verboten, sein Name totgeschwiegen. Wir werden ihm zu Ehren am Ostermontag eine Veranstaltung in der Marienkirche am Alexanderplatz durchführen, und am heutigen Gründonnerstag, seinem Geburtstag, wird auf dem Arnimplatz in Prenzlauer Berg ein Friedensfest stattfinden.

Interview: Karin Kulka



Süddeutsche Zeitung 11.04.98

Ostermarschierer suchen nach neuen Themen

Traditionelle Veranstaltung der Friedensbewegung verliert zusehends an Anhängern

Bei einem Ostermarsch mitzugehen, das ist nicht in." Kristian Golla vom Netzwerk Friedenskooperative macht keinen Hehl daraus, daß sich die traditionelle Osterveranstaltung der Friedensbewegung überlebt hat. Dem Trend zum Trotz riefen Friedensgruppen auch in diesem Jahr wieder in mehr als 30 deutschen Städten zu Protesten auf. Einen Massenzustrom erwarten die Veranstalter nicht. Seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes hat das Interesse - abgesehen vom Jahr des Golfkriegs - stetig abgenommen.

Inzwischen stehen die Ostermärsche nicht mehr nur unter den Themen Krieg und Militarismus, sondern widmen sich der Arbeitslosigkeit, sozialer Ungerechtigkeit, dem Umweltschutz, dem Machtwechsel in Deutschland. Die Friedensbewegung habe sich schon immer als sehr umfassend verstanden, sagt Golla.

Die regionalen Veranstalter greifen die Themen auf, die für das jeweilige Gebiet besonders aktuell sind. Da kann sogar ein militärisches Thema viele Menschen locken: In der Wittstocker Heide beteiligen sich laut Veranstalter seit 1993 jedes Jahr etwa 4.000 Menschen am Ostermarsch. Die Leute hier sind direkt betroffen: In der Nähe von Neuruppin - rund 80 Kilometer nordöstlich von Berlin gelegen - soll auf einem früheren russischen Bombenabwurfplatz ein Luft-Boden-Schießplatz der Bundeswehr zur Ausbildung von Bomberpiloten eingerichtet werden. "Die neuen Länder haben die Ostermärsche für sich neu adaptiert", sagt Kristian Golla. Dort sei die Bewegung noch frischer, der Ostermarsch weniger verbraucht.

40 Jahre sind sie alt - die Ostermärsche: 1958 hatte der englische Philosoph Bertrand Russell zum ersten Ostermarsch aufgerufen. In London versammelten sich damals an Karfreitag 10.000 Menschen, um für die Abrüstung von Atomwaffen zu demonstrieren. Die Hälfte von ihnen wanderte bei Regen, Schnee und Kälte in das 80 Kilometer entfernte Atomforschungszentrum Aldermaston.

In Deutschland griff die Friedensbewegung diese Aktionsform zum erstenmal im Jahr 1960 auf. Rund 1.000 deutsche Pazifisten marschierten von Hamburg zu einem Raketenübungsplatz in der Lüneburger Heide. Von 1962 an gab es überall in der Bundesrepublik regionale Ostermärsche. Den ersten Höhepunkt hatte die Bewegung 1968. Im Schwung der Studentenproteste gingen 300.000 Menschen für den Frieden auf die Straße. Doch schon ein Jahr später folgte das Aus: Über die angemessene Reaktion auf den Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei war sich die Friedensbewegung uneins - die Ostermärsche starben. 13 Jahre lang fand Ostern ohne Friedensmärsche statt. Erst 1982, mit der Nachrüstungsdebatte, griff die Friedensbewegung wieder zu diesem Mittel. Und ein Jahr später, an Ostern 1983, kurz vor der Nachrüstungsentscheidung des Bundestages, marschierten nach Angaben der Veranstalter mehr als 700.000 Menschen für den Frieden. Zählten die Veranstalter nach dem Golfkrieg 1991 noch knapp 100.000 Teilnehmer an Ostermärschen, so schätzten sie die Zahl im vergangenen Jahr auf nur noch einige zehntausend. Inzwischen sprechen die Organisatoren ungern von Teilnehmerzahlen. "Wir halten nichts vom Fliegenbeine zählen", sagt Kristian Golla. Weil die Ostermärsche regional organisiert werden, könne das ohnehin niemand so genau sagen. Außerdem sei es nicht so wichtig, wie viele da sind. Interessant sei, warum die Leute immer noch kommen.

