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Erstellt:
02.06.1998


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zu: Zivile Konfliktbearbeitung - Inhalt

Zivile Konfliktbearbeitung am Beispiel Wiederaufbau Bosnien-Herzegowina

Christine Schweitzer

Wenn alles gut geht, werden die Waffen - von kleinen Zwischenfällen einmal abgesehen - schweigen. Aber der Preis für den "Frieden von Dayton" ist sehr hoch: Bosnien-Herzegowina wird in sogenannte "ethnisch reine" Gebiete zerfallen. Flucht und Vertreibungen der jeweiligen Minderheit gehen in die nächste Runde und werden verschärft durch die Rückansiedlung von Flüchtlingen der jeweils "richtigen" Volkszugehörigkeit. Viel wird jetzt von der zivilen Gesellschaft in allen Teilen Bosnien-Herzegowinas abhängen: von den unabhängigen Menschen- und Bürgerrechtsgruppen und den nicht-nationalistischen Oppositionsparteien. Der Waffenstillstand gibt ihnen, so ist zu hoffen, den notwendigen Freiraum, um für Wiederaufbau und ein multi-ethnisches, multi-kulturelles und multi-religiöses Bosnien einzutreten.

Wir sind gefordert, sie dabei zu unterstützen. Hier sollen vor allem jene Aspekte des Wiederaufbaus berücksichtigt werden, bei denen nationale und internationale NROs eine Rolle spielen können. Aspekte wie Aufbau von Verwaltungen, Justizsystem, Entsendung von Polizeikräften, Entwicklungszusammenarbeit durch Entsendung von ExpertInnen, technische Hilfe, Räumung von Minen und der gesamte Komplex der Verfolgung von Kriegsverbrechen wurden daher hier nicht berücksichtigt.

Wirtschaftshilfe:

In diesem Sektor gibt es verschiedene Projekttypen, an denen NROs beteiligt sind, so z.B.:

- Förderung von Selbsthilfeprojekten. Beispiel:
  Vive Zena/Tuzla, die ein Agrarprojekt zur
  Selbstversorgung von Ex-Klientinnen planen.

- über Spenden finanzierte Investitionen, z.B.
  Maschinen/Geräte, die einer Gemeinde oder einer
  Einrichtung zugute kommen. Beispiel: Der
  Bürgermeister von Tuzla schlug vor, das Tuzlaer
  Krankenhaus zu einem Herz-Zentrum auszubauen und
  wird dafür Hilfe von einer NRO aus den USA
  erhalten

- Projekte des angepaßten Tourismus als
  mittelfristige Möglichkeit. Beispiel: Derzeit auf
  Eis liegendes Projekt, die Insel Vis in Kroatien
  zu einem solchen Zentrum zu machen.

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Zivile Konfliktbearbeitung - Inhalt
Medizinisch/therapeutischer Bereich:

Neben den klassischen medizinischen Einrichtungen, die auch weiterhin auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen sind (Medikamente, Geräte etc.), sollte besonderes Augenmerk auf die Behandlung psychischer Kriegsfolgen (Traumata) und die Rehabilitation der großen Zahl durch den Krieg körperlich Behinderter gerichtet werden. Verschiedene Organisationen sind in diesem Bereich tätig, z.B. Ärzte ohne Grenzen, Handicapped International. Dazu kommen spezielle Einrichtungen für traumatisierte Frauen und Kinder, z.B. Therapiezentren wie Medica Zenica, Vive Zene und Amica Tuzla.

Humanitäre Hilfe: Lebensmittel, Kleidung, Medikamente, Bau- und Heizmaterial

Die humanitäre Hilfe wird sicherlich noch für einige Zeit fortgesetzt werden müssen, weil nationale Wohlfahrtseinrichtungen noch nicht greifen bzw. aus Geldmangel schlicht fehlen.

Gemeinwesenarbeit im weitere Sinne, z.B.

- Begegnungszentren, Jugendzentren (wie z.B. in
  Pakrac/Westslawonien, Mostar etc). Für die in der
  Regel eher jugendlichen Freiwilligen
  internationaler Projekte eine sehr naheliegende
  Aufgabe, die allerdings nicht ganz
  unproblematisch ist. Sowohl in Pakrac wie Mostar,
  wo solche Projekte von einer größeren Zahl
  internationaler Freiwilliger mit aufgebaut wurden,
  entstanden schnell Probleme mit älteren
  Bevölkerungsschichten, Verdacht einer
  "Hippiekultur" oder gar von Drogenmißbrauch. Die
  Angepaßtheit solcher Projekte in ihr Umfeld ist
  sehr wichtig!

