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Bombodrom Wittstock/
FREIe HEIDe


vom:
Mai 1997


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Bombodrom Wittstock/FREIe HEIDe:

  Infos und Meinungen

Ökologische, militärchemische und nutzungsalternative Aspekte

Knut Krusewitz

1. Ökologische Aspekte

Das von der Bundeswehr 1994 widerrechtlich besetzte rund 14000 Hektar große ehemalige sowjetische Militärgebiet liegt in der Wittstock-Ruppiner Heide, einer Teillandschaft der Nordbrandenburgischen Sandflächen und Lehmplatten.

Naturräumlich wird das Areal im Norden durch die kiesige Endmoräne der Fürstenberger Platte geprägt, im Zentrum herrscht ein großer, flachwelliger Sander vor, und der südliche Teil wird durch die Ruppiner Grundmoränenplatte mit ihren leicht welligen Talsandflächen gebildet.

In diesem Gebiet herrschten ursprünglich Laubmischwaldgesellschaften als natürliche Vegetationsform vor.

Die heutige Vegetation ist Resultat einer über Jahrzehnte andauernden militärischen Nutzung, zunächst als Panzer- und Artillerieschießplatz, später zusätzlich als Luft-Bodenschießgebiet für die Luftwaffe. Wegen der Besonderheiten der militärischen Landnutzung - aus Sicherheitsgründen wurden bestimmte Bereiche des Kriegsübungsgebietes entweder gar nicht oder nur extensiv genutzt - stellt sich heute der ökologische Befund widersprüchlich dar.

So entwickelten sich durch den Militärbetrieb nicht nur große Flugsandflächen, Aufschüttungen und Bodenumlagerungen, sondern in dem von Wald völlig entblößten Zentrum auch großflächige Calluna vulgaris- und Sarothanmus scoparius-Heiden, deren landeskulturelle Bedeutung für Brandenburg beachtlich ist.

Professionelle Naturschützer beurteilen den Naturschutzwert dieses vormaligen Kriegsübungsgebietes in einer "Biotopkartierung" zusammenfassend so:

Dies Gebiet hat "einen hohen ökologischen Wert, denn es birgt in sich eine Vielzahl wertvoller Biotope, die durch die herrschenden Bedingungen eng miteinander verbunden sind. Sie bieten einer Vielzahl von Arten Schutz, Nahrung und Lebensraum. Auch die Großflächigkeit und Nährstoffarmut des Gebietes sowie die sich daraus ergebende Bedeutung als Versickerungsraum zur Bildung hochwertigen Grundwassers sind wertbestimmend. Darüber hinaus wird der Wert des Gebietes durch das Vorkommen einer Anzahl geschützter Tiere, Pflanzen und Pflanzengesellschaften unterstrichen." (Institut für Ökologie, 1993, S. 34)

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In diese Biotopanalyse wurden allerdings die militärisch verursachten Altlasten nicht einbezogen. Ein schwerwiegender Fehler, denn dies ehemalige Militärgelände ist erheblich kontaminiert, wodurch sein ökologischer Wert enorm geschmälert wird. Dieser Wertverlust ließe sich allenfalls durch ein aufwendiges Sanierungs- und Rekultivierungsprogramm ausgleichen.

2. Militärchemische Aspekte

Militärchemische Altlasten finden sich auf allen Truppenübungs-, Schieß- und Bombenabwurfplätzen. In einem regierungsamtlichen Altlastenbericht über das frühere ostprignitzer Militärgelände heißt es dazu:

"Ausgehend von einer sehr intensiven Munitionsbelastung und militärischen Nutzung seit mehr als vierzig Jahren ist es erforderlich, ca. 3/4 der Gesamtfläche einer Reihe spezifischer Untersuchungen des Bodens und des Grundwassers auf Folgen des Militärbetriebes zu unterziehen (z.B. Sprengstoffe und Sprengstoffmetaboliten, Schwermetalle wie Hg, Pb, Cu, Zn, Cd). In diese Untersuchungen sollten sowohl Boden- als auch Grundwasseranalysen einbezogen werden." (IABG, 1993, S. 56)

Was sind militärchemische Altlasten und welche Bedeutung haben sie für unser Thema?

Militärchemische Altlasten resultieren aus Inhaltsstoffen chemischer Waffen und konventioneller Kampfmittel. In unserem Fall sind allerdings nicht "chemische", sondern "konventionelle Kampfstoffe" von Interesse. Es handelt sich dabei um Treib-, Spreng- und Zündstoffe, um Brandmittel sowie um Nebel- und Rauchmittel. Bei ihren Rückständen - beispielhaft TNT - handelt es sich um umfangreiche, weit verzweigte und toxikologisch oft mehrfach stark wirksame chemische Schadstoffgruppen.