Doris Näger

SZonNet: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutscher Verlag GmbH, München 1997, 1998 - Süddeutsche Zeitung.



taz, 11.04.98

Beim Ostermarsch sind nur Esel für die Nato

Allösterlich spazieren sie durch die Republik - auch an diesem / Wochenende sind die Friedensdemonstranten unterwegs. Früher trug man / Anzug und kam massenhaft, heute kommen wenige, aber legerer

Von Sibylle Plogstedt

Es ostert wieder. Und das heißt, es wird demonstriert - wie seit über 40 Jahren. Auf den Transparenten und Bannern werden von Leipzig bis Eisenach, von Chemnitz bis zum hessischen Bruchköbel Forderungen nach einem politischen Wechsel, für Abrüstung und gegen Produktion neuer Waffensysteme zu lesen sein. Fast jeder von uns 68ern, die wir heute die taz produzieren, ist auf einer dieser Demonstrationen gewesen.

Der Drehbuchautor Detlef Michel meint, das sei lange her. Aber 1964, kurz vor dem Abitur, sei das richtig aufregend gewesen. Damals seien die Erfassungsbescheide für die Bundeswehr angekommen und er und seine Klassenkameraden hätten angefangen, über Kriegsdienstverweigerung zu diskutieren. Heide Berndt, heute FH-Professorin in Berlin, erzählt, sie sei dort mitgelaufen, wo ihr Freund marschiert sei. Wenn der Argumentclub zu den Ostermärschen ging, seien alle dabeigewesen. Eigene politische Kategorien hätte sie da noch nicht gehabt. Manfred Scharrer, heute ÖTV-Schulleiter, trug ein Schild für die friedliche Nutzung der Kernenergie. Er gehörte der evangelischen Jungschar an, liebte die Stimmung am Lagerfeuer und genoß es, wenn die Ostermarschierer bei schlechtem Wetter durchhielten. Ein heroisches Gefühl, sagt Scharrer heute.

Natürlich seien das alles DKPler gewesen, bestätigt taz-Redakteur Christian Semler. Er hätte sie ja gekannt, zumindest die in Bayern. Das seien persönlich nette Leute gewesen, bis auf die politische Überzeugung eben. Die KPD sei gerade verboten worden und Anfang der 60er Jahre hätten die Kommunisten versucht, unter dem Deckmantel der Ostermärsche politisch wieder Fuß zu fassen. In Bayern hätte man im Gänsemarsch demonstrieren müssen, Reihen unter den Demonstranten seien verboten gewesen. Alle seien feierlich gekleidet erschienen, wie zu einem Osterspaziergang eben. Auch er kam im besten Anzug, denn Anfang der 60er Jahre war der Semler noch Rechtsreferendar. Im Demonstrationszug ging ein Esel mit: "Ich bin für die Nato", stand auf dem Plakat, das er trug. Noch ein zweites Mal ging Semler zu einem Ostermarsch, aber da eigentlich nur noch, weil er einem Mädchen nachgestiegen ist.

"Mir hat es nie eingeleuchtet, warum die russischen Raketen gut und die amerikanischen schlecht gewesen sein sollen", meint der Ex-Landrat von Rügen, Udo Knapp. Deshalb sei er doch nicht aus der DDR weggegangen, um für Frieden und Freundschaft mit der UdSSR zu demonstrieren. Er sei sein Leben lang ein gepflegter Antikommunist geblieben.

Der SDS entzog sich den Demonstrationen durch Fundamentalkritik. Zu langweilig, zu rituell, zu DKP-lastig. "Man rümpfte die Nase", erinnert sich die Psychologin Annemarie Tröger.

Aktuell wurden die Ostermärsche erst, wenn nachgerüstet werden und die Pershing II verhindert werden sollte. Da blockierte Eike Hemmer, Betriebsratsvorsitzender in einem Bremer Stahlwerk, auch Bremer Kasernen. Die Ostermarschbewegung bleibt offenbar im Wartestand. Diese Märsche seien nicht ihre Welt, meint die nachgeborene taz-Chefredakteurin Klaudia Brunst. "Es gibt so Demonstrationen, auf die man geht und zu denen man nicht geht."

Sibylle Plogstedt war Teilnehmerin am Ostermarsch 1964/65 (Bemerkung: Redaktion der 68er-taz)

TAZ Nr. 5505 vom 11.04.1998 Seite 6 Inland 101 Zeilen



taz 11.04.98

"Früher waren die Sitten rauher"

Theodor Ebert, Professor für Friedensforschung am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, geht immer noch beim Ostermarsch mit

taz: Wie lange sind Sie schon bei den Ostermärschen dabei?