- Arbeit mit Kindern ("Kinderbotschaft" in Zenica),
  z.B. Organisation von Treffen, Kursen,
  Kinderfreizeiten

- Versorgung für SeniorInnen. In vielen Orten sind
  alte Menschen als einzige zurückgeblieben, während
  die Jüngeren flohen. Sie sind oftmals hilflos,
  weil die traditionelle Mitversorgung durch die
  Familien weggefallen ist. Ersatz-Einrichtungen wie
  Altenheime oder ambulante Pflege sind praktisch
  nicht existent. Was hier z.B. denkbar wäre:
  Unterstützung durch internationale Freiwillige
  (Beispiel wiederum Westslawonien) oder
  Zur-Verfügungstellen von etwas Geld an die
  Gemeinden, damit Arbeitslose dafür entlohnt
  werden, Alte zu versorgen.

- Waisenhäuser bzw. finanzielle Unterstützung von
  Familien, die bereit sind, zusätzlich ein oder
  zwei Kinder bei sich aufzunehmen und großzuziehen.

- Frauenarbeit zur Verbesserung der beruflichen
  Chancen und Versorgung der Familien (Küchen,
  Nähstuben).

- Werkstätten und andere Einrichtungen, die in
  geteilten Orten von Angehörigen aller
  Nationalitäten genutzt werden können.

Rückkehr von Flüchtlingen:

Zwei Grundvoraussetzungen sind dabei zu beachten: erstens, daß es Menschen freigestellt sein muß, ob sie zurückkehren wollen und zum zweiten, daß Ausgleich für diejenigen beschafft wird, die ggf. in der Zwischenzeit in den Häusern und Wohnungen gelebt haben, in die die Flüchtlinge jetzt zurückkehren wollen. Es darf nicht zu neuen Vertreibungen oder gar bewaffneten Auseinandersetzungen um Wohnraum und Eigentum kommen! Dies bedeutet auch wirtschaftliche Hilfe z.B. durch Zur-Verfügungstellen von Baumaterial, Saatgut/Vieh oder finanziellen Überbrückungshilfen. Die Hauptlast der Rücksiedelungen wird sicherlich bei den Kommunen liegen; wir hoffen, daß für eine Unterstützung durch UN-Einrichtungen gesorgt ist. Trotzdem gibt es hier auch eine Reihe wichtiger Aufgaben für internationale NROs:

- Begleitung der Flüchtlinge bei ihrer Rückkehr in
  abgelegene Gebiete (Beispiel: CAREA in Guatemala).

- Beobachtung und Präsenz in Gemeinden, wo eine
  größere Zahl von RückkehrerInnen erwartet wird.
  Eventuell Einrichtung von Infozentren oder Büros
  für Bürgerrechte nach dem Vorbild von drei
  Stellen, die kroatische
  Menschenrechtsorganisationen mit der Unterstützung
  durch Oxfam und das Balkan Peace Team in der
  Krajina im Herbst 1995 eingerichtet haben. Solche
  Zentren dienen z.B. als Anlaufstelle für
  Menschen, die sich über ihre Rechte informieren
  oder über Übergriffe Zeugnis ablegen wollen.
  MitarbeiterInnen der Zentren begleiten ggf.
  Menschen bei Behördengängen usw. Hier ist die
  Anwesenheit einiger internationaler Mitarbeiter
  sehr wichtig, um den Schutzfaktor zu erhöhen.

Bildungssystemn-Schulen: Hier fehlt es vermutlich in erster Linie an Material, angefangen von Baumaterial zur Wiederherstellung von Schulgebäuden über Einrichtungsgegenstände bis zu Schulbüchern etc. Auch Geld für die Bezahlung von LehrerInnen gehört dazu. In Kroatien haben sich verschiedene NROs (z.B. die Zentren für Frieden, Gewaltfreiheit und Menschenrechte in Osijek und Zagreb) pädagogischer Fragen angenommen und z.B. Arbeitskreise für die Weiterbildung von LehrerInnen eingerichtet. Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen liegt darin begründet, daß die Schulen in der Nachkriegszeit mit bislang unbekannten Problemen konfrontiert sind (Kindern, die u.a. mehrere Jahre als Flüchtlinge lebten, interethnische Konflikte; Trauer und Traumata; stark gestiegene Gewaltbereitschaft etc.). Internationale NROs haben sie unterstützt mit Lehrmaterial, Entsendung von Fachleuten und Finanzierung von Weiterbildungen für MultiplikatorInnen im Ausland.