Militärchemische Stoffe besitzen umwelt- und gesundheitsgefährdende Eigenschaften, weil sie "nach speziellen taktischen Erfordernissen des Militärs zur gezielten Schädigung oder Zerstörung des menschlichen Organismus und der gebauten oder natürlichen Umwelt entwickelt wurden." (SRU, 1995, S. 171)

Militärchemische Altlasten sind für unser Thema aus umwelttoxikologischen, sanierungsplanerischen, regionalpolitischen und nicht zuletzt aus pazifistischen Gründen bedeutsam. (Krusewitz, 1996 a)

Der regierungsnahe Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (SRU) argumentiert, daß militärchemische Stoffe in der Regel "über die akut schädigende Wirkung hinaus in mehrfacher Hinsicht chronisch toxische sowie umwelttoxische Eigenschaften (Kanzerogenität, Mutagenität, Teratogenität) aufweisen" und daß ihre "Abbauprodukte oft gleich toxisch oder sogar stärker toxisch sind als die Ausgangs- beziehungsweise Zielsubstanzen (Toxizitätszunahme infolge der Abbauvorgänge)."

Zudem handle es sich bei ihnen um naturfremde organische Stoffe. Ihr naturfremder Charakter "äußert sich in begrenzter Bioabbaubarkeit oder als Hemmstoff beim Bioabbau, was das jahrzehntelange Verbleiben dieser Stoffe einschließlich ihrer Metaboliten in Boden und Untergrund mitbedingt."

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Deshalb stellte der Umweltrat fest: "All diese Eigenschaften sind sanierungsrelevant." (SRU, 1995, S. 174)

Die Forderung nach Detektion und Sanierung der militärchemischen Altlasten auf dem ostprignitzer Militärareal ist auch dann unaufgebbar, wenn Sanierungsziele von dessen zukünftiger Nutzung abhängig gemacht werden. Darauf komme ich gleich zurück.

Denn für diese frühere Militärlandschaft gilt allemal, was Mitarbeiter/innen des Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie (ICT) kürzlich für vergleichbare Fächen ermittelten:

"TNT ist in hohem Maße giftig, krebserzeugend und mutagen, verändert also die Erbsubstanz. Gelände ehemaliger Truppenübungsplätze und Sprengstoffbetriebe, die nun brachliegen, sind oft so stark damit kontaminiert, daß sie landwirtschaftlich nicht mehr zu nutzen sind." (Bunte u.a., 1996, S. 102)

Diese Eigenschaften sind aber vor allem relevant für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen in der Ostprignitz. Denn die Beurteilung der von militärchemischen Altlasten ausgehenden Umwelt- und Gesundheitsgefährdung hängt nach Auffassung selbst der Bundesregierung weniger von der in den Böden enthaltenen Schadstofflast ab, sondern wesentlich von der Exposition über die fünf wichtigsten Gefährdungspfade, also Luft, Oberflächen- und Grundwasser, Boden sowie Nahrungsmittelkette. (Deutscher Bundestag, 1990, S. 23)

Über solche toxikologischen Wirkungspfade in der Region wissen wir noch immer zu wenig.

3. Konversionsaspekte

Die Leitlinien für Konversion im Land Brandenburg von 1992 erklären dies Programm zu einer "gesamtgesellschaftliche[n] Gestaltungsaufgabe im Schnittpunkt von Friedens-, Abrüstungs-, Wirtschafts-, Umwelt-, Regional-, Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Kulturpolitik", die nur im "Zusammenwirken von EG, Bund, Ländern und Gemeinden bewältigt werden" könne. Diese definitorische Bestimmung verweist, wenngleich abstrakt, auf die Vielschichtigkeit der praktischen Probleme einer Konversion des ostprignitzer Kriegsübungsgebietes. Erschwerend kommt hinzu, daß dies Gebiet streitig ist.

Über zivile Nutzungsalternativen entscheiden vorrangig die Anrainergemeinden in Übereinstimmung mit landesplanerischen Vorgaben. Sie können aufgrund ihrer Planungshoheit bereits heute alternative Zweckbestimmungen der Militärfläche durch ihre jeweilige Bauleitplanung festlegen.

Von erheblicher Bedeutung für diese Gemeinden sind daher Informationen einerseits über Militäraltlasten, Sanierungsbedarf und Landbeschaffungsinteressen der Bundeswehr sowie anderseits über Möglichkeiten der geordneten kommunalen Entwicklung, Zielrichtung der nachmilitärischen Raumnutzungsstruktur, Finanzierungs- und Fördermittel.

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Verbindliches Ziel der Konversion ist die Wiederherstellung der Kulturlandschaft Ostprignitz. Danach erst kann das zivile Potential dieser Region entwickelt werden, schaffen intakte Natur, gepflegte Landschaften und Wälder die Grundlage für funktionierende Dörfer, den Erhalt und die Schaffung sinnvoller Arbeitsplätze, den Ausbau umweltgerechter Formen der regionalen Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung.