Theodor Ebert: Ich habe 1962 zum ersten Mal an dem Marsch von Stuttgart nach Göppingen teilgenommen und habe dort eine Rede gehalten, die insofern spannend war, weil während der Rede vom Lautsprecherwagen her der Saft abgedreht wurde, als ich anfing, die russischen Atombombenversuche zu kritisieren. So rauh waren damals die Sitten. Auf der anderen Seite wurde im folgenden Jahr, als ich auch wieder dabei war, 54 britischen Atomwaffengegnern in Düsseldorf das Betreten deutschen Bodens verweigert. Es sei eine Einmischung in innere Angelegenheiten, wenn sie gegen Atomwaffen demonstrieren wollten.

taz: Wem gehörte nun eigentlich der Ostermarsch? Der DKP oder den Pazifisten?

Theodor Ebert: Er ist von Pazifisten gestartet worden. Hans Conrad Tempel war Quäker und ein entschiedener Befürworter der gewaltfreien Aktion wie auch seine Frau Helga, die beide heute noch tätig sind. Das heißt, es gibt eine sehr starke Kontinuität des pazifistischen Engagements. Auf der anderen Seite war es so: Die KPD war verboten und sie sah im Ostermarsch die einzige Möglichkeit, nun doch Einfluß zu gewinnen, insofern gab es eben ständig Auseinandersetzungen zwischen den Pazifisten im Ostermarsch und den Kommunisten, die nur die Atomwaffen im Westen ablehnten, aber Kritik an den Atomwaffen im Osten nicht duldeten.

taz: Sie werden in diesem Jahr wieder reden. Wie unterscheidet sich das, was Sie heute sagen von damals?

Theodor Ebert: Anfang der sechziger Jahre stießen wir auf eine sehr massive Ablehnung der Regierungen, heute können wir an einen potentiellen Bundeskanzler appellieren, den Schießplatz in Wittstock nicht in Gebrauch zu nehmen, und wir können hoffen, daß eine pazifistische Partei im Bundestag sich für den Friedensdienst als Alternative zum Militär einsetzen wird. Insofern haben die Ideen des Ostermarsches sehr viel an Boden gewonnen.

taz: Aber die Teilnehmerzahl ist in den letzten Jahren ziemlich gesunken...

Theodor Ebert: Nur nach der Zahl können wir nicht gehen. Heute kann man auf jeder SPD-Versammlung und jedem Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen die Ziele der Ostermarschbewegung wirkungsvoller vertreten als noch auf der Straße. Wenn es um bestimmte Standorte geht wie das Bombodrom in der Wittstocker Heide, da muß man vor Ort Widerstand anmelden und sagen: Wir machen weiter, wir lassen uns das nicht gefallen.

Interview: Sibylle Plogstedt (Bemerkung: Redaktion der 68er-taz)

TAZ Nr. 5505 vom 11.04.1998 Seite 6 Inland 80 Zeilen



FR 11.04.98

"Energisch gegen rechte Gewalt"

Osteraktionen für Frieden: Kundgebung in Bruchköbel

Bruchköbel. Auch wenn die akute Bedrohung nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes geschwunden ist, sieht die Ostermarschbewegung keinen Anlaß, sich jetzt "beruhigt zurückzulehnen". So jedenfalls formulierten es die Redner bei der Karfreitags-Kundgebung in Bruchköbel.

Knapp hundert Demonstraten, darunter der SPD-Bundestagsabgeordnete Bernd Reuter, Gewerkschafter und antifaschistsche Gruppen, hatten sich auf dem Freien Platz der Stadt eingefunden. Ein Sprecher des Aktionsbündnisses "Rechtszeitig gegen Rechts", das anläßlich des Landesparteitages der rechtsextremen Republikaner in Hanau gegründet worden war, wndte sich gegen die zunehmenden Übergriffe gegen Ausländer und Flüchtlinge, vor allem in den neuen Bundesländern. Der rechten Gewalt müsse die Gesellschaft energisch entgegentreten.

Der Friedensforscher Prof. Knut Krusewitz kritisierte die "permanente Bereitschaft aller modernen staatlichen organisierten Gesellschaft zum Krieg." Dafür würden nur die materiellen Mittel bereitgestellt, es gebe auch eine verbreitete Bereitschaft zur gewaltsamen Austragung von Intressenkonflikten. Ziel müsse es demgegenüber nachzudenken, wie sich die Weltordnung ohne Krieg schaffen ließe. Hier sei auch die Friedensbwegung gefordert, eine solche Vision zu entwickeln.

hein.