- Universitäten: Auch hier gibt es verschiedene
  NROs, die den Aufbau und die Weiterarbeit vor
  allem der Universität Sarajevo unterstützen, z.B.
  durch Spenden für Bücher, Computer und anderes
  Lehrmaterial; Finanzierung von Studenten, die ihr
  Studium im Ausland fortsetzen; Entsendung von
  GastdozentInnen etc. Hier könnte mit staatlicher
  Hilfe viel mehr getan werden.

- Erwachsenenbildung: Es hat in Jugoslawien
  schon früher die Einrichtung von Volkshochschulen
  gegeben. Auch jetzt gibt es vereinzelt in
  Bosnien-Herzegowina schon Projekte, die der
  Weiterbildung von Erwachsenen dienen. Ziel ist in
  der Regel der Erwerb von Kenntnissen, die Menschen
  für den Arbeitsmarkt qualifizieren, wie z.B.
  Computerkurse, Sprachkurse, bestimmte Handwerke.
  Ein zweiter Bereich sind Seminare für die
  MitarbeiterInnen von NROs u.a. in Methoden der
  gewaltlosen Konfliktbewältigung (wichtig z.B. für
  MitarbeiterInnen in Flüchtlingslagern und
  ähnlichen Einrichtungen), Sozialmanagement und
  Supervision. Hier gibt es ExpertInnen inzwischen
  sowohl in Serbien wie Kroatien, die solche
  Seminare durchführen können; dennoch ist in der
  Anfangszeit der Einsatz nicht-jugoslawischer
  AusländerInnen wohl vorteilhaft, weil alle anderen
  - auch in eigener Einschätzung - zu sehr als
  VertreterInnen ihrer Ethnizität gesehen werden, um
  die Rolle als neutrale SeminarleiterIn gut
  ausfüllen zu können.

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Zivile Konfliktbearbeitung - Inhalt
Kulturbereich: Auch hier gibt es schon jetzt viel Zusammenarbeit zwischen lokalen und internationalen NROs, z.B. bei der Organisierung von Gastspielreisen, Ausstellungen etc. in beide Richtungen.

Aufbau von Demokratie:

Dies ist ein Bereich, in dem NROs eine Schlüsselrolle spielen (müssen). Vorbilder aus Serbien und Kroatien können andeuten, welche Aufgaben sie wahrnehmen können:

- Menschenrechtsarbeit (sowohl Beobachtung wie
  aktive Intervention in Fälle). Hier ist auch die
  Anwesenheit internationaler
  BeobachterInnen/BegleiterInnen sehr nützlich
  (Beispiel: Balkan Peace Team/Otvorene Oci in
  Kroatien).

- Unabhängige Medien (Zeitungen, Rundfunk), die
  dringend auf internationale finanzielle
  Unterstützung angewiesen sind.

- Unterstützung bei Kommunikation und Austausch
  über Grenzen hinweg (durch E-mail, Austausch von
  Briefen, Austausch von Zeitungen; Organisation
  internationaler Treffen; Einrichtung von für alle
  zugängliche Begegnungszentren wie in
  Mohacz/Ungarn).

- Förderung von Begegnungen und Runden Tischen.

- Oppositionelle Parteien haben inzwischen ihre
  eigenen Netzwerke und Kontakte zu
  Schwesterparteien hergestellt.

Viele der hier skizzierten Maßnahmen sind nicht nur auch anwendbar auf andere Regionen Ex-Jugoslawiens (wie z.B. die ehemals unter serbischer Kontrolle stehenden Teile Kroatiens sowie Serbien und Montenegro incl. des Kosovos), sondern es besteht geradezu eine Notwendigkeit, sie auf diese Regionen auszuweiten. Nur so kann die Eskalation neuer Konflikte verhindert werden.



Christine Schweitzer ist Mitglied beim Bund für Soziale Verteidigung





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