Konversionsplanerisch sind dabei von den Gemeinden sowohl die Fragen des Bedarfs, des geeigneten Standortes, des Umfangs der nichtmilitärischen Bodennutzung als auch die Grundzüge der Erschließung und Standortgestaltung zu lösen. Dieser Entscheidungsprozeß bedarf eines Planwerkes und eines geregelten Planfeststellungsverfahrens, der "Flächennutzungsplanung". (Hinzen u.a., 1995)

Die ostprignitzer Anrainergemeinden können aus unschwer erkennbaren Gründen weder die Altlastensanierung noch den gesamten Konversionsprozeß ohne erhebliche Hilfen von Kreis, Land und EU beginnen. Aber bereits hier und heute müssen wir verhindern, daß der Konversionsprozeß in eine falsche Richtung startet.

Aus gegebenem Anlaß befürchten wir nämlich, daß militärische Folgeprobleme in strukturschwachen ländlichen Regionen wie der Ostprignitz "passiv saniert" werden sollen. So behaupten der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (SRU), der Deutsche Rat für Landespflege, aber auch der Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) neuerdings, in strukturschwachen Räumen bestünde "nur ein geringes wirtschaftliches Nutzungsinteresse" an freiwerdenden militärischen Flächen, weshalb sie "im allgemeinen nicht für Zwecke der Siedlung oder Wirtschaft" erschließbar seien. Aus diesem Grund sehen sie beispielsweise "Truppenübungsplätze als bedeutende Potentiale für den Naturschutz" an.

Gemeinden, die aus finanziellen Gründen solche Militärareale nicht "verwerten" können, sollen sie als "Vorrangflächen für den Naturschutz" sichern. (SRU, 1995, S. 197) Ohne finanzielle Ausgleichszahlung, versteht sich.

Diese Empfehlung führt nicht zufällig "zu der Überlegung, von Altlasten betroffene Flächen" wie das ostprignitzer Kriegsübungsgebiet "Naturschutzzwecken zu widmen", und zwar mit dem erklärten Ziel, "die Altlasten nicht [!] zu sanieren." (SRU, 1995, S. 73) Sie sollen also passiv saniert werden.

Sollten Anrainergemeinden, Kreis und Land sich für diese Nutzungsalternative entscheiden, dann werden die brisanten militärchemischen Altlasten auch dann nicht saniert, wenn die Bundeswehr das Gelände förmlich freigibt. Es ist nämlich absehbar, daß mangelnde öffentliche und private Nachfrage nach großen Grundstücken, kommunale Finanzmittelknappheit sowie ungeklärte militärische Altlastenprobleme sie zwingen werden, die Option "Sanierung durch Naturschutz" zu akzeptieren.

Angesichts der skizzierten regionalen Konversionsanforderungen büßen tradierte friedenspolitische Empfehlungen und Kooperationsformen ihre Überzeugungskraft ein. Die Friedensbewegung steht indes nicht nur in der Ostprignitz vor der schwierigen Aufgabe, rasch ein aufklärerisches Verständnis von sozialgerechter, naturverträglicher und nachhaltiger regionaler Friedensarbeit zu entwickeln, das sie befähigen würde, neue friedenspolitische Bündnisse zu stiften sowie neue pazifistische Kooperationsformen zu erproben.

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Schließlich "herrscht", wenn das Militär eine Region verlassen hat, nicht Frieden. (Krusewitz, 1996 b, S. 3 ” 24) Deshalb ist es so verdammt schwer, die Frage nach der "pazifistischen Alternative" in der Ostprignitz empirisch gehaltvoll zu beantworten.

Literatur

Altner, Günter u.a., Hrsg., Jahrbuch Ökologie 1993, München 1992

Bunte, Gudrun u.a., "Detektion von Explosivstoffen", in: Spektrum der Wissenschaft, Heft 8 (August) 1996

Deutscher Bundestag, 11. Wahlperiode, Drucksache 11/6972 vom 26. April 1990

Hinzen Hajo u.a., Umweltschutz in der Flächennutzungsplanung, Wiesbaden-Berlin 1995

IABG (Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft), Ermittlung von Altlasten-Verdachtsflächen auf den Liegenschaften der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte (WGT): Ergebnisbericht Truppenübungsplatz Wittstock, unveröffentl. Bericht, Berlin 1993

Institut für Ökologie und Naturschutz, Biotopkartierung und Einschätzung des Naturschutzwertes militärischer Übungsgelände: Truppenübungsplatz Schweinrich/Gadow, unveröffentl. Bericht, Gosen 1993

Krusewitz, Knut (a), Warum ist militärchemische Altlastensanierung ein pazifistisches Thema? Der Fall des Truppenübungs- und Schießplatzes Wittstock, Weyhers 1996

Krusewitz, Knut (b), "Rhöner Friedenswanderungen durchs UNESCO-Biosphärenreservat", in: Zeitschrift des Studienarchivs Arbeiterkultur und Ökologie Baunatal, Jg. 10, Juni 1996

SRU (Rat von Sachverständigen für Umweltfragen), Sondergutachten Altlasten II, Stuttgart 1995


Internet: http://TU Bln: 030/314-73280,-73290
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