Frankfurter Rundschau, 11.04.98, Seite 25 (Hessen-Seite)



dpa05 5 2710.04.1998 - 19:40

Inlandspresse/

"Münchner Merkur" zu Ostermärschen

alle jahre wieder, wenn sich die mehrzahl der bundesbürger an die österliche eiersuche macht, wandert eine zusehends schwindende schar aufrechter einem höheren gut hinterher: dem frieden. und der ist, glaubt man den initiatoren der ostermärsche, durch so schreckenserregende dinge wie ehemalige sowjetische übungsplätze, "militärisches denken" oder den garchinger reaktor bedroht. ein absurditäten-kabinett. folgerichtig schwindet die unterstützung in der breiten bevölkerung rapide: liessen sich 1968 noch rund 300 000 menschen mobilisieren, sind es heute bundesweit nur noch einige zehntausend. das ist - über die offensichtliche unlogik und einäugigkeit der bewegung hinaus - allerdings auch ein beweis dafür, dass die deutschen den äusseren frieden längst für eine selbst- verständlichkeit halten. weniger gut ist es um den inneren frieden bestellt. mannigfache sorgen quaelen die bürger, allen voran die massenarbeitslosigkeit. sie könnte durchaus zum neün thema bundesweiter massenproteste werden.





Kommentar im Deutschlandfunk (DLF), Montag, 13.4.98, 6 Uhr

Ein Essen mit guten Freunden oder der lange verschobene Ausstellungsbesuch. Auch hartgesottene Friedensbewegte können sich zu Ostern schönere Dinge vorstellen als ausgerechnet Ostermarsch. Dabei ist der praktische Unterschied zum schon bei Goethe gepriesenen Osterspaziergang gar nicht groß, nur: Ostermärsche sind irgendwie nicht in und die Schlagzeilen dazu lauten seit Jahren "Geringe Beteiligung ...". Die Zeiten sind nicht so, daß den Menschen der Ausbau der Bundeswehr mit "Schnellen Eingreiftruppen" und "Kommando-Spezialkräften" für Kampfeinsätze in aller Welt unmittelbar unter die Haut geht. Und das für das Wahljahr 1998 vom Ostermarschbüro in Frankfurt verkündete Motto "Für Frieden und Arbeit" macht die ganze Sache auch nicht gerade spannend, obschon eine Mehrheit sicher zustimmt, daß die für die Beschaffung des "Eurofighter 2000" angesetzten 30 Milliarden DM rausgeschmissenes Geld sind.

Die Friedensgruppen, die in diesen Tagen durchs Ruhrgebiet wandern, um gegen die Vorbereitungen für Kampfeinsätze in aller Welt zu protestieren, haben die Bürde einer 40jährigen Tradition im Gepäck. Die Ostermärsche waren die Protestform des Kalten Krieges und richteten sich gegen die drohende Selbstzerstörung der Menschheit durch den Atomkrieg. Der erste Ostermarsch führte 1958 von London zum 83 km entfernten britischen Atomforschungszentrum Aldermaston, in der Bundesrepublik folgten 1960 knapp tausend Menschen dem von religiösen Pazifisten initiierten Aufruf zum Truppenübungsplatz Bergen-Hohne bei Celle. Heute noch werden die Osteraktionen der verbliebenen Friedensgruppen verglichen mit den Märschen der 80er Jahre, als auf dem Höhepunkt der Nachrüstungsdebatte um Pershing II und Cruise Missiles hunderttausende Ostermarschiererinnen und -marschierer Ostern als Festtag der Friedensbewegung begingen. Damals erlagen die Organisatoren selbst der Faszination der großen Zahl und machten die Ostermärsche mit manchmal nochmals hochgetriebenen Erklärungen zur Teilnehmerzahl zum Zählappell der Bewegung.

Seit 15 Jahren nunmehr gehts mit den Zahlen bergab, nicht nur zu Ostern. Aber kein Grund zur Häme. Die Friedensbewegung ist seitdem kleiner geworden, hat sich aber einen aktiven Kern von lokalen Gruppen und bundesweit, z.T. international vernetzten Organisationen bewahrt. Die Alltagsarbeit dieser Gruppen ist wenig spektakulär, thematisch breiter und oft viel konkreter als zu den Hochzeiten der Anti-Raketen-Bewegung. Während des Krieges und der "ethnischen Säuberungen" in Bosnien haben deutsche Friedensgruppen und Kirchengemeinden mit einer regelrechten Fluchthilfeorganisation mehr als 8.000 an Leib und Leben bedrohten Menschen über das geschlossene deutsche Kontingent hinaus Flucht und Aufnahme in der Bundesrepublik verschafft. Friedensgruppen unterhalten heute Hilfs- und Wiederaufbauprojekte im ehemaligen Jugoslawien, um die zivile Gesellschaft und demokratische Gruppen dort zu stärken, werben für Verständigung zwischen hier lebenden Türken und Kurden, engagieren sich in der Flüchtlingshilfe und für das Asylrecht. Sprecher der Friedensbewegung verteidigen die Themenvielfalt, die es auch bei den regional sehr verschiedenen Osteraktionen gibt, als sachlich geboten. Wenn Deutschland Panzer an die Türkei liefert, die türkische Armee kurdische Dörfer zerstört, die Vertriebenen dann hierzulande Schutz suchen und von den Innenministern abgeschoben werden, ergibt sich der Zusammenhang von Friedensarbeit und Flüchtlingshilfe für die Aktiven von selbst.

Bei den Ostermärschen zeigen nicht alle Friedensgruppen Präsenz. Vielerorts hat man sich für diese Aktionsform eine mehrjährige Pause verschrieben. Woanders, besonders in den neuen Bundesländern, wo Bürgerinitiativen in der Wittstocker und der Colbitzer Heide Truppenübungsplätze zu Naturschutzgebieten machen wollen, wird der Ostermarsch neu belebt. Und auch da, wo es wie im württembergischen Nagold den neuen Kampftruppen der Bundeswehr ganz nah an die Pelle geht, gibt es neuen Zuspruch. Sie werden also nicht totzukriegen sein, die Ostermärsche. Und die verbliebenen Friedensgruppen sind gefestigt genug, um sich in Zeiten geringen Zuspruchs damit zufrieden zu geben, durch den Widerspruch zu militärischen "Konfliktlösungen" ein kleiner mahnender Stachel für die große Politik zu sein.



dpa05 5 3913.04.1998 - 19:20

Inlandspresse/

"Hessische/Niedersächsische Allgemeine" (Kassel) zu Ostermärschen

Wenn die Teilnehmerzahl an den Ostermärschen einen Rückschluß zuließe auf den Zustand dieser Welt - die Friedensbewegung müßte zufrieden sein. Doch die Gleichung, wonach die Zahl der Protestler sich eigentlich parallel zur Zahl der Kriege und Konflikte und der Intensität der Bedrohung entwickeln müßte, geht schon seit langem nicht mehr auf. Seit der Kalte Krieg beendet ist, hat die Friedensbewegung, haben die Ostermärsche keinen alarmierenden Aufhänger mehr. Dabei gehören kriegerische Auseinandersetzungen rund um den Globus zu den alltäglichen Nachrichten. Doch für die meisten Menschen hierzulande sind dies Scharmützel Blockstart in Spalte 2in weit entfernten Regionen, die weder direkt noch indirekt Lebensqualität und Sicherheit im eigenen Lande beeinträchtigen können. So ist das, wenn die Angst um den Arbeitsplatz, die Sorge um die Renten, die Furcht vor dem Euro und die wachsende Kriminalität in den Städten Denken und Handeln der Menschen bestimmen.



afd01 113013.04.1998 - 20:56

Deutsche Pressestimmen/Bonn (AFP)

"Der Tagesspiegel" lenkt den Blick auf die traditionellen Ostermärsche:

"Von den einst warnenden, trotzigen, phantasiereichen, unangenehmen, später sogar kraftvollen Ostermärschen mit internationalem Anspruch ist nicht viel mehr geblieben als die Zwangshandlung einiger Selbstverpflichter und mancherorts der Ausdruck von Besorgnis über das eigene Wohlergehen. Früher demonstrierten die Ostermarschierer vor allem gegen Atomwaffen, heute für und gegen alles mögliche (...). Die Organisatoren der Märsche, an denen sich Hunderte Gruppen und Initiativen, aber nur wenige tausend Menschen beteiligten, sprechen von `Präsenz vor Ort mit oft regionalen Themen`. Dagegen ist wenig einzuwenden, nur mit den Ostermärschen von einst hat das wenig zu tun. Die Welt ist verwirrend geworden, den Marschierern fehlt die Orientierung. Erstaunlich ist allenfalls, daß sich, soweit bekannt, niemand verlaufen hat."



E-Mail: friekoop@bonn.comlink.org